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Vom Ende der Arbeitswoche

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Es kommt immer irgendwann der Moment, an dem man wieder spürt, wie man anfängt wieder im Takt der Welt zu atmen. Zumindest punktuell. Vielleicht ist es das Wochenende, das vor mir liegt, das das erste Freie seit langer Zeit sein wird und mit einem – hoffentlich – wunderbaren Konzert zusammen mit meiner Schwester verbracht werden wird. Vielleicht liegt es an den Antidepressiva, die langsam endlich wirken. Oder auch daran, dass ich mich nicht mehr so alleine fühle, weil ich wieder spüren darf, dass es Menschen gibt, die mit mir gehen. Und vielleicht ist es auch der Frühling mit den helleren Tagen, dem frischen Grün auf den Bäumen, den ersten Blüten des Jahres. Und wahrscheinlich ist es von allem ein Bisschen. Und je nachdem, wie lange es vorher schwer war, grau und trüb, desto schöner ist dieser Moment. Und aktuell spüre ich einfach nur eine tiefe Dankbarkeit.  Und ich weiß, das ist alles andere als stabil derzeit. Das dauert noch. Aber für den Moment ist es okay, für den Moment ist ...

Happy Birthday to Heaven

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Mein lieber Freund,  zuerst mal: Alles Liebe zu Deinem Geburtstag. Möge es ein schöner Tag für Dich werden – wo immer Du ihn auch feierst.  Geburtstag heißt übrigens auch, dass wir gestern vor all diesen Jahren ineinenader gerannt sind. Gestern vor 11 Jahren haben wir einen Spaziergang durch die Studienstadt gemacht, der sich letztendlich über Stunden ausgedehnt hat und dann haben wir unsere Nummern ausgetauscht. Du hast mich gefragt, ob Du sie haben kannst. Und am Ende, nachdem sich unsere Wege getrennt haben, war ich ganz verwirrt. Wie kann denn ein Mensch an mir interessiert sein, wo mein Leben doch zu dem Zeitpunkt ein einziges Chaos war? Es war ein holpriger Start mit uns – was eher an unser beider Schüchternheit lag. Fast hätten wir uns aus den Augen verloren und sind ein paar Wochen später in der Bahn nochmal aufeinander gestoßen. Ich glaube, ich hatte bis dahin selten Tränen in den Augen, wenn ich einen Menschen gesehen habe. Aber bei Dir – bei Dir war das damals in de...

Wochenverlauf

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Mittwochmorgen.  Wahrscheinlich muss ich schon völlig erledigt aussehen, als ich auf meinem Stuhl im Arztzimmer sitze.  Es ist mehr als grenzwertig. Ich habe so sehr Magenschmerzen, dass ich es kaum auf die Arbeit geschafft habe. Und ich habe vergessen, wie sedierend einige Antidepressiva sein können.  Obwohl das für meinen Magen sicher nicht die beste Idee ist, muss ich mir auf der Station als erstes Mal einen Kaffee besorgen. Schon den zweiten heute Morgen. In der Hoffnung, dass das irgendetwas besser macht.  Die Kollegen versorgen mich mit Pantoprazol und Kamillentee. Nachdem wir gestern mal gut besetzt waren, sind wir heute nur noch 50 % der Besetzung von gestern und rocken die Station zu Zweit. Und obwohl genug Zeit war, hat mein Kollege es nicht mal geschafft, seine EEGs auszuwerten.  In der Visite darf ich mich in jedem Zimmer setzen und muss auch nur die Hälfte der Patienten mitlaufen. Einen Patienten muss ich noch vor dem Mittag punktieren.  Mittag...

Zwischen Fallen und Auffangen

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Atmen.  Einatmen. Ausatmen. Weitergehen.  Dankbar sein.  Die letzten Tage waren krass.  Ich fange meistens erst am um Hilfe zu bitten, wenn die Hütte dann richtig brennt. Und wenn das dann – verständlicherweise – nicht sofort funktioniert, dann ist manchmal wirklich die Frage, wo es dann auch mal zu spät ist.  Irgendwie habe ich mich über das Wochenende gezogen.  Der Dienst hat mich immerhin auch ziemlich eingespannt; ich hatte zehn Aufnahmen und dann gab es mehr als 24 Stunden nach der DSA – Intervention noch eine akute Blutung in der Leiste auf der Station, die im Verlauf auch notfallmäßig in den OP musste. Und natürlich ist genau die Patientin aus dem Bett gefallen, bei der das in besonderem Maß nicht hätte passieren sollen.  Und da ich mit all meiner Dokumentation am Samstag nicht fertig geworden bin, war ich am Sonntag auch nochmal auf der Arbeit.  Das hat mich dann genug abgelenkt. Für Montag war ich dann mit meinem Oberarzt zum Sprechen ver...

