69 Monate - von großen Entscheidungen
Hey mein lieber Freund,
schon wieder Monatstag. Das Jahr rennt bisher. Und gerade geht ein sehr bedeutsamer Monat zu Ende.
Ich werde weiterziehen. Wenn der Sommer sich dem Ende neigt, dann werde ich meine Sachen hier im Ort in der Ferne packen und ein paar hundert Kilometer von hier weg ziehen. Dort werde ich dann in der Psychsomatik anfangen zu arbeiten. Ehrlich gesagt – bis vor ein paar Wochen hatte ich das selbst noch nicht so richtig auf dem Schirm.
Ich habe nur mit wenigen Menschen darüber gesprochen im Vorhinein. Den meisten wollte ich es erst sagen, wenn es wirklich final ist. Ansonsten wirst Du ständig danach gefragt und vielleicht musst Du dann doch erklären, warum Du nicht gegangen bist... - Du weißt schon, alles kokmpliziert.
Es gibt jetzt Einige, die meinen, dass das eine mutige Entscheidung gewesen sei. Ich weiß nicht, ob ich es mutig nennen würde, ehrlich gesagt. Solche Entscheidungen sind eigentlich immer dann gefallen, wenn die Verzweiflung am Größten war. Wenn Bleiben erstmal einfach keine sinnvolle Option mehr war. Ich hätte nichts lieber gemacht, als einfach in die Psychosomatik hier am Standort zu wechseln.
Aber ja – es war kompliziert. Die Psychsomatik hier hat sich überhaupt nicht bewegt. Erst ganz am Ende, als mein Chef dort Stress gemacht hat, weil er bemerkt hat, dass – welche Abteilung dann auch immer – eine Fachärztin verlieren wird. Aber da waren die Verträge so gut wie unterschrieben. Jetzt hat mich der Chef von der Psychsomatik nochmal angerufen und meinte, sollte ich mich doch im Verlauf für die Psychosomatik hier entscheiden, soll ich nicht zögern mich bei ihm zu melden und er kümmert sich darum. Warum war das denn vor sechs Monaten nicht möglich? Es hat mich wirklich traurig gemacht.
Und dann der Kardiochirurg und ich... - wir sind so fast getrennt. Seitdem das ausgesprochen wurde, schreibt er mir täglich und entwickelt tatsächlich mal wieder etwas wie Empathie, aber es ist auch weiterhin der altbekannte Zickzack aus Nähe und Distanz, der einfach so sehr wütend, ohnmächtig und hilflos macht. Und ich weiß, ich könnte nicht hier bleiben, wenn er auch hier ist. Ich würde trotzdem in die OP – Pläne schauen, auch wenn es mich nicht mehr interessieren müsste. Ich würde trotzdem im Supermarkt nach ihm schauen, wenn ich dort bin, hoffen ihn zu sehen und mir gleichzeitig wünschen, genau das nicht zu tun. Ich würde trotzdem abends an seiner Wohnung vorbei fahren und schauen, ob Licht brennt. Ich konnte auch aus genau dem Grund nach Deinem Tod nicht zurück in die Studienstadt, obwohl viele das damals vorgeschlagen hatten. Ich wusste, ich würde Dich überall suchen und nie wieder finden.
Also ja... - dann bin ich jetzt eben bald erstmal weg. Und ich hoffe sehr – im Moment – zumindest, dass ich irgendwann zurück kommen kann. Das macht die Sache mit der Wohnung aber sehr diffizil. Zum Einen möchte ich nicht die Wohnung her geben, die Du auch noch kanntest. Zum Anderen ist die wirklich sehr hübsch. Aber wie soll ich eine Wohnung behalten, die immer schon zu teuer war und knapp 1000 Euro Miete im Monat zusätzlich kostet bei weniger Gehalt und einem doppelten Haushalt, der dann zu führen wäre? Im Moment hoffe ich, es geht irgendwie, aber eigentlich weiß ich, dass das nicht langfristig gehen wird.
Ich habe schon mal nach Wohnungen geguckt und dieses ganze Wohnungs – Ding überfordert mich irgendwie. Du warst da wesentlich versierter mit Deinen ganzen vielen Umzügen über die Jahre und hast mir auch damals mit der Wohnung hier geholfen. Das fehlt mir im Moment sehr. Und wie ich diese Wohnung hier übergabefertig bekommen soll, das weiß ich auch noch nicht. Wahrscheinlich brauche ich dann Youtube – Tutorials, wie man Löcher in der Wand zu macht, weil ich das einfach nicht weiß und noch nie gemacht habe.
März – das war übrigens der Monat, in dem es angefangen hat, was uns am Ende durch die Finger geglitten ist. Manchmal frage ich mich, ob ich damals schon eine Vorahnung hatte. Ich glaube es nicht.
