Nachtgedanken
Es war eine Weile still hier.
Und ist es zu großen Teilen immer noch. Wird es vielleicht noch eine Weile sein.
Ich habe viel geschrieben zwischendurch. Aber nichts war so ausformuliert, dass man es hätte bloggen können.
Der Freund und ich.
In meiner Wohnung.
Wir sitzen uns mit etwas Abstand gegenüber. Ich sitze auf meinem Hocker an der Küchentheke, die ich damals unbedingt in der Wohnung haben wollte. Er sitzt am Esstisch auf einem Stuhl.
Seit einem Monat versuchen wir irgendetwas zu klären. Weil die Beziehung immerhin auch Einfluss auf meine Entscheidung hat, wo ich bleiben will.
Was ich mir gewünscht habe, war natürlich schon, dass wir feststellen, dass wir nur unsere organisatorischen Probleme mal lösen müssen, aber an sich schon alles okay ist und wir uns vorstellen können, weiterhin zusammen zu sein und irgendwann eine Familie zu gründen.
Dass die Realität anders aussieht, wusste ich natürlich auch. „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt“, pflegte der verstorbene Freund zu sagen.
„Ich denke, wir passen einfach nicht zusammen. Unsere Ideen von Beziehung sind nicht dieselben und die letzten Monate ist das immer weiter eskaliert“, sagt er. „Wir sollten uns trennen.“
Trotzdem bleibt er danach über Nacht und kann meine Verwirrung nicht so ganz nachvollziehen. Als ich ihm – als wir schon im Bett liegen – sage, dass das für mich irgendwie nicht zusammen passt, entgegnet er ein: „Naja wir müssen uns ja nicht sofort trennen.“ Wird das jetzt eine Trennung mit Kündigungsfrist, oder wie?
Und während er nach ein paar Minuten entspannt neben mir eingeschlafen ist, fangen die Gedankenschleifen an, sich in meinem Kopf zu drehen.
Irgendwie habe ich immer gehofft, dass wir es nochmal hinkriegen werden. Nochmal gemeinsam in die Berge fahren. Unbeschwertheit erleben. Auf irgendeinem Pass stehen, einfach nur uns im Arm haben und die Natur bewundern. Und spüren, wie überwältigend Leben sein kann. „Wenn das das Leben sein kann, dann bin ich froh, dass ich es nie aufgegeben habe“, habe ich mir damals gedacht.
Und doch waren das immer nur Momentaufnahmen. Es blieb nie lange gut. Oder wurde gar nicht erst gut.
Es gibt einen kleinen Teil in mir. Der ein bisschen neugierig in die Zukunft schaut.
Vielleicht kann ich noch eine Zukunft finden, die besser zu mir passt. Mit einem Job, der besser zu mir passt. Mit Menschen, die besser zu mir passen.
Und doch bedeutet das Reset. In großen Teilen. Und Reset hat es eigentlich schon genug gegeben in den letzten Jahren.
Immer wieder verlaufen, immer gehofft, dass die Dinge doch noch gut werden und irgendwann nach viel zu langer Zeit eingesehen, dass es nicht mehr gut wird.
Dass nur eine neue Richtung vielleicht Besserung bringen kann. Vielleicht.
Ich habe mit der alten Therapeutin gesprochen.
Sie hatte nochmal eine halbe Stunde für mich. Ich habe viel über die Jahre gelernt, sagt sie. Über mich. Und über Krisenmanagement.
Und die Situation ist ja auch eine andere. Ich bin nicht mehr so mittellos wie damals.
Und all das sagt sie, weil ich ihr erkläre, dass ich natürlich meine Bedenken habe, aber dass ich es immerhin auch hier geschafft habe. Dass ich hier zur Fachärztin geworden bin, was wohl vor sechs Jahren niemand geglaubt hätte. Dass dieser Ort hier zu einem geworden ist, an dem ich menschlich und fachlich gewachsen bin. Und weil ich das natürlich nochmal schaffen kann. Ich kann mir mein Leben immer weiter zurecht bauen.
Die ersten Menschen haben schon gesagt, dass sie bleiben – auch, wenn ich gehe.
Der Intensiv – Oberarzt hat angeboten, dass wir uns weiterhin sehen können, wenn er Dienst hat und ich am Wochenende her kommen kann.
Die Psychosomatik – Oberärztin meinte auch, dass sie sich freut, wenn wir im Kontakt bleiben; egal wohin ich gehe.
Ich glaube das waren Angebote, die es damals nicht gab. Die erstmal viel Ruhe rein bringen. Ich verliere viel. Aber nicht alles.
Und gleichzeitig gibt es einen großen Teil, der da langsam in mir zusammen wächst und sich fragt, ob ich das alles wirklich weiterhin will.
