75 Monate - Ein Neubeginn
Mein lieber Freund,
Wow – was war das für ein Monat? Irgendwo zwischen Abschied und Neubeginn. Räumlich, beruflich und emotional.
Ehrlich gesagt kann ich es mir kaum vorstellen, dass mein letzter Tag in der Neurologie erst einen halben Monat her ist. Es ist so viel passiert in der Zwischenzeit, dass es mir schon viel länger her vorkommt. Meine Schlüssel habe ich erst im so ziemlich letztmöglichen Moment abgegeben. Irgendwie war das echt eine große Überwindung einen Ort, der auch ein Stück zu Hause war zu einem Platz zu machen, an dem ich nur noch Gast bin.
Und natürlich vermisse ich einige Menschen. Meine Kollegen, mit denen ich mir das Arztzimmer geteilt habe, meinen SU – Oberarzt mit seinen zynischen Sprüchen und natürlich meinen Intensiv – Oberarzt. Und am Ende hat man eben doch weniger Kontakt, als man hofft. Ich hatte auch gar keine Zeit die letzten zwei Wochen.
Die zweite Hälfte des Monats war ich mit Umzug beschäftigt. Wobei „Umzug“ an der Stelle eigentlich falsch ist; eher mit Aufbau meiner Zweitwohnung. Und man merkt schon, dass die Ideen und zur Verfügung stehenden Mittel diesmal andere sind. Ich war wirklich in fast jedem Möbelhaus in der Umgebung und habe auch viel im Internet geschaut. Ich wollte unbedingt Stühle mit Teddybezug, weil die sowohl Ess- als auch Schreibtischstühle sein sollten und das war für mich ein guter Kompromiss. Da die Einbauschränke schon holzfarben sind, wollte ich unbedingt, dass sämtliche Tisch- und Stuhlbeine, sowie Lampen schwarz sind und die Tische eher in einem dunklen Braun, die Stühle mit hellem Bezug und das Sofa in einem hellen grau. Und es ist genau so geworden.
Es fehlt noch eine Menge Deko. Es sollen noch Pflanzen auf mein Raumteilerregal – auch holzfarben mit schwarzen Rahmen, ich brauche noch eine einheitliche Farbe auf meinem Sofa – vielleicht eine Decke – und meinem Vorhang, der das Bett vom Raum abtrennt. Und ich brauche Bilder an der Wand. Ich wollte aber irgendwelche Bilder, die etwas mit Psychologie zu tun haben und trotzdem Kunst sind. Genau weiß ich es auch nicht. Und ehrlich gesagt warte ich damit auch noch ein bisschen, denn mein Konto hat echt geweint und wird das auch nächste Woche nochmal tun, wo endlich das Bett kommt.
Ich war auch viel mit Dir beschäftigt. In einer langen Nacht habe ich mal ein paar Mails zwischen uns gelesen und habe heraus gefunden, dass ich in diesen Tagen, in denen keiner wusste was mit Dir ist doch Deine Adresse hatte. Ich wusste das nur nicht, weil ich diese eine Mail nicht bis zum Ende gelesen hatte.
Das hat ziemlich viel Krise ausgelöst und mich in einen Strudel aus Schuldgefühlen gebracht. Zum Glück war Frau Therapeutin da, die ganz viel validieren konnte und mit der ich das nochmal besprechen konnte. Und natürlich heißt das auch nicht, dass dadurch alles gut wird, aber es hat geholfen nochmal darüber sprechen zu können und es ein bisschen einordnen zu können.
Und trotzdem bleibt eben die Frage: Was hast Du Dir gedacht? Hattest Du das überhaupt auf dem Schirm, dass ich sehr sicher wissen könnte, wo Du bist? Wolltest Du, dass ich vorbei komme und Dich rette? Oder hast Du das zumindest gehofft? Was hast Du Dir dabei gedacht, das Handy auszuschalten und einen direkten Kontakt damit erstmal ziemlich unmöglich zu machen? Vielleicht war das auch das Signal „lasst mich alleine?“
Und weißt Du – ich hätte es trotzdem gefeiert, wenn Du meinen endgültigen Wechsel in die Psychosomatik noch miterlebt hättest.
Am Morgen, als ich auf dem Weg zum ersten Arbeitstag war, ist mir auf dem Weg zur Klinik, der wirklich nur ein paar Minuten an der Straße entlang führt, ein Auto mit dem Kennzeichen Deiner Heimatstadt und der Stadt, in der Du jetzt beerdigt bist, entgegen gekommen. Und irgendwie dachte ich sofort: „Du würdest mich auch am Ende der Welt finden, wenn es sein müsste und sicher sitzt Du irgendwo da oben und wünschst mir auch einen guten Start.“
Der Start an sich war allerdings etwas holprig. Die wirkten erstmal gut vorbereitet – hatten direkt einen Zettel mit Passworten und auch ein Büro für mich. Das Problem war nur, dass sich niemand die Mühe gemacht hatte, das Büro zu putzen – und wir reden da nicht von einem kleinen bisschen Staub. Darüber hinaus waren all die Programme die ich brauchte, einfach nicht auf dem PC installiert. Auch ein Telefon gab es noch nicht für mich. Also blieb mir erstmal nichts anderes übrig, als mich an den Rockzipfel meiner Kollegin zu hängen und mein Büro zu putzen.
