Reisetagebuch #2
Freitag. Es ist noch früh am Morgen, als die Sonne meine Nase kitzelt. Ich habe die erste Nacht in der neuen Wohnung geschlafen und ehrlich gesagt – dafür, dass ich auf einer Luftmatratze auf dem Boden geschlafen habe, hatte ich eine echt entspannte Nacht. Immerhin knapp sechs Stunden Schlaf.
Ich hatte am Tag davor einen Eiskaffee mitgebracht und eine Banane. Gestern Abend habe ich den Kühlschrank über die Nacht in Betrieb genommen. So kalt ist der jetzt nicht geworden – ich hoffe es liegt an der kurzen Laufzeit und nicht am Kühlschrank allgemein, aber ich freue mich über einen zumindest halbwegs kühlen Eiskaffee und eine Banane, die ich auf dem Balkon esse.
Danach räume ich meine Sachen wieder zusammen. Allerdings geht genau als ich das Auto einräumen möchte ein Wolkenbruch los, weshalb ich das etwas verschiebe und mich dem Schreibseln widme.
Gegen 11 Uhr breche ich auf in Richtung Studienstadt. Eigentlich sollte die Fahrtzeit zwei Stunden betragen und ich wollte eigentlich noch an der Uni entspannt Kaffee trinken gehen vor meinem Termin, aber leider stand ich so viel im Stau, dass daraus nichts mehr wurde.
Also bringe ich nur noch schnell meinen Laptop, mp3 – Player und die Power – Bank in die Bibliothek, damit die nicht im Auto gegrillt und funktionsuntüchtig werden und dann muss ich auch schon zur Tagesklinik der Psychiatrie sprinten.
Als ich im Wartebereich sitze, kommt noch der Lieblingspsychiater vom verstorbenen Freund vorbei. Wir sagen uns Hallo und nicken uns wissend zu. Ich glaube wir wissen wie viel uns verbindet, ohne dass wir je so richtig miteinander darüber gesprochen haben. Ich finde es jedes Mal sehr schön ihn zu sehen, ich sag dann in Gedanken zu dem verstorbenen Freund, dass er immer noch an der Klinik arbeitet, immer noch motiviert über die Gänge springt und ich habe schon im Ohr, dass Du sagen würdest, dass manche Dinge sich eben zum Glück doch nicht ändern.
Überhaupt bleiben meine Gedanken kurz ein bisschen am Gestern hängen. Wie viel wäre uns und mir erspart geblieben, wenn Du nicht gestorben wärst? Wie würde mein Leben heute aussehen? Wäre ich glücklich? Wären wir glücklich?
Und dann kommt mir ein Ausschnitt eines Songs vom neuen Album von Florian Künstler in den Sinn. Und sollte er den singen, wird das nicht ohne Tränen gehen – da habe ich schon im Auto heute jedes Mal mitgeweint. Wenn man da noch ein paar Bässe drüber legt, dann werden Text und Melodie mich da komplett zerlegen, aber das ist gut so. Kollektiv gelebte Trauer kann auch etwas sehr Befreiendes sein.
„Und ich frag' mich, wo du bist
Ich weiß es nicht
Ich weiß nur, dass ich dich vermiss'
Dass ich dich so vermiss' (oh)
Und ich frag' mich: Geht es dir genau wie mir?
Denkst du wie ich noch oft früher?
Ich würd dich so gern wiedersehen
Ich würd dich so gern wiedersehen“
Kurz darauf nimmt mich Frau Therapeutin mit.
„Sie sind irgendwie immer bei extremen Wetterlagen hier“, begrüßt sie mich. „Irgendwann hatte es doch auch mal ziemlich geschneit...“ „Ja – im Januar“, entgegne ich und setze mich. Damals war der Freund mit, aber der Stuhl neben mir bleibt heute leer.
Ich hatte ihr zwischendurch zwei Mails geschrieben und sie weiß schon, dass es mir nicht so gut geht. Zwar sehe ich aktuell gar nicht so schlimm aus, weil das Mirtazapin sein Werk tut, die Gedanken irgendwann mal durch die sedierende Wirkung deckelt und ich in der Summe einfach mehr schlafe – aber ich fühle mich trotzdem nicht gut.
