67 Monate
Mein lieber Freund,
da ist der erste Monat des neuen Jahres schon vorbei.
Er hat uns viel Schnee gebracht. Wenn ich es schon nicht geschafft habe in den Schnee zu fahren in diesem Winter, dann kam er wenigstens zu uns. Ich glaube, die Kollegen waren irgendwann super genervt von mir, weil ich mich einfach jeden Morgen so sehr gefreut habe. Klar – ich habe da auch leicht reden – ich laufe einfach auf die Arbeit. Ich kann schon nachvollziehen, dass Menschen die erst ihr Auto ausgraben müssen, da nicht so erfreut sind.
Ansonsten habe ich den Kardiochirurgen mit zu meiner Therapeutin genommen. Das war schon krass ehrlich gesagt. Für mich ist diese Ambulanz immer so ein ganz sicherer Ort, der irgendwie nur mir gehört. Keiner aus meinem Umfeld war je dort. Frau Therapeutin hat Niemanden der Menschen in meinem Leben wirklich kennen gelernt. Auch Dich nicht. Alle anderen kennt sie nur aus meinen Erzählungen.
Ob das etwas gebracht hat, kann ich noch nicht sagen. Zumindest gab es mal nicht jede Woche eine Eskalation zwischen dem Kardiochiurgen und mir – es gab erst letzte Woche mal wieder drei Tage Schweigen zwischen uns. Überhaupt ist er irgendwie etwas sprunghafter geworden. Es gibt schon Momente, in denen ich den Eindruck habe, dass er sich wirklich bemüht. Aber ein Vertrauen, dass so so bleibt und mal eher die Regel wird, habe ich jetzt auch nicht.
Es gibt mir aber auch ein bisschen Frieden. Wir haben jetzt fast alles versucht, das man irgendwie machen kann. Und ja – ich würde diesen Menschen immer noch gern in meinem Leben behalten. Aber wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Wir werden schauen, wie sich das weiter entwickelt.
Ich war erst vor ein paar Tagen bei einer Freundin aus der Psychosomatik und habe gehört, dass man sich in einem Dienst wohl intensiv Gedanken gemacht hat, wo ich denn bleibe. (Das ist schon verrückt, oder?). Und während die Einen der Meinung waren, dass ich wohl noch ein paar „innere Ambivalenzen klären“ müsste, haben andere eher behauptet, dass es äußere Umstände gibt, die ein Problem sind. Naja – ein bisschen von Beidem, oder?
Ich habe mich jetzt an einer anderen Klinik beworben und habe dort bald meine Hospitation. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt. Und klar – dann wird der nächste Monat auch von weitreichenden Entscheidungen geprägt sein. Auch hier zu bleiben wäre in Anbetracht der Möglichkeiten die ich habe, eine große Entscheidung. Keine, mit der ich erstmal viel bewegen muss, aber es bedeutet eben auch, alle anderen Möglichkeiten bewusst auszuschlagen.
Ehrlich gesagt – es gibt wenige Menschen, die sich so ehrlich und aufrichtig mit meinem Berufswunsch in der Psychosomatik auseinander gesetzt haben wie Du und es wird mir sicher sehr fehlen, in dieser Zeit einen engen Austausch zu haben.
A propos Austausch: Der Intensiv – Oberarzt hat jetzt erstmal drei Wochen Urlaub. Du kannst Dir vorstellen, wie ungünstig ich das finde, aber es ist eben auch Teil unseres Deals. Ich habe versucht vorher nochmal mit ihm zu sprechen, aber er hatte leider keine Zeit. Er ist für mich einer von „den Großen“, eine Ersatzbezugsperson, wenn er da ist und Zeit hat, aber sonst eben nicht. Und während er und seine Meinung eine relativ große Rolle in meinem Leben spielt, kann man das umgekehrt wahrscheinlich eher nicht behaupten.
Mir ist letztens nochmal bewusst geworden, wie sehr ich immer wieder auf der Suche nach Ersatzkonzepten in meinem Leben bin, als wir festgestellt haben, dass er genauso alt, wie mein Papa ist. Meine Schwester erzählt mir im Moment viel über meinen Papa. Und auch, wenn es immer ein bisschen weh tut, weil ich selbst immerhin Ende des letzten Jahres mal wieder ziemlich abserviert wurde, freue ich mich immer für meine Schwester, von der ich weiß, dass ihr das auch wichtig ist und sie viel nachzuholen hat und manchmal ist es auch für mich auf paradoxe Art irgendwie schön zu hören, dass es relativ nah neben mir Beziehungen gibt, die ähnlich derer sind, die ich mir wünsche, aber horizontal. Verstehst Du, was ich meine? Und wenn meine Schwester mir dann ständig berichtet, dass die sich zum Abendessen oder zum gemeinsamen Frühstück im neuen Haus treffen, dann fühlt es sich auch für mich manchmal ein bisschen warm an, obwohl ich nicht dabei bin. Es ist halt eine seltsame Ambivalenz. Ich würde mir wünschen auch Teil davon sein zu dürfen, aber allein die Vorstellung schafft wohl ein bisschen Frieden.
Und auch sonst findet man immer wieder Parallen in den Beziehungen. Es sind immer wieder Pendelbewegungen. Beim Kardiochiururgen und mir ist es auch so: Wenn wir mal kurz Nähe hatten, bringt einer von uns beiden relativ schnell wieder Distanz rein. Als könnten wir es nicht aushalten und als wäre es zu viel. Und gerade in dem Moment, in dem mein Papa und ich nach dem Facharzt wieder etwas in den Austausch gegangen sind, ist auch dort wieder eine massive Distanz entstanden.
„Was gut ist, kann nicht lange bleiben“, hatte der Intensiv – Oberarzt mal als eine der Leitstrukturen meines Lebens identifiziert, als wir uns noch gar nicht lange kannten. Wie Recht er damit hatte. Aber wie sehr ich dadurch auch mittlerweile gelernt habe, alles was da ist, wertzuschätzen.
Na dann... - halt mal die Öhrchen steif. Drück mir die Daumen für den Februar – der wird wirklich spannend. Und ich hoffe, ich höre was von Dir... Auch, wenn es nur ein ganz stilles Signal ist.
Liebe Grüße
Mondkind

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