Reisetagebuch #2 und Entwicklungen danach
Ich habe das Auto so weit es geht auf der linken Spur in Richtung Leitplanke gelenkt. Alle paar Minuten geht es mal im Schneckentempo vorwärts, aber insgesamt ist viel Stehen angesagt. Irgendwann rückt das Blaulicht in der Ferne in mein Sichtfeld. Ich höre mir die Sprachnachricht vom Freund meiner Schwester an, nachdem die Situation zwischen den beiden völlig eskaliert ist und ich mir noch nicht sicher bin, ob ich umdrehen muss – wobei das schwer zu realisieren ist, weil ich morgen Dienst habe. Allerdings geht es ihr besorgniserregend schlecht und sie hat gar niemanden in ihrem Umfeld, von dem wir glauben, dass sie mit dem spricht. Währenddessen trudeln Geburtstagsgrüße vom Exfreund ein, der sich wirklich Mühe gegeben hat, eine Nachricht zu schreiben. Denn Geburtstag ist ja heute auch noch. Und auf den Kardiochirurgen – auf den warte ich, seitdem ich am Morgen um sieben Uhr das erste Mal aufs Handy geschaut habe.
Spätestens in diesem Moment des Tages frage ich mich, in was ich hier eigentlich schon wieder für einer Shitshow gelandet bin.
***
Nach dem ersten Teil des Reisetagebuchs kam nichts mehr. Und das, obwohl ich schon seit Montag zurück bin.
Vielleicht gab es keine Zeit zum Durchatmen. Vielleicht waren die guten Momente zu kurz. Vielleicht hat sich das Leben in diesen Tagen nicht so hingedreht, wie ich das gern gehabt hätte. Und vielleicht ist es ein bisschen vom Allem.
Meine Schwester hatte keinen Urlaub und musste demensprechend arbeiten. Ich habe die Tage genutzt, indem ich mir ihr Fahrrad ausgeliehen habe und ihre Lieblingsfahrradtouren gefahren bin. Und tatsächlich gab es immer wieder kleine Goldmomente auf diesen Touren. Ich habe die ersten Wildgänsebabys gesehen, die in einer Reihe zwischen den Eltern spaziert sind. Wir haben Rehe auf dem Feld gesehen und Hasen, die geschützt am Waldesrand genüßlich gefuttert haben.
Einen Tag habe ich für Erledigungen genutzt, die man eben auch in der Ferne machen kann.
Und am Wochenende waren meine Schwester und ich einen Tag in den Niederlanden und den anderen Tag auf Langeoog. Ehrlich gesagt – bei den Temperaturen ist eine Insel nur bedingt zu empfehlen. Ich hätte wirklich gerne zumindest mal die Zehen ins Meerwasser gehalten, aber ich habe den ganzen Tag durchgängig gefroren und von daher war daran nicht zu denken.
Das Mirtazapin wirkt langsam. Das Einzige ist, dass ich wirklich nachts sieben Stunden Schlaf brauche um in der Zeit, in der das Medikament sediert auch wirklich im Bett zu liegen. Morgens aufstehen ist immer noch schwer, aber es geht dann nach 20 Minuten eigentlich. Und mit dem Gewicht muss ich auch mal schauen. Zwei Kilo mehr sind es geworden, was jetzt noch kein Riesendrama ist, wenn ich dadurch so viel mehr Lebensqualität habe.
Ich glaube, dass mir tatsächlich dieses ganze Ausmaß von Antriebslosigkeit erst nach und nach bewusst wird. Ich habe schon das Nötigste mit viel Quälerei hinbekommen, aber dass ich nach der Arbeit eigentlich nur noch auf dem Sofa lag, das gab es ja schon seit Monaten. Auf der Arbeit habe ich dann den Nachmittag über oft alle To Do`s, bei denen man aufstehen und über die Station laufen musste gesammelt und habe die dann ein Mal kurz vor Feierabend abgearbeitet, weil ich nicht zwanzig Mal aufstehen konnte. Und selbst abends unter die Dusche zu hüpfen war ein unglaublicher Kraftakt. Das ist alles wesentlich einfacher geworden und macht die Tage angenehmer. Man schafft tatsächlich mal etwas „schnell nebenbei“.