Erstmal reden wir über die rein faktischen Entwicklungen seitdem ich zuletzt dort war. Ich erzähle ihr von meiner neuen Wohnung und dass der Vormieter einen der Wohungsschlüssel nicht gefunden hat und noch suchen möchte. Das findet sie wesentlich dramatischer als ich – allerdings kann man aus der Wohnung derzeit ohnehin schlecht etwas klauen. Da liegt eine Luftmatratze drin und mehr nicht. Dann habe ich das Hygrometer mal installiert und die Wohnung ist schon grenzwertig feucht. Ich möchte auf dem Rückweg nochmal dort anhalten und schauen, wie sich das bei Abwesenheit verhält und ob ich da noch weitere Maßnahmen ergreifen muss. Und klein ist sie eben auch.
„Das hört sich für mich jetzt irgendwie gar nicht so toll an. Was haben Sie sich denn da gedacht?“, fragt sie.
„Naja – die Wohnung musste günstig sein, nah an der Klinik und ist eine Übergangslösung, bis sich hier alles geklärt hat.“
Und dann landen wir schon ganz schnell bei der Beziehung.
Ich spüre das Flattern in mir. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder wir bleiben bei einem „Es ist eben alles schwierig“, oder ich versuche mich das halbwegs ehrlich durch zu manövrieren, aber ohne Psychiatrie.
Ich berichte von dem Zickzack – Kurs, der es zuletzt war. Erst gab es den Kontaktabbruch am Montag, bei dem das Telefonat einfach im Gespräch zu Ende war – ob die Verbindung abgebrochen war, oder ob von seiner Seite aus Stille war ist schwer zu klären, aber zumindest ist er bei den bestimmt fünf Malen, die ich ihn danach angerufen habe einfach nicht ans Telefon gegangen und die whatsApps hat er auch nicht gelesen. Dass er dann behauptet hat, als ich wenig später bei ihm auf der Matte stand und geklingelt habe, er sei eingeschlafen, macht die Sache nicht unbedingt besser. Aber zumindest sind wir dann halt abends zusammen eingeschlafen, weil ich mich einfach bei ihm in der Wohnung eingenistet habe und er mich nicht raus geschmissen hat. Möglicherweise war es ein bewusstes Grenzen testen. Er schafft es zwar absolut nicht erreichbar zu sein, aber er duldet mich halt trotzdem.
Allerdings haben wir uns dann am Mittwoch ohne Umarmung verabschiedet und wir werden uns wahrscheinlich sieben Tage nicht sehen. Wobei eine Resthoffnung bleibt, dass er noch hinterher kommen könnte. Das ging ja zum Konzert auch mal, dass er sich dann plötzlich doch noch und ohne Aufforderung in Bewegung gesetzt hat.
Und dann berichte ich noch, dass er jetzt der Meinung ist, dass eine Fernbeziehung für ihn nicht in Frage kommt, obwohl ich monatelang mit ihm versucht habe zu besprechen was es für uns heißen würde, wenn ich erstmal unter der Woche nicht da bin. Aber jetzt bringt er mich da echt in eine Schachmatt – Position, macht mich zur Schuldigen, wenn diese Beziehung dann nicht läuft und spielt auch noch die „Exfreundin – Karte“ aus, indem er behauptet hat, dass er damit ja schließlich schon „Erfahrung gemacht“ habe und das nicht gut geendet habe. Ja – das weiß ich schon.
„Wer soll denn das langsam emotional noch aushalten? Ich drehe durch, meine Emotionen laufen einfach Amok“, erkläre ich.
Zumindest runzelt sie bei der Geschichte mit der Fernbeziehung auch mal die Stirn und fragt mich, ob wir das nicht monatelang versucht hätten zu besprechen. Ja – willkommen in meinem Leben Frau Therapeutin. Ich rede mit der Wand.
Warum ich denn glaube, dass er so ist, möchte sie wissen.
„Naja – darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht. Möglicherweise – habe ich gedacht – ist mein Nervensystem durch diese Reihe von Verlusten von wichtigen horizontalen Beziehungen langsam so im Alarmmodus, dass ich wirklich alles was nicht eindeutig sicher gebunden ist, sofort auf die ungünstigste Weise fehlinterpretiere. Vielleicht hat er manchmal einfach wirklich keine Lust auf Kontakt und ich denke sofort, er trennt sich jetzt. Und vielleicht – zweite Theorie – möchte er sich auch trennen und kann oder möchte das aber so nicht aussprechen.“
Warum er das nicht wollen könnte.
