70 Monate - von Urlaubsstart und den letzten Tagen

Mein lieber Freund, 
ich schreibe den Brief heute schon einen Tag eher, da ich morgen unterwegs sein werde in die Studienstadt und nicht weiß, wie viel Zeit und Lust ich am Abend noch zum Schreiben finde. (Veröffentlicht wird er freilich trotzdem erst morgen...)
Ich glaube, ich war selten in unserer alten Heimat an einem Monatstag. 

Es ist heute recht warm hier. 24 Grad zeigt das Thermometer und bei Dir war schon immer ab 25 Grad die Toleranzgrenze erreicht. Deswegen mochtest Du auch den Sommer nicht und ich habe Dein „Mondkind es ist schon wieder zu warm“, immer noch in den Ohren. 
Gestern habe ich übrigens eine richtig coole Fahrradtour gemacht. Ich wollte etwas mehr Sport machen dieses Jahr und bei diesem Weg muss man nicht groß nachdenken, sondern einfach nur fahren. Genau an der Mitte der Wegstrecke ist auch ein Supermarkt – wenn man dann abends noch einen Salat oder irgendetwas in der Richtung essen möchte, kann man sich das auch direkt mitnehmen. 

Mittlerweile geht es mir ein bisschen besser, als noch vor ein paar Wochen. Ehrlich gesagt war ich immer auf dem Stand, dass Antidepressiva bei mir überhaupt gar nicht gewirkt haben, aber mit dieser Aussage konnte ich – als ich so mehr oder weniger akut suizidal vor meinem Intensivoberarzt saß – auch nicht mehr punkten. Wir haben uns auf ein Antidpressivum geeinigt, dass ich tatsächlich nur sehr kurz genommen habe in der Vergangenheit, weil die Nebenwirkungen am Anfang schon krass sind und das ging damals in der Examenszeit nicht. Aber jetzt, nach zwei oder drei Wochen merke ich langsam, wie gut es tut die Nächte durchzuschlafen. Ich war sonst meistens ein oder zwei Nächte in der Woche komplett wach und die anderen habe ich auch nicht gut geschlafen. Und vielleicht ist es der Frühling, vielleicht der Urlaub jetzt und vielleicht ein bisschen mehr nächtliche Erholung und antidepressive Wirkung und wahrscheinlich ein bisschen vom Allem, dass ich überhaupt mal wieder den Antrieb habe mit dem Fahrrad raus zu gehen, oder mir etwas zu essen zu kochen. Das war echt ein krasses Erlebnis dieses Woche. Da stehst Du nach Deinem Spätdienst noch am Herd und schmeißt etwas in die Pfanne, weil Du Hunger hast, eigentlich nicht nur Bullshit essen möchtest und es gerade wirklich möglich ist, mal etwas zu machen. 
Und andererseits macht mich das im Nachhinein noch etwas verzweifelter, dass Leute immer meinen, man müsste in schwer depressiven Phasen „einfach mal nur machen“. Ja, wenn es so einfach wäre, würden wir das alle machen. Aber hey – wem sage ich das?

Gerade habe ich noch mit einem meiner ehemaligen Psychosomatik – Oberärzte telefoniert. Und das sind auch immer sehr bereichernde Gespräche. Unser beider Leben werden jetzt ordentlich auf den Kopf gestellt. Er tritt eine neue Stelle an, ich ja auch bald und irgendwie haben wir heute ganz viel über das Thema Chancen geredet, die ja auch in so einem Umbruch stecken. Wir sehen immer so sehr, was wir durch Änderungen verlieren, aber wir wissen und sehen dadurch ja noch gar nicht, was wir gewinnen. (Übrigens kam der schlaue Gedanke von mir). 
Und ehrlich gesagt – für mich ist materieller Luxus ziemlich uninteressant, aber was ich wirklich schätze ist, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, mich auszuprobieren. Klar frisst das irgendwie Ressourcen umzuziehen, zwei Wohnungen zu haben, im Zweifel nicht zu wissen, ob man auf der neuen Stelle bleiben kann; vielleicht wird sich da auch mal eine kurze Arbeitslosigkeit ergeben oder sonst was – aber das muss mir alles keine Angst mehr machen. Ich kann das alles finanziell abpuffern. Kannst Du Dich noch erinnern, als ich hierher umgezogen bin? Das waren wirklich so ziemlich die letzten finanziellen Ressourcen und es war auch erstmal klar, dass ich eine Weile dort bleiben und einfach Geld verdienen muss. Selbst einen Monat zwei Wohnungen parallel hätte ich mir nicht leisten können. 
Wir haben auch viel über Perfektionismus geredet und unseren Umgang damit. Vielleicht entspricht ein ständiges Ändern des Lebensweges und Ausprobieren eben nicht den perfektionistischen Ansprüchen – ich glaube, darin ist meine Schwester wirklich besser. Aber wenn ich „Fehler machen“ als zum Leben dazu gehörig betrachten kann, vielleicht sogar als Bereicherung - denn etwas lernen kann man dabei meistens -  dann wird es ja sogar interessant. Und wir haben festgestellt: Egal, ob ich auf der neuen Stelle bleibe oder nicht, aber ich lerne definitiv eine andere Klinik kennen lernen, eine neue Umgebung, neue Menschen, eine andere Arbeitsweise, die sicher meine weitere Arbeit beeinflussen wird. Und im Fachgebiet Psychosomatik hat man auch immer den Vorteil, etwas für sich selbst zu lernen. (Das finde ich überhaupt ziemlich cool: Du arbeitest, Du verdienst Geld und nebenbei darfst Du so viel über Dich selbst lernen in diesem Fachgebiet). 

