Von AGUS - Gruppe und Krisenintervention

Dienstagabend. AGUS – Gruppe. 
Manchmal ist die immer noch sinnvoll. Ich haue raus, dass ich umziehen werde. Einen Job woanders beginnen werde. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so viel mit mir macht, aber der Ort in der Ferne war unsere letzte gemeinsame Idee. Die Wohnung das letzte gemeinsam begonnene Projekt, das nie fertig geworden ist. Und jetzt, wo alles final ist, merke ich, wie viel das mit mir macht, das loszulassen. Und mir einzugestehen, dass das Leben hier mich am Ende auch nicht glücklich gemacht hat.“ Ich habe lange nicht mehr geweint in dieser Gruppe. Aber heute – heute ist so ein Tag. 

Wir haben einige Neue in letzter Zeit bekommen und mehrere haben ihre Partner verloren. Das macht das Ganze auch für mich mal wieder interessanter, weil ich mich mehr damit identifizieren kann. Heute bringt ein Teilnehmer die Frage ins Spiel, ob und was es für einen Unterschied macht, ob so ein Suizid ganz plötzlich und unerwartet passiert, oder vielleicht aus einer Situation heraus, in der man vielleicht schon mal gedacht hat, dass etwas passieren könnte.
„Ich hab Medizin studiert. Ich wusste das alles. Und selbst, dass er ein paar Tage vorher so gut drauf war, hat mich irgendwie nervös gemacht. Ich wollte glauben, dass wir über den Berg sind, aber es gab Zweifel. Und obwohl man das alles weiß, ist die Hoffnung zu denen zu gehören, bei denen es gut geht so groß gewesen, dass ich über etwas anderes nicht nachdenken wollte. Ich konnte mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Schon, als er noch gelebt hat nicht. Und wir hatten über Suizid gesprochen vorher; einige Male sogar. Und ich wusste, dass er der Meinung war, dass man Menschen ziehen lassen soll, wenn das Leben so schwer ist, dass sie es nicht mehr aushalten. Ich habe mir an dem Abend vorher überlegt, ob ich die Polizei informiere. Ich hätte keine andere Chance gehabt, Freunde hatte er kaum und schon gar nicht in der Nähe und die Mutter war zu weit weg. Aber dann habe ich gezögert...“
„Bei mir war es ähnlich, ich hatte auch überlegt, die Polizei zu informieren, aber man weiß ja auch, wie traumatisch Zwangseinweisungen sein können“, unterbricht mich eine Teilnehmerin. „Ich hatte Angst, dass dann auch die Beziehung kaputt ist, weil ich ganz viel Vertrauen kaputt mache.“
„Das war der Punkt“, schalte ich mich wieder ein. „Ich kannte ja seine Meinung dazu. Ich hatte keine Ahnung, ob er mir das irgendwann verzeihen würde; Dankbarkeit hätte ich da ja nie erwartet. Die Situation wäre für alle Beteiligten beschissen gewesen. Aber da war so viel Hoffnung, dass wir beide es irgendwie hinkriegen, ohne dass ich ihn verliere. Entweder weil er stirbt, oder weil er sauer auf mich ist.“
Es ist eine Weile still. Die Teilnehmerin neben mir nickt. 

Und deswegen mag ich die AGUS – Gruppe. Dann und wann kommen doch nochmal Puzzleteile ins Licht, die man sonst eigentlich nicht erzählt. Ich habe immer Angst, die Menschen werfen mir vielleicht  vor, dass ich es gewusst und Nichts getan habe. Denn ich hatte ja eine Ahnung. Und ich werfe mir das ja auch selbst vor. Und manchmal denke ich, die Menschen könnten denken, ich wäre zu egoistisch gewesen und vielleicht war ich das auch. Ich habe sein Leben aufs Spiel gesetzt, um eine Beziehung zu halten. Dabei wäre es ja auch denkbar gewesen, dass wir uns danach trennen, aber zumindest jeder von uns lebt und atmet. Wenn auch vielleicht nicht mehr gemeinsam. Aber das wollte ich eben auch nicht riskieren.

Nach der AGUS – Gruppe. 
Ich sitze in meinem Auto. Mit dem Freund (oder Exfreund, das weiß man alles nicht genau) gibt es schon wieder Stress. Es fühlt sich an, wie innerliches Zerbrechen. „Wie soll ich mit gefühlt zwei Prozent auf dem Akku noch zu irgendetwas kommen?“, hatte ich am Morgen dem Intensiv – Oberarzt geschrieben. Er hat nichts dazu gesagt – wahrscheinlich weiß er es auch nicht mehr. 
Mir fällt ein, seine Frau hatte angeboten, ich könnte auch morgen vorbei kommen, aber ich hatte das eigentlich nicht gewollt, weil der Abend spät werden würde und ich dann morgen nicht auch noch Stress brauche. Im Moment habe ich aber das Gefühl, dass ich es einfach nicht mehr aushalte und vielleicht kann es zumindest Entlastung bringen. 
Es ist spät, aber versuchen kann man es ja. Ich schreibe ihr eine Mail und frage, ob es doch noch möglich wäre morgen zu kommen. Bis ich zu Hause bin, hat sie geantwortet. Es geht. Danke ans Universum.


