Von einem spontanen Konzertabend

 „Verrückt, wie viel seitdem passiert ist – und vor allen Dingen, wie viel Leben passiert ist.“

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Samstag. 
Irgendwie versuche ich zwischen all meinen Wochenenddiensten, die bis ich gehe fast jedes Wochenende anstehen, noch ein bisschen Sommer unterzubringen. 
In der Früh war ich bei zwei Freundinnen aus der Psychosomatik spontan zum Frühstück gewesen, dann habe ich ganz fix ein bisschen Haushalt erledigt und danach bin ich mit ein paar Kolleginnen in eine etwas weiter entfernt liegende Stadt gefahren, weil dort am Abend ein Konzert stattfindet. 
 
Vor Ort sammeln wir noch einen ehemaligen Kollegen ein, der schon Ende 2020 aus der Neuro hier am Standort weg ist und seitdem in der Psychiatrie arbeitet. Ich habe öfter mal gedacht an ihn im vergangenen Jahr. (Und ich war sehr erstaunt, dass auch er bei unserem Wiedersehen meinte, dass er kürzlich an mich gedacht hat, weil er in einer Stadt in der Nähe meines Elternhauses war. Krass, was für Spuren man doch im Leben anderer Menschen hinterlässt, obwohl wir nicht sonderlich viel miteinander gemacht haben und es immerhin fünfeinhalb Jahre her ist).
Ich kann mich doch noch gut erinnern, wie wir in den letzten Tagen seiner Zeit hier auf der Stroke Unit gesessen haben, er mir von seinen Plänen erzählt hat und ich mir dachte, dass ich diesen Weg doch auch mal gehen möchte, aber bis dahin eben einen Facharzt in der Neuro brauche. Und den habe ich mich ehrlich gesagt innerhalb der nächsten 10 Jahre nicht machen sehen zu dem Zeitpunkt. Aber irgendwie dachte ich mir damals schon, dieser Weg ist wohl okay, auch wenn ihn vielleicht nicht jeder versteht. 
 
Nicht mal sechs Jahre nach diesen letzten gemeinsamen Tagen auf der SU stehen wir abends in der Runde, mittlerweile alle mit einem Facharzt in der Tasche und genießen unseren Sommerabend. Wir hatten ein schönes Gespräch und er hat mich auch nochmal sehr ermuntert, dass das der richtige Weg sein kann. Für ihn war es auf jeden Fall so; er hat es niemals bereut, sich für die Psychiatrie entschieden zu haben, sagt er.
 
Das Konzert an sich war ganz okay – allerdings war es auch das erste Konzert, an dem ich mehr mit Aperol trinken und quatschen beschäftigt war, als mit Zuhören. 


Nach dem Konzert möchte einer aus der Runde noch kurz bei McDonalds am Bahnhof vorbei, weshalb wir alle nochmal dorthin spazieren. 
Ich war ewig nicht in dieser Stadt. Zumindest nicht am Bahnhof. Dann und wann für eine Fortbildung, aber dann bin ich extra nicht am Bahnhof vorbeigefahren, sondern einen Umweg. Heute aber gehen wir alle gemeinsam dorthin und ich kann ihn nicht vermeiden. 
Schon allein über den Bahnhofsvorplatz zu laufen, katapultiert mich Jahre zurück. Ich sehe den Bordstein, auf dem ich abends saß, wenn sich die Dunkelheit schon über die Stadt gelegt hatte. Ich hatte immer den verstorbenen in der Leitung und wir haben stundenlang telefoniert, bis ich endlich um 23:12 Uhr im Bus saß auf dem Weg in die Studienstadt und wir aufgelegt haben, damit er mich in der Früh würde abholen können. Er hatte immer Angst, dass mir dort etwas passiert und als wir heute die Bahnhofshalle betreten, sehe ich auch schon wieder zwei Leute, die sich lautstark beschimpfen und mit Schuhen abwerfen. 
 
Ich schaue rüber in Richtung der Unterführung zu den Gleisen. Auch der Bäcker, von dem ich mir immer mein Abendessen organisiert habe, ist noch da. 
Ich bleibe kurz abseits der anderen und muss erstmal kurz atmen. „Verrückt, wie viel seitdem passiert ist – und vor allen Dingen, wie viel Leben passiert ist“, denke ich mir. Ich habe neue Freundschaften geschlossen, ich habe viele Erfahrungen im Job gesammelt, ich bin Fachärztin geworden. Ich habe irgendwann ein Auto gekauft und brauchte Bus und Bahn nicht mehr. Ich habe mich neu verliebt und wieder getrennt, ich habe andere Männer geküsst und mit ihnen geschlafen. Ich habe einen neuen Job gefunden und kann endlich das machen, von dem ich Ende 2020, als der Kollege damals gegangen ist, nicht gedacht habe, dass ich es irgendwann mal machen kann. Nicht nur wegen des Facharztes, sondern weil ich befürchtet habe, dass ich nie genügend Abstand zu meiner eigenen Geschichte haben würde.
 
Und als wir dann alle gemeinsam noch beim McDonalds sitzen denke ich mir, es ist doch ein Privileg, dass es gerade ist, wie es ist. Das kam mir auch nicht zugeflogen. Die ersten beiden Jahre nach seinem Tod habe ich eigentlich nur überlebt. Aber ich dachte mir, für den unwahrscheinlichen Fall, dass das Leben irgendwann nochmal okay wird, will ich es nicht vor die Wand gefahren haben. Dann möchte ich einen sicheren Job haben, mein eigenes Geld verdienen, mir selbst Dinge ermöglichen können. Und das ist heute so.
 
Und ich glaube neben aller Sorge um diesen Neuanfang und was der auch für Verluste mit sich bringt, gilt es auch das was ist, wertzuschätzen. Und ab und an stehe ich da und denke mir: Das kann doch nicht klein Mondkind so hinbekommen haben…? Aber doch, hat sie. Sicher nicht ohne Hilfe und nicht immer geradlinig, aber ganz langsam eben doch. 

Mondkind

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