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Von einem Wochenend - Telefonat

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 Ich habe einen Kumpel am Telefon.  „Ich weiß nicht. Irgendwann fragst Du Dich schon ein bisschen, wer Du bist. Ich meine, abgesehen davon, dass die letzten sechs Jahre und dieses permanente Versacken in der Klinik, Dir sowieso ein bisschen die Identität genommen haben. Warum kann ich nicht mal irgendwann an einem Ort bleiben? Warum kann es sich nicht mal irgendwann richtig und gut genug anfühlen? Warum renne ich permanent allem und jedem hinterher, ohne das jemals so richtig zu erreichen? Zumindest gefühlt nicht. Anfühlen tut es sich wie Verlieren. Ein wiederkehrendes Erleben. Immer verliere ich am Ende.“ „Mh... - wie war das Wochenende?“, fragt er.  „Naja, ich war im Kino. Das war ganz okay. Ich habe aber ein bisschen auf ein paar Emotionen in mir gehofft. Film, Musik und geschriebene Worte – oder Kunst im Alllgemeinen – können das normalerweise. Aber irgendwie... ich glaube ich bin zu erschöpft von allem.“ „Vielleicht ist es ganz gut, dass Du nochmal mit der Coaching -...

Gespräche im Dienst

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Sonntag.  Dienst.  Nicht nur meine psychische, sondern auch meine körperliche Verfassung ist langsam ziemlich am Ende.  Ich rattere meinem Oberarzt ein paar Aufnahmen herunter. Es ist viel zu tun an diesem Sonntag. Zum Glück ist es nacheinander gut abzuarbeiten, aber ich komme auch nicht dazu, mich mal eine Minute irgendwo hinzusetzen.  „Ey aber Mondkind, Deine Nase läuft ohne Ende“, unterbricht er mich zwischendurch. (Und auch wenn ich dann irgendwann weg bin, werde ich diesen typischen Tonfall nie vergessen). „Ja, ich bin etwas erkältet“, bestätige ich.  „Hast Du irgendetwas genommen? Soll ich Dir etwas bringen? Brauchst Du Medikamente?“ „Alles gut, maximal eine Ibu, aber die habe ich auch hier in der ZNA“, entgegne ich.  Und wieder sind es die Außen – Menschen, die sich kümmern. Nachfragen, ob ich etwas brauche. Und manchmal sind es solche simplen Konversationen, die irgendwie das Herz berühren. Am Abend davor hatte der Freund nochmal auf der Türschwelle...

Nachtgedanken

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Es war eine Weile still hier.  Und ist es zu großen Teilen immer noch. Wird es vielleicht noch eine Weile sein.  Ich habe viel geschrieben zwischendurch. Aber nichts war so ausformuliert, dass man es hätte bloggen können.  Der Freund und ich.  In meiner Wohnung.  Wir sitzen uns mit etwas Abstand gegenüber. Ich sitze auf meinem Hocker an der Küchentheke, die ich damals unbedingt in der Wohnung haben wollte. Er sitzt am Esstisch auf einem Stuhl. Seit einem Monat versuchen wir irgendetwas zu klären. Weil die Beziehung immerhin auch Einfluss auf meine Entscheidung hat, wo ich bleiben will.  Was ich mir gewünscht habe, war natürlich schon, dass wir feststellen, dass wir nur unsere organisatorischen Probleme mal lösen müssen, aber an sich schon alles okay ist und wir uns vorstellen können, weiterhin zusammen zu sein und irgendwann eine Familie zu gründen.  Dass die Realität anders aussieht, wusste ich natürlich auch. „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie st...

Gespräche im Dazwischen

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Freitagmittag.  Vor dem Spätdienst.  Wir sitzen in seinem Büro. „Eigentlich dachte ich, die Sache wäre jetzt mal durch, aber aus irgendwelchen Gründen ist die Personalabteilung jetzt doch mal aus dem Tee gekommen und hat mir gesagt, dass ich ab Sommer in der Psychosomatik anfangen könnte zu arbeiten“, erkläre ich. „Und jetzt geht das wieder von vorne los.“ Wir sind eine Weile still.  „Ich bin jetzt halt die Erste, die sich bewegt und das kann halt auch schief gehen. Vielleicht soll man keine Indizien für Garantien mehr suchen, sondern das einfach akzeptieren“, erkläre ich. „Meine Schwester hat mir jetzt auch schon gesagt, dass das natürlich etwas an ihrer Idee hierher zu ziehen oder eben auch nicht ändern könnte, wenn ich jetzt gehe. Aber letztendlich steht das seit zwei Jahren im Raum und da bewegt sich nichts. Ich könnte auch am selben Krankenhaus Oberärztin werden wie das, an dem sie anfangen will zu arbeiten – das hat man mir jetzt proaktiv angeboten. Letztendlich hab...

