Reisetagebuch #2

Freitag. Es ist noch früh am Morgen, als die Sonne meine Nase kitzelt. Ich habe die erste Nacht in der neuen Wohnung geschlafen und ehrlich gesagt – dafür, dass ich auf einer Luftmatratze auf dem Boden geschlafen habe, hatte ich eine echt entspannte Nacht. Immerhin knapp sechs Stunden Schlaf.

Ich hatte am Tag davor einen Eiskaffee mitgebracht und eine Banane. Gestern Abend habe ich den Kühlschrank über die Nacht in Betrieb genommen. So kalt ist der jetzt nicht geworden – ich hoffe es liegt an der kurzen Laufzeit und nicht am Kühlschrank allgemein, aber ich freue mich über einen zumindest halbwegs kühlen Eiskaffee und eine Banane, die ich auf dem Balkon esse. 

Danach räume ich meine Sachen wieder zusammen. Allerdings geht genau als ich das Auto einräumen möchte ein Wolkenbruch los, weshalb ich das etwas verschiebe und mich dem Schreibseln widme. 
Gegen 11 Uhr breche ich auf in Richtung Studienstadt. Eigentlich sollte die Fahrtzeit zwei Stunden betragen und ich wollte eigentlich noch an der Uni entspannt Kaffee trinken gehen vor meinem Termin, aber leider stand ich so viel im Stau, dass daraus nichts mehr wurde. 

Also bringe ich nur noch schnell meinen Laptop, mp3 – Player und die Power – Bank in die Bibliothek, damit die nicht im Auto gegrillt und funktionsuntüchtig werden und dann muss ich auch schon zur Tagesklinik der Psychiatrie sprinten.

Als ich im Wartebereich sitze, kommt noch der Lieblingspsychiater vom verstorbenen Freund vorbei. Wir sagen uns Hallo und nicken uns wissend zu. Ich glaube wir wissen wie viel uns verbindet, ohne dass wir je so richtig miteinander darüber gesprochen haben. Ich finde es jedes Mal sehr schön ihn zu sehen, ich sag dann in Gedanken zu dem verstorbenen Freund, dass er immer noch an der Klinik arbeitet, immer noch motiviert über die Gänge springt und ich habe schon im Ohr, dass Du sagen würdest, dass manche Dinge sich eben zum Glück doch nicht ändern. 
Überhaupt bleiben meine Gedanken kurz ein bisschen am Gestern hängen. Wie viel wäre uns und mir erspart geblieben, wenn Du nicht gestorben wärst? Wie würde mein Leben heute aussehen? Wäre ich glücklich? Wären wir glücklich? 

Und dann kommt mir ein Ausschnitt eines Songs vom neuen Album von Florian Künstler in den Sinn. Und sollte er den singen, wird das nicht ohne Tränen gehen – da habe ich schon im Auto heute jedes Mal mitgeweint. Wenn man da noch ein paar Bässe drüber legt, dann werden Text und Melodie mich da komplett zerlegen, aber das ist gut so. Kollektiv gelebte Trauer kann auch etwas sehr Befreiendes sein. 

„Und ich frag' mich, wo du bist
Ich weiß es nicht
Ich weiß nur, dass ich dich vermiss'
Dass ich dich so vermiss' (oh)
Und ich frag' mich: Geht es dir genau wie mir?
Denkst du wie ich noch oft früher?
Ich würd dich so gern wiedersehen
Ich würd dich so gern wiedersehen“
 

Kurz darauf nimmt mich Frau Therapeutin mit. 
„Sie sind irgendwie immer bei extremen Wetterlagen hier“, begrüßt sie mich. „Irgendwann hatte es doch auch mal ziemlich geschneit...“ „Ja – im Januar“, entgegne ich und setze mich. Damals war der Freund mit, aber der Stuhl neben mir bleibt heute leer.

Ich hatte ihr zwischendurch zwei Mails geschrieben und sie weiß schon, dass es mir nicht so gut geht. Zwar sehe ich aktuell gar nicht so schlimm aus, weil das Mirtazapin sein Werk tut, die Gedanken irgendwann mal durch die sedierende Wirkung deckelt und ich in der Summe einfach mehr schlafe – aber ich fühle mich trotzdem nicht gut. 

