73 Monate

Hey mein lieber Freund, 
73 Monate. Oder auch – sechs Jahre und ein Monat. 
Etwa sechs Jahre nachdem Du gestorben bist, wird für mich hier ein Ende absehbar. Der Resturlaub ist eingetragen und die Dienste kann ich langsam rückwärts zählen. Ich habe lange vermieden, mich damit auseinander zu setzen, weil es die Dinge so real macht. Zu real. 

„Ich glaube, ich verliere hier gerade meine ganze Identität.“ Das habe ich leztens zu einem Kollegen gesagt, der mich erstmal ausgelacht hat. Und ich verstehe dieses „Die Mondkind übertreibt das wieder.“ Ja – wahrscheinlich ein bisschen. Aber wer bin ich, wenn ich nicht mehr diejenige bin, die in jeden Dienst einspringt, die Dienste kompetent absolviert, die Oberärzte eher sporadisch anruft?
An einer neuen Klinik musst Du Dir diesen Stand erst wieder erarbeiten. Da müssen die Leute erst wieder verstehen, dass Du durchaus bemüht bist, Dich ins Team zu integrieren und Du musst erstmal wieder etwas lernen, um dazu zu gehören.
Und es ist ja die Frage, ob Du Dich überhaupt so definieren möchtest, wie Du es bisher getan hast. Und wer oder was Du sonst sein willst. Ehrlich gesagt, mit großen anderen Hobbies, Freunden, Familie – verschiedene Rahmen, in denen man noch andere Rollen einnehmen könnte – war ich immer ziemlich schlecht. 

Und weißt Du – ich würde Dich gerne fragen, wie Du das gemacht hast mit Deinen ganzen Umzügen. Verliert man sich da nicht irgendwo? 

Ansonsten hat mein Dad gestern seinen 60. Geburtstag gefeiert. Meine Schwester und ihr Freund waren auch eingeladen. Und weißt Du – irgendwie habe ich mir mal gedacht: Jeder hat sein Chaos und seine Krisen. Aber irgendwie kommen auch alle Menschen um mich herum dann mal wieder zurück zu irgendeiner Baseline. Meine Schwester und ihr Freund hatten auch Stress und jetzt sitzen sie trotzdem wieder gemeinsam auf dem Geburtstag von meinem Vater. 
Mein Leben hingegen ist immer ein Pendeln zwischen Chaos und Vollchaos. Und im Chaos versuchst Du Dich dann irgendwie ein bisschen zu entspannen, weil Du weißt, dass alles ja noch schlimmer werden kann. Mein Freund und ich werden wahrscheinlich nie gemeinsam auf dem Geburtstag irgendeines Familienmitgliedes sitzen. Wenn er sich am Tag meines Umzuges von mir trennt, kann ich auch nicht behaupten, ich hätte von nichts gewusst, denn immerhin gab es die Aussage „Ich kann mir keine Fernbeziehung vorstellen.“

Und weißt Du – ich verstehe irgendwie alle Menschen, die mir jetzt vorwerfen zu wenig auf mich geschaut zu haben, zu viel im Außen gewesen zu sein, mich zu sehr in Beziehungen verstrickt zu haben, die wahrscheinlich nie getragen haben und zu sehr versucht zu haben, eine Familienanbindung zu bekommen, wo eben keine mehr zu holen ist. 
Schon irgendwie alles verloren zu haben, ohne es wirklich verloren zu haben, ist irgendwie schrecklich. 
Ich bin noch hier, aber die Zöpfe sind eigentlich längst durchgeschnitten, wenn man ehrlich ist. Man kann das noch irgendwie kaschieren, sich manchmal – wenn es zu sehr weh tut – versuchen einzureden, dass es schon noch alles gut wird. Aber dann landet man doch wieder auf dem Boden der Tatsachen. Meine Stelle auf der Arbeit ist nachbesetzt mit einer Studentin, die hier auch PJ gemacht hat. So wie ich damals. Die Fronten zwischen dem Freund und mir sind eigentlich geklärt. Und der Umzug wird immer weiter voran getrieben. 

