Von einem Coaching - Termin

Es ist 17:15 Uhr an diesem Donnerstag, als ich den Motor von Möhrchen starte. 
Wenn man bedenkt, dass ich es die letzten Tage nie großartig vor 20 Uhr aus der Klinik geschafft habe, ist das schon ganz okay – allerdings trotzdem später als geplant. In 45 Minuten muss ich bei der Coaching - Frau sein und mit Berufsverkehr wird das knapp. Unpünktlichkeit wird da nicht so gern gesehen – trotz dessen, dass sie mit einem Intensivmediziner verheiratet ist und Unberechenbarkeit bekannt sein müsste.
Die Adresse gebe ich schnell beim Fahren ein und etwa 40 Minuten später biege ich in ein Neubaugebiet in der Nachbarstadt ein. Keine Ahnung, ob ich das wirklich richtig verstanden habe, dass sie ihre Praxis jetzt auf deren Grundstück hat, aber das werde ich gleich heraus finden. Das Haus sieht auf jeden Fall recht hübsch aus. Modern mit vielen Blumen in den Fenstern. Und einem Garten, der so aussieht, als würde da noch ein recht intensives Frühjahrsprojekt entstehen. 

Mit ein bisschen Unbehagen laufe ich auf das Grundstück. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust gleich meinem Oberarzt in seinem privaten Haus gegenüber zu stehen, aber ich habe keine Ahnung, wo ich klingeln soll. Als ich mich gerade noch orientiere, kommt mir seine Frau aber auch schon entgegen gelaufen, nimmt mich mit und zeigt mir den Weg, den ich dann auch zukünftig gehen soll. 

Da sitzen wir wieder. Ein Jahr und neun Monate nach dem letzten Treffen. 
In einem anderen Raum. Hier ist es schon gemütlicher, als in diesem Kellerraum, in dem sie vorher war. Nur scheinbar war der nicht immer so kalt, weil er eben im Keller war, sondern weil das einfach ihre persönliche Wohlfühltemperatur war. Ja, die Sonne scheint an diesem Nachmittag und in meinem Auto war es auch warm, aber für die Klimaanlage finde ich es eindeutig zu früh. 

Sie ist schon ziemlich informiert über die Ereignisse der letzten Wochen und Monate. Ich soll es nochmal kurz zusammen fassen, aber große neue Erkenntnisse gibt es da nicht. 
Außer, dass wir feststellen, dass es mit dem Kardiochirurgen vor einem Jahr und neun Monaten schon dasselbe Herumgeeier war. Es erschreckt mich immer wieder, wie lange das schon so geht. Es ist so lange her, dass wir uns zuletzt gesehen haben; dazwischen lagen anderthalb Sommer und wir haben uns gefühlt keinen Zentimeter bewegt. 

Aber da sind wir auch schon fast beim Thema. Sie möchte jetzt darüber sprechen, wie ich denn den Übergang in die neue Stadt gestalten kann, während ich eigentlich über ganz andere Dinge sprechen möchte. Es war ein langer Lernprozess, aber mittlerweile bin ich schon so weit auch mal sagen zu können, dass es bei mir gerade nicht um das geht, was mein Gegenüber annimmt. 
Und dann versuche ich sie ein bisschen auf die Metaebene zurück zu holen in die Gedanken der letzten Wochen und Monate. 

