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Von einem spontanen Konzertabend

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 „Verrückt, wie viel seitdem passiert ist – und vor allen Dingen, wie viel Leben passiert ist.“ ***    Samstag.  Irgendwie versuche ich zwischen all meinen Wochenenddiensten, die bis ich gehe fast jedes Wochenende anstehen, noch ein bisschen Sommer unterzubringen.  In der Früh war ich bei zwei Freundinnen aus der Psychosomatik spontan zum Frühstück gewesen, dann habe ich ganz fix ein bisschen Haushalt erledigt und danach bin ich mit ein paar Kolleginnen in eine etwas weiter entfernt liegende Stadt gefahren, weil dort am Abend ein Konzert stattfindet.    Vor Ort sammeln wir noch einen ehemaligen Kollegen ein, der schon Ende 2020 aus der Neuro hier am Standort weg ist und seitdem in der Psychiatrie arbeitet. Ich habe öfter mal gedacht an ihn im vergangenen Jahr. (Und ich war sehr erstaunt, dass auch er bei unserem Wiedersehen meinte, dass er kürzlich an mich gedacht hat, weil er in einer Stadt in der Nähe meines Elternhauses war. Krass, was für Spuren ma...

73 Monate

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Hey mein lieber Freund,  73 Monate. Oder auch – sechs Jahre und ein Monat.  Etwa sechs Jahre nachdem Du gestorben bist, wird für mich hier ein Ende absehbar. Der Resturlaub ist eingetragen und die Dienste kann ich langsam rückwärts zählen. Ich habe lange vermieden, mich damit auseinander zu setzen, weil es die Dinge so real macht. Zu real.  „Ich glaube, ich verliere hier gerade meine ganze Identität.“ Das habe ich leztens zu einem Kollegen gesagt, der mich erstmal ausgelacht hat. Und ich verstehe dieses „Die Mondkind übertreibt das wieder.“ Ja – wahrscheinlich ein bisschen. Aber wer bin ich, wenn ich nicht mehr diejenige bin, die in jeden Dienst einspringt, die Dienste kompetent absolviert, die Oberärzte eher sporadisch anruft? An einer neuen Klinik musst Du Dir diesen Stand erst wieder erarbeiten. Da müssen die Leute erst wieder verstehen, dass Du durchaus bemüht bist, Dich ins Team zu integrieren und Du musst erstmal wieder etwas lernen, um dazu zu gehören. Und es ist j...

Über das Gehen

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Das Finale steht schon fest.  Eher aus Zufall habe ich heute mal einen Blick in den Dienstplan geworfen und dabei gesehen, dass der September – Dienstplan zwar schon geschrieben, aber noch nicht offiziell veröffentlicht ist.  Mein letzter Dienst in dieser Klinik ist mit meinem Notaufnahme – Oberarzt. Insgeheim habe ich mir das so gewünscht. Und ich bin mir sicher, dass er das nicht zufällig so eingetragen hat. Er schreibt nämlich die Dienstpläne.  Viele haben über die Jahre immer wieder behauptet, ich sei seine Lieblingsassistentin gewesen. Ich weiß nicht, ob das das stimmt, ehrlich gesagt. Ich habe ihn nie gefragt. Wir kamen immer  gut miteinander zurecht und ich habe mehr kurzfristige Dienste für ihn möglich gemacht, als ich das für jeden anderen je getan hätte.  Und das ist se ine Art nicht nur zu sagen, dass ich im Team fehlen werde, sondern mir das auch zu zeigen.  *** Die Psyche ist im Sturzflug unterwegs.  Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, war...

Änderungen auf dem Spielbrett

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 „Hey Mondkind – hast Du es eilig?“, fragt der Freund meiner Schwester, als ich ihr die Schlüssel gebe. „Nein eigentlich nicht – ich wollte zum Einkaufen, aber das hat noch Zeit. Aber müsst Ihr nicht los?“ „Wir fahren erst später. Willst Du noch kurz auf einen Kaffee hier bleiben?“ „Klar – wieso nicht?“ Wenig später hocken meine Schwester und ich auf dem Balkon unter dem Schirm, schlürfen Kaffee und quatschen noch ein bisschen. Eigentlich hatte ich gedacht, wir sehen uns gar nicht mehr. Und ich glaube, manchmal fühle ich mich so invalidiert, weil ich den Eindruck habe, viele Menschen denken, ich suche etwas total Alltagsfernes oder meine Idee von zwischenmenschlichen Beziehungen sei zu sehr idealisiert. Aber das sind diese Momente, die mir so sehr fehlen. *** „Ich bewerbe mich dann mal an Krankenhäusern hier in der Nähe, denn ich möchte zu meinem Freund ziehen.“ Von meiner Schwester. Die Tage irgendwann.  „Also ich kann mir keine Fernbeziehung vorstellen; ich weiß noch nicht, ...

