Gespräche im Dazwischen
Freitagmittag.
Vor dem Spätdienst.
Wir sitzen in seinem Büro.
„Eigentlich dachte ich, die Sache wäre jetzt mal durch, aber aus irgendwelchen Gründen ist die Personalabteilung jetzt doch mal aus dem Tee gekommen und hat mir gesagt, dass ich ab Sommer in der Psychosomatik anfangen könnte zu arbeiten“, erkläre ich. „Und jetzt geht das wieder von vorne los.“
Wir sind eine Weile still.
„Ich bin jetzt halt die Erste, die sich bewegt und das kann halt auch schief gehen. Vielleicht soll man keine Indizien für Garantien mehr suchen, sondern das einfach akzeptieren“, erkläre ich. „Meine Schwester hat mir jetzt auch schon gesagt, dass das natürlich etwas an ihrer Idee hierher zu ziehen oder eben auch nicht ändern könnte, wenn ich jetzt gehe. Aber letztendlich steht das seit zwei Jahren im Raum und da bewegt sich nichts. Ich könnte auch am selben Krankenhaus Oberärztin werden wie das, an dem sie anfangen will zu arbeiten – das hat man mir jetzt proaktiv angeboten. Letztendlich habe ich Sorge vorschnelle Entscheidungen zu treffen und diese Idee von „wir bringen die Familie wieder hier zusammen, wir gründen beide eine Familie, wir sehen unsere Kinder gemeinsam aufwachsen“ – das ist alles ein großer Wunsch, von dem ich das Gefühl habe, dass ich da wirklich etwas verliere, wenn ich jetzt gehe. Aber in der Realität – und das fällt mir tatsächlich immer wieder schwer auch so zu sehen – hat sich in den letzten zwei Jahren auch nichts in die Richtung bewegt. Außer, dass ich eben meinen Facharzt gemacht habe, der für mich Vorraussetzung vor der Familiengründung war.“
„Wenn Sie nicht gehen, wird sich nichts ändern“, postuliert mein Gegenüber.
Ich nicke langsam.
„Ich wollte das ja auch alles nochmal final mit dem Freund jetzt besprechen. Aber da habe ich wieder nur zu hören bekommen: „Ich habe Dienst, es geht nicht.“ Kumpel – ich habe auch Dienst. Man kann sich halt auch – sofern es kein 24 – Stunden – Dienst ist – nach dem Dienst noch hinsetzen und die Dinge besprechen. Ist vielleicht anstrengend, muss aber sein, wenn es definierte Deadlines gibt und man seit einem Monat nicht aus dem Tee gekommen ist. Ich will doch von ihm nur wissen, ob für ihn die Beziehung noch Sinn macht, wo er mögliche Entwicklungsperspektiven für uns sieht und was er sich vorstellen kann, was meine Fernbeziehung an unserer Situation ändert. Allein, dass man so verzweifelt sein muss, dass man denkt, dass eine Fernbeziehung noch etwas retten kann, spricht ja irgendwie Bände, aber ich hätte da echt Hoffnung. Vielleicht ziemlich realitätsferne Hoffnung wieder mal...“
Mein Gegenüber seufzt. „Frau Mondkind – ich verstehe das ja alles und ich verstehe auch ihren Wunsch nach Beziehung und einen Partner, der wirklich Nähe und Gemeinsamkeit lebt, aber wenn ich das immer so höre...“
„Er muss doch einfach nur mal mit mir reden“, sage ich.
„Man kann nicht nicht reden Frau Mondkind. Und das sollten Sie, die Psychsomatik machen möchte, doch eigentlich wissen. Sie kennen doch Paul Watzlawick, oder? „Man kann nicht nicht kommunizieren“, hat der gesagt“, referiert mein Gegenüber
„Aber es ist so anstrengend, wenn man sich immer alles interpretieren muss“, setze ich erneut an.
„Aber Sie müssen doch nichts interpretieren. Es ist ihm nicht wichtig genug, das zeigt er doch deutlich, sonst hätte man sich doch mal hingesetzt und die Freundin gefragt, was mit ihr los ist und was sie so unglücklich macht, dass sie jetzt gehen will.“
Wir sind eine Weile still. Ich weiß, dass „die Großen“ mal wieder Recht haben, aber ich wünschte, es wäre anders.
Wir kommen auf Orgakram und ich stelle fest, dass nicht mal kündigen einfach ist. „Frau Mondkind, ich würde den Chef jetzt mit ins Boot holen. Der möchte nicht so gerne vor vollendete Tatsachen gestellt werden, sondern aktiv mitgestalten. Und ich kann Ihnen garantieren, sollte das mit dem neuen Job nicht funktionieren, wird er eine fleißige Fachärztin sofort zurück nehmen, wenn Sie sich es vorher nicht mit ihm verscherzen.“
„Das hab eich grundsätzlich nicht vor“, entgegne ich. „Dieser Ort hier hat mich am Ende ja doch in einer halbwegs vernünftigen Zeit zum Facharzt gemacht; ich würde auch nie sagen, dass ich den Laden hier grundsätzlich nicht mag. Ich möchte nur einfach noch etwas anderes probieren. Aber der Chef hat mir gesagt, dass er mir nicht versprechen kann, ob ich zurück kommen kann – das hat er schon gesagt, ohne dass ich gefragt habe.“
„Ja das sagt er, aber ich bin mir sicher, sollte es dazu kommen, gibt es eine Stelle für Sie.“
Und einen Monat Pause zwischendurch zu machen, ist wohl auch nicht so einfach, weil es dann Probleme mit den Versicherungen gibt. Also dann wohl eher nicht und den Urlaub so weit es geht nach hinten schieben.