Ein bisschen ist es wie mit dem Exfreund damals. Das hat sich alles nicht so ewig gezogen; wir waren ja gar nicht so lange zusammen. Aber auch da wussten wir schon vor der Trennung, dass das alles nur noch eine Frage der Zeit ist. Dass wir uns dann vier Tage vor Weihnachten trennen, war zumindest nicht mein Plan, aber grundsätzlich überraschend kam es jetzt auch nicht.
Und während ich da neben ihm liege, finde ich die Antwort auf meine Frage, warum ich noch in dieser Beziehung bleibe, obwohl wir beide wissen, dass das nicht mehr lange gut gehen wird. Weil mich die Trennung geradewegs zurück in die Suizidalität katapultieren wird. Oder, das sogar schon vorher tut.
Der Ort in der Ferne hat mir bisher noch sechseinhalb Jahre gegeben. Von denen die meisten schwer waren – entspannt hat sich das erst im Verlauf. Es gab Momente, in denen ich nochmal das Leben gespürt habe. Für die ich unglaublich dankbar bin. Es gab Menschen, die mich ein bisschen in ihre Mitte aufgenommen haben. Vielleicht keine richtigen Freunde, aber Menschen mit denen man sich doch mal verabredet hat. Am Ende war ich Teil der „Mädelsgruppe“ unserer Kollegen, die sich ab und an mal zum Kaffee oder Frühstück getroffen haben. Es gab vertikale Beziehungen, die ein bisschen Raum zum Anlehnenen gegeben haben. Und die ein bisschen den Raum für ein „was wäre wenn?“ geöffnet haben. Was wäre denn gewesen, wenn die Familie nie so auseinander gefallen wäre und man wirklich bei „den Großen“ einfach Sonntags zum Kaffee hätte vorbei schauen können? Das ist mit der ehemaligen potenziellen Bezugsperson wirklich ganz selten mal so passiert, aber richtig hat es sich auch nicht angefühlt und das hat mir auch zu verstehen gegeben, dass da Grenzen sind, die unbedingt eingehalten werden müssen und dass diese „was wäre wenn“ - Überlegungen eigentlich schöner sind.
Und ich glaube, was ich auch gelernt habe ist, dass ich alles schaffen kann am Ende. Ich kann es schaffen, mir das Leben doch noch so hinzudrehen, dass es am Ende für mich passt. Ich könnte den Facharzt für Psychsomatik machen und ich könnte dann sicher auch Oberärztin werden. Man hat mir sogar eine Oberarztstelle in einer Stadt in der Nähe in der Neuro angeboten, aber da ich ja Neuro nicht weiter machen möchte, habe ich natürlich nicht weiter nachgefragt und die nicht angenommen.
Und – reicht das nicht? Zu spüren – ich habe diese Stärke, die Dinge zu erreichen. Und bin trotzdem super müde vom Leben, weil ich ständig komplett von vorne anfangen muss. Weil Dinge eben nie so richtig gut geworden sind. Weil alle privaten Beziehungen nicht funktionieren, weil ich doch ein paar Jahre später immer wieder alleine da stehe und weiter ziehen muss, manchmal sogar örtlich, wenn es sich eben ohnehin anbietet und all das, obwohl ich mir so sehr wünsche, Teil von einem „Wir“ zu sein. Und weil vertikale Beziehungen eben immer vertikal bleiben. Weil ich am Ende eben doch diejenige bin, die zwar höflich nachfragen darf, aber die natürlich am Ende nie bestimmen kann, ob es zu einem Kontakt kommt, oder nicht. Da kann die Hütte noch so brennen, ein „Nein“ bleibt immer ein Nein in diesen Konstellationen, über das nicht diskutiert werden darf. Treffen finden in ganz engen Rahmen statt. Nur zur Arbeits- und Dienstzeit und wenn die Dienste eskalieren, dann eben nicht.
Ich bin sowohl im Privaten, als auch im Halb-Privaten nie aus dieser Rolle raus gekommen, Teil sein zu dürfen, wenn eben Zeit über ist.
Und natürlich denke ich an die Menschen um mich herum. An diesen Menschen, der da neben mir liegt und eben angekündigt hat, gehen zu wollen. An meine Schwester, die am anderen Ende des Landes wohnt und die sicher traurig wäre – aber wir sehen uns drei bis vier Mal im Jahr und auch nur dann, wenn ihr Freund und sie gerade mal Zeit haben und wenn sie spontan doch nicht können, wird man auch mal eine halbe Stunde vorher wieder ausgeladen. Ich denke an die Eltern. An meine Mum, für die ich eher als Beraterin für ihre Erkrankung zuständig bin, weil ich nun mal den entsprechenden Facharzt dafür habe. Und an meinen Dad, der das vielleicht nicht mal richtig mitkriegen würde.