68 Monate

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Mein lieber Freund,  der Frühling kommt. Endlich.  Die Tage sind schon wieder länger und nach meinen Spätdiensten Ende Februar, war es plötzlich morgens hell auf dem Weg zur Arbeit. Die ersten Schneeglöckchen und Krokusse bahnen sich langsam ihren Weg durch die Erde ans Licht. Und so sehr ich den Schnee auch liebe, aber gerade freue ich mich sehr über die ersten wärmeren Sonnenstrahlen, die irgendwie auch das Gemüt ein bisschen wärmen.    Und dennoch war März auch der Monat, in dem Du dann in die Psychiatrie gekommen bist, in der Du beinahe warst, bis Du gestorben bist.    Es ist viel passiert seit dem letzten Brief.  Und ich frage mich manchmal, was Du machen würdest. Und, ob Du stolz auf mich wärst?   Es war schwierig hier zuletzt. Ich bin weder privat noch beruflich so richtig weiter gekommen. Und irgendwie ist es nicht das erste Mal in meinem Leben, dass Entscheidungen sich „an mir vorbei formiert“ haben. Natürlich bin ich diejenige, die sie t...

Vom Bleiben im Gehen

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Donnerstagabend.  Es ist der letzte Abend, an dem wir irgendetwas hätten besprechen können. Und auch, wenn ich nicht wirklich daran glaube, dass wir uns als Paar nochmal damit auseinander setzen, was ein Jobwechsel in eine Stadt etwa 200 Kilometer von hier entfernt bedeuten würde, hoffe ich doch, dass es statt findet. Es muss ihn doch interessieren. Es geht doch uns beide etwas an. Es wird diese Beziehung verändern. Auf irgendeine Weise.  Aber statt einer Auseinandersetzung schläft dieser Mensch, der kürzlich noch postuliert hat, er habe nichts mehr von seinem Tag, wenn ich um 22 Uhr ins Bett möchte, straight auf meinem Sofa ein. Da ist nichts mehr zu wollen.  Freitag. Dienst. Es gibt Momente, in denen glaube ich ans Universum. Ich kann viel arbeiten in diesen Diensten und manchmal mag ich das sogar. Aber nicht heute. Mein Kopf dröhnt seit Tagen, ich mache alles nur noch mit halber Konzentration. Ich bete, dass es ruhig bleibt. Und es bleibt ruhig. Zwar kommen kleckerweis...

Von Unterstützung bei der Entscheidungsfindung

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Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass ich genau in diesen Tagen noch einmal meine ehemalige psychosomatische Oberärztin treffe. Wir haben uns nach der Facharztprüfung noch einmal gesehen und wollten uns eigentlich auch regelmäßiger treffen, aber dann hatte erst sie viel Stress, dann hatte ich im Januar praktisch jedes Wochenende Dienst – und dann ist es eben jetzt geworden. Jetzt. Kurz nach der Hospitation. In diesen wenigen Tagen, in denen so wichtige Entscheidungen anstehen. Sie wartet schon auf dem Parkplatz, auf dem wir uns treffen wollten. Endlich lernt sie auch mal das Möhrli mit dem Florian-Künstler-Aufkleber hinten drauf kennen. Nachdem wir uns begrüßt haben, steige ich zu ihr ins Auto, denn sie wollte mir ja schon lange ihre Praxis zeigen. „Es tut mir leid – es riecht hier ein wenig nach Pferd“, entschuldigt sie sich. „Es ist doch schön, mal wieder Pferd in der Nase zu haben“, postuliere ich. „Meine Kinder beschweren sich immer“, entgegnet sie. Der Weg ist nicht weit...