Hospitation und Überlegungen

Irgendwie habe ich mir überlegt, ob ich ein bisschen Stille auf dem Blog walten lasse, bis ich selbst zu Entscheidungen gekommen bin. 
Ich habe mich allerdings entschieden, doch ein paar Worte hier zu lassen. 

Letzte Woche war ich zwei Tage lang gute drei Autostunden von hier entfernt und habe mir eine andere psychosomatische Klinik angeschaut. Und vielleicht hat ein Teil von mir gehofft, dass es gar nicht so cool sein möge, damit ich hinterher nicht in dem Konflikt stecke, in dem ich jetzt eben doch bin. 
Denn ehrlich gesagt, war es ziemlich cool. Kliniken sind selten organisiert, aber die waren es. Zwar wurde der Hospitationsplan auch nochmal etwas abgeändert aufgrund von Abwesenheiten, aber das hatten die schon erledigt, bevor ich kam. Ich habe also ein Namensschildchen und einen neuen Plan ausgehändigt bekommen und dann ging es los. 

In den zwei Tagen durfte ich in Therapiegruppen, Therapiebesprechungen, oberärztliche Visiten und in die Visite einer der leitenden Psychologinnen dabei sein, darüber hinaus habe ich ärztliche Aufnahmen gesehen und war praktisch permanent mit insgesamt zwei Assistenzärztinnen unterwegs.
Mir ging es auch ein bisschen darum zu erleben, wie eine Klinik arbeitet, in der es aben hauptsächlich um Verhaltenstherapie geht. Das Arbeitsklima schien erstmal recht gut zu sein, ich habe wenige Konflikte mitbekommen und gerade wenn man mit Assistentinnen unterwegs ist denke ich, dass das auch einigermaßen authentisch ist. Die Arbeitsbelastung ist vergleichbar mit der bei uns, die Dienstbelastung wohl zum aktuellen Zeitpunkt eher gering, die Ausbildung ist gut organisiert, die Kosten werden wohl auch hauptsächlich übernommen und die Stadt, in der die Klinik sich befindet, ist schon auch sehr hübsch. 

Mir war nicht ganz klar im Vorhinein, ob ich Verhaltenstherapie lernen möchte, oder nicht. Denn wie mein ehemaliger Oberarzt von der Psychosomatik schon mal sagte, hat man ja beim Thema Verhaltenstherapie und Behaviorismus vielleicht als erstes Skinner mit seinem Rattenexperiment im Kopf – zumindest ging es mir so, aber das haben wir eben schon im Pädagogikunterricht in der Schule gelernt – und das kann ja nicht zentraler Bestandteil einer modernen Psychotherapie sein. Allerdings mit der zweiten und dritten Welle von Verhaltenstherapie, die ja mittlerweile auch Kognitionen, Erleben und Emotionen in den Mittelpunkt stellt und die Person als Ganzes betrachtet, ist das ja doch etwas anderes. Zumindest finde ich KVT, Schematherapie, ACT, CBASP und was es da noch alles gibt verbunden mit Achtsamkeitsmethoden dann schon irgendwie sinnvoll. Zumal es in Schematherapie und CBASP auch in einem nicht unwesentlichen Anteil tiefenpsychologische Elemente gibt. Und was mir und meiner Persönlichkeitsstruktur wahrscheinlich auch eher entgegen kommt ist, dass das alles sehr konzeptionalisiert ist. Ich finde Tiefenpsychologie weiterhin total sinnvoll – generell macht das ja irgendwie Sinn den Urpsrung seiner Erkrankung zu verstehen – und doch hat mir so rückblickend in der Psychsomatik hier oft etwas wie ein roter Faden und ein lösungsorientierter Umgang gefehlt. 
Auch die Leitlinien positionieren sich da teilweise relativ klar. Für die Depression wir weder VT noch TP deutlich favorisiert, allerdings sieht das Ganze zum Beispiel für Angststörungen und noch mehr für Zwangsstörungen eben doch anders aus. Andersherum muss man bedenken, dass es natürlich auch Störungsbilder gibt, wie zum Beispiel Persönlichkeitsstörungen, bei denen die TP besser ist.
Ich denke mittlerweile tatsächlich, dass eine Ausbildung in eher verhaltenstherapeutischen Strukturen mit vielleicht tiefenpsychologischer Zusatzweiterbildung (das wäre sicher ein Projekt der nächsten zehn Jahre) eventuell die für mich aktuell beste Option ist. 

Und doch wird man das erst wissen, wenn man es macht. Ich kenne mich mit Verhaltenstherapie echt nicht so gut aus – auch, wenn ich selbst schon Schematherapie gemacht habe, wie wir alle wissen, was ich damals auch super hilfreich fand, weil es mir in erster Linie auch einen theoretischen Überbau für das verschafft hat, was täglich in meinem Kopf los ist. 
Es kann sein, dass ich das in einem Jahr alles total blöd finde und mich vielleicht nochmal umorientieren muss. 


Ich will gar nicht viel zum Freund sagen aktuell, weil das ja auch auf dem Blog auch zunehmend polarisiert. Wir haben auch noch nicht viel darüber gesprochen – unter der Woche gab es einfach noch keine Zeit und den Valentinstag fand ich dafür etwas unangebracht, aber er verhält sich schon anders mittlerweile und er hat schon verstanden, dass ich mich nicht zum Spaß beworben habe. Ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, ihm liegt auch etwas an der Beziehung – allein das war ja monatelang sehr fragwürdig – sonst würde er das ja so nicht machen. 

Ich habe mir den Wohnungsmarkt in der anderen Stadt auch schon mal angesehen – die Preise unmittelbar in der Stadt selbst sind mit denen hier vergleichbar. Und ich würde mir schon eine Wohnung in der Nähe wünschen, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf die Arbeit zu kommen. Den Luxus würde ich ungern aufgeben. 
Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit, eine Pendlerwohnung zu nehmen. Da muss man sicher Glück haben, aktuell wäre man aber laut eines Angebotes mit knapp 400 Euro dabei – wenn man bedenkt, dass das Grundgehalt netto in der neuen Klinik höher wäre als die 400 Euro Zusatzkosten, wäre das zumindest übergangsweise gar nicht mal so ein großes Problem. Und wir haben uns schließlich die letzten Jahre unter der Woche kaum gesehen, sind seltenst nebeneinander eingeschlafen. Natürlich könnte er dann doch einfach mal so nach Berlin gehen und ich dürfte auch nicht protestieren - denn immerhin mache ich ja jetzt dasselbe; auch wenn ich nicht nach Berlin gehe, sondern die Entfernung schon geringer ist. Und später mit Kindern ist das ja alles nochmal komplizierter.

Ich habe mit denen vereinbart, dass ich mich bis Ende Februar melde. 
Im besten Fall habe ich dann hier auch schon gekündigt, aber so sehr wie gerade mein Kopf raucht, weiß ich nicht, ob ich das schaffe. Wahrscheinlich freue ich mich, wenn ich mich Ende des Monats sicher für das Eine oder Andere entscheiden kann. 

Mondkind

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