Posts

Vom Reanimationsalarm und dem Danach

Bild
Freitagmorgen  Vier Dienste in anderhalb Wochen waren doch ein bisschen viel stelle ich fest, als der Wecker klingelt. Ich fühle mich vollkommen erschossen, während der Kopf schon zu Hochtouren aufläuft.  Es ist schwer heute Morgen, als ich im Regen den Berg zur Klinik hoch laufe. Da ist ein immenser Schmerz überall im Körper, obwohl ich doch gestern Abend das Gefühl hatte gehört und verstanden worden zu sein und gehofft hatte, dass das erstmal reicht. Ich überlege mir, ob ich das bringen kann den Oberarzt heute nochmal um ein Ohr zu bitten, aber ich war gestern bei seiner Frau. Irgendwann reicht es halt auch mal. Und am Wochenende ist ja das letzte Open – Air – Konzert – Wochenende für dieses Jahr. Das lenkt mich doch sicher ab.  In der Frühbesprechung werden wieder die Fälle der Woche zum Besten gegeben und wir können ein bisschen damit angeben, dass wir zwei Basilaris – Thrombosen mit kaum Ausfällen nach der Behandlung diese Woche durch die Neuro gezogen haben.  D...

Über einen Coaching - Termin

Bild
Es ist drei Uhr in der Nacht.  Auf dem CT – Tisch liegt ein Patient, den ich erst kürzlich in der Notaufnahme gesehen und dann in die Neurochirurgie geturft habe. Jetzt hat er wieder gekrampft. Das letzte Mal hatte er eine Shuntdysfunktion, aber dieses Mal sehen die Ventrikel eigentlich recht okay aus. „Die Bilder sehen gut aus“, meldet der Radiologe zurück. „Na dann werde ich mich wohl auf meine letzten Tage diesmal wirklich mit ihm auseinander setzen müssen“, schlussfolgere ich. „Deine letzten Tage?“, fragt mein Gegenüber verwirrt.  Mein Lieblingsradiologe. Er hatte jetzt wochenlang Urlaub und ich hatte mir schon ein wenig Sorgen gemacht. Mehr als eine Spätdienstwoche musste ich ohne ihn auskommen. „Ja ich gehe doch bald in die Psychosomatik“, entgegne ich. „Hier am Standort?“, fragt er. „Nein, ziemlich weit weg.“ „Ich hatte das gar nicht mitbekommen in meinem Urlaub“, sagt er. „Du warst lange weg; das ist mir schon aufgefallen“, entgegne ich. „Ich hoffe, Du konntest Dich gu...

Überraschung auf Station

Bild
Donnerstagmorgen. Gestern Abend war Sommerfeier der Station und obwohl ich schon um 21:30 Uhr gesagt habe, dass ich jetzt wirklich leider gehen muss, weil ich sonst einfach zu müde bin, sitze ich trotzdem etwas erschlagen auf der Station. Die Erschöpfung ist und bleibt hartnäckig – obwohl diese Woche auch viel Schönes passiert. Eine Kollegin aus Tschechien, die recht selten da ist, ist aktuell hier und wir treffen uns ständig abends mit noch einer anderen Kollegin und unternehmen etwas. Und natürlich möchte auch da gern dabei sein, obwohl ich schon immer etwas die Bremse bin und mich früh zurückziehe.    Der Morgen auf der Station an diesem Donnerstag startet etwas unruhig. Einer meiner Patienten ist im Entzug. Er hatte uns gesagt, er trinkt sein Monaten kein Alkohol mehr bei der Aufnahme und erstmal muss man sich ja darauf verlassen. Man kann ja nicht alle Menschen, bei denen das Wort Alkohol in Vorbriefen steht, mal prophylaktisch mit Sedativa abschießen. Er sicherte uns zu,...

