Konzertwochenende und Wochenstart

Samstag.
Ich fahre wesentlich später los in Richtung des neuen Wohnortes, als ich das wollte.  Nachdem die Nacht irgendwie kurz war, hatte ich etwas getrödelt. In der neuen Wohnung stelle ich dann fest, dass man vielleicht nicht unbedingt eine Bleibe mieten sollte, die drei Jahre eine Abstellkammer war. Ich wollte mein Internetproblem mal lösen und habe erkannt, dass es weder einen DSL – Anschluss, noch einen Kabelanschluss dort gibt und für mobile Daten gibt es auch kaum Empfang. Das Ganze wird offensichtlich ein größeres Problem. 
Danach messe ich noch ein paar Maße aus, die wir vergessen hatten – irgendwie glaube ich, habe ich mich an einer Seite vermessen – da passt doch never ein Sofa und noch ein Schreibtisch an die Wand, aber ich muss das mal mit den Ursprungsmaßen vergleichen – und dann bin ich auch schon wieder ins Auto gesprungen und weiter gefahren. 
Während ich auf dem Weg zur Konzertlocation bin fällt mir auf, dass ich mittlerweile doch ein eingefleischtes Fangirl bin. Ich trage mein Florian – Künstler – T – shirt und auf meiner Heckscheibe ist immer noch der kleine Finger Schwur. Im Gegensatz zum Konzert in Dresden gibt es hier auch genügend Parkmöglichkeiten, was die Sache sehr entspannt. Meine Schwester trudelt kurz danach ein. 

Die Vorband ist ziemlich gut für eine Vorband. Und um kurz vor 20 Uhr legt Florian Künstler los. 
Ich bin froh, dass mein Körper diesmal halbwegs mitmacht – das letzte Mal war das nicht so der Fall. Es ist Regen gemeldet, aber als der dann da ist, ist es gar nicht schlimm. Wir sind ausgestattet mit Regenjacken und es schüttet zum Glück nicht unermüdlich. 

Diese Konzerte sind ein bisschen, als würde jemand die losen Enden dieses massivst unerfüllten Bedürfnisses nach Bindung in die Hand nehmen und kurz halten. Es wirkt besser, als jedes temporäre Anlehnen an irgendeine Person. „Weiße Haare“ und „Kleiner Finger Schwur“ erinnern irgendwie an die Zeiten, in denen Beziehung mal gut lief, schmeißen mich zurück in diesen ersten Winterurlaub oder nach Slowenien und wecken dieses Gefühl von damals nochmal auf. Vielleicht war der Crash nach Slowenien deswegen so dramatisch, weil ich das erste Mal seit langer Zeit innerlich losgelassen habe. Irgendwie habe ich in diesem Urlaub ein bisschen das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Urlaub nicht mehr wusste, welcher Wochentag war. Und irgendwie dachte ich mir damals, dass das ja der Anfang von ganz vielen gemeinsamen Urlauben und Erlebnissen ist und dass ich vielleicht aufhören kann mit jedem Tag Angst zu haben was passiert, wenn das eines Tages doch nicht mehr so sein sollte. Einerseits bin ich dankbar, das nochmal erlebt zu haben – und genau an dieses Gefühl knüpfen diese Songs an und halten das ein bisschen. Und andererseits – obwohl ich weiß, dass ich jede Sekunde dieser guten Zeiten genossen habe – gibt es eben auch die schmerzhafte Erkenntnis, dass ich da wesentlich zu früh losgelassen habe, in die Dinge vertraut habe. 

„Das alles ist passiert“ ist ein Song in dem es darum geht, was eben alles passiert ist, seitdem ein geliebter Mensch fehlt. Und irgendwie ist das einer dieser Songs über Trauer, der nicht schwer ist. Wenn Florian Künstler zwischen den Bässen „ich würd Dich so gern wiedersehen“ schmettert, dann kann man das laut mitsingen und den ganzen Schmerz und die Verzweiflung darüber zwischen den Bässen versenken und irgendwie fühlt sich das trotz allem gut an. Weil es dieser Traurigkeit, die sowieso immer noch da ist Raum gibt, ohne zu schwer zu sein. 

