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Arztzimmergespräche

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Wir sitzen nebeneinander. Die Kollegin und ich.  Ihr Handy klingelt. Sie fragt, ob es dem Kind gut geht. Ehe die Planung offensichtlich in Richtung Feierabend geht. „Lass uns doch irgendwo etwas essen gehen“, sagt sie. Auf ein Lokal einigen können die beiden sich scheinbar nicht, denn wenig später entscheiden sie, dass er nochmal einkaufen geht und etwas kocht.  „Mondkind – ist das hier was im EEG?“, fragt sie eine halbe Stunde später.  Als wäre ich der EEG – Guru...  „Ich denke das sind Pulswellenartefakte“, entgegne ich, als ich mich ein bisschen durch das EEG klicke. „Guck mal, das kommt immer korrelierend mit der EKG – Zacke.“ Ihr Handy klingelt schon wieder und ich rücke mit meinem Stuhl wieder vor meinen eigenen PC. Jetzt ist er beim Einkaufen und findet irgendetwas nicht. „Geh mal ganz nach hinten und schau dann rechts in den Regalen, okay? Und sonst bring einfach etwas anderes mit“, sagt sie.  Ich schmunzle vor mich hin.  Irgendwann legt sie wieder ...

Desillusionierung zum Wochenstart

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„Mondkind, wieso hast Du so schlechte Laune heute? Kannst Du nicht mal lachen?“ „Ich geb mir Mühe...“ Die Pflege hat mich auf dem Flur angehalten. Und während ich versuche meine To Do's ohne spitze Kommentare oder Nervenzusammenbrüche abzuarbeiten denke ich mir, dass die letzten Tage doch wieder zu schön waren und eben doch nicht die Realität sind.  Montag hatte ich Spätdienst.  Angeblich konnte diesen Dienst Niemand der Kollegen machen, sodass er am Ende mir zugeschoben wurde. Ramadan (ist der überhaupt schon), Kinderbetreuung, Facharztvorbereitung – irgendeine Ausrede hatte jeder. Man kann es ja nochmal versuchen, dachte ich mir. Kann ja auch mal gut gehen. Arbeitsschluss ist je nach Arbeitsaufkommen immerhin zwischen 21 Uhr und 23:30 Uhr.  Es ging aber nicht gut. Um 23 Uhr waren immer noch sechs Patienten in der Notaufnahme, drei davon ungesehen und ich würde ja am nächsten Morgen wieder um 07:30 Uhr auf der Arbeit sein müssen. Gegen Mitternacht konnte ich mich abseile...

Hospitation und Überlegungen

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Irgendwie habe ich mir überlegt, ob ich ein bisschen Stille auf dem Blog walten lasse, bis ich selbst zu Entscheidungen gekommen bin.  Ich habe mich allerdings entschieden, doch ein paar Worte hier zu lassen.  Letzte Woche war ich zwei Tage lang gute drei Autostunden von hier entfernt und habe mir eine andere psychosomatische Klinik angeschaut. Und vielleicht hat ein Teil von mir gehofft, dass es gar nicht so cool sein möge, damit ich hinterher nicht in dem Konflikt stecke, in dem ich jetzt eben doch bin.  Denn ehrlich gesagt, war es ziemlich cool. Kliniken sind selten organisiert, aber die waren es. Zwar wurde der Hospitationsplan auch nochmal etwas abgeändert aufgrund von Abwesenheiten, aber das hatten die schon erledigt, bevor ich kam. Ich habe also ein Namensschildchen und einen neuen Plan ausgehändigt bekommen und dann ging es los.  In den zwei Tagen durfte ich in Therapiegruppen, Therapiebesprechungen, oberärztliche Visiten und in die Visite einer der leitenden...

Über ein Wochenende

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„Erster Blickkontakt Auf ner Hausparty Mitternacht Du warst die Neue in der Nachbarhschaft Ey was hat Dich hierher gebracht?“ (Florian Künstler - Superman)  Naja – Du warst der neue Kardiochirurg und auf einer Party waren wir auch nicht – aber ansonsten war das schon irgendwie ein ähnliches Ineinander rennen.  Back to the roots.  Ein bisschen. Er hat das nicht größer kommentiert, dass ich mich gute zwei Autostunden von hier weg beworben habe.  Und doch läuft es in den letzten Tagen irgendwie anders.  Wir haben uns gesehen trotz Nachtdienstwoche. Nachdem in der Woche davor gar nichts ging und ich postuliert habe, dass ich es nicht einsehe mit Dienst am Sonntag und dann fünf 12 – Stunden – Spätdiensten hintereinander eher aufzustehen, um bei ihm vorbei zu kommen, kam er eben zum Frühstück. Nach seinem Nachtdienst und vor meinen Spätdienst.  Da gibt es irgendwie mehr Umarmungen als früher.  Einfach mal so zwischendurch.  Und Tage dürfen auch entschle...

67 Monate

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 Mein lieber Freund,  da ist der erste Monat des neuen Jahres schon vorbei.  Er hat uns viel Schnee gebracht. Wenn ich es schon nicht geschafft habe in den Schnee zu fahren in diesem Winter, dann kam er wenigstens zu uns. Ich glaube, die Kollegen waren irgendwann super genervt von mir, weil ich mich einfach jeden Morgen so sehr gefreut habe. Klar – ich habe da auch leicht reden – ich laufe einfach auf die Arbeit. Ich kann schon nachvollziehen, dass Menschen die erst ihr Auto ausgraben müssen, da nicht so erfreut sind.  Ansonsten habe ich den Kardiochirurgen mit zu meiner Therapeutin genommen. Das war schon krass ehrlich gesagt. Für mich ist diese Ambulanz immer so ein ganz sicherer Ort, der irgendwie nur mir gehört. Keiner aus meinem Umfeld war je dort. Frau Therapeutin hat Niemanden der Menschen in meinem Leben wirklich kennen gelernt. Auch Dich nicht. Alle anderen kennt sie nur aus meinen Erzählungen.  Ob das etwas gebracht hat, kann ich noch nicht sagen. Zumi...

Von Chefgespräch und Bindungen

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Die Wohnungstür ist nicht abgeschlossen.  Das heißt, er hat sie einfach zugezogen.  Als ich die Tür öffne, sehe ich den Schlüssel auf der Kommode liegen. Ganz vorne. Das blaue Bändchen, das immer daran hängt, oben drauf gelegt.  Es war eine der Nächte, die man in diesen zweieinhalb Jahren an einer Hand abzählen kann. In denen er hier geschlafen hat. Eigentlich sind das bisher immer Rufdienst – Nächte gewesen. „Nimm den Schlüssel mit morgen früh, damit Du auch mal rein kommst, wenn ich nicht da bin“, hatte ich ihm am Vorabend gesagt. Natürlich hatte in dieser Nacht das Telefon geklingelt. Das passiert immer zwischen zwei und drei Uhr morgens. Dann rast er los, nimmt auch den Schlüssel mit und kommt dann zwei oder drei Stunden später im Regelfall wieder. Legt sich wieder hin und kann morgens länger schlafen als ich, denn wer nachts geweckt wurde, muss frühs nicht auf die Arbeit.  Aber wenn er dann geht, lässt er den Schlüssel immer hier. Ich nehme ihn in meine Hand, er...

Auf zu neuen Ufern?

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Vielleicht hatte ich vor allem das jetzt kommen wird genau so viel Angst, wie ich auch Hoffnung hatte.  Dass ich am Abend um 22:10 Uhr die Bewerbung über das Onlineportal hochlade und mich am nächsten Morgen um kurz nach 11 Uhr die Sekretärin anruft und ausrichtet, dass der Chef gern einen Termin mit mir machen würde, ist ein fraglicher Luxus. Viel Verzweiflung bei einer der führenden Psychosomatiken in Deutschland? Oder ein fragliches Glück, das ich da gehabt habe, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.    Dinge wiederholen sich.  Ob das damals wirklich eine bewusste Entscheidung war, ein echtes Ja war in den Ort in der Ferne zu gehen, weiß ich nicht. Der Preis war hoch. Die Ungewissheit, ob das alles so klappen würde, war immens. Ich wusste, dass ich erstmal Menschen zurücklasse, die mir sehr am Herzen liegen.  Aber es gab auch keine andere Wahl mehr. Die Situation in der alten Heimat war so untragbar geworden, dass ich erstmal weg musste. Und damit eben...