Umbruchsgedanken und -parallelen

Freitagabend. Ich höre schon an den Schritten auf dem Flur, was gleich passieren wird. Aber das nützt mir jetzt auch nichts – ich kann mich schlecht unter dem Tisch verstecken.
Es klopft und noch bevor ich etwas sagen kann, öffnet sich die Tür. (Dann kann man es halt auch gleich lassen?)
„Frau Mondkind – muss ich Sie jetzt eigentlich jeden Abend hier raus schmeißen?“, fragt er. Jacke schon angezogen, Laptop – Tasche über der Schulter und ich frage mich sofort, ob er jetzt aufbricht in den Norden. Und ich in ein paar Stunden wieder in den Süden. 
„Nein – ich muss nur noch die Kurvenvisite für die GKV – Patienten machen“, entgegne ich. 
„Wieso das denn?“, fragt er. 
„Weil die Montagmorgen um 10 ist und Sie wissen, wie ein Montagmorgen aussehen kann. Aber ich beeile mich, ich möchte auch los.“
Er seufzt. „Am Montag ist die Kollegin wieder da. Ein schönes Wochenende.“


***
Als ich am Abend die Tür hinter mir zu ziehe, bin ich schon ein bisschen stolz auf mich. 
Klar – die Tätigkeit ist weiterhin nicht das, was mich glücklich macht. Ich bin jetzt irgendeine Mischung aus Internistin, Neurologin und Psychiaterin. Aber am Ende von diesen zwei Wochen würde ich schon behaupten, dass ich die Station ganz gut im Griff habe. Ich kenne mittlerweile eigentlich jeden Patienten, ohne auf meinen Notizzettel zu schauen und weiß, was wir in den nächsten Tagen vorhaben. Eigentlich könnte die Kollegin jetzt noch eine Woche Urlaub machen. 
Noch dazu habe ich gestern Abend sogar heraus gefunden, wie ich diese Verlängerungsanträge formatieren muss, mit denen es in der letzten Woche Probleme gegeben hatte. Und nachdem ich Donnerstagabend eine Ungereimtheit in den Referenzbereichen der Laborparameter gefunden hatte und meine Oberärztin diesbezüglich eine Mail geschickt habe, gab es gestern dazu gleich mal eine offizielle Mail vom Chef. Also wenn die ein bisschen kommunizieren, sollte schon deutlich werden, dass ich mich nicht total bescheuert anstelle.

Ich habe auch meinen Neuro – Intensivoberarzt im Ohr, der mich ermahnt hat, mich nicht direkt wieder kopfüber in die Arbeit zu stürzen und ein bisschen auf die Work – Life – Balance zu achten. Ich könnte jetzt nicht behaupten, dass mir das die letzten zwei Wochen gut gelungen wäre. Aber tatsächlich war das auch eine Ausnahmesituation, weil diese Station eigentlich nicht dafür gedacht ist, dass sie von einer Person alleine geführt wird und vielleicht schon mal gar nicht von einer Person, die noch nicht mal einen Monat im Unternehmen ist. 

Ich bin gespannt, wie wir unsere Aufgabenverteilung ab nächte Woche gestalten. Ich muss da auch mal überlegen, wie ich mit meiner Kollegin spreche und was ich mir da so vorstelle. Ihr Plan ist ja, mir die GKV – Patienten der Station zu geben und sie möchte die PKV – Patienten nehmen. Ich finde das aber so inspirierend in den Chefarztvisiten zu sitzen, dass ich damit überhaupt nicht einverstanden bin. Es ist doch so cool von einem Menschen zu lernen, der schon so viele Jahre Psychosomatik macht und zuzuschauen, wie er mit den Patienten umgeht. Ich liebe diese Chefarztvisiten und möchte denen auch gern weiter beiwohnen. Also werden wir die teilen, denke ich. Da wir zwei Tage in der Woche Chefarztvisite haben war meine Idee eigentlich, dass wir dann die Patienten eben in zwei Gruppen einteilen und die dann in den Chefarztvisiten auch nicht getauscht werden, aber mir wurde schon gesagt, dass das mit den Therapieplänen wahrscheinlich nicht passt. Wir sollen dann halt Übergaben machen, damit nicht für uns beide zwei Nachmittage komplett mit Chefarztvisite blockiert ist. Puh... - darüber möchte ich auch nochmal reden. Ich hasse Übergaben – da gehen immer Informationen verloren - und ich möchte bei meinen Patienten eigentlich definitiv dabei sein, wenn mit dem Chef das Behandlungskonzept besprochen wird. 