„Ich bin mittlerweile auf dem Stand angekommen, dass ich sage, dass der neue Ort natürlich eine bewusste Entscheidung war, von der ich mir aber gewünscht hätte, dass ich sie nicht hätte treffen müssen“, leite ich ein. Und weil die meisten Menschen dann das Thema „eigene Entscheidungen“ und „Autonomie“ heraus kehren, muss ich ihr da sofort ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen. Es geht nicht darum, jemandem die Verantwortung oder Schuld für meine Entscheidung zu geben – die liegt bei mir. Es geht darum zu hinterfragen, wie so etwas zu Stande kommt und ob ich nicht etwas tun kann, nicht ständig in solchen Situationen zu landen. 
Ich erzähle ihr, dass gerade ein bisschen meine Biographie „auf mich herunter fällt“, wie ich es nenne. Dass ich dachte, ich hätte mittlerweile doch schon Vieles reflektiert und verstanden, aber jetzt wiederholt sich etwas, von dem ich vor ein paar Monaten noch nicht gedacht hätte, dass es passieren würde. „Es war nie mein persönlicher Wunsch aus der Studienstadt weg zu gehen. Ich habe seit zwei Jahren dort gewohnt, ich habe mich gerade – vielleicht das erste Mal in meinem Leben – sozial integriert, das war ja in Schulzeiten als „die Streberin“ nicht so leicht, weil man damit sehr unattraktiv war. Es gab viele soziale Beziehungen, die mir wichtig waren – der damalige Freund, meine Freunde – aber eben auch Beziehungen, die so schwer waren, dass ich mich nicht davon abgrenzen konnte und die mich 24/7 vereinnahmt haben. Ich musste erstmal weg von diesen ganzen Abhängigkeiten in der Familie, von denen ich mich vor Ort nicht abgrenzen konnte. Die ganzen Behandler damals haben die Idee auch unterstützt, aber ich habe mich sehr schwer mit dem Umzug getan und es ging mir sehr schlecht. Und klar hatte ich hier meine Neuro, in der ich arbeiten wollte, es gab auch eindeutig dafür sprechende Punkte, rein objektiv. (Und natürlich war das auch da schon ein Suchen nach Bezugspersonen, die ich hier in der Neuro ja auch hatte). Aber ich war nie ein Mensch, der gern sein soziale Umfeld umgekrempelt hat. Was ich sagen will: Es war eher eine Entscheidung aus der Not heraus und nicht aus Neugier. Und ich bin auch bis heute der Meinung, der Freund wäre nicht gestorben, wenn ich geblieben wäre, aber das konnte man damals noch nicht wissen. 
Das Ding ist, dass es ja jetzt eine ähnliche Sache ist. Ich habe mich jetzt endlich hier eingelebt, nachdem nach dem Tod des Freundes gar nichts ging und dann ja auch wegen des Facharztes viel Ruhe im Sozialleben war. Ich würde hier nicht weg wollen. Und gleichzeitig macht mich diese Zickzack – Beziehung mit dem Kardiochirurgen so fertig, dass es keine andere sinnvolle Option gibt. Ich wünschte, ich könnte einfach sagen, dass wir uns trennen und damit wäre die Sache erledigt. Leider ist das aber nicht so. Ich möchte – zumindest erstmal – nicht im selben Ort sein wie er, wenn wir getrennte Wege gehen. Und das ist der Punkt, um den es geht. Ich würde gerne lernen, mich von Beziehungen auch abgrenzen zu können, ohne so radikale Wege gehen zu müssen und so viel Kollateralschaden zu verursachen.“


Ich weiß nicht, ob sie das so genau versteht; ich weiß nicht mal, ob ich das selbst verstehe. 
Wir reden dann auch viel über die Beziehung an sich und über die Parallelen zur Familie, wenn ich das schon alles in einen Topf schmeiße. 
„Ich meine, die Frage von Beziehung geht ja schon mal damit los, welche Art von Männer ich mir aussuche. Ich habe jetzt zwei Mal hintereinander Einen gehabt, der vom Prinzip her mit Bindung nichts anfangen kann. Man hat auch immer echt diese Wellenbewegung gemerkt. Ich glaube ihm ging es besser, wenn wir mehr Distanz hatten; damit ging es mir halt nicht gut. Und er hat sich zu eingeengt gefühlt, wenn ich auch mehr Nähe bestanden habe.“
„Aber insgesamt hatten sie in dieser Beziehung nicht viel zu melden, wenn ich das richtig verstanden habe. Er hat gemacht, was er wollte. Ich kann mich da an Fallschirmspringen erinnern und dass er trotzdem eigentlich nie zu Hause geblieben ist, wenn sie sich ein Wochenende mit ihm gewünscht haben.“
„Ja, im Sommer war das immer besonders schwer bei uns. Ich wollte halt auch mal die sonnigen Tage mit ihm verbringen. Er hätte mich auch mit auf den Flugplatz nehmen können, ich habe ja nicht mal zugeschaut; nicht ein einziges Mal.“
„Wie viel hatten sie als Kind in der Beziehung zu ihren Eltern zu melden? Wie sehr wurden sie da gehört? Was war, wenn sie da einen Wunsch hatten?“
„Naja, war ziemlich egal. Gerade bei den großen Fragen. Mich hat nie jemand gefragt, wo ich nach deren Trennung leben will. Dann hätte ich gesagt, beim Papa. Es war nicht wichtig, was ich für mein Leben wollte. Auch Geburtstage und Feiertage wurden so verbracht, wie ich es jetzt kenne. Nämlich irgendwie gar nicht – zumindest dann nach der Trennung der Eltern hat sich das alles ziemlich verlaufen. Ich habe mal gedacht, in der Zukunft kann ich es selbst gestalten, aber irgendwie klappt es nicht.“
„Was Sie also kennen ist, dass Sie sich permanent anpassen. Und das machen Sie auch sehr gut. Aber wie wäre das jetzt, wenn Sie mal darauf bestehen, dass ihr Wunsch gemacht wird.“
„Ich weiß nicht... - ist vlelleicht auch schwer auszuhalten...“
Sie nickt. Und vielleicht ist das eben doch der Punkt. Dass es einfacher ist permanent etwas zu wiederholen, dass man so sehr nicht mehr wollte, als ein Umfeld zu finden, in dem das geht, was man will. „Wir hatten das schon mal. Etwas zu haben heißt auch, etwas wieder verlieren zu können und dann fehlt es wieder.“