Dann gibt es noch einen unveröffentlichten Song, von dem ich nicht mal weiß, wie der heißen wird, aber ich kann ihn schon mitsingen. „Du fragst was ist, wenn ich fall. Ich sag was ist, wenn Du fliegst?“. Vielleicht einer der Songs, die nochmal Hoffnung geben. 

Ich habe die Verbindung zur Musik ein bisschen verloren zwischendurch – ich konnte mich auch gar nicht mehr im Takt mitbewegen, aber ich habe mich dann intensiv bemüht zurück zu finden und es hat dann auch geklappt. Und dann waren wir noch bei der Autogrammstunde. „Tausend Rakten“ kommt bei der Frühjahrstour hat er mir erklärt, nachdem er meine Schwester und mich mit „Ach Ihr schon wieder“ begrüßt hat. 
Und irgendwie – man kennt diesen Typen privat natürlich nicht, obwohl ich mal postulieren würde, dass er eine Tiefe hat, die wenige Männer und wenige Menschen haben; ansonsten kämen solche Texte nicht zu Stande – und er kennt mich nicht. Und trotzdem entsteht da für den Abend ein Gefühl davon, gehört und verstanden worden zu sein. 


***

Sonntagmorgen. 
Meine Luftmatratze – die aber ehrlich gesagt schon mindestens 25 Jahre alt ist – hat die Nacht nicht durchgehalten und ich bin nach ein paar Stunden auf meinem Beckenknochen liegend aufgewacht. 
„Es hat so Vibes von Fahrten zum Onkel“, merkt meine Schwester an, als ich die restliche Luft ablasse und die Matratze wieder zusammen rolle. „Naja, wir hatten sie da ja auch immer dabei“, entgegne ich. 
Ich bin kurz still und rechne ein bisschen. „Guck mal – als Mama so alt war wie wir jetzt, da gab es diese regelmäßigen Fahrten zum Onkel noch.“ „Ja, stimmt.“ 

Ich war immer gern da – allerdings wurden die Besuche nach der Trennung der Eltern eingestellt. Wir haben uns danach nur noch eins, zwei Mal gesehen, was ich echt schade fand. Ich mochte diese Familie gern. Aber bei der Trennung der Eltern verliert man eben nicht nur Eltern. Sondern auch Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins. 
Aber gerade denke ich darüber nach, dass hier etwas in meinem Leben passiert, das mit Mitte 20 wahrscheinlich kein großes Problem ist. Fertig mit dem Studium  - da zieht es einen eben schon mal raus in die Welt. Aber mit Mitte 30 hatte ich mir mein Leben irgendwie anders vorgestellt. 

Sonntagabend. 
Der Kardiochirurg hat Rufdienst und eigentlich würde ich mit ihm gern ein paar Sachen klären. Ich rufe ihn an, aber schon nach einer Minute schmeißt er mich aus der Leitung, weil er ja Rufdienst hat und angeblich auf die Arbeit muss. Diese Rufdienste laden nicht das erste Mal zum Missbrauch ein. Es hat mehrere Fälle gegeben, in denen er meinte zu irgendeiner OP zu müssen und bei denen ich am Ende raus gefunden habe, dass keine OP statt gefunden hat. 
Es war schon sehr verdächtig, aber Montagmorgen hat es sich dann mal wieder bestätigt.

***
Montag. 
Am Abend bin ich nochmal mit dem Rad unterwegs. Ich habe so viel zu organisieren, dass ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. 

Und irgendwie wandern meine Gedanken auch ein bisschen in der Gegend herum. Ende August 2025 war ich nach dem Facharzt in Studienstadt. Ich war mit einem Kumpel zu später Stunde noch unterwegs in dieser lauen Sommernacht und irgendwie ziemlich euphorisch in Anbetracht dessen, was nun möglich schien. Endlich ist diese Selbstkasteiung beendet, endlich gibt es wieder Zeit für Freizeit, Zeit mit dem Freund, Urlaube und vielleicht auch eine vorsichtige Zukunftsplanung. Und irgendwann standen wir an der Bahnhaltestelle und ich habe verlauten lassen: „Ich habe mittlerweile zu viel erreicht, um zu sterben.“ (Wir hatten uns in der Psychiatrie kennen gelernt, deshalb kann ich das bei ihm sagen). Und auch, wenn ich mich in dem Moment schon gefragt habe, ob das nicht ein bisschen große Worte sind, hat es sich auch so befreiend angefühlt. Einfach mal mit jeder Faser dieses Leben zu wollen. 