„Naja – wir kennen uns ja jetzt auch schon ein paar Tage; bald drei Jahre. Es gibt so Vieles, das er nicht weiß. Aber dass die Dinge nicht ganz einfach waren und dass ein Beziehungsende eine emotionale Vollkatastrophe auslösen könnte, weiß er auch. Vielleicht hat er Angst davor.“
Und dann kommen wir bei der Frage an, was Trennung denn auslösen würde. „Ich weiß nicht, ob ich das emotional überleben würde“, sage ich. Gönne mir eine kurze Pause. „Ehrlich gesagt ist es ja doch schon ein paar Jahre her, dass ich das letzte Mal nicht wusste, ob ich das Ende des Sommer erlebe. Und ich weiß, wie pathologisch das ist und dass ich mich da komplett von ihm abhängig mache. Ich weiß, dass eine Trennung scheiße ist, aber Niemanden umbringt. Ich weiß das alles...“ Sie unterbricht mich. Validiert erstmal ganz viel. Ich glaube sie weiß, wie schwer mir das fällt, ihr das zu sagen. Als Jemand, der bald selbst in der Psychosomatik arbeiten möchte ist es schon ziemlich beschämend zuzugeben, mit einer Trennung überhaupt nicht zurecht zu kommen.
Und doch ist es eben dieses Lebensthema. Ich kann mich noch erinnern, als der Freund und ich uns kennen gelernt haben, da habe ich mich gefragt, ob sich diese Höhenflüge lohnen für den Fall, der irgendwann kommen wird. Beziehungen waren nie stabil – zumindest so enge Beziehungen. Es fühlt sich fast an, als müsste man sich da in seiner Endgültigkeit für einen Lebenswurf entscheiden. Entweder den, in dem alles ruhig vor sich in plätschert, in dem ich immer alleine bleibe, weil das eben sicher ist. Oder den anderen Weg, in dem ich Schmetterlinge im Bauch erlebe, Nächte voller Nähe, einen anderen Körper spüren darf, Erlebnisse sammeln darf, die alleine nie so schön gewesen wären und Übermut im Herzen spüre – aber der eben das Leben an sich ziemlich verkürzen kann.
Frau Therapeutin redet indes über Eskalationsstufen. Woran ich denn merken könnte, dass es brenzlig wird und dass ich dringend Hilfe brauche. „Es gibt keine Eskalationsstufen. Zumindest fühle ich die nicht. Solange wie ich das Gefühl habe, dass diese Beziehung eben so vor sich in läuft, natürlich nie stabil, das schon lange nicht mehr, tanze ich an der Klippe. Aber eben auch da immer mit der Sorge im Hintergrund, dass ein falscher Tritt mich in den Abgrund fallen lässt. Das ist an sich nicht schön, aber man überlebt es. Aber sobald sich diese Beziehung in irgendeiner Art wieder bedroht anfühlt, ist direkt Feierabend. Und dann hänge ich halt auch da drin.“
Sie meint, dass ich versuchen könnte, Distanz zu diesem Gefühl zu generieren. Mir klar zu machen, dass ich nicht mein Gefühl bin. Und dass diese Verknüpfung ein Beziehungsende mit dem Lebensende gleichzusetzen, halt schon ziemlich pathologisch ist. Dass Suizidgedanken am Ende eben auch nur Gedanken sind und ich nicht die Pflicht habe, die in die Tat umzusetzen.
„Sagen Sie das meinem Hirn mal, wenn es dann eben so schlimm ist“, sage ich.
„Schreiben Sie sich den Satz an den Spiegel im Bad – so blöd wie es klingt.“
„Wissen Sie was?“, sage ich. „Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin in meinem Leben immer wieder an diesem Punkt mit der Suizidalität – auch wenn ich schon mal dachte, dass es jetzt wirklich vorbei ist, dass das nicht mehr kommt und ich da stabil genug bin. Und irgendwie – es gab über die Jahre schon Menschen, die mir da Inszenierung unterstellt haben oder, dass ich mich wichtig machen wollte und alles dramatisiert habe. Aber wenn es so war wie es jetzt ist, dann hat es sich immer echt angefühlt. Und trotzdem habe ich langsam das Gefühl, ich soll es halt auch mal machen, wenn es schon ständig in meinem Kopf ist.“
„Frau Mondkind – ich weiß, dass Sie da auch schwierige Erfahrungen gemacht haben, aber ich persönlich habe mir nie gedacht, dass das was Sie sagen nicht dem entspricht, was Sie fühlen. Ich glaube Ihnen das. Und ich glaube auch, dass es Ihnen in diesen Situationen da sehr schlecht geht.“ Und während Sie weiter redet und mir versichert mich ernst zu nehmen denke ich mir, dass heute wohl tTag der Validierung ist. Aber irgendwie brauche ich das heute auch. Heute hier genau so zu sitzen wie schon vor 11 Jahren ist einfach hart.