Und weißt Du: An diesem Punkt war ich ja schon mal. Schon öfter. An dem ich rational wusste, dass es nur noch vorwärts geht. Aber das Gefühl da einfach nicht mitkam, weil es sich entgegen dieser nach Außen präsentierten Aufbruchsstimmung so sehr danach sehnt, endlich mal irgendwo bleiben zu dürfen.
Das Ding war nur: Damals hatte ich Dich und auf Dich konnte ich mich verlassen. Als ich hierher gezogen bin, hatte ich hier ja schon PJ gemacht und hatte schon Kontakte. Und einer meiner Oberärtze – nicht der vom Jetzt – war damals auch ziemlich nah dran. So nah dran, dass er der Zweite nach Dir war, dem ich vom bestandenen Examen erzählt habe. 
Jetzt gehe ich halt wirklich an einen Ort, an dem ich Niemanden kenne. Und nichts drum herum. Und weißt Du – wenn alles gut läuft, dann kann das dort vielleicht ein bisschen die „Mondkind – Ausgrabungsstätte“ werden. Ich stelle mir manchmal vor, wenn man ein Mal aus diesem Hamsterrad hier ausgestiegen ist, das alle inneren Kritiker und Forderer in einer Tour bedient, wird es vielleicht einfacher. Ich kann mir vorstellen, wenn ich irgendwann mal ein bisschen strukturiert Selbsterfahrung mache und irgendwann mal begreife, wieso ich eigentlich immer wieder in diesen Dynamiken lande und dass ich die vielleicht ja doch nicht brauche – vielleicht wird es auch dann einfacher. 

Aber bis dahin muss man erstmal kommen. 

Und weißt Du... - ich wollte noch etwas mit Dir teilen. Den Text habe ich im Lauf des Monats geschrieben und ich dachte heute wäre ein guter Tag, um ihn mir Dir zu teilen. 

***

Weißt Du – es gibt Nummern, die werde ich nie löschen. Nicht in meinem Handy und nicht in meinem Kopf. 
Und manchmal – da scrolle ich den whatsApp – Verlauf runter. Ganz weit runter. In ein Leben zurück, das nicht mehr existiert. 
Und dann finde ich Dich. Und uns. 
Und jede kleine Veränderung ist ein neuer Stich ins Herz. Zuerst war irgendwann Dein Bild weg. Und jetzt steht unter meiner letzten Frage an Dich, wie es Dir geht und wo Du bist: „Diese Person ist nicht mehr bei whatsApp. Zum erneuten Beitritt einladen“. 
Und weißt Du – manchmal rufe ich immer noch an bei Dir. „Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben“, heißt es mittlerweile. Nicht mehr Dein Anrufbeantworter. Nicht bei Dein „Hi – ich bin zur Zeit unterwegs…“ Dabei war Deine Nummer mal mein sicherster Ort. Sie war die Nummer, die ich gewählt habe, wenn ich dringend etwas  erzählen musste, wenn ich nicht mehr weiter wusste oder wenn Du mir gefehlt hast und mit Dir am Ohr war alles gleich besser. Du hast mich nie warten lassen, bei Dir musste ich mich nie fragen, ob Du morgen auch noch da bist, ob ich Dir zu viel bin.
 
Manchmal höre ich unsere alten Sprachnachrichten an. Ich bin dankbar für jede einzelne davon, weil ich Deine Stimme so niemals vergessen kann.
Irgendwann als Dein Tod mir mal in der Psychosomatik um die Ohren geflogen ist, saß ich danach bei meiner Oberärztin, die jetzt zum Glück auch nicht mehr da arbeitet. Und nachdem wir eine Weile gesprochen hatten, habe ich ihr irgendwann mal gesagt: „Man redet anders jetzt, nach all diesen Jahren darüber.“
Und dieses Gefühl habe ich auch mit unseren Nachrichten. Ich höre sie heute auf einem anderen Ohr. Und damit meine ich nicht, dass es weniger weh tut. Aber was ich immer noch suche nach all den Jahren ist ein Verständnis, warum wir so sehr aneinander gescheitert sind. Und weißt Du – heute höre ich so sehr dieses verzweifelte Bemühen füreinander da zu sein, ohne es zu können. 
Bevor ich in den Ort in der Ferme gezogen bin, war der Plan eigentlich, dass ich an den Wochenenden wieder  in die Studienstadt komme. Irgendwie hatte ich das völlig unterschätzt, was so ein Jobstart bedeutet. Es gibt so viele Nachrichten, die nach 22 Uhr abends aufgenommen wurden und die losgehen mit „Sorry, ich komme gerade erst nach Hause.“ Ich habe mich echt schwer getan mit diesem Jobstart, mit der Verantwortung, ich war den ganzen Tag so angespannt und so wenig routiniert, dass ich abends meistens ewig gebraucht habe. Und am Wochenende war ich dann zu müde, um noch mit dem Bus oder Zug durchs halbe Land zu fahren. Du hast von Deinem Job erzählt, der bis zum Jahreswechsel 2020 ziemlich ähnlich lief. Eigentlich haben wir uns nur gegenseitig ausgekotzt. 
Und ja – es gab Pläne. Wir wollten im Sommer 2020 in die Niederlanden fahren. Ich habe Dir oft gesagt „wir planen das dann mal“. Ich habe Dir nicht gesagt „vielleicht wird es mir gerade alles zu viel mit dem Job - ich freue mich sehr, dass wir im Urlaub mehr Zeit füreinander haben werden, aber vielleicht bleiben wir einfach in der Studienstadt oder im Ort in der Ferne.“ Ich hatte auch wirklich die Intention mich damit zu beschäftigen, aber ich habe es nicht geschafft und wollte Dich auch nicht enttäuschen, dabei habe ich wahrscheinlich genau das gemacht. 
So richtig Ohren und Augen für Dich hatte ich eigentlich erst wieder, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Als Du mit Beschluss in der Psychiatrie warst und ich irgendwie gemerkt habe: Hier passiert gerade etwas, das nicht gut ist.