Von einem spontanen Konzertabend

Bild
 „Verrückt, wie viel seitdem passiert ist – und vor allen Dingen, wie viel Leben passiert ist.“ ***    Samstag.  Irgendwie versuche ich zwischen all meinen Wochenenddiensten, die bis ich gehe fast jedes Wochenende anstehen, noch ein bisschen Sommer unterzubringen.  In der Früh war ich bei zwei Freundinnen aus der Psychosomatik spontan zum Frühstück gewesen, dann habe ich ganz fix ein bisschen Haushalt erledigt und danach bin ich mit ein paar Kolleginnen in eine etwas weiter entfernt liegende Stadt gefahren, weil dort am Abend ein Konzert stattfindet.    Vor Ort sammeln wir noch einen ehemaligen Kollegen ein, der schon Ende 2020 aus der Neuro hier am Standort weg ist und seitdem in der Psychiatrie arbeitet. Ich habe öfter mal gedacht an ihn im vergangenen Jahr. (Und ich war sehr erstaunt, dass auch er bei unserem Wiedersehen meinte, dass er kürzlich an mich gedacht hat, weil er in einer Stadt in der Nähe meines Elternhauses war. Krass, was für Spuren ma...

73 Monate

Bild
Hey mein lieber Freund,  73 Monate. Oder auch – sechs Jahre und ein Monat.  Etwa sechs Jahre nachdem Du gestorben bist, wird für mich hier ein Ende absehbar. Der Resturlaub ist eingetragen und die Dienste kann ich langsam rückwärts zählen. Ich habe lange vermieden, mich damit auseinander zu setzen, weil es die Dinge so real macht. Zu real.  „Ich glaube, ich verliere hier gerade meine ganze Identität.“ Das habe ich leztens zu einem Kollegen gesagt, der mich erstmal ausgelacht hat. Und ich verstehe dieses „Die Mondkind übertreibt das wieder.“ Ja – wahrscheinlich ein bisschen. Aber wer bin ich, wenn ich nicht mehr diejenige bin, die in jeden Dienst einspringt, die Dienste kompetent absolviert, die Oberärzte eher sporadisch anruft? An einer neuen Klinik musst Du Dir diesen Stand erst wieder erarbeiten. Da müssen die Leute erst wieder verstehen, dass Du durchaus bemüht bist, Dich ins Team zu integrieren und Du musst erstmal wieder etwas lernen, um dazu zu gehören. Und es ist j...

Über das Gehen

Bild
Das Finale steht schon fest.  Eher aus Zufall habe ich heute mal einen Blick in den Dienstplan geworfen und dabei gesehen, dass der September – Dienstplan zwar schon geschrieben, aber noch nicht offiziell veröffentlicht ist.  Mein letzter Dienst in dieser Klinik ist mit meinem Notaufnahme – Oberarzt. Insgeheim habe ich mir das so gewünscht. Und ich bin mir sicher, dass er das nicht zufällig so eingetragen hat. Er schreibt nämlich die Dienstpläne.  Viele haben über die Jahre immer wieder behauptet, ich sei seine Lieblingsassistentin gewesen. Ich weiß nicht, ob das das stimmt, ehrlich gesagt. Ich habe ihn nie gefragt. Wir kamen immer  gut miteinander zurecht und ich habe mehr kurzfristige Dienste für ihn möglich gemacht, als ich das für jeden anderen je getan hätte.  Und das ist se ine Art nicht nur zu sagen, dass ich im Team fehlen werde, sondern mir das auch zu zeigen.  *** Die Psyche ist im Sturzflug unterwegs.  Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, war...

Änderungen auf dem Spielbrett

Bild
 „Hey Mondkind – hast Du es eilig?“, fragt der Freund meiner Schwester, als ich ihr die Schlüssel gebe. „Nein eigentlich nicht – ich wollte zum Einkaufen, aber das hat noch Zeit. Aber müsst Ihr nicht los?“ „Wir fahren erst später. Willst Du noch kurz auf einen Kaffee hier bleiben?“ „Klar – wieso nicht?“ Wenig später hocken meine Schwester und ich auf dem Balkon unter dem Schirm, schlürfen Kaffee und quatschen noch ein bisschen. Eigentlich hatte ich gedacht, wir sehen uns gar nicht mehr. Und ich glaube, manchmal fühle ich mich so invalidiert, weil ich den Eindruck habe, viele Menschen denken, ich suche etwas total Alltagsfernes oder meine Idee von zwischenmenschlichen Beziehungen sei zu sehr idealisiert. Aber das sind diese Momente, die mir so sehr fehlen. *** „Ich bewerbe mich dann mal an Krankenhäusern hier in der Nähe, denn ich möchte zu meinem Freund ziehen.“ Von meiner Schwester. Die Tage irgendwann.  „Also ich kann mir keine Fernbeziehung vorstellen; ich weiß noch nicht, ...