Ehrlich gesagt, Admin – Schwierigkeiten gibt es eigentlich fast immer beim Start. Auch, wenn der Chef gestern nochmal betont hat, dass das eigentlich nicht deren Standards entspricht. (Na hoffe ich...).
Was mich schon mehr stört ist, dass mein Chef (es gibt zwei und ich bin eben einem zugeordnet) jetzt meinte, dass ich erstmal bis auf Weiteres nur medizinische Stationsarbeit mache und dann irgendwann in die psychotherapeutische Versorgung nachrücken kann. Puh... - also ich meine, ich hätte das extra besprochen im Bewerbungsgespräch. Mein Ziel ist es ja nicht gewesen, ein halber Hausarzt in der Psychsomatik zu werden. Das hat mich dann Donnerstag doch etwas desillusioniert. Die Kollegin, die mir schon in der Hospitation erzählt hatte, dass sie mit Psychotherapie anfangen darf fängt jetzt erst an – und sie war damals schon sechs Monate im Job – und in der Zwischenzeit ist auch noch jemand neu eingestellt worden.
Gestern im Gespräch mit dem anderen Chef im Rahmen der Einführung – der mit dem ich auch mein Bewerbungsgespräch hatte – wurde das Ganze dann dezent relativiert. Ich hatte ihn gefragt, wie das mit dem Curriculum läuft und ob das mit der Frequenz in der es abgehalten wird überhaupt möglich ist, in drei Jahren den Facharzt zu machen. Er meinte grundsätzlich schon; das sei in drei Jahren durch, wenn man an allen Terminen teilnimmt – dann müsse ich halt meinen Urlaub etwas anpassen – aber das an dem es fast immer hakt, um pünktlich den Facharzt zu machen, sei der psychotherapeutische Teil. Er meinte dann auch sofort, dass er schon gehört habe, dass ich jetzt erstmal Stationsarbeit machen solle – wobei man natürlich bedenken müsse, dass ich in der Ausbildung ein gutes Stück nach vorne rücke, weil ich mir ja zwei Jahre anrechnen lassen kann und ich rein rechnerisch ja schon im dritten Jahr sei. Es würde die Strategie fahren neben der ärztlichen Tätigkeit sich in so viele psychotherapeutische Interventionen wie möglich – sei das jetzt Gruppe oder Einzel – mit rein zu setzen, um halt etwas zu lernen, um zu signalisieren, dass ich da wirklich Interesse habe und auch um deutlich zu machen, dass meine Stationsarbeit nicht leidet, auch wenn ich mich mit anderen Dingen beschäftige. Und dann sollte es ab Ende des Jahres / Anfang nächsten Jahres vielleicht soweit sein, dass ich eine Gruppe machen darf und einen Patienten betreuen darf.
Mal sehen – die Kollegin mit der ich in der Hospitation unterwegs war, macht die ACT – Gruppe. Das finde ich sowieso super spannend und sicher erlaubt sie mir, dass ich mich mit rein setze. Das ist auch ziemlich modularisiert und da komme ich sicher gut mit, wenn ich mir das Material anschaue. Das wäre jetzt mal so meine erste Idee.
Ansonsten bin ich sehr auf nächste Woche gespannt – Montag soll ich die Chefarztvisite machen, weil die Kollegin auf Fortbildung ist. Naja – ohne Zugänge bis jetzt wird das ziemlich witzig... nicht.
Aber weißt Du – Du wirst da über die Jahre echt entspannter irgendwie. Ich kann ja nichts dazu. Ich werde mich bemühen; vielleicht kann ich Montagmorgen an den Zugang der Kollegin, wenn sie ihn nicht braucht und wenn es nicht klappt, dann klappt es nicht. Ich kann nichts für deren Chaos.
Da ich Freitagnachmittag dann sowieso nichts mehr machen konnte, durfte ich mit zur Balintgruppe gehen. Ich kam nach dem Gespräch mit dem Chef halt erstmal eine Stunde zu spät, was mir super unangenehm war, aber ich hatte die Kollegin schon gebeten, Bescheid zu sagen und die haben dann gar nicht viel gesagt. Mir nur freundlich zugenickt und einen Platz zugewiesen. Es war dann auch relativ schnell Pause; da habe ich mich dann bei denen, die ich nicht kann vorgestellt und danach ging es eigentlich echt entspannt weiter und ich konnte sogar ein paar Gedanken einbringen. Ich kenne den Leiter noch nicht; der wirkt aber auf mich so, als würde er auch ein bisschen tiefenpsychologsich denken; das fand ich sehr sympathisch.