Auf jeden Fall liebe ich solche Telefonate und das tut mir in all meinen Zweifeln zwischendrin richtig gut. Denn klar – wie alle so schön feststellen - „die Situation ist verzwickt“. Was am Ende eben doch bleibt, ist die permanente Suche nach einem Ort zum Bleiben, nach Familie, nach Partnerschaft. 
Und ich sag`s Dir ehrlich: Ich habe selten so eine Dualität in mir erlebt. Ich kann mich wirklich über Dinge freuen, ich freue mich auch darüber, dass dieses Grundlevel von Depressivität besser wird. Und kürzlich habe ich mal gesagt, ich habe mittlerweile zu viel erreicht, um einfach von dieser Welt zu gehen. Und gleichzeitig sind das Themen, die so weh tun, dass ich sie manchmal kaum aushalte. Und im letzten Monat hat es – noch bevor ich mit dem Oberarzt geredet habe – zwei Nächte gegeben, in denen ich nicht wusste, ob ich es schaffe. Ich konnte keine Hilfe organisieren, ich konnte Niemandem deutlich machen, wie schlimm es ist, weil der Mensch an sich ja noch funktioniert hat und niemand etwas Böses vermutet hat, aber es war schlimm. Und das ist immer noch ein starkes Pendeln zwischen den Emotionen und es ist immer noch so, dass ich mir im Gesamten nicht vorstellen kann, eine Lebensrealität schaffen zu können, in der ich glücklich werde. Aber ich verspreche jeden Tag – besonders an den Schweren – alles dafür zu tun, es zu schaffen. 

Wie schön die Welt einfach geworden ist... 

Ich sehe auch am Montag die alte Therapeutin. Ich weiß noch nicht, was von den letzten Wochen ich ihr erzählen möchte. Sie soll sich keine Sorgen machen so weit weg von mir, aber es war eben schon wirklich ernst. Und manchmal denke ich mir, mit einem Psychiater zu reden, wäre vielleicht auch nicht schlecht, gerade nach unserer hobbypsychiatermäßigen Selbstmedikation. Aber hey: Eine Neurologin und ein Anästhesist sollten es eigentlich hinkriegen, ohne kompletten Unfug zu machen, oder? Denn das Problem wäre auch, dass der Psychiater den sie da haben, Dein alter Lieblingspsychiater wäre, der Dich auch noch kennt. Und ich habe selten mit Menschen gesprochen, die Dich auch noch kennen und ich weiß nicht, ob das gut für mich wäre. 

Und gleichzeitig denke ich mir: Wirklich alleine dieses Mal in die Studienstadt zu fahren, obwohl an der Pinnwand des (Ex?)Freundes immer noch die Karte mit dem „Rheinminder“ hängt und ich so gern dem Freund die Stadt zeigen möchte, wird sicher noch härter als erwartet. Und meine Schwester, zu der ich danach fahre, arbeitet halt auch tagsüber. Es wäre so schön, wenn der Freund und ich ein paar Ausflüge machen könnten, mal wieder nur uns zwei hätten und so richtig begründet, warum er jetzt nicht mit in den Urlaub fährt, hat er ja auch nicht. Auf der einen Seite heißt es „Ich bin bei allem dabei, was Du planst“, und auf der anderen Seite kommt dann drei Tage vorher (nachdem das Hotel buchen ungefähr fünf Wochen raus geschoben wurde und ich jetzt schon ein anderes nehmen musste, weil das Hotel in dem ich immer bin, mir jetzt einfach zu teuer geworden ist) ein „Ich will nicht mit.“ Hätte ich jetzt für ihn mitgeplant, wäre ich halt auf den Kosten sitzen geblieben. 
„Wir bewegen uns halt eher in Babymäuseschritten (Lieblingswort meines Intensivoberarztes) voneinander weg und ich glaube, wenn er nicht bleiben will, muss ich wirklich mal eine zeitlang ganz weg sein“, habe ich meinen Psychosomatik – Oberarzt referiert. „Mein Gehirn versteht irgendwann, wenn Menschen so ganz weg sind, aber wenn Menschen eigentlich irgendwie da sind, aber das am Ende eben doch nicht sind und das Menschen sind, mit denen ich gern noch viel erleben würde, dann habe ich damit ein riesiges Problem und muss dann meistens selbst eine Weile gehen, bis die Situation sich beruhigt hat.“ Übrigens finde ich es so krass, dass viele Dinge von meinen psychosomatischen Kollegen mir gar nicht mehr als Schwäche ausgelegt werden. Man muss halt nur darum wissen und damit umgehen und manchmal vielleicht auch Wege gehen, die unbequem sind.