Weil ein kleiner Satz...

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Man versucht die Tage zu überleben.  In all dem Rückzug die Menschen raus zu fischen, die jetzt noch helfen könnten.  Und ja – ich habe es schon irgendwo kommen sehen. Über die letzten Monate.  Mittlerweile können Nuancen die Situation zum Kippen bringen.  Freitagnachmittag.  Ich überlege fieberhaft, ob ich das bringen kann, meinen Oberarzt anzurufen. Vielleicht störe ich ihn und ich hatte ihm auch schon vor ein paar Tagen geschrieben und außerdem war ich bei seiner Frau – vielleicht soll ich einfach mal den Schnabel halten. Vielleicht hat er keine Lust auf mich, vielleicht denkt er sich, ich soll endlich aufhören zu nerven.  Es gibt aber kaum noch Menschen, die wissen wo ich aktuell gedanklich bin und das meiste das sie sagen, ist deshalb auch nicht hilfreich.  Und ich habe das Wochenende vor der Nase. Es ist kurz vor 16 Uhr, als ich seine Nummer wähle. „Jo... - was ist los?“ „Störe ich? Sind Sie noch auf Nachmittagsvisite oder schon beim Ablug nach H...

Von AGUS - Gruppe und Krisenintervention

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Dienstagabend. AGUS – Gruppe.  Manchmal ist die immer noch sinnvoll. Ich haue raus, dass ich umziehen werde. Einen Job woanders beginnen werde. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so viel mit mir macht, aber der Ort in der Ferne war unsere letzte gemeinsame Idee. Die Wohnung das letzte gemeinsam begonnene Projekt, das nie fertig geworden ist. Und jetzt, wo alles final ist, merke ich, wie viel das mit mir macht, das loszulassen. Und mir einzugestehen, dass das Leben hier mich am Ende auch nicht glücklich gemacht hat.“ Ich habe lange nicht mehr geweint in dieser Gruppe. Aber heute – heute ist so ein Tag.  Wir haben einige Neue in letzter Zeit bekommen und mehrere haben ihre Partner verloren. Das macht das Ganze auch für mich mal wieder interessanter, weil ich mich mehr damit identifizieren kann. Heute bringt ein Teilnehmer die Frage ins Spiel, ob und was es für einen Unterschied macht, ob so ein Suizid ganz plötzlich und unerwartet passiert, oder vielleicht aus einer Situation he...

Von einem Coaching - Termin

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Es ist 17:15 Uhr an diesem Donnerstag, als ich den Motor von Möhrchen starte.  Wenn man bedenkt, dass ich es die letzten Tage nie großartig vor 20 Uhr aus der Klinik geschafft habe, ist das schon ganz okay – allerdings trotzdem später als geplant. In 45 Minuten muss ich bei der Coaching - Frau sein und mit Berufsverkehr wird das knapp. Unpünktlichkeit wird da nicht so gern gesehen – trotz dessen, dass sie mit einem Intensivmediziner verheiratet ist und Unberechenbarkeit bekannt sein müsste. Die Adresse gebe ich schnell beim Fahren ein und etwa 40 Minuten später biege ich in ein Neubaugebiet in der Nachbarstadt ein. Keine Ahnung, ob ich das wirklich richtig verstanden habe, dass sie ihre Praxis jetzt auf deren Grundstück hat, aber das werde ich gleich heraus finden. Das Haus sieht auf jeden Fall recht hübsch aus. Modern mit vielen Blumen in den Fenstern. Und einem Garten, der so aussieht, als würde da noch ein recht intensives Frühjahrsprojekt entstehen.  Mit ein bisschen Unbeh...