Übrigens habe ich in den letzten Tagen auch wieder heraus gefunden, wie klein die Welt ist und insbesondere auch unsere Mediziner – Bubble. Der Balintgruppenleiter hat mich in der Pause ein bisschen ausgefragt, wo ich her komme und was meine Ziele sind. Und er meinte, er kennt die neue Chefin hier am Standort und die hätten mal zusammen gearbeitet. Krass, oder?
Und heute morgen war der Kardiochirurg beim Frühstück. Ich habe natürlich schon ein bisschen mit meiner neuen Kollegin gequatscht und habe heraus gefunden, dass sie an derselben Uni wie der Kardiochirurg studiert hat. Irgendwie meinte ich dann so random „vielleicht kennt Ihr Euch ja.“ Sie hat einen relativ seltenen Namen und es hat wirklich sofort bei ihm geklingelt. Fände ich ja witzig, wenn wir mal zusammen durch die neue Stadt spazieren, wir uns begegnen und die beiden festestellen, dass die sich echt noch kennen. Und so krass unterschiedlich verlaufen Lebenswege.
Gestern Abend bin ich dann spät abends wieder nach Hause gefahren und verbringe das Wochenende hier. Der Kardiochirurg hat irgendwie auch eine 180 – Grad – Wende gemacht. Ich verstehe das immer noch nicht ehrlich gesagt. Nächste Woche hat er Urlaub – nachdem meiner gerade zu Ende ist, weil wir das natürlich Anfang des Jahres nicht planen konnten gemeinsam Urlaub zu nehmen – und ich bin echt gespannt, was er macht. Ob er für ein paar Tage hoch kommt, damit wir uns zumindest dann nachmittags und abends haben, oder ob er jetzt die ganze Woche hier im Ort bleibt. Wegfahren möchte er glaube ich nicht.
Was ich allerdings sehr schätze ist, die Abende wieder für mich zu haben. Kein Warten, keine Überlegung, ob ich jetzt heute noch Kochen muss oder nicht und wenn ja was (dafür, dass er mir dann sowieso sagt, dass das so nicht in seinen Essensplan passt), kein „oh ich war doch zu lange auf der Arbeit“ und ich habe mich extra wieder nicht verabredet oder so etwas. Ich kann einfach tun und lassen, was ich will. Freitagabend kam noch eine Mail vom Chef zu Online- Fortbildungen in den nächsten beiden Woche mittwochabends. Und irgendwie ist es so schön, dass Du Dir einfach denken kannst: Jo – ich nehme jetzt erstmal alles mit und ich muss an niemanden denken, der am Ende in 90 % der Fälle sowieso nicht da ist. Bei einer geht es um Kommunikation und bei der anderen um Emotionsregulation bei Borderline aus Schematherapeutischer Sicht und gerade die letztere ist doch super interessant.
Hach weißt Du – ich hätte Dich so gerne hier. Wir würden die allerbesten Gespräche abends beim Abendessen haben und es gäbe so viele Dinge, über die wir debattieren würden.
Und weißt Du – gerade die letzten Tage haben mir nochmal gezeigt: Du fehlst hier einfach. Auch, wenn es „schon“ sechs Jahre sind. Und manchmal denke ich mir, ich freue mich schon ein bisschen auf die Selbsterfahrung. Sicher wird das hart, aber irgendwie denke ich manchmal ich brauche nochmal einen Ort, an dem das alles hingehört und an dem ich alles nochmal sortieren kann. Denn natürlich ist es mit Frau Therapeutin eher so „Brände löschen.“ Wir machen ja auch keine reguläre Therapie. Und kannst Du Dich erinnern, wie dankbar ich damals dafür war, dass meine Oberärztin aus der Psychosomatik das etwas aufgefangen hat? Aber auch das war halt schwierig, weil sie eigentlich zu dem Zeitpunkt meine Oberärztin war. Und in der neuen Klinik sollte mir das nicht mehr passieren. Überhaupt habe ich vor mich relativ bedeckt zu halten. Es muss niemand wissen, dass ich zwei Wohnungen habe – sonst denken die noch, ich hätte mich noch nicht entschieden. Es muss auch niemand wissen, dass ich einen Freund 200 Kilometer weit weg habe – das erzeugt auch nur Misstrauen, denn welcher normale Mensch macht in seinen 30ern aus einer „normalen“ Beziehung eine Fernbeziehung, wenn man eine Psychsomatik vor der Haustür hat? Vielleicht würde die neue Klinik sonst zu sehr nach „Experiment“ wirken.
So – ich habe noch einiges zu tun dieses Wochenende – zwei Wohnungen zu haben, heißt halt auch zwei Haushalte zu schmeißen... und ein bisschen lesen muss ich auch noch.
Halt die Ohren steif – ich bin sehr gespannt, was ich Dir nächsten Monat um diese Zeit erzähle
Mondkind

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