 



Privat ist es weiterhin schwierig. Ich könnte wirklich dringend ein Ohr gebrauchen, aber das gestaltet sich gerade extrem schwierig. 
Ich würde ja schon behaupten, dass mein persönliches Bild von Identität sehr durch den Job geprägt war. Ich war immer Diejenige, die am Ende doch in jeden Dienst eingesprungen ist. Und selbst, wenn ich initial „nein“ gesagt habe – wurde ich dann nochmal gefragt, hat sich meine Antwort in ein „Ja“ umgeändert. Ich war Diejenige, mit der die Oberärzte gern Dienste gemacht haben. Weil ich nicht alles im Alleingang geregelt habe – das ist auch gar nicht gewünscht – aber immer ein gutes Gespür hatte, wann es Zeit ist den Oberarzt dazu zu holen und auch dann hatte ich oft schon einen Plan. Ich war Diejenige, über die gesagt wurde „Also ich erwarte schon, dass Du relativ schnell Deinen Facharzt machst“ und das dann ja auch gemacht habe. 
Ich war Diejenige, die bei Vielem dabei war, aber nie besonders laut. Die dann doch irgendwann sozial eingebunden war in der Stadt, bei gemeinsamen Treffen oft dabei war, aber sich selten mit irgendwem alleine getroffen hat. 
Die Arbeit war so etwas wie mein Zu Hause. Nicht nur, weil ich viel und lange dort war, sondern weil sich auch die wichtigsten Beziehungen zu einem großen Teil dort abgespielt haben. Ein Mensch, der ein bisschen „Ersatz – Papi“ geworden ist über die Jahre war Oberarzt dort und auch der Partner hat dort gearbeitet und manche Wochen haben wir uns mehr auf Fluren und Dienstzimmern gesehen, als bei irgendwem zu Hause. 

Und die Frage ist – wer bin ich, wenn ich all das nicht mehr sein kann? Wenn der Workload vielleicht mal irgendwann auf ein normales Maß zurück geht? Wenn zu Hause immer irgendwie zwischen zwei Welten ist und erstmal bleibt? Wenn „Ersatz – Familien – Konstrukte“ weg brechen, weil man eben einfach nicht mehr da ist?
Wenn Zukunftspläne irgendwie auch auf Pause gestellt worden? Solange wie ich weg von hier bin, gibt es keine Chance auf Familiengründung, dabei ist das doch so ein großes Ziel von mir. 

Und was sagt es eigentlich über mich aus, dass die neue Arbeit auch wieder ein Ort zum Anlehnen geworden ist? Ja – manche Tage war es ein bisschen viel zuletzt und wenn ich nicht mehr weiß, wann ich noch einkaufen gehen soll, ist es irgendwann auch mal gar nicht mehr so witzig, aber ich habe vom Prinzip her überhaupt kein Problem damit abends auf der Arbeit zu sitzen und mich durch Akten zu wühlen. Und ehrlich gesagt ist es ja auch fachlich viel interessanter als ein Schlaganfall nach dem anderen.  Und irgendwie hält es mich auch fern von dieser Wohnung, von dieser Frage, wo ich eigentlich sein will und hin gehöre, die sich jeden Abend unweigerlich stellt, wenn man die Tür öffnet. 

Und trotzdem habe ich natürlich noch Ideen. Wenn ich in fünf Jahren soweit wäre, den zweiten Facharzt zu haben, vielleicht mal für ein paar Jahre in Richtung Oberarztstelle denke, bevor ich mich dann mit der Psychotherapie selbstständig mache und vielleicht bis dahin mal ein Kind auf dem Arm habe, dann wäre Vieles gut gelaufen. Dann würde ich mich glaube ich mit dieser Identität auch besser anfreunden können, als mit der Neurologen – Identität. 
Und gleichzeitig sehe ich in der aktuellen Lebenssituation auch Potenzial für überdauerndes Chaos. Ich weiß nicht, ob permanentes Pendeln machbar sein wird, wie es mit dem Freund weiter geht, ob das überhaupt noch lange gut geht. Wenn ich mir überlege, dass wir letzte Woche wieder eine Situation hatten, in der er einfach aufgelegt hat, weil er nicht weiter telefonieren und das Wochenende planen wollte, dann frage ich mich schon, wie oft wir eigentlich noch über Kommunikation reden sollen und wie lange das ein eigenartiges Pendeln bleiben soll, dass jeglich Idee ein bisschen Beziehung und Verbindlichkeit zu generieren in Rückzug, Vermeidung, Kontakt- und Bindungsabbruch seinerseits endet