Mittwoch. 

Erstmal steht Betriebsarzt auf dem Programm. 
Und manchmal – manchmal wünsche ich mir echt, dass diese ganze Erschöpfung nicht nur psychisch ist. Dass es irgendeine andere Möglichkeit gibt, als mich und mein Leben zu sortieren, um da raus zu kommen. Dass man einfach irgendwo her ein bisschen Energie bekommen kann. 
Da hat der Betriebsarzt heute Antworten für mich. 
Erste Erkenntnis: Mit einem Hb – Wert von 10,5 g/dl herum zu laufen ist auf Dauer vielleicht nicht unbedingt so toll. Könnte Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen schon miterklären. Sicher nicht alles, aber wenn man etwas vulnerabler ist und der Körper mehr ausgleichen muss, dann kippt es vielleicht auch schneller, wenn die Belastung größer wird.
Zweite Erkenntnis: Ich muss an meinem Eisenwert arbeiten. Eisentabletten habe ich nie vertragen; er hat Tropfen vorgeschlagen; die sollte ich wahrscheinlich besorgen.
Dritte Erkenntnis: Die Nieren haben zum Glück noch nicht gelitten, auch wenn ich immer zu wenig trinke.

Wir reden mal nicht von der Station. Überall wo mein Name fällt, könnte ich einen Tobsuchtsanfall bekommen. Die Pflege meldet mir zurück, mich sehr launisch zu erleben und ich gelobe Besserung. An manchen Tagen kann ich alles besser kompensieren, als an anderen. Aber das kann ich denen nicht sagen, also nehme ich mir vor, mich zusammen zu reißen. Man soll sich immer gut mit der Pflege stellen.
Am Nachmittag drohen uns Angehörige mit der Polizei, weil wir ihr Familienmitglied vernachlässigen würden. Ich muss raus aus diesem Job, ich kann das nicht mehr. In der Psychsomatik habe ich selten so viel Undankbarkeit erlebt, wie teilweise hier. Den Menschen ist glaube ich nicht klar, was hinter den Kulissen an Stationsarbeit so los ist. 

17:17 Uhr. Heute noch später als das letzte Mal. Und die Straßen sind auch ein bisschen voller. 
Ich schaffe es mit einer Punktlanung; die Frau des Intensiv – Oberarztes steht schon im Vorgarten und wartet auf mich. Rasen haben sie angepflanzt, erklärt sie mir und wenn ich genau hinschaue, dann sehe ich es auch. 
Diese Gartenarbeit der beiden erinnert mich irgendwie an meine Eltern vor sehr, sehr langer Zeit. 

Wir müssen nicht viel reden. Sie sieht, dass es mir nicht gut geht. 
Hauptsächlich geht es erstmal darum, wie man mit zwei Prozent Akku umgeht, der sich nicht mehr lädt. Weil man dafür schöne Aktivitäten machen müsste, die aber durch die Bank alle hauptsächlich anstrengend sind. Buch lesen, raus gehen, mich bei Freunden melden, Keyboard spielen – alles irgendwie zu viel. Sie regt an, es trotzdem zu tun und so weit wäre ich auch irgendwie selbst noch gekommen. Alternativ wartet dann am Ende der Fahnenstange wieder die Psychiatrie, wenn man es überhaupt nicht hinbekommt. So lief das mehr als ein Mal.

Interessanter ist die Oster- und Familiendiskussion. 
Sie erzählt mir, wie sie und ihr Mann und Teile der Familie Ostern verbracht haben. 
Ich höre mir das an und ergänze, dass meine Schwester am Sonntag mit ihrem Freund auch noch kurz da war, ehe sie mit der Schwiegermutter in Spe und auch Teilen der Familie des Freundes verabredet gewesen seien und sie dann auch gesagt hat, dass sie sich am Wochenende schon wieder beim Papa eingeladen hat. Oder eingeladen wurde. Ich glaube, sie wollte es cool formulieren.

Und auf der einen Seite tut das furchtbar weh. Ich weiß, ich bin nicht alleine. Es gibt viele Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht zur Familie können. Und doch ist das eine Sehnsucht, die einen fast zerreißt. Das Thema hatten wir schon, als ich das letzte Mal bei der Frau des Oberarztes war, erklärt sie mir. Na, ich bin mir fast sicher, sonst hätte ich etwas Wesentliches verheimlicht. 