Irgendwie kommen wir auch diese ganze Anorexie – Geschichte aus der Jugend zu sprechen. 
„Ich habe das noch ziemlich genau vor Augen, wie wir damals mit unserer Mutter beim Arzt saßen und der meinte, dass das lebensbedrohlich ist – okay, das war sicher dezent übertrieben – und wir dringend in Therapie oder sogar in eine Klinik müssen. Und die Aussage damals von unserer Mutter, bevor wir irgendetwas sagen konnten war halt, dass wir unmöglich Schule verpassen können – und das wäre auch mit einer ambulanten Therapie zu viel; von Klinik gar nicht erst zu sprechen. Und ich weiß, dass ich damals daneben saß und mir dachte, dass ich die Idee gar nicht dumm finde. Ich wollte, dass mir jemand hilft.“
„Sie wollten gesehen werden in dem was Sie sind. Wahrscheinlich gar nicht mal unbedingt in der Krankheit.“
„Wahrscheinlich.“
„Wobei – wenn man meine Eltern fragen würde, ob die meinen, dass sie uns und mich gesehen hätten, würden die wahrscheinlich „ja“ sagen.“
„Aber das ist ja auch eine Frage von Interpretation.“
„Und von dem, was man für wichtig hält. Wenn es um Noten, Förderung und Leistung ging, haben die uns schon gesehen. Aber wenn es um ein „wie geht es mir eigentlich?" geht, um Identität und all die Fragen, dann eher nicht so. Aber das hat in deren Leben auch keine große Rolle gespielt, so wie ich das verstanden habe. Klar, jeder stellt sich irgendwann Identitätsfragen, aber vielleicht in verschiedenem Ausmaß.“