Auch Umziehen ist wieder mal Thema. Ich habe keine Ahnung, wie ich das machen soll. Ich muss ja die Wohnung streichen, die Löcher zu machen, die Lampen abhängen... ich habe das alles noch nie gemacht. „Vielleicht gucke ich mir dann ein Youtube – Tutorial an, oder so“, sage ich. „Ich bin 13 Mal umgezogen in meinem Leben Frau Mondkind – das schaffen Sie. Es finden sich immer Lösungen.
Ehrlich gesagt bin ich weiterhin nicht sicher, ob ich diese Wohnung hier aufgeben möchte. Ich liebe meine Wohnung, auch wenn sie nie so richtig fertig geworden ist. Und auch, wenn der Plan ja nie war, hier grundsätzlich für immer alleine drin zu leben. Allerdings habe ich das mal durchgerechnet und eine Zweitwohnung mit Pedelei ein Mal in der Woche würde mich in dem Fall, dass ich eine Miniwohnunung für 500 bis 600 Euro pro Monat finden würde, etwa 10 000 Euro pro Jahr kosten bei gerinerem Gehalt. „Sie werden sehen, wie sich dann Ihre Lebenssituation ändert“, meint der Oberarzt dazu. „Auf Dauer zwei Wohnungen zu haben, ist echt stressig. Aber vielleicht ergibt sich dann etwas, wenn es soweit ist.“ Oder ich verliebe mich in meine neue Wohnung und es fällt mir nicht ganz so schwer, die Alte her zu geben, denke ich still.
„Umziehen muss übrigens nicht immer so katastrophal sein, wie Sie das erlebt haben“, sagt mein Gegenüber nach einer Weile Stille. „Sie mögen generell keine Veränderungen und bei Ihnen ist dieses ganze Umzugsthema vielleicht auch noch ein bisschen mit dem Tod des Freundes verknüpft“, führt er aus.
Kann sein – darüber habe ich noch gar nicht so viel nachgedacht. Das ist übrigens auch eine Sache, die ich an ihm schätze. Dieses Thema darf einfach da sein. Das muss nicht angesprochen werden, aber wenn es einem von uns beiden gerade in den Kopf kommt, dann gibt es dafür Raum.
„Es bedeutet auch nochmal etwas loszulassen,“ denke ich laut. „Er kannte diese Wohnung auch noch – klar, er sollte ja hier einziehen. Ich habe schon darüber nachgedacht, dass ich diese Geschichte wahrscheinlich nicht mehr so aktiv mitnehmen werde. Und das ist einerseits schön und andererseits geht auch etwas verloren, das ich gern noch eine Weile bei mir gehabt hätte. Klar, er wird immer „der erste Freund“ bleiben und das allein lässt ihn glaube ich ein Leben lang bei mir. Aber die Stadt und er haben nichts miteinander zu tun. Da gibt es keine Verbindungen mehr.“
Am Ende kommen wir nochmal auf uns beide zu sprechen.
„Wir können uns weiterhin sehen“, sagt er nochmal. „Fragen Sie mich einfach, wann ich Dienst habe und dann fahren Sie halt her. Und wenn Sie hier bleiben, können wir uns natürlich auch weiterhin sehen. Wahrscheinlich ändert sich dann die nächsten drei Jahre nichts von dem, was Sie mir erzählen, aber ich höre Ihnen zu, darauf können Sie sich verlassen.“
Ich merke, dass ein „darauf können Sie sich verlassen“ in solchen Beziehungen mich nicht unbedingt überzeugt. „Ich glaube, Sie hatten selten in Ihrem Leben stabile Bindungen“, hat er kürzlich gesagt und manchmal habe ich den Eindruck er möchte genau das für mich sein. Gerade ist er wirklich ein bisschen Papi – Ersatz, wie er es selten war. Und manchmal kann das sehr viel Schönheit und Ruhe und sehr viel Schmerz nebeneinander sein.
„Melden Sie sich nächste Woche, wenn etwas ist oder Sie noch Fragen haben. Ich bin für Sie da.“
Es ist schon spät und ich muss jetzt ganz dringend rüber düsen für meinen Spätdienst.
Und abgesehen davon, dass ich wirklich froh bin, dass ich heute nochmal mit ihm gesprochen habe, weil mir einige Sachen hinsichtlich Kündigung nicht so klar waren, spüre ich ganz viel Dankbarkeit. Er ist zumindest gerade eine Konstante, auf die ich versuche mich zu verlassen. Die bleiben wird, erstmal zumindest, egal wohin mein Weg gehen wird. Und allein eine Stütze kann so viel bedeuten.
Ich wünsche mir ein Leben, das es gerade nicht gibt. Ich habe gehofft, ich werde das haben nach dem Facharzt. Und jetzt gilt es eben Weichen zu stellen. Aus allen Optionen die Beste zu suchen ohne dass man vorher weiß, welche die Beste sein kann. Ich könnte jetzt Neuro – Oberärztin werden. Ich kann auch nochmal das Assistenten – Leben anfangen. Ich könnte in eine Beziehung vertrauen, die eigentlich nie richtig funktioniert hat und in der weitere Arbeit an dieser Beziehung eher abgelehnt wird. Wäre Paartherapie eine Möglichkeit für uns, hätte ich da vielleicht mehr Hoffnung. Oder ich könnte hoffen, einen neuen Weg einzuschlagen, vielleicht in fünf Jahren mal glücklich verheiratet zu sein und zumindest mal schwanger zu sein. Vielleicht wäre das jetzt der größte Wunsch.
Mondkind
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