Kürzlich habe ich mal mit einem Freund gesprochen und wir sind irgendwie auf die Frage gekommen, ob das für mich etwas geändert hätte, wenn Du gestorben wärst mit dem sozialen Umfeld, das ich jetzt habe. Das war interessant, denn ich denke schon. Damals war ich erst sechs Monate hier; ich kannte Niemanden richtig gut. Es gab Niemanden, der das hätte mittragen können. Deshalb war ich ja am Ende selbst in der Psychiatrie. Ich glaube nicht, dass das irgendwie viel gebracht hat – außer, dass ich vielleicht nicht selbst sterben konnte, aber ich brauchte ja auch nur einen Ort, an dem sich irgendwer ein bisschen um die Grunddinge kümmert. Schaut, dass ich irgendwann mal schlafe, vielleicht etwas zu essen hinstellt, mal ein Ohr hat, minimale Struktur in den Tag bringt. Das sind alles Dinge, die gehen dann plötzlich nicht mehr. Ich glaube, wenn das jetzt passiert wäre, dann wäre ich hier eingebunden genug gewesen, dass das vielleicht hätte irgendwer oder reihum immer mal was anders tun können. Aber ja – das sind auch nur Spekulationen.
Und weißt Du – irgendwann war ja auch klar, dass ich aus der Studienstadt erstmal weg musste. Aus anderen Gründen, aber war ähnlich wie jetzt. Da waren zu viele Verstrickungen, hauptsächlich mit der Familie. Ich konnte erstmal nicht mehr bleiben.
Und irgendwie erinnert mich gerade sehr viel an diese Zeit. Sehr viel an Dich dann natürlich auch. Und weißt Du, ich habe mir kürzlich gedacht, Du hast mich echt gerettet damals, als wir uns kennen gelernt haben. Hast mich einfach so genommen, obwohl ich so verloren war, so wenig Plan von mir und meinem Leben hatte, so sehr in diesem Familien – Ding drin war und alles irgendwie eine große Baustelle war.
Aber ich – ich konnte Dich nicht retten. Und vielleicht ist das der Punkt, den ich nie auflösen werde. Ich konnte für Dich nicht das tun, das Du für mich getan hast. Ich wäre nicht der Mensch, der ich jetzt bin und ich wäre nicht in der Lebenssituation, die ich heute habe, wärst Du nicht gewesen. Und deshalb wünsche ich mir sehr, dass Du irgendwie mitbekommst, dass ich tapfer weiter gehe. In der Psychosomatik zu arbeiten war ja nach Deinem Tod undenkbar, aber jetzt werde ich an eine der größeren Psychosomatiken in Deutschland gehen; ich hoffe die haben was drauf und ich hoffe, ich werde irgendwann eine richtige gute Therapeutin.
Ich habe letztens irgendeinen Podcast gehört und da ging es um Studien und Klaus Grawe. Hach ich werde das einfach nie vergessen, wie wir uns gegenüber saßen, über dies und jenes geredet haben und Du Deinen Finger gehoben hast und meintest: „Mondkind Klaus Grawe hat dazu gesagt...“ Sogar den Tonfall habe ich noch im Ohr. Manchmal hast Du mir sogar irgendwelche Seiten kopiert oder per whatsApp geschickt, wenn Du es wichtig fandest. Irgendwie denke manchmal, wir hätten jetzt bald die Zeit unseres Lebens.
Nebenbei bemerkt stört es mich irgendwie, dass ich so ungebunden bin, dass ich mit Anfang 30 immer noch mit dem Finger über Landkarte gehen kann und an einen beliebingen Ort umziehen kann. Und weißt Du – da habe ich mir kürzlich wieder gedacht: Ich vermisse unsere Cafe – Dates. Ich vermisse einen Menschen, mit dem ich darüber philosophieren kann, womit und wodurch wir unsere Entscheidungen treffen. Wenn soziale Beziehungen sich doch immer ändern können, aber Möglichkeiten eben auch.
Dann kommst Du ja ganz schnell wieder bei Deinem Lieblingsthema mit horizontalen und vertikalen Beziehungen raus und wie viel Einfluss die auf unsere Entscheidungen haben sollten. Und bei meinem Lieblingsthema: Was ist zu Hause, was macht es aus, wie viel zu Hause verliere ich, wenn ich den Ort wechsle und wie baue ich das wieder auf?
Naja... - es ist lang genug geworden. Die Woche war eine Katastrophe; ich war alleine auf der Stroke, deshalb bin ich froh, dass ich überhaupt ein bisschen Zeit gefunden habe. (Und ich weiß, jetzt würdest Du Dich wieder über die Medizin aufregen).
Ach, halt einfach die Ohren steif okay? Und schau mir noch ein bisschen zu. Und irgendwann in einer anderen Welt sitzen wir wieder und trinken Kaffee. Und holen alles nach, was wir hier nicht mehr besprechen konnten.
Ganz viel Liebe in Richtung Universum
Mondkind
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