Was ich mir für mein Leben wünsche, möchte sie wissen. 
Das ist immer ziemlich einfach. Einen Partner in einer horizontalen Beziehung, Kinder, Familie. 
„Das Ding ist halt, dass mein Leben irgendwie immer aus Ersatzkonzepten besteht“, führe ich nochmal aus. „Und auch die fühlen sich unsicher an.“
Und dann berichte ich anlässlich des vor der Tür stehenden Osterfestes, dass ich auch die Möglichkeit gehabt hätte, Ostern bei einer Freundin zu sein, bei der aber auch die Familie ist. „Und warum sind Sie da nicht?“, fragt sie mich. „Naja – Ostern, Weihnachten; das sind alles solche Familiendinger. Ich finde nicht, dass ich da etwas zu suchen habe, wenn ich da nicht hingehöre.“ „Aber wenn man es Ihnen doch anbietet...“, sagt sie. „...Fühle ich mich dann trotzdem ziemlich bedürftig“, entgegne ich. 
Und nach einer Pause. „Ich hatte immer „die Großen“ in meinem Leben. Menschen in vertikalen Beziehungen, die ein bisschen eine Ersatzrolle übernommen haben, die die Familie nicht bieten konnte, aber es ging mir auch immer nicht so gut damit, weil das sehr einseitige Kostrukte waren.“
Ich finde es gerade ziemlich interessant, dass ich zum zweiten Mal innerhalb relativ kurzer Zeit höre, dass Ersatzkonzepte nichts verwerfliches sind, sondern im Gegenteil völlig gesund. Und obwohl mich das Thema gerade so beschäfitgt und ich gerade eigentlich aber eines der ersten Male ein bisschen „Mami – Ersatz“ mit meiner ehemaligen Psychosomatik – Oberärztin habe und ein bisschen „Papi – Ersatz“ mit meinem Intensivoberarzt, will ich das jetzt nicht weiter ausführen. Ich habe keine Lust mit ihr über meine Beziehung zu ihrem Mann zu reden. Das ist echt eine Stelle, an der therapeutische Beziehung und private Beziehung zu verwoben miteinander sind und an der es echt haarig wird. 
Später beim Abendessen werde ich noch bei einem Freund sein und ihm davon erzählen. „Was ist Deine Sorge, wenn Du ihr das erzählst?“, fragt er. „Naja, dass denen das irgendwie zu viel wird und diese Beziehung dann zusammen bricht. Das würde mich mehr treffen, als es sollte“, sage ich. „Und was ist, wenn das nur Deine Sorge ist und die das gar nicht schlimm finden?“, fragt er. „Zumal die sich das vielleicht sowieso denken können und es dann wenigstens gesagt wäre.“ Ich seufze. „Diese Familie und alles was das mit sich bringt, ist einfach so kompliziert. Guck mal wie einfach die Dinge wären, wenn man einfach mal sonntags bei seinem Papa zum Kaffee vorbei könnte. Das würde so viele wechselnde Ersatzkonzepte, und Beziehungen, die genau das sind – Ersatz nämlich - aber in denen das seltenst thematisiert wurde, einsparen.“ Ich bin eine Weile still. „Ist das nicht verrückt irgendwie? Jetzt ist mein Papa zu meiner Schwester gezogen, was meine Schwester macht, weiß kein Mensch; vielleicht zieht sie irgendwann hier runter. Ich ziehe jetzt bald ziemlich in die Nähe von dort, wo mein Papa gewohnt hat, aber erst ist nicht mehr da und das wusste ich in der Bewerbungsphase auch und es war auch kein Grund, aber dennoch. Und vielleicht kommt bald meine Schwester hier her, aber dann bin ich nicht mehr da.“ Und nach noch einer Pause. „Schon ganz früh in der Therapie meinte meine damalige Therapeutin, dass ich echt ein Familienmensch bin. Also ehrlich gesagt – dafür bin ich echt in eine komplizierte Situation geboren worden.“
„Manche haben Glück mit der Schwiegerfamilie“, hat die Frau des Oberarztes noch gesagt. Aber dazu gehöre ich auch nicht. Die Familie vom Ex – Freund war ziemlich cool. „Ich habe die Familie des Kardiochirurgen bis jetzt nicht kennen gelernt. Ich meine, ich denke immer, ich kann da auch nichts sagen. Er kennt meinen Papa auch nicht, aber ich sehe ihn halt auch nicht. Und zu meiner Mum habe ich ihn auch noch nicht mitgenommen, aber er will ja nicht mal mit in die Studienstadt, da wird das natürlich alles schwierig. Vielleicht fahren wir im Sommer ja noch in die Geburtsstadt, dann lernt er wengistens meine Oma mal kennen. Irgendwie wäre mir das wichtig. Die Oma hat zwar auch den Exfreund kennen gelernt und war dann ziemlich traurig, als wir uns getrennt haben und beim Kardiochirurgen und mir ist das ja vom Prinzip her auch sehr wahrscheinlich, aber... ja.“

Es ist schon irgendwie schwierig. In der Psychiatrie war ja auch angeregt worden, dass es vielleicht auch reichen könnte, irgendwann die eigene Familie zu haben – dann eben als Mutter und in einer völlig anderen Rolle. Und ich denke, ich wäre auch okay damit – aber selbst das ist in sehr, sehr weiter Ferne und relativ unklar, ob das je passieren wird. Und vielleicht gerät man irgendwann in diese Krise, wenn man schon in der zehnten Klasse aufgeschrieben hat, dass man einen Job möchte, von dem man leben kann ohne arm zu sein, aber vor allen Dingen eine Familie. 
Leider kann man das aber nicht alleine erreichen und im Moment bin ich da ziemlich hinten dran mit diesem für mich wichtigsten Ziel