Das macht mich aber doch ein bisschen wütend auf all die Menschen um mich herum, die gemeint haben, ich müsste ja einfach mal nur machen. Ich habe gesagt, dass das nicht geht, aber das wurde nicht so ernst genommen auf vielen Seiten. Retrospektiv ging es aber wirklich einfach nicht. Pläne kann man ja erstmal Viele haben, aber wenn der Antrieb zur Umsetzung fehlt, nützt es auch nichts vom Umfeld mehr oder weniger direkt oder indirekt als faul abgestempelt zu werden. Alle To Do – Listen kann man sich halt einfach sparen. Was man sich natürlich schon ein bisschen fragen muss ist, warum man eigentlich wieder so depressiv geworden ist und warum das Monate gelaufen ist, ohne dass ich es selbst wirklich bemerkt habe. Ein Auffallen durch akute Suizidalität spricht nicht unbedingt dafür, dass ich die Frühwarnzeichen erkannt habe. Wobei ich – wenn man ehrlich ist – schon länger gesagt habe, dass es mir nicht gut geht. Aber klar – nicht gut geht es jedem Mal und da gab es auch für alle um mich herum keinen Grund, genauer hinzuschauen.
Leider wird mir jetzt aber auch bewusst, was alles liegen geblieben ist. Die Ecken in der Wohnung, denen ich mich schon nach dem Facharzt widmen wollte. Das Balkon – Projekt, das diesmal noch gar nicht starten konnte, weshalb ich dieses Jahr die Pflanzen nicht vom Samen an ziehen kann. Die Versicherungen, die ich hätte mit dem Versicherungsmakler schon nach dem Facharzt mal durchschauen müssten, weil sich da einiges ändert.
Das muss jetzt alles nach und nach laufen.
Ansonsten komme ich glaube ich langsam – zumindest punktuell – schon zurück auf die Metaebene und raus aus meinem Gefühl.
Ich bin mittlerweile auch schon dran, Wohnungen am neuen Arbeitsort zu suchen. Es gibt immer mal wieder Angebote, die sich erstmal ganz gut anhören – ich werde bald auch eine besichtigen fahren. Wenn ich das Problem schon mal gelöst hätte, wäre ich schon mal viel entspannter. Der Plan ist jetzt erstmal eine Übergangswohnung zu haben, bis sich dann alles geklärt hat und ich sicher weiß, wo ich bleibe.
Die Psychosomatik bearbeitet mich in der letzten Zeit auch nochmal sehr. Ich glaube, die haben jetzt einen ehemaligen Assistenten, der jetzt Oberarzt ist und mit dem ich ganz gut zurecht kam, ein bisschen drauf angesetzt. Er hat mich letztens nochmal genau ausgefragt, wie das gelaufen ist mit den Gesprächen in der Neuro, Psychosomatik und Personalabteilung und hat betont, dass er sehr gern wieder mit mir arbeiten würde.
Wir werden es alles sehen.
Was den Freund anbelangt: Puh. Ich weiß gar nicht, was ich gerade darüber sagen kann.
Ortswechsel, die einen ja zwangsläufig raus schmeißen aus den Routinen ändern da immer viel. Wir haben uns im Urlaub gar nicht gesehen und ehrlich gesagt, sehe ich das nicht ein sonderlich viel meiner Energie darauf zu verschwenden, Treffen im Alltag möglich zu machen, wenn das im Urlaub wieder nicht geht. Es war ja immer schon so, dass wir hauptsächlich den Urlaub für Zweisamkeit hatten, aber wenn er das nicht will, dann ist es so. Er war jetzt ein Mal unter der Woche abends da und ich habe auch ein Mal bei ihm übernachtet – aber irgendwie war er an dem Abend an dem ich kam gestresst, weil er seine Wohnung eigentlich nicht aufräumen wollte und am Morgen danach genervt, weil ich ihm zu lange geschlafen habe. Und natürlich sind wir ohne ein morgendliches Kuscheln aufgestanden, weil das in seinem Stress dann ja schon gleich gar nicht mehr drin war. Also irgendwie kann ich mir das halt auch sparen, ehrlich gesagt.
Morgen habe ich erstmal Dienst, die ganze nächste Woche dann Spätdienst und nächstes Wochenende ist mit Wohnungsbesichtigung und Dienst schon auch bis Sonntagabend gut gefüllt. Und dann schauen wir mal weiter.
Mondkind

Kommentare
Kommentar veröffentlichen