Und trotzdem – und darüber reden wir auch nochmal – ist das mit der Suizdalität eben ein lang vorgebahnter Weg, den man nicht so einfach wird verlassen können und der in schwierigen Lebenssituationen eben immer wieder ans Tageslicht kommt. „Wie alt waren Sie doch gleich nochmal, als das zum ersten Mal in Ihrem Tagebuch aufgetaucht ist. Sie hatten das doch mal gesagt...“ „Elf...“ Ich vergrabe meinen Kopf in den Händen. „Manchmal verstehe ich doch echt gar nichts. Wie kommt ein 11 – jähriges Kind darauf, nicht mehr leben zu wollen? So schlimm war das doch alles nicht; unsere Eltern haben uns nicht misshandelt oder so; nicht dass hier ein falsches Bild enteht...“ „Frau Mondkind... - Sie haben mir doch da einiges erzählt über die Jahre, an das ich Sie nochmal erinnern darf...“, legt sie los.
„Ich entlasse Sie jetzt erstmal in den Urlaub?“ Es klingt wie eine Frage und ich weiß nicht, ob es eine sein soll.
Ich nicke.
„Ich weiß es ist schwer gerade. Aber vielleicht können Sie den ein bisschen genießen.“
Ich weiß nicht, ob wir uns nochmal sehen werden. Ich weiß es einfach nicht.
„Sie können mir auch zwischendurch Mails schreiben – ich lese die, ich kann nur nicht immer ausführlich antworten.“
„Danke.“
„Nur das Thema Suizidalität – das können wir nicht per Mail besprechen. Also das geht nicht.“
„Schon klar – habe ich auch nie gemacht“, entgegne ich
„Das habe ich auch nicht gesagt“, meint sie.
Das Ding ist – sie wird nicht da sein, wenn die Welten fallen. Der Kardiochirurg wird sich ja nicht gerade von mir trennen, wenn ich in der Studienstadt bin. Obwohl es ehrlich gesagt der geschickteste Schachzug von ihm wäre. Wenn es wirklich nochmal Psychiatrie werden sollte, würde ich auch am liebsten hier sein. Zum Einen kenne ich hier alles, zum anderen wissen die hier sowieso, dass ich manchmal ziemlich neben der Spur bin. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte den Lieblingspsychiater vom verstorbenen Freund als Kollegen kennel gelernt, aber wir sind ja hier nicht bei Wünsch Dir was. Aber ich möchte nicht noch einen Ort aufmachen, an dem Menschen diese kaputte Mondkind kennen lernen. Zumal es am Wohnort immer Querverbindungen gibt. Außer der ehemaligen Oberärztin in der Psychosomatik, die jetzt eine eigne Praxis hat, weiß niemand von irgendwelchen Schwierigkeiten. Und das soll auch so bleiben. Es fühlt sich besser an die Mondkind zu sein, die ihr Leben im Griff hat, die Pläne hat, die einfach unkompliziert ihr Leben lebt.
Mondkind

Wenn ich deine Texte so lese, denke ich, das ihr schon in hat keiner wertschätzenden, tragfähigen Beziehung seid. Egal ob romantisch oder nicht. Und auch wenn es wie ein Kalenderspruch klingt macht Trennung und Abstand auch Raum für neues. Wenn du nicht glücklich bist, ist es kein guter Zustand. Ich kenne Patienten, denen es hilft zu sagen " ich probiere das jetzt ein Jahr, dann kann ich mein Leben immer noch beenden." Du hast viel vor und sehr viel bereits geschafft. Ganz viel Mut und Kraft
AntwortenLöschenEine respektvolle Beziehung bedeutet, dass zwei Menschen gut und fair miteinander umgehen – auch dann, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.