Tja... - hätte ich mal gewusst, wie anders die Situation ein Jahr später aussieht. 
Ich weiß nicht, wann es sich das letzte Mal so sehr fragil angefühlt hat. So sehr nach Roulette spielen. Wenn die Grenzen jetzt schon in dem Ausmaß erreicht sind – wie soll das werden, wenn ich nicht mehr arbeiten gehe? Wenn ich nichts mehr finde, warum ich gerade hier sein muss? Mich nicht damit beschäftigen muss, wer dann meine Dienste macht, wenn ich es nicht mache?
Und ich sehe den Punkt mittlerweile schon deutlich klarer als früher. Ich weiß, dass ich nicht wirklich sterben möchte, sondern nur absolut perspektivlos bin und wahrscheinlich nicht mal das. Denn eine berufliche Perspektive habe ich ja. Aber das zählt so wenig, wenn die Seele sich permanent anfühlt, als würde sie in einem zerreißen. Und ich weiß, es würde Menschen geben, die betroffen wären. Für die das nicht einfach wäre. Die ich zwar so gut ich kann aus der Schusslinie bugsieren sollte, aber das wird nicht ausreichen. 

Und dennoch bricht dieser Umzug in die neue Stadt alle Illusionen, die hier bestanden haben. Auf der Arbeit – das hat eine Ordnung. Die meisten, die kurz vor mir gekommen sind, haben auch ihren Facharzt kurz vor mir gemacht. Kurz danach sind sie Oberärzte geworden – oder auch nicht, je nachdem – und dann haben sie eine Familie gegründet. Aber diese Idee „erst Facharzt, dann Familie“ haben einige, wenn auch nicht alle, verfolgt. 
Und irgendwie dachte ich mir immer: Ich bin schon auch noch dran. 
Turns out: Ich bin nicht mehr dran. Ich gehe einen ganz eigenen Weg und einen, den ich schon so oft gegangen bin. Ich packe wieder meine Koffer. Und ja – ich kann das. Ich hab das schon so oft gemacht. Und wenn das alles nicht klappt und ich erstmal auf dem Boden schlafe, keine neue Lampe in der Wohnung habe und an meine Wand gelehnt auf dem Boden sitze und im Schneidersitz aus einer Schale abends einen Salat verputze – das ist nicht tragisch. Alles schon viel schlimmer gehabt. Es hat Zeiten gegeben, da hatte ich nicht mal sicher ein Dach über dem Kopf. 
Aber was meine Psyche nicht mehr packt, ist dieses Nomadenleben. Nie zur Ruhe kommen, nie ankommen, nie ein Umfeld haben, in dem man bleiben kann. In der Psychiatrie und auch in der Therapie war das immer wieder Thema und man hat mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass ich doch noch so jung sei und dass das Leben da eben einfach so ist und ich schon irgendwann noch ankommen werde. Und meistens konnte man die Rebellion in mir dann irgendwann einfangen, ich konnte einlenken und darauf vertrauen, dass „die Großen“ sicher Recht haben. Im Moment fühlt es sich nur an, als hätten „die Großen“ nicht Recht. 

„Vielleicht gibt es am Ende doch Menschen, die fallen durchs Raster“, habe ich kürzlich beim Oberarzt gesagt. 
So sehr man sich das auch anders gewünscht hätte. 
Und ich meine, ich habe wirklich hart gekämpft. Das hätte schon vor dem Abi alles zu Ende sein können, aber irgendwie habe ich es geschafft bis jetzt. Ich hatte das nicht so auf dem Schirm, dass der Facharzt auch ein Wendepunkt in diese Richtung sein könnte. Vielleicht wollte ich darüber auch nicht nachdenken. Vielleicht wollte ich hoffen, dass jetzt mal endlich alles gut wird und das hätte es ja auch werden können. 

Und ich bin noch angebunden. Mein Oberarzt und ich sehen sich ständig, wir evaluieren immer wieder, ob das hier noch geht oder nicht. Aber was ich dann mache, wenn ich alleine zurecht kommen soll, weiß ich noch nicht. 

Mondkind

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