Und immer in solchen lebensverändernden Zeiten stelle ich mir die Frage, wie ich die letzten Male mit Lebensumbrüchen umgegangen bin. Als es eben nicht – wie zuletzt – klar war, dass ich erstmal bis zum Facharzt an dieser Klinik bleibe. Als man das letzte Mal gucken musste, was eigentlich mit seinem Geld passiert und sparen nicht etwas war, das gedankenlos nebenbei passiert ist (eine Mieterhöhung für die Hauptwohnung hätte es jetzt halt definitiv nicht noch gebraucht...). Als die Fragen nach Identität und Heimat das letzte Mal so präsent waren, wie eben jetzt.
Und ich habe da Aufzeichnungen über eine ziemlich interessante Sitzung mit meinem alten Lieblingspsychiater gefunden. Bei dem war ich nochmal ein paar Monate bevor der Freund gestorben ist. Und wenn ich das so retrospektiv anhöre, dann geht es viel um die Frage, wie viel ich bereit bin für ein System zu geben, in das ich mich nicht so richtig einfügen wollte. „Es ist ja auch ein bisschen die Frage – was sind Ihre Anteile daran, dass Ihnen dieser Job so schwer fällt“, war eine Frage von ihm. Und eine Überlegen war auch: „Vielleicht brauchen Sie einen Job mit einem Rahmen der Sie als Person von Anfang an ein bisschen mehr schützt.“ Und wenn ich mich zurück erinnere, dann war ich gar nicht so einverstanden, dass ich praktisch ab dem Jobbeginn auf der Arbeit gelebt habe – neben der Problematik, dass ich Angst vor der Verantwortung mit den Diensten hatte. Während des Studiums war ich von einer depressiven Phase in die nächste gerutscht zwischen Existenzängsten und überhöhten Leistungsansprüchen an mich selbst und entgegen der Prognosen, war es danach mit dem Workload nicht besser geworden. Es gab wenige Inseln im Alltag und durch die damalige Fernbeziehung zwischen dem Freund und mir noch weniger. Wir konnten keine Sonntags – Cafe – Dates mehr statt finden lassen. Die Idee, dass ich regelmäßig in die Studienstadt fahre, hatte sich nach wenigen Wochen zerschlagen, weil ich jedes Wochenstroke Stroke – Tagdienst machen musste, dadurch, dass ich noch keine Nachtdienste gemacht habe. Ich hatte ein Fach studiert, das ich eigentlich nie studieren wollte und bin dann in einem Arbeitsalltag ertrunken, der mir so wenig gefallen hat, dass ich dafür eigentlich nicht so viel von meiner Persönlichkeit her geben wollte. Aber Zeit für Kreativität, für Musik, für das Sein – und so oft war es das, was ich auch genießen konnte; einfach das Leben auch mal ein bisschen zu spüren – dafür war keine Zeit mehr. 
Wenige Wochen nach diesem Gespräch ist der Freund gestorben und die Arbeit ist plötzlich mein Rettungsanker geworden. Hatten der Psychiater und ich noch darüber gesprochen, dass auch seiner Erfahrung nach (ich mochte es damals mit jemandem zu reden, der zumindest wusste worüber wir sprachen, weil er auch ein paar Jahre in der Neurologie gearbeitet hatte), neurologische Normalstationen sehr arbeitsintensiv sind, habe ich mich damals als ich wieder zurück auf der Arbeit war, kopfüber auf eben dieser Normalstation in die Arbeit gestürzt. Nachdem das Leben von vorher nicht mehr existierte, war die Arbeit dann der Rettungsanker. 
Und irgendwie ist das über die Jahre geblieben. Mal mit etwas mehr und mal mit weniger Diensten. Nachdem man dann noch einen Partner kennen gelernt hatte, der das Ganze mindestens genauso exzessiv betreibt – oder sogar darüber hinaus – hat man sich eigentlich nie mehr fragen müssen wer man ist und wo man hin will. Manchmal hat das Leben einen ein bisschen getrieben; aber darüber hinaus ist nicht viel passiert. 
Und jetzt steht man irgendwie da. Mit einem Job, in dem der Workload tendenziell etwas geringer sein soll und das auch sicher wird, wenn die Kollegin wieder da ist. Mit einem Job, in dem es Teil des Jobs ist, sich mit Lebensentwürfen, mit Zielen und existenziellen Fragen auseinander zu setzen, in dem ein gewisses Maß an Klarheit grundsätzlich als wichtig erachtet wird. 

Ich denk im Moment oft an den Song von Florian Künstler „Wie geht`s Dir eigentlich?“ Das war der, mit dem ich ihn kennen gelernt habe an einem Morgen in der Notaufnahme, als ich noch vor der Patientenflut durch Youtube gescrollt bin. 
Ich denke immer besonders oft an diesen Song, wenn ich mir wünsche Menschen würden fragen. Und wären dann auf mehr als „gut“ oder „geht so“ gefasst. Sondern hätten Zeit für ein kleines Kaffee – Date, um sich mal wirklich auseinander zu setzen, mit den Fragen des Lebens, die so eine Umbruchsituation bringt. Aber unsere wöchentlichen Kaffee – Dates sind seit vielen Jahren Geschichte. Morgen ist wieder Monatstag; da werde ich wieder dran denken.

Mondkind

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