AntwortenLöschenIn einfachen Worten:
Man hört einander zu und nimmt die Gefühle des anderen ernst.
Man behandelt sich freundlich, ohne Beleidigungen, Demütigungen oder Drohungen.
Man akzeptiert Grenzen. Jeder darf „Nein“ sagen und eigene Bedürfnisse haben.
Man vertraut einander und ist ehrlich.
Man unterstützt sich gegenseitig, statt den anderen kleinzumachen.
Man löst Konflikte durch Gespräche, nicht durch Angst, Druck oder Gewalt.
Beide haben die gleichen Rechte. Niemand bestimmt allein über den anderen.
Jeder darf er selbst sein, eigene Freunde haben, Hobbys pflegen und eigene Entscheidungen treffen.
Kurz gesagt: Eine respektvolle Beziehung ist eine Beziehung, in der sich beide Menschen sicher, wertgeschätzt und ernst genommen fühlen.
Mal drüber nachdenken, ob es auf dich zutrifft.
Ich glaube, rational weiß ich das schon alles.
LöschenIch denke auch, wenn man ihn fragen würde, würde er auch sagen, dass er sich nicht wertgeschätzt fühlt. Nicht, weil ich meine das nicht zu tun, sondern weil auch er sich unverstanden und frustriert fühlt. Das hat er kürzlich mal gesagt. Das Ding ist aber, dass er mir kaum eine Chance gibt, ihn zu verstehen. Wenn ich Glück habe, kommt innerhalb von 48 Stunden – und wenn es nur simple Orga – Dinge sind – eine Antwort. Ich finde, es ist aus meiner Position heraus kaum möglich ihn zu verstehen und auf ihn einzugehen. Und irgendwie ist es hart, dass er mir auch mangelnde Kompromissbereitschaft und mangelndes Bemühen unterstellt. Würde er ein Mal sagen, wie er sich das vorstellt und was er braucht, wäre ich doch direkt dran, es umzusetzen.
Und ich glaube, das macht es auch so schwer mich aus dieser Beziehung zu lösen. Ich denke, dieser leere Raum, der in dieser Beziehung dann recht schnell generiert wurde, lässt viel Platz für Wunschvorstellungen. Und es gab halt so zusammen gepuzzelt doch immer mal ein paar gute Momente, die dann irgendwie eine Idee generieren, wie die Beziehung hätte laufen können.
Und ehrlich gesagt würde ich mir zumindest ein Mal ein klärendes Gespräch wünschen, in dem wenigstens deutlich wird, warum trotz aller meiner Bemühungen hier einfach gar nichts funktioniert. Ich habe immer Schwierigkeiten Dinge zu akzeptieren, die ich nicht verstehe und das gehört dazu.
Und zu der Sache mit dem Aufschieben... - das ist auch nicht ganz neu dieser Gedanke. Damit hat mich mein erster Psychiater schon 2017 konfrontiert. Und so sehr wie ich ihn auch geschätzt habe, für dieses „suizidieren können Sie sich auch später noch“, habe ich ihn echt gehasst, weil ich mich da so ungesehen gefühlt habe. Als hätte ich jetzt noch Zeit die Dinge großartig aufzuschieben, wenn die Not so groß ist. Heute verstehe ich den Gedanken und wende den ab und an noch an – wobei ein Jahr da ja schon grenzwertig viel ist, ich finde es schon immer gut, das auf morgen verschieben zu können – aber irgendwann ist dieses Fass dann halt auch mal voll.
Mondkind
Es ist so krass von aussen zu sehen, wie du dich immer wieder fragst, warum dein Freund so ist und wie abhängig du bist und wie wenig du dich selbst magst, dass du all dies mit dir machen und dich so behandeln lässt. Du musst dich nur mal mit Bindungsstilen auseinandersetzen. Ich sage nur unsicher-ambivalent und unsicher-desorganisiert. Ich verstehe nicht, weshalb deine Therapeutin dir nicht erklärt und es nicht anspricht, wie die Sache aussieht. Du kannst noch lange an deinem Freund herumschrauben und kannst reden, bis dein Mund taub ist. Er wird sich durch deine Predigten nicht ändern, Mondkind. Weil er es nicht kann. Weil es auch für ihn existenziell wäre, sich zu ändern. Und du bist mit ihm zusammen, weil du es willst. Also take it.