Und weißt Du heute – da war wieder so ein Tag. Heute habe ich einfach diese Nummer wieder gewählt. Und ich weiß gar nicht was ich tun würde, wenn irgendwann wirklich mal jemand dran gehen würde.  Und es wird nie okay sein, dass Du es nicht mehr tun wirst. 
Ich weiß, Du wärst stolz auf mich und manchmal versuche ich mich daran festzuhalten. Und in einem anderen Leben werden wir Klaus Grawe lesend zusammen auf dem Sofa sitzen. Und vielleicht werde ich mich dann endlich zu Hause fühlen. 


Mondkind

Kommentare

  1. "Damals hatte ich dich und konnte mich auf dich verlassen", dieser Satz ist so stark und sat so viel. Und am Ende tut alles vielleicht genau deswegen so weh, weil du dich eben nicht auf ihn verlassen konntest. Deine "stabilste" und wichtigste Beziehung hat dir das schlimmste angetan und ist gegangen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass diese Art zu gehen die egoistischste ist. Weil man zwar sein Leid beendet, aber dieses auf jemand anderen der einen geliebt hat oder zumindest wichtig war überträgt. Vielleicht fühlt es sich für dich insgeheim deswegen noch tausendmal schlimmer an, weil du schon dein eigenes Leid hattest und die Person der du vertraut hast dir nur gutes zu wollen das Leid verdoppelt hat.... nur so ein gedanke.

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    1. Naja, das ist sicher Teil dieser Endlosschleife, in der ich seitdem bin. Ich habe Menschen erlebt, die das genau so gesehen haben. Und die das auch diesem massiven Schuldgefühl, dass ich ja immer noch habe, gegenüber gestellt haben. Und dann argumentiert haben: Guck mal, Du hast ihn doch gar nicht alleine gelassen. Er hat Dich alleine gelassen.
      Aber die Frage ist ja auch: Wo hört Verantwortung dann auch mal auf, weil man einfach so tief drin ist in seiner Verzweiflung und / oder Krankheit, dass man gar keinen Überblick mehr hat über das, was man da tut? Und da frage ich mich: Kann ich ihm das wirklich zum Vorwurf machen? Wie verzweifelt muss man sein, um das wirklich am Ende durchzuziehen? Ich kenne diese Gedanken ja auch gut, habe es aber bisher immer geschafft noch rechtzeitig im Hilfe zu bitten

      Ich weiß nicht, ob ich irgendwann mal für mich ein Konzept habe, das kongruent bleibt. Oder ob das eine der vielen Fragen bleibt, die vielleicht für immer ungeklärt bleiben.

      Aber Du hast natürlich Recht. Immer wenn ich jetzt sage: "Wir haben uns alles erzählt" oder "Wir kannten uns wirklich in- und auswendig", oder "auf ihn konnte ich mich uneingeschränkt verlassen", dann zuckt auch etwas innerlich kurz zusammen. Weil das bis zu seinem Tod so war, aber dieser dramatische Punkt eben der war, an dem das nicht mehr so war.

      Und ich glaube, was die ganze Sache bis heute in einem nicht irrelevanten Ausmaß dramatisch macht ist, dass er irgendwie ein Mensch war, den ich mir selbst ausgesucht habe, aber den Niemand aus meinem Umfeld in dieser Position akzeptiert hätte. Und es hat mir wieder dieses Gefühl gegeben, für mich und mein Leben keine guten Entscheidungen treffen zu können, was durch Kommentare aus dem unmittelbaren Umfeld wie "naja, damit muss man rechnen, wenn man sich einen psychisch kranken Partner sucht" ja nur verstärkt wurde. Ich denke so einige Schwierigkeiten mit seinem Tod haben auch gar nicht unbedingt etwas mit unserer Verbindung zu tun, sondern eben auch mit meienr Biographie.

