66 Monate
Mein lieber Freund,
Heute ist schon wieder Monatstag. Allerdings haben wir uns ja gerade erst gehört.
Sag mal hat bei Dir zum jahreswechsel noch Deine Kerze gebrannt? Ich finde es jetzt im Nachhinein echt so schön, dass es noch geklappt hat und ich bei Dir sein konnte – auch wenn es ein stressiger Tag war. Aber es ist doch immer auch etwas Besonderes, viel Verbindung, viele Erinnerungen – auch daran, wie schön es ist, einen Menschen, mit dem man sich blind versteht, so nah neben sich gehabt zu haben.
Jetzt hat es endlich auch das erste Mal bei uns wirklich geschneit. Hach ja – da kommt das Kind in mir immer noch durch. Ich habe mich einfach so über den Schnee gefreut – nur leider muss ich ja genau ab jetzt wieder arbeiten; da ist nicht viel mit Schnee genießen.
Ansonsten wird der Januar noch interessant. Am Dienstag fahre ich nochmal in die Studienstadt und besuche Frau Therapeutin. Kennst Du die eigentlich überhaupt? Hast Du sie je gesehen? Naja, in jedem Fall bin ich jetzt beim so ziemlich letzten Versuch die Sache mit dem Kardiochirurgen zu retten und wir haben uns jetzt mal alle geeinigt, ich bringe ihn mit und natürlich– er musste auch erst zustimmen. Ganz klar ist das allerdings noch nicht, weil er am 05. Januar was hat? – Rufdienst. Natürlich will er den nicht weg tauschen, weil ihm mit der Idee bei irgendeiner Therapeutin herum zu sitzen glaube ich auch nicht ganz wohl ist, aber ich hoffe so sehr, dass es klappt. Und klar – man darf sich da keine Illusionen machen. Wir werden sicher thematisch nicht viel lösen können, aber ich möchte erreichen, dass wir überhaupt mal irgendwie ins Gespräch kommen und er vielleicht selbst spüren kann, dass es möglich ist über die Beziehung und die Gefühle in dieser Beziehung zu sprechen. Und wenn nicht, ist das immerhin auch eine Information.
Ich habe gestern schon mal ein bisschen versucht mit ihm vorzubesprechen, was da passieren wird. Er ist der Meinung, er wird so 10 Minuten mit drin sitzen und wir werden ja sicher keine Therapie machen. Und meine Idee, dass wir scheinbar irgendeine Blockade zwischen uns haben, aufgrund der wir nicht miteinander sprechen können – immerhin sitzen wir meistens mehrere Stunden schweigend auf dem Sofa, wenn wir das versuchen und ich mal davon abrücke Monologe zu halten – hält er für nicht sinnvoll. Ich wollte das gestern eigentlich versuchen mal noch etwas aufzuweichen, aber er war dann der Meinung, ich müsste schlafen gehen und wir könnten das jetzt nicht besprechen. Wir wollen das dann heute machen, wenn ich um Mitternacht nach Hause komme vom Dienst und der Herr morgen um sieben Uhr schon wieder auf der Arbeit sein muss... Ich sag Dir eins – das wird nicht funktionieren. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht versuchen vorzubesprechen. Ich wollte ihn und uns halt etwas vorbereiten. Aber Frau Therapeutin darf man ihren Job wahrscheinlich auch zutrauen, oder? Was meinst Du?
Sag mal höre ich mich eigentlich langsam zu verzweifelt an...?
Ansonsten muss ich mich jetzt auch echt mit dem Thema Bewerbungen auseinander setzen. Ich habe jetzt eine Stelle gefunden, die sich ganz gut finde, aber dann muss ich jetzt wirklich mal ein bisschen auf die Tube drücken, dass ich meine Unterlagen fertig bekomme.
Und jetzt sag mir nicht, dass es ein bisschen wild ist, auf der einen Seite zu versuchen die Beziehung zu retten und auf der anderen Seite sich an einem Ort über zwei Stunden mit dem Auto von hier weg zu bewerben. Das weiß ich selbst. Ich glaube, ich weiß manchmal selbst nicht genau, was ich hier aktuell mache. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mir wirklich so schnell nach dem Facharzt etwas anderes suche, aber ich halte es hier so nicht mehr aus. Das ist eigentlich die treibende Kraft.
Und meine Freunde weisen mich auch vehement darauf hin, dass ich sie ein bisschen vernachlässige. „Wollten wir uns nicht am Ende des Jahres nochmal irgendwie treffen?“, hat gestern eine gefragt. Und auf der einen Seite ist das total schön, dass Menschen so an einen denken und mir hinterher schreiben, wenn ich mich von selbst mal nicht melde, auf der anderen Seite stresst mich das natürlich schon. Ich habe im Moment aufgehört, im privaten Umfeld viel darüber zu sprechen, was mich gerade beschäftigt, weil mir jeder sagt, dass ich mich trennen soll und das auch nicht mehr hören kann. Und ja – das gibt mir schon zu denken natürlich, ich möchte aber auch nicht, dass sich die Menschen von mir entfernen, weil ich sowieso immer nur dasselbe berichte. Aber dann ertappe ich mich ganz schnell, wie ich sage: „Ja, Weihnachten war eigentlich ganz okay“, weil sonst natürlich die Leute fragen und ich das dann doch wieder erklären muss. Aber irgendwie spiele ich da so eine Rolle im Moment, denn es war nicht okay. Und natürlich kann ich denen auch nicht erzählen, dass ich mich woanders bewerben will – gerade meinen Psychsomatik – Freunden nicht. Naja... - alles nicht so einfach, aber ich hoffe, dass es das irgendwann wieder wird. Einfacher. Weißt Du, ich vermisse irgendwie echte Verbindung. Dieses abendliche Sitzen auf dem Sofa. Mit einem Menschen wie Dir, wo man nichts geheim halten musste, oder nicht beschönigen musste. Irgendwie ist das komisch, wenn Du von Deinem Tag erzählst, aber nicht wirklich von Deinem Tag erzählst. Eben nicht erzählst, was Dich beschäftigt hat. Naja...
So – nachdem gestern auf der Arbeit die Hütte gebrannt hat und ich bis knapp 20 Uhr da war, habe ich heute wieder Dienst. Ich muss also schon wieder los. Eigentlich wollte ich gestern noch beim Kardiochirurgen vorbei, der schon weit vor mir gegangen ist. Der musste aber noch zwischen 21 und 22 Uhr zum Sport und dann habe ich es gelassen. Er weiß, dass ich um 22 Uhr ins Bett gehe, wenn ich Dienst am nächsten Tag habe und mir gerade nach den letzten Tagen viel Schlaf fehlt. Er hätte eher gehen können, oder morgen nach seinem Dienst, der zwei Stunden vor meinem zu Ende ist. Und dann meinte er noch, ich kann ja schon mal bei ihm kochen, dann sind wir schneller. Ja genau – als ob ich nicht genug in den letzten Tagen hier getan hätte an Vorbereitung...
Halt die Ohren steif.
Ganz viel Liebe
Mondkind

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