AntwortenLöschenWieso versuchst du deinen Kardiochirurgen umzudrehen wie du ihn gerne hättest? Warum klammerst du obwohl ihr offensichtlich alles andere als eine harmonische Beziehung führt? Ist es denn eine richtige Beziehung ?
AntwortenLöschenMeiner Meinung nach versuche ich ihn nicht "umzudrehen", auch wenn ich nachvollziehen kann, dass der Eindruck entsteht - wahrscheinlich auch bei ihm. Was ich mir aber zu allererst mal wünsche ist ein Gespräch darüber, was wir denn beide von Beziehung wollen, wie das Fundament einer Beziehung aussehen könnte, was uns wichtig ist, wo wir bereit wären Kompromisse zu machen. Solange wie das nicht passiert, fühlt es sich für mich irgendwie "unfertig" an.
LöschenUnd die Frage ist ja auch, was eine "richtige Beziehung" ist. Nachdem der Freund gestorben ist, durfte ich mir von allen Seiten anhören, dass das keine echte Beziehung gewesen sei - und deshalb kein Recht bestehe, so lange zu trauern. So retrospektiv würde ich aber sagen, dass ich mit ihm viel mehr Beziehung hatte als alles, was danach kam. Weil wir uns wirklich gegenseitig gesehen haben, oder das zumindest immer wieder versucht haben und eine Einizgkeit bestand, das auch zu wollen. Weil wir wirklich viel teilen konnten (okay, das wirkt retrospektiv immer blöd das zu sagen, aber es war mein Gefühl damals), füreinander da waren und es so Vieles gab, das nur zwischen uns beiden bestand.
Es ist von außen sehr schwer nachzuvollziehen, wie du dich so sehr an eine dysfunktionale und für beide Seiten (deiner Perspektive nach) unzufriedenstellenden Situation klammerst. Weil da offenbar so viel Angst vor Alleinsein ist. Und wenn du mit diesem Thema bisher in der Therapie und Coaching wenig in Kontakt gekommen bist, solltest du das mal überlegen, pb es sich lohnt da mehr hinzuschauen und vor allem Veränderungen in diesem Bereich zuzulassen. Ansonsten wird sich aus psychologischer Sicht dieses Beziehungsmuster ewig fortsetzen. Und da trägst du deinen Teil zu deinem Leid zu bei.
AntwortenLöschenIch glaube nicht, dass es dieses viel zitierte "Du kannst halt einfach nicht alleine sein" ist. Denn ich war so lange Zeiten meines Lebens alleine und ich fühle mich ja auch jetzt sehr alleine, obwohl ich in einer Beziehung bin. Ich treffe alle großen Entscheidungen am Ende allein, ich werde alleine umziehen, ich werde alleine in einer neuen Stadt sein. Ich kann das alles. Alles schon mehrfach gemacht.
LöschenDas Ding ist halt nur: Will man das mit Anfang 30 noch? Will ich ständig mein Lebenskonzpept über den Haufen werfen, wieder jemanden kennen lernen, wieder - ob ich will oder nicht - eine Perspektive entwickeln, mich wieder fragen, wie wir als kleine Familie aussehen und dann fällt mir das zwei Jahre später spätestens wieder alles zusammen. Das ist doch das Problem an der Sache und nicht das Alleinsein per se.
Und vielleicht entwickle ich in 10 Jahren die Idee, dass der Zug dann ohnehin mal abgefahren ist - bis dahin habe ich das vielleicht alles noch drei Mal durch - und vielleicht finde ich einen Weg zu akzeptieren, dass dieser riesige Wunsch, eine eigene Familie zu haben, eben keine Realität wird. Aber so lange wie ich mich davon nicht verabschiedet habe, wird jedes Zusammenfallen von diesem Konzept sich wieder anfühlen, wie ein Weltuntergang. Und das ist eben nichts, das ich alleine in der Hand habe. Wenn das Gegenüber nicht will, oder es nicht passt, dann wird daran niemand etwas ändern.