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  2. liebe mondkind, wart ihr denn offiziell eigentlich in einer beziehung? ich glaube nicht, dass ihr das so mal beschlossen habt. und was mir auch immer wieder auffällt, wenn du von ihm schreibst: soweit ich noch weiss, gab es keine intimitäten zwischen dir & ihm - weisst du, weshalb dies so war, dass ihr keine intimitäten ausgetauscht habt? das finde ich immer wieder ein rätsel, weil wenn man jemanden liebt, will man doch automatisch mit dieser person auch intim sein... das unterscheidet meiner meinung nach eine gute freundschaft von einer beziehung...und hat nicht mal dein ex-freund den -zugegebenermassen -unverschämten satz sagte & sich fragte, ob er sich nicht deswegen umgebracht habe, weil du mit ihm nie intim warst & ihn auch nicht oral befriedigt hast...ich habe da sowas im kopf. mir ist bewusst, das ist sehr intim. du kannst mir sonst gerne auch unter "fechtkuenstlerin06" antworten und ne dm schreiben. und dann habe ich noch was, was mir auffällt. konntest du dich eigentlich je auf einen neuen freund zu 100% einlassen, der nach ihm kam? kannst du wirklich sagen, dass du dich 100% hingeben konntest...vielleicht hast du ja auch unbewusst, distanzierte partner gewählt, weil du insgeheim wusstest, du kannst dich (noch) nicht jemand neuem öffnen, da du ja irgendwo auch stark verletzt wurdest durch seine tat... und er dich noch immer in den bann zieht irgendwo & irgendwo seit ihr ja noch immer verbunden...herzliche grüsse nicole

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    1. Naja, das ist ja die Definitionsfrage, an der sich das komplette Umfeld lange aufgefhängt hat und ich habe lange geglaubt, ich muss dieses Spiel mitspielen. Natürlich kam die wortwörtliche Aussage: "Wenn Ihr nicht miteinander intim wart, dann war es keine Beziehung. Und dann war es nur ein Freund, der gestorben ist."
      Ist nur die Frage: Wo steht denn diese Definition so starr geschrieben? Wenn diese Definition gelten würde, dann wären der jeztige Freund und ich seit einem Jahr nicht mehr in einer Beziehung. Im realen Leben, in dem alle leben und atmen, fragt so etwas aber kein Mensch.
      Retrospektiv war das der verzweifelte Versuch von einer Menge Menschen sich abzugrenzen auf meine Kosten, sich nicht zu beschäftigen, das was wir zwischen uns hatten klein zu reden, um mir dann wieder klar zu machen, dass ich es übertreibe.

      Und ehrlich gesagt - ob wir miteinander intim waren oder nicht hat nichts damit zu tun, wie tief diese emotionale Bindung war, die wir miteinander hatten.

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    2. Eine Beziehung kann auch ohne körperliche Intimität mehr als eine Freundschaft sein.

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  3. Bist du richtig frei für die " Beziehung " mit dem Kardiochirugen? Weiß er wie sehr du an dem verstorben Freund hängst? Ist es ehrlich ihm gegenüber ? Versuche mehr in der Gegenwart und im Jetzt zu leben. Für mich sieht es so aus, als lebst du komplett in der Vergangenheit. Mach dich frei für das Heute!!!

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    1. Naja, der aktuelle Freund weiß wohl rein faktisch, dass es den verstorbenene Freund gegeben hat und wie er gestorben ist. Er weiß auch, dass ich die letzten Jahre regelmäßig zu den AGUS - Gruppen gegangen bin. Weder fand er das aber besonders sinnvoll, noch hat er je so richtig nachgefragt, wie es mir damit geht - auch in Bezug auf unsere Beziehung. Am Anfang hätte ich mir da schon etwas mehr Interesse und Aufmerksamkeit von ihm gewünscht was diese Thematik anbelangt, ich habe aber auch ziemlich schnell akzeptiert, dass das zwischen uns beiden eigentlich kein Thema ist. Wenn ich da Redebedarf hatte und habe, suche ich mir da eigentlich immer andere Menschen.

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  4. Aber du führst ja eigentlich eine Parallelbeziehung. Und wenn du nicht mit ihm darüber sprechen kannst scheint es ja mit dem Vertrauen bei euch nicht weit her zu sein.
    Eine Beziehung kann man doch so nicht führen, wenn der Kopf ganz woanders ist.

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