Reisetagebuch #1
Sonntag.
Irgendwie hatte ich ja doch gehofft, dass der Kardiochirurg und ich uns noch sehen und verabschieden. Am Tag davor hatte ich gesagt, dass ich meine neue gefundene Fahrradroute trotz Putz- und Packtag nochmal fahren möchte, weil das Wetter so schön ist. Er wollte dann sogar mitkommen, war aber nach seiner Nachtdienstwoche doch recht platt und hat gesagt, ich soll abends nochmal schreiben, wie weit ich mit Packen bin. Gegen 21 Uhr habe ich geschrieben, dass ich mit dem „Pack – Game“ erstmal soweit durch bin. Aber das hat er nicht gelesen und ich dachte, vielleicht wacht er dann irgendwann später auf und möchte noch frühs bei mir vorbei kommen, deshalb habe ich extra noch hinterher geschrieben, dass ich halb 9 fahre. Aber ich habe es ihm offen gelassen. Ich möchte nicht mehr diejenige sein, die ihm ständig hinterher rennt.
Er meldet sich aber nicht und so düse ich mit etwas Verspätung um kurz vor neun Uhr los.
Gegen Mittag komme ich in der Studienstadt an und der Kumpel holt mich am Hotel ab. Diesmal ist es ein anderes Hotel geworden, weil ich zu lange mit der Buchung gewartet habe in der Hoffnung, der Freund würde sich doch noch für die Reise entscheiden. Und dann fahren wir erstmal in die Studienstadt rein. Ich liebe diese Stadt einfach so sehr. Die Studienstadt ist wie eine Blase. Die meisten anderen Orte rund um die Studienstadt tragen eher negative Emotionen, aber hier – hier fühle ich mich wohl. An den Fluss fahren ist wirklich wie nach Hause kommen. Hier gab es so viele gute Nachmittage, gute Gespräche bei einem Eis in der Sonne und diese Erinnerungen werden immer wieder wach, neu überschrieben und aufrecht erhalten, wenn ich hier bin.
Wir wollen über den Fischmarkt spazieren, aber was wir beide nicht wussten ist, dass die Veranstaltung eher zur Disko tagsüber mutiert ist und deshalb gehen wir dann recht schnell in Richtung Promenade. Das Wetter spielt eher nicht so mit, deshalb trinken wir erst eine Runde Kaffee, fahren danach in einen anderen Stadtteil, gehen spazieren und Abendessen. Mein Gegenüber ist auch eher ein Mensch mit viel Gefühl und feinen Antennen und mit ihm kann man ganz viel über diese großen Lebensthemen philosophieren, was wir beide sehr mögen. Es geht um Chancen bei Umbrüchen, was das mit uns, unseren Beziehungen macht und sie sehr Leben eben genau von solchen Umbrüchen geprägt sein kann. Von neuen Dingen, für die vielleicht jetzt die Zeit ist. Warum nicht noch Neues ausprobieren, ehe man sich festlegt? Oberärztin irgendwo sein, kann ich noch lange genug. Und er hat auch ein paar Neue Beziehungsgeschichten parat. Ich würde mir zwar wünschen, dass es bei ihm besser läuft, aber es läuft bei uns beiden nicht so super toll.
Es ist schon spät, als ich beim Check – in bin. Meinen Namen sage und diese fünf langen Sekunden warte, bis er mich gefunden hat. „Für Zwei?“, fragt er. „Nein, alleine“, entgegne ich und für einen kurzen Moment sticht es im Herzen. „Ja stimmt“, sagt er.
Das Zimmer hat trotzdem zwei Betten, aber das zweite Bett bleibt heute Nacht leer. Und die Karte mit dem „Rheinminder“ hängt weiter knapp 400 Kilometer entfernt in seiner Wohnung. „Wir waren ja da“, sagte er kürzlich. Genau – wir waren bei Frau Therapeutin.
Montag.
Das Hotelfrühstück ist gar nicht so schlecht.
Verewigen kann ich mich allerdings nicht, weil ich danach an die Uni muss.
Termin bei der alten Therapeutin in der Tagesklinik.
Den aktuellen Stand möchte sie zuerst wissen. Nur die Fakten. Ich erzähle ihr, dass ich gekündigt habe in der Neurologie, für die neue Stelle unterschrieben habe und aktuell die Wohnsituation mich noch ziemlich umtreibt, weil das echt teuer wird – egal, wie ich das lösen werde. Und mit dem Freund – es ist eben alles ungeklärt. Die Trennung wurde schon mal ausgesprochen, dann stand er aber doch wieder jeden Tag auf der Matte. Jetzt haben wir gemeinsam eine Woche Urlaub und er ist nicht mitgekommen, das sagt ja schon viel aus. Er weiß, dass ich ihm so gerne meine „alte“ Lieblingsstadt und gefühlte erste Heimat zeigen möchte, aber er meint auch, wir seien da gewesen, weil wir den Termin im Januar hier hatten.
„Und wie ging es Ihnen damit?“, fragt sie.
„Es war und ist schwierig“, sage ich, gönne mir eine kleine Pause und nehme die Brille ab. „Ich war mir nicht sicher, was ich Ihnen davon erzählen kann und möchte“, erkläre