Von einem Konzertwochenende

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Freitagmorgen.  Nach einer anderthalbstündigen Frühbesprechung, in der ich immer unruhiger geworden bin weil ich so viel zu tun habe, bin ich gerade wieder auf Station angekommen und widme mich der weiteren Vorbereitung meiner Visite, als eine meiner liebsten Kolleginnen den Kopf zur Tür herein steckt. „Mondkind, wie lange bist Du eigentlich noch da?“, fragt sie. „Naja, knapp zwei Monate noch“, entgegne ich. „Ich denke die zweite Septemberhälfte werde ich dann schon überwiegend drüben sein.“ „Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen“, sagt sie. „Ja, finde ich auch“, pflichte ich ihr bei. Sie zieht die Tür schon wieder ein bisschen zu, als sie doch nochmal inne hält. „Kann ich Dich etwas fragen?“, setzt sie nochmal an. Ich nicke. „Kannst Du meinen Dienst am Mittwoch machen?“, fragt sie. „Theoretisch immer gern. Praktisch habe ich aber leider Spätdienstwoche und ich glaube kaum, dass jemand meinen Spätdienst will, aber rein theoretisch wäre sogar das für mich okay“, antworte ich. ...

Von einem Wochenend - Treff

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 Wir sitzen auf den Treppen am Fluss und lassen die Füße ins Wasser hängen.  „Wir können uns eigentlich auch mal auf einer Luftmatratze den Fluss runter treiben lassen“, sagt sie.  Ich schaue sie schief von der Seite an. „Auf einer Luftmatratze?“, hake ich skeptisch nach und schaue auf das in der Sonne glitzernde Wasser vor uns.  „Ja klar, das habe ich schon öfter gemacht“, entgegnet sie. „Das ist eigentlich auch praktisch, wenn man zwei Autos hat. Dann kann man eines hier parken und eins am Ausstiegsort. Da kann man so eine bis anderthalb Stunden auf dem Fluss verbringen. Vielleicht schaffen wir das ja noch, solange wie Du noch hier bist.“ „Okay, ich bin gespannt. Zwei Autos haben wir ja dann, das ist ja kein Problem.“ „Und ich habe genügend Luftmatratzen.“ *** Heute hat die Verabredung mit meiner ehemaligen Psychosomatik – Oberärztin endlich mal geklappt. Wir verquatschen uns jedes Mal und ich fahre jedes Mal am Ende des Tages viel zu spät nach Hause und denke mir,...

Sechs Jahre

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Hey mein lieber Freund,  kaum zu glauben, dass es heute schon sechs Jahre sind.  Vor sechs Jahren saß ich morgens um kurz nach sechs auf dem Sofa. Natürlich war mein Kopf voll von Sorgen und ich wollte mehr als alles andere wissen, wo Du bist. Und ich mit meinem Katastrophen – Denken hatte mir natürlich schon längst das Schlimmste ausgemalt.  Aber – Du bist niemals auf so einen Moment vorbereitet. Selbst wenn Du denkst, Du bist es. Kaum zu glauben, dass damals die letzten Minuten des Lebens im Davor waren, ohne dass ich davon wusste. Ohne dass ich wusste, dass sich jetzt gleich für immer alles ändert. Und das klingt sehr dramatisch und das war es zu Beginn sicher auch – aber ehrlich gesagt ist dieses Ereignis bis heute tief im Alltag verwoben und immer da, auch wenn es nicht immer gleich präsent ist.    Ich weiß nicht, ob ich jemals werde adäquat beschreiben können, wie sich das angefühlt hat, als Du gestorben bist. Es war, als würde der Körper zu Staub zerfalle...