Es erscheint halt aber doch als wäre da noch etwas anderes, was dich in diesen Beziehungen hält. Weil, dass sie dich nicht erfüllen, ihr nicht das Konzept/Zukunftsperspektive von Familie und Zusammenleben teilt, ist doch schon lange klar. Das hast du immer wieder hier verschriftlicht. Aber warum bleibst du an diesem Ort, wenn er dir keine Zukunft bietet und das Jetzt sich auch nicht gut anfühlt. Es gibt viele Menschen und Männer dort draußen, die auch eine Familie gründen wollen, für die Zweisamkeit und Austausch wichtig ist. Aber du klammerst dich mit aller Kraft an Menschen, die dies nicht tun. Da ist schon die Frage warum. Was kann dann schlimmstenfalls passieren? Und nur wenn du das loslässt, was jetzt an Beziehung überhaupt da ist, kann sich auch etwas neues ergeben.
LöschenZu dem Thema Familie und Kinder: wenn du es auf den klassischen weg möchtest, dann ist das ja schon auch ein Zeitfaktor. Du bist Anfang dreißig, wenn du noch drei bis fünf Jahre warten willst, bist du den neuen Facharzt fertig hast, dann wird das irgendwann biologisch auch nicht einfacher. Es gibt natürlich hundert andere Versionen einer glücklichen Familie mit Kindern, aber nach allem was du beschreibst, ist der Kardiochirug nicht der passende Partner für irgendein Version mit Kindern. Es ist schon, dass er gut mit Kindern umgehen kann, aber er wird nicht plötzlich absprachefähig, seine Karriere hinten anstellen und dich entlasten, damit du deine Karriere durchziehen kannst, wenn da Kinder wären. Aus meiner Erfahrung als Mutter und Ärztin (ja in dieser Reihenfolge, auch wenn ich das als Studentin nie gedacht hätte, da ich immer dachte, Arbeit wäre für mich das wichtigste) geht es beim Balancieren zwischen einem fordernden Job und Familie vor allem um Zuverlässigkeit, Absprachefähigkeit und Kompromißfähigkeit des Partners. Und auch wenn es hart klingt, dein Kardiochirurg wird nicht dieser Vater oder Partner sein. Wenn ihr Kinder hättet, müsste er bereit sein, kurzfristig einen Dienst absagen zu müssen, weil das Kind krank ist, früher von der Arbeit zu kommen, weil die Kita angerufen hat. Seine Freizeit nicht im Krankenhaus zu verbringen, sondern mit einem kleinen unzufriedenen Baby, dass nicht essen und nicht schlafen will und nicht aufhört zu schreien, weil es gerade Zähne bekommt/Bauchschmerzen hat/überfordert damit ist, auf der Welt zu sein. Das ist ein 24-stunden Job, den du neben deinem 40 Wochenstundenjob machst, und da wird die ersten Jahre wenn überhaupt nur Zeit für Fallschirmspringen, Freunde, ausschlafen oder zu Hause noch in einem Fachbuch lesen sein, wenn ihr euch minutiös organisiert. "Da ist aber gerade diese spannende OP, ich komme zwei Stunde später nach Hause" ist einfach nicht möglich, gerade weil ihr BEIDE einen Job habt, der nicht sehr flexibel oder familienfreundlich ist.
AntwortenLöschenIch will auf keinen Fall sagen, dass du deinen Kinderwunsch überdenken oder hinten an stellen solltest, sondern eher das Gegenteil: Wenn du das möchtest, dann such dir jemanden, mit dem das möglich ist. Nach allem was du beschreibst, müsste dein aktueller Partner sehr sehr viel Arbeit darein stecken, seine Prioritäten und sein Leben auch nur ansatzweise kindertauglich zu bekommen - und er zeigt sehr eindeutig, dass er gerade nicht den Wunsch dazu hat. Egal ob er "vielleicht " und "eigentlich doch" sagt. Respektiere das, akzeptiere, dass es so ist und überlege, ob du mit ihm - so wie er ist - deine nähere Zukunft planen möchtest oder nicht. Es ist beides legitim, es ist auch legitim völlig, seine Karriere vor einen Familien- oder Kinderwunsch zu stellen. Aber akzeptiere, dass er das gerade tut und entscheide, ob das zu deinem Lebenskonzept jetzt und hier passt oder nicht. Und zieh die Konsequenzen daraus, bleiben und keine Familie/Kinder oder gehen. Du wirst nicht beides bekommen. Beide Entscheidungen sind fair und okay. Aber wenn du passiv bleibst und hoffst, dass sich alles irgendwie ergibt, wirst du einmal mehr enttäuscht werden. Und irgendwann ist es zu spät für eigene Kinder.