Ich werde viel an Dich denken in der Studienstadt. Das ist immer so. Und wie sehr würde ich mir wünschen, dass wir immer noch gemeinsam am Rhein stehen könnten. Und so einer der schmerzhaftesten Punkte ist, dass Du nicht mehr miterleben kannst, was aus meiner Psychosomatik – Karriere wird. Wir haben so viel darüber gesprochen, Du hast mich so sehr dort gesehen und ich würde mir einfach wünschen, dass Du das noch miterlebt hättest. Und manchmal denke ich, Du kriegst es ja sowieso mit. Spätestens, wenn der Himmel abends orange wird, dann weiß ich, Du bist da. 

Ach so: Da muss ich noch eine Geschichte über Johannes Oerding erzählen. Meine Schwester und ich waren doch auf dem Konzert. Eigentlich war mein Lied für uns immer „Unser Himmel ist derselbe.“ Irgendwie habe ich viel Trost darin gefunden, dass wir uns wenigstens noch den Himmel teilen, wenn schon nicht mehr denselben Boden. Und jetzt gibt es einen neuen Song von ihm: „Wolken.“ Ich konnte damit gar nicht so viel anfangen, aber dann hat er auf dem Konzert die Geschichte zu dem Lied erzählt und seitdem höre ich es echt gern und denke an Dich. 

Und wo wir schon bei Johannes Oerding sind: Studium und Anfang vom Job waren halt voll meine Johannes Oerding – Zeit. Und ich habe kürzlich einen alten Blogeintrag wieder gefunden vom 14. Dezember 2017. Da geht es um meinen Besuch beim Psychosomatiker an der Klinik. Kannst Du Dich erinnern? Damals hast Du mir angeboten mich zu bringen, aber ich wusste, dass es für Dich stressig nach der Arbeit werden würde und war deshalb alleine hoch zum Klinikgelände gefahren. Ich kann mich an dieses Gespräch erinnern. Ich kannte diesen Menschen nicht und er kannte mich nicht. Ich war aber tief beeindruckt von ihm, weil er es geschafft hatte, mich innerhalb von einer Stunde so nah an meine Themen zu bringen, dass ich auf der Rückfahrt nur geweint habe und dann die Bahn noch eine Panne hatte und ich es einfach nur furchtbar fand, weil ich nach Hause wollte. Wir haben dann telefoniert und Du hast mir fast ein bisschen Vorwürfe gemacht, dass ich jetzt dort alleine bin, wo Du doch hättest bei mir sein können, weil Du doch angeboten hattest mich zu begleiten, ich es aber abgelehnt hatte. Du hast mir dann gesagt, ich sollte nicht für Dich denken, das könntest Du selbst schon ganz gut. 
Retrospektiv finde ich das deswegen so interessant, weil ich damals noch gar nicht über arbeiten in der Psychosomatik nachgedacht habe, da unser Psychosomatik – Professor so ein schräger Vogel war und ich irgendwie den Eindruck hatte, dass Psychosomatik doch gar nicht greifbar ist. Und irgendwie habe ich diesen Menschen mit dem ich da gesprochen habe, nicht in meine Überlegungen mit einbezogen. Obwohl ich mir heute denke: Wenn ich mal so werde wie er und so kompetent bin, habe ich beruflich alles erreicht. Also hoffe ich, dass meine neue Klinik mich dafür ausbilden kann. Und ich habe in dem Eintrag einen Song von Johannes Oerding zitiert. „Alles brennt.“ hätte mir damals jemand gesagt, dass ich den Song über neun Jahre später mal live hören werde... 

Ach das Leben ist schon krass manchmal und so ne Glaskugel in die man schauen könnte, wäre ab und an nicht schlecht. 

Ich mache einen Punkt an der Stelle. 
Ganz viel Liebe in Richtung Universum. 
Ich denke fest an Dich. 
Mondkind

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