Erstmal reden wir über die rein faktischen Entwicklungen seitdem ich zuletzt dort war. Ich erzähle ihr von meiner neuen Wohnung und dass der Vormieter einen der Wohungsschlüssel nicht gefunden hat und noch suchen möchte. Das findet sie wesentlich dramatischer als ich – allerdings kann man aus der Wohnung derzeit ohnehin schlecht etwas klauen. Da liegt eine Luftmatratze drin und mehr nicht. Dann habe ich das Hygrometer mal installiert und die Wohnung ist schon grenzwertig feucht. Ich möchte auf dem Rückweg nochmal dort anhalten und schauen, wie sich das bei Abwesenheit verhält und ob ich da noch weitere Maßnahmen ergreifen muss. Und klein ist sie eben auch. 
„Das hört sich für mich jetzt irgendwie gar nicht so toll an. Was haben Sie sich denn da gedacht?“, fragt sie. 
„Naja – die Wohnung musste günstig sein, nah an der Klinik und ist eine Übergangslösung, bis sich hier alles geklärt hat.“

Und dann landen wir schon ganz schnell bei der Beziehung. 
Ich spüre das Flattern in mir. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder wir bleiben bei einem „Es ist eben alles schwierig“, oder ich versuche mich das halbwegs ehrlich durch zu manövrieren, aber ohne Psychiatrie.

Ich berichte von dem Zickzack – Kurs, der es zuletzt war. Erst gab es den Kontaktabbruch am Montag, bei dem das Telefonat einfach im Gespräch zu Ende war – ob die Verbindung abgebrochen war, oder ob von seiner Seite aus Stille war ist schwer zu klären, aber zumindest ist er bei den bestimmt fünf Malen, die ich ihn danach angerufen habe einfach nicht ans Telefon gegangen und die whatsApps hat er auch nicht gelesen. Dass er dann behauptet hat, als ich wenig später bei ihm auf der Matte stand und geklingelt habe, er sei eingeschlafen, macht die Sache nicht unbedingt besser. Aber zumindest sind wir dann halt abends zusammen eingeschlafen, weil ich mich einfach bei ihm in der Wohnung eingenistet habe und er mich nicht raus geschmissen hat. Möglicherweise war es ein bewusstes Grenzen testen. Er schafft es zwar absolut nicht erreichbar zu sein, aber er duldet mich halt trotzdem. 
Allerdings haben wir uns dann am Mittwoch ohne Umarmung verabschiedet und wir werden uns wahrscheinlich sieben Tage nicht sehen. Wobei eine Resthoffnung bleibt, dass er noch hinterher kommen könnte. Das ging ja zum Konzert auch mal, dass er sich dann plötzlich doch noch und ohne Aufforderung in Bewegung gesetzt hat.

Und dann berichte ich noch, dass er jetzt der Meinung ist, dass eine Fernbeziehung für ihn nicht in Frage kommt, obwohl ich monatelang mit ihm versucht habe zu besprechen was es für uns heißen würde, wenn ich erstmal unter der Woche nicht da bin. Aber jetzt bringt er mich da echt in eine Schachmatt – Position, macht mich zur Schuldigen, wenn diese Beziehung dann nicht läuft und spielt auch noch die „Exfreundin – Karte“ aus, indem er behauptet hat, dass er damit ja schließlich schon „Erfahrung gemacht“ habe und das nicht gut geendet habe. Ja – das weiß ich schon. 
„Wer soll denn das langsam emotional noch aushalten? Ich drehe durch, meine Emotionen laufen einfach Amok“, erkläre ich. 
Zumindest runzelt sie bei der Geschichte mit der Fernbeziehung auch mal die Stirn und fragt mich, ob wir das nicht monatelang versucht hätten zu besprechen. Ja – willkommen in meinem Leben Frau Therapeutin. Ich rede mit der Wand.