Grüße aus einem heute ruhigen Nachtdienst in der Psychiatrie. Ansonsten hätte ich keine Kapazitäten für lange Nachrichten auf dem Blog anderer Leute ;-)
LöschenDanke Dir erstmal für die langen Worte aus dem Nachtdienst...
LöschenUnd weißt Du - das Problem ist ja nicht, dass ich das so oder so ähnlich nicht schon im Umkreis besprochen hätte - das Problem ist glaube ich zunehmend, dass ich mich selbst da nicht so richtig verstehe. Klar - ich glaube in irgendeiner Hirnwindung gibt es noch die Hoffnung, dass bei ihm irgendwann die Erkenntnis kommt, dass das so alles nicht funktioniert und dass es - wenn er Familie und Kinder will, was ja laut seiner Aussage so ist - sich eben auch dran beteiligen muss. Aber ich glaube ich weiß schon, dass diese Erkenntnis nicht kommen wird und ich das sicher nicht ausprobieren werde und warte, ob die Erkenntnis dann mit dem Kind kommt. Weil wenn nicht, ist das dann ein ernsthaftes Problem. Und ich möchte schon, dass mein Kind eine Kindheit hat, auf die es gern zurück blickt.
Das Ding ist, dass ich selbst absolut keinen Plan davon habe, warum ich bin, wie ich bin und warum das so läuft. Warum ich nicht sagen kann: Okay, wenn es nicht möglich ist, mal ein vernünftiges Gespräch zu führen, dann akzeptiere ich das halt. Ich meine - nichts wäre einfacher, als sich zu trennen. Ich müsste mich einfach nur nicht mehr melden. Dann wäre das eine Sache von Tagen. Aber ich kann noch nicht verstehen, warum das nicht geht für mich und das macht mich zunehmend sauer auf mich selbst, weil mir schon bewusst ist, dass es so viel Verschwendung meiner eigenen Ressourcen ist.
Veränderung kommt nicht von alleine. Du hast es doch in der Hand dein Leben so verändern, wie es sich für dich richtig anfühlt. Niemand, aber auch wirklich Niemand wird das für dich tun. Da musst du schon selbst aktiv werden. Ansonsten bleibst du dauerhaft in deiner Opferrolle und lebst nicht das Leben was du möchtest. Ja,, man kann jetzt für alles Schuldige suchen. Das hilft dir aber nicht. Genauso wenig hilft es ständig in der Vergangenheit zu leben. Die ist vorbei!!!! Die Zukunft hast du selbst in der Hand!!Steh zu dir selbst und schießt den Kasper in den Wind!!
LöschenIch glaube herauszufinden „warum ich bin wie ich bin“ ist ein gutes Vorhaben, was aber lange Zeit und eine gute therapeutische Beziehung braucht. Wenn du bis dahin ohne im hier und jetzt aktiv zu werden wartest „ob er sich ändert“, ob ihr „redet“, es sich nicht „unfertig“ anfühlt - dann wählst du damit im Leiden zu bleiben. Und gerade hast du beruflich für dich die Entscheidung getroffen, die deinen eigenen Interessen und Bedürfnissen am nächsten kommt. Weite das mal auf die Beziehungsebene aus. Trau dich. Dinge werden sich nie fertig und gut zu Ende - jetzt kann es weitergehen anfühlen. Gerade in so einer verzwickten Beziehung. Da musst du es auch schaffen mal rein auf rationaler Ebene dir einen Ruck zu geben. Die Gefühle dazu kannst du danach bearbeiten. Du hast so viel Lebenszeit bereits auf dieses Unglücklichsein in dieser Beziehung „verschwendet“. Du hast jeden Tag, jede Minute die Wahl und Möglichkeit dich anders zu entscheiden, als bisher, als das was dich im Leiden hält. Und das kannst auch nur du tun.
LöschenIch sehe den Punkt schon...
LöschenEs ist halt schwierig. Denn wer hält mich, wenn ich dann falle? Es gibt kein sicher tragendes Konzept dafür und das ist für mich die Schwierigkeit. Aber ja ich sehe, dass ich nicht warten kann, bis die Bedingungen mal so sind, dass ich das Gefühl habe, diesen Schritt machen zu können. Denn vermutlich werden sie das nie sein...