Und auf der anderen Seite habe ich mir immer schon meine Welten zurecht gelegt. Wenn ich ganz still irgendwo in der Ecke sitze, unaufmerksam bin, nicht zuhöre, dann bin ich meistens dort. Ich erzähle das eigentlich nie und ich erzähle das auch ihr nicht, weil ich nicht weiß, ob es irgendwie adäquat ist. Aber manchmal nehme ich die Menschen, die mir wichtig sind, setze die alle gedanklich auf einen Haufen und mich dazwischen. Es ist eine Konstellation, die real wohl nie existieren könnte, aber je nachdem, wie sehr ich mal ein bisschen Ruhe in mir finde, kann ich das mittlerweile ganz gut ausgestalten. 
Und irgendwie ist es ja komisch. Ich habe schon den Intensiv – Oberarzt erlebt und seine Frau jeweils alleine. Und beide haben mich auch schon in den Arm genommen, wenn es sehr schlimm war, weil mir das immer hilft. Aber ich kann mir die beiden echt nicht zusammen vorstellen. Vielleicht, wenn ich mal irgendwann über deren Grundstück zum Termin spaziere, wenn er den Müll raus bringt oder so und die beiden irgendeine Art von Interaktion betreiben. 

„Sie müssen überlegen, wie Sie diese Sehnsucht stillen können“, reißt mich die Frau des Oberarztes wieder aus meinen Gedanken. 
Ich nicke. „Ich habe einen kleinen gedanklichen Familiennachbau“, möchte ich aber nicht sagen. Also lasse ich es. 
„Was ist mit der Familie von ihrem Freund?“, fragt sie. „Können sie nicht mit ihm darüber sprechen und kann der nicht vielleicht mit seinen Eltern reden, dass Sie da ein bisschen integriert werden?“ Manchmal wüsste ich ja schon gern, auf welchem Planeten diese Frau lebt. „Naja, seine Eltern wissen meines Wissens nach nicht mal, dass er eine Freundin hat. Oder gehabt hat. Also ganz sicher ist das keine Lösung.“ Da wäre es noch wahrscheinlicher, dass ich bei den beiden mal zum Abendessen bleibe, als dass ich seine Familie kennen lerne. Und natürlich werde ich das auch nie vorschlagen. Also Ersteres. Was nicht heißt, dass ich es mir nicht wünschen würde. Oder es ablehnen würde, sollte es vorgeschlagen werden. 

Und ganz am Ende geht es nochmal um den Freund. 
„Sie sind nicht so glücklich, dass Sie gehen werden, oder?“, fragt sie mich. 
„Nein“, entegene ich. Und nach einer Pause. „Ich wünschte wirklich, ich hätte das ohne so viel Kollateralschaden lösen können. Ich werde viele Menschen verlieren, die mir wichtig sind. Auch die, die jetzt noch sagen, dass sie bleiben. Über 200 Kilometer ist das einfach schwierig.“ Sie und ihr Mann werden dazu gehören, denke ich mir im Stillen. 

Und vielleicht ist es auch irgendwann Zeit, sich von den Dingen zu verabschieden. Langsam, still und leise. Wir werden uns nicht mehr leidenschaftlich küssen. Ich werde nicht mehr in seinen Armen einschlafen. Zumindest nicht so, wie ich mir das wünsche. Ohne, dass er gedanklich ganz woanders ist. Wir werden uns nicht mehr Körper an Körper spüren. Vielleicht werde ich das nochmal erleben. Vielleicht. Aber eher nicht mehr mit diesem Mann und ja - das darf fehlen. Sehr sogar. Zumindest glaube ich das. 

Ob ich statt nächsten Donnerstag auch Freitag könnte, fragt sie. Und nach einer kurzen Pause meinerseits: „Oder haben Sie da Dienst?“
„Nein“, entgegne ich. „Der Freund hat Samstag Geburtstag und vielleicht soll ich da noch einen Kuchen backen Freitagabend. Aber... - keine Ahnung, was nächsten Freitag ist, also wenn es für Sie besser passt...“
„Nein, dann lassen wir es so“, sagt sie. Wobei Donnerstag auch schwer für mich wird. Mittwoch ist EEG – Seminar, da verlieren wir viel Zeit und Donnerstagmittag ist Röntgen – Besprechnung; ich weiß noch nicht, wie ich da um 17 Uhr mit der Arbeit fertig sein soll. Aber das sind die Mondkind`schen Probleme der nächsten Woche. 

Mondkind

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Drittes Staatsexamen - ein Erfahrungsbericht

Ein kleines Review des PJs und Prüfungskomission fürs m3

Fachärztin