Warum ich denn glaube, dass er so ist, möchte sie wissen. 
„Naja – darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht. Möglicherweise – habe ich gedacht – ist mein Nervensystem durch diese Reihe von Verlusten von wichtigen horizontalen Beziehungen langsam so im Alarmmodus, dass ich wirklich alles was nicht eindeutig sicher gebunden ist, sofort auf die ungünstigste Weise fehlinterpretiere. Vielleicht hat er manchmal einfach wirklich keine Lust auf Kontakt und ich denke sofort, er trennt sich jetzt. Und vielleicht – zweite Theorie – möchte er sich auch trennen und kann oder möchte das aber so nicht aussprechen.“
Warum er das nicht wollen könnte. 
„Naja – wir kennen uns ja jetzt auch schon ein paar Tage; bald drei Jahre. Es gibt so Vieles, das er nicht weiß. Aber dass die Dinge nicht ganz einfach waren und dass ein Beziehungsende eine emotionale Vollkatastrophe auslösen könnte, weiß er auch. Vielleicht hat er Angst davor.“

Und dann kommen wir bei der Frage an, was Trennung denn auslösen würde. „Ich weiß nicht, ob ich das emotional überleben würde“, sage ich. Gönne mir eine kurze Pause. „Ehrlich gesagt ist es ja doch schon ein paar Jahre her, dass ich das letzte Mal nicht wusste, ob ich das Ende des Sommer erlebe. Und ich weiß, wie pathologisch das ist und dass ich mich da komplett von ihm abhängig mache. Ich weiß, dass eine Trennung scheiße ist, aber Niemanden umbringt. Ich weiß das alles...“ Sie unterbricht mich. Validiert erstmal ganz viel. Ich glaube sie weiß, wie schwer mir das fällt, ihr das zu sagen. Als Jemand, der bald selbst in der Psychosomatik arbeiten möchte ist es schon ziemlich beschämend zuzugeben, mit einer Trennung überhaupt nicht zurecht zu kommen. 
Und doch ist es eben dieses Lebensthema. Ich kann mich noch erinnern, als der Freund und ich uns kennen gelernt haben, da habe ich mich gefragt, ob sich diese Höhenflüge lohnen für den Fall, der irgendwann kommen wird. Beziehungen waren nie stabil – zumindest so enge Beziehungen. Es fühlt sich fast an, als müsste man sich da in seiner Endgültigkeit für einen Lebenswurf entscheiden. Entweder den, in dem alles ruhig vor sich in plätschert, in dem ich immer alleine bleibe, weil das eben sicher ist. Oder den anderen Weg, in dem ich Schmetterlinge im Bauch erlebe, Nächte voller Nähe, einen anderen Körper spüren darf, Erlebnisse sammeln darf, die alleine nie so schön gewesen wären und Übermut im Herzen spüre – aber der eben das Leben an sich ziemlich verkürzen kann. 

Frau Therapeutin redet indes über Eskalationsstufen. Woran ich denn merken könnte, dass es brenzlig wird und dass ich dringend Hilfe brauche. „Es gibt keine Eskalationsstufen. Zumindest fühle ich die nicht. Solange wie ich das Gefühl habe, dass diese Beziehung eben so vor sich in läuft, natürlich nie stabil, das schon lange nicht mehr, tanze ich an der Klippe. Aber eben auch da immer mit der Sorge im Hintergrund, dass ein falscher Tritt mich in den Abgrund fallen lässt. Das ist an sich nicht schön, aber man überlebt es. Aber sobald sich diese Beziehung in irgendeiner Art wieder bedroht anfühlt, ist direkt Feierabend. Und dann hänge ich halt auch da drin.“ 
Sie meint, dass ich versuchen könnte, Distanz zu diesem Gefühl zu generieren. Mir klar zu machen, dass ich nicht mein Gefühl bin. Und dass diese Verknüpfung ein Beziehungsende mit dem Lebensende gleichzusetzen, halt schon ziemlich pathologisch ist. Dass Suizidgedanken am Ende eben auch nur Gedanken sind und ich nicht die Pflicht habe, die in die Tat umzusetzen. 
„Sagen Sie das meinem Hirn mal, wenn es dann eben so schlimm ist“, sage ich. 
„Schreiben Sie sich den Satz an den Spiegel im Bad – so blöd wie es klingt.“