Ich denk daran, dass es irgendwo im Norden des Landes diese Kaffeetrinken zum Sonntagnachmittag gibt, für deren Illusion ich vertikale Beziehungen aufrecht erhalte.
Ich denke an eben diese vertikalen Beziehungen. An diese beiden Menschen, die es gerade in meinem Leben gibt. Die von diesen Gedanken auch nichts wissen und das auch nicht dürfen. Aber die am Ende vielleicht nicht komplett überrascht davon wären. Weil sie auch diese zweifelnde Mondkind kennen. Die immer auf der Suche war. Und das Ziel nie ganz erreicht hat. Und weil sie mich unterstüzt haben, wo sie konnten. Weil das ein ständiges Grenzen ausloten und ausreizen war. Nicht zu viel, dass es für beide Seiten unangenehm wird, aber so viel, dass es als Ersatzkonzept doch so lange wie möglich tragen kann.
Es bisschen ist es, als würde man auf einer Bombe sitzen, von der man nicht weiß, wann die explodiert.
Vordergründig ist alles gut.
Die Sache mit der Psychosomatik ist immer noch nicht ganz geklärt. Der Chef hat auch über die Jahre gelernt, wie er mich anpacken muss. Ich war diese Woche nochmal bei ihm – eigentlich um ihm zu sagen, dass ich kündigen möchte. „Ich rede mit Dir Mondkind, wie mit meiner kleinen Schwester“, sagte er. „Wir sind doch alle wie Familie für Dich. Du kennst die Umgebung hier mittlerweile, Du kennst alle Kollegen in der Neuro und die anderen Fachabteilungen mittlerweile auch – das ist doch wie eine kleine Heimatstadt für Dich.“ Ja... - und trotzdem. Ich komme manchmal spät zu Entscheidungen, aber wenn sie da sind, sind sie da. Er möchte jetzt, dass sich die Psychosomatik am Standort nochmal mit mir in Verbindung setzt, aber ich glaube kaum, dass das noch etwas ändern wird.
Spätestens seitdem der Buschfunk mir mitgeteilt hat, dass ich für die Reha eingeplant war, bin ich mir mit dieser Entscheidung relativ sicher. Und obwohl ich weiß, dass Vieles vom Chef auch Berechnung ist, fühlt es sich manchmal doch gut an zu spüren, das Menschen für einen kämpfen können. Das war eben nur der völlig falsche Zusammenhang.
„Ich muss es jetzt halt irgendwie hinkriegen“, habe ich zu Frau Therapeutin gesagt. Ohne irgendetwas von all dem zu erwähnen, das mir durch den Kopf spukt. Ohne zu erwähnen, dass diese Trennung irgendwann kommen wird, dass sie alles zum Einstürzen bringen wird und dass ich nicht sicher bin, dass ich das überleben werde. Viele haben mir im Lauf der Jahre Manipulation unterstellt. Was es nie sein sollte. Es war immer echte Verzweiflung. Meiner Meinung nach. Ich wollte nie, dass dieses Thema auftaucht. Und ich würde noch eine Weile in dieser Beziehung bleiben, um das zu vermeiden. Um noch einen Sommer zu haben, obwohl das über uns schweben wird.
„Ich kann ja nicht Psychosomatikerin werden wollen und mein Leben nicht auf der Reihe haben. Das geht jetzt nicht mehr“, habe ich Frau Therapeutin erklärt. Die Zeiten, in denen Psychiatrien Orte waren, um sich wieder zusammen zu setzen, sind halt irgendwie auch vorbei.
Die „Wem kann ich etwas sagen?“ - Frage, wenn es dann wirklich knallt schwebt mir zwar auch durch den Kopf, aber ich habe da noch niemanden gefunden, ehrlich gesagt. Weil jeder der davon weiß, am Ende auch mit drin hängen wird.
Wir werden sehen, wohin sich die Welten drehen.
Leben war lange nicht mehr mit so viel Fragezeichen versehen.
Aber was immer auch passiert, ich werde dankbar sein für die Jahre, die ich noch hatte. Für alles, was ich noch erreichen konnte. Für jeden guten Moment. Für das Lebensgefühl auf dem italienischen Pass. Das sich doch nie wiederholt hat, auch wenn ich es mir sehr gewünscht habe und das in jedem Urlaub, den wir am Ende doch nicht planen konnten gehofft habe, aber das eben mal da war.
Und ich glaube, am Ende geht es sowieso nur um diese Dinge. Die eben mal da waren. Die so schön waren, dass sie sich für immer wie ein Tattoo in die Seele gebrannt haben.
Mondkind
Bildquelle: Pixabay

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