A propos wahrscheinliche Trennung: Sie erzählt dann auch nochmal, dass sie auch Paarberatung anbietet. „Da geht es ja im Weiteren auch im Kommunikation und das scheint mir auch einer der Knackpunkte zu sein“, sagt sie. „Naja, er hat das für sich schon ziemlich kategorisch ausgeschlossen, dass er das machen möchte...“ Und dann erzählt sie von einem Paar, das sich fast getrennt hätte, aber sich jetzt doch wieder gefunden hat. „Naja, es geht ja vielleicht gar nicht ums Happy ending. Sondern einfach um das Verstehen dieser Beziehungsdynamik und dass vielleicht beide so unbeschadet wie möglich da raus kommen“, postuliere ich.
Puh, ich weiß nicht. Ob der Kardiochirurg und ich jetzt unbedingt unsere Beziehungsdramen bei ihr ausdiskutieren müssen. Aber eine Möglichkeit wäre es weiterhin. 

Auf dem Weg zurück laufe ich wieder am Haus vorbei. Und für einen kurzen Augenblick frage ich mich, wie das sein würde, hier mal bei den beiden zum Kaffee zu sitzen. Ich weiß gar nicht, ob ich diese Situation wollen und überhaupt aushalten würde. Und gleichzeitig könnte das eventuell so viel heilen, wenn man es gut gestalten könnte und alles kommuniziert wäre, dass das möglicherweise mehr bringen würde, als jede Therapie. Einfach diese riesige Sehnsucht, die in so viel Bemühen mündet, irgendwo zur Ruhe zu bringen. 
Irgendwie war es ja so auch mit dem Exfreund. Ich habe mir so sehr wieder eine Beziehung gewünscht und konnte mir aber nicht vorstellen, dass ich das nach dem Tod des Freundes noch aushalten könnte. Natürlich haben wir so ziemlich sämtliche berufliche Regeln gebrochen, als mein Psychotherapeut und ich ein Paar geworden sind. Ich hätte mir aber bis heute niemand anderen vorstellen können, der dieses Chaos mit mir ausgehalten hätte. Und auch, wenn die Beziehung am Ende nicht gehalten hat, aber wir hätten das glaube ich noch fünf Jahre hoch und runter diskutieren können, ohne dass diese theoretischen Überlegungen für mich etwas gebracht hätte. Ich musste es fühlen können. Es musste etwas in mir heilen. Und natürlich war das vollkommen crazy quasi Therapeut und Partner in einem Menschen zu haben. Und trotzdem für mich wahrscheinlich genau die Erfahrung die ich gebraucht habe, um diesen Punkt zu überwinden und ein bisschen zu heilen.

„Naja, wenn die Beziehung jetzt an ungefähr den gleichen Themen scheitert wie die davor und der erste Freund sich umgebracht hast, woran Du jetzt auch nicht unschuldig warst, dann musst Du Dich halt schon irgendwann fragen, ob Du nicht auch irgendwie das Problem bist...“, postuliere ich dann später beim Freund. 

Insgesamt sind da so viele Gedanken. Dazwischen noch jedes Wochenende Dienst. In meinem letzten Nachtdienst habe ich mehr Patienten gesehen, als der Tagdienst. Das kann vorkommen – man steckt nicht drin. Und dann überhöre ich eben doch gehäuft meinen Wecker irgendwie. 
Mal sehen – wir haben nochmal einen Termin in zwei Wochen gemacht. Ob ich mit der Frau des Oberarztes wirklich meine Themen klären kann, weiß ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass sie mir viel zu lösungsorientiert ist. Ich werde schon Lösungen finden; bisher habe ich immer welche gefunden. Aber ich würde gerne verstehen, woher gewisse Entscheidungen und Ideen kommen, um vielleicht in Zukunft zu wissen, wie ich damit besser umgehen kann. 

Mondkind 

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