„Wissen Sie was?“, sage ich. „Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin in meinem Leben immer wieder an diesem Punkt mit der Suizidalität – auch wenn ich schon mal dachte, dass es jetzt wirklich vorbei ist, dass das nicht mehr kommt und ich da stabil genug bin. Und irgendwie – es gab über die Jahre schon Menschen, die mir da Inszenierung unterstellt haben oder, dass ich mich wichtig machen wollte und alles dramatisiert habe. Aber wenn es so war wie es jetzt ist, dann hat es sich immer echt angefühlt. Und trotzdem habe ich langsam das Gefühl, ich soll es halt auch mal machen, wenn es schon ständig in meinem Kopf ist.“
„Frau Mondkind – ich weiß, dass Sie da auch schwierige Erfahrungen gemacht haben, aber ich persönlich habe mir nie gedacht, dass das was Sie sagen nicht dem entspricht, was Sie fühlen. Ich glaube Ihnen das. Und ich glaube auch, dass es Ihnen in diesen Situationen da sehr schlecht geht.“ Und während Sie weiter redet und mir versichert mich ernst zu nehmen denke ich mir, dass heute wohl tTag der Validierung ist. Aber irgendwie brauche ich das heute auch. Heute hier genau so zu sitzen wie schon vor 11 Jahren ist einfach hart. 

Und trotzdem – und darüber reden wir auch nochmal – ist das mit der Suizdalität eben ein lang vorgebahnter Weg, den man nicht so einfach wird verlassen können und der in schwierigen Lebenssituationen eben immer wieder ans Tageslicht kommt. „Wie alt waren Sie doch gleich nochmal, als das zum ersten Mal in Ihrem Tagebuch aufgetaucht ist. Sie hatten das doch mal gesagt...“ „Elf...“ Ich vergrabe meinen Kopf in den Händen. „Manchmal verstehe ich doch echt gar nichts. Wie kommt ein 11 – jähriges Kind darauf, nicht mehr leben zu wollen? So schlimm war das doch alles nicht; unsere Eltern haben uns nicht misshandelt oder so; nicht dass hier ein falsches Bild enteht...“ „Frau Mondkind... - Sie haben mir doch da einiges erzählt über die Jahre, an das ich Sie nochmal erinnern darf...“, legt sie los. 

„Ich entlasse Sie jetzt erstmal in den Urlaub?“ Es klingt wie eine Frage und ich weiß nicht, ob es eine sein soll. 
Ich nicke. 
„Ich weiß es ist schwer gerade. Aber vielleicht können Sie den ein bisschen genießen.“

Ich weiß nicht, ob wir uns nochmal sehen werden. Ich weiß es einfach nicht. 
„Sie können mir auch zwischendurch Mails schreiben – ich lese die, ich kann nur nicht immer ausführlich antworten.“
„Danke.“
„Nur das Thema Suizidalität – das können wir nicht per Mail besprechen. Also das geht nicht.“ 
„Schon klar – habe ich auch nie gemacht“, entgegne ich
„Das habe ich auch nicht gesagt“, meint sie. 

Das Ding ist – sie wird nicht da sein, wenn die Welten fallen. Der Kardiochirurg wird sich ja nicht gerade von mir trennen, wenn ich in der Studienstadt bin. Obwohl es ehrlich gesagt der geschickteste Schachzug von ihm wäre. Wenn es wirklich nochmal Psychiatrie werden sollte, würde ich auch am liebsten hier sein. Zum Einen kenne ich hier alles, zum anderen wissen die hier sowieso, dass ich manchmal ziemlich neben der Spur bin. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte den Lieblingspsychiater vom verstorbenen Freund als Kollegen kennel gelernt, aber wir sind ja hier nicht bei Wünsch Dir was. Aber ich möchte nicht noch einen Ort aufmachen, an dem Menschen diese kaputte Mondkind kennen lernen. Zumal es am Wohnort immer Querverbindungen gibt. Außer der ehemaligen Oberärztin in der Psychosomatik, die jetzt eine eigne Praxis hat, weiß niemand von irgendwelchen Schwierigkeiten. Und das soll auch so bleiben. Es fühlt sich besser an die Mondkind zu sein, die ihr Leben im Griff hat, die Pläne hat, die einfach unkompliziert ihr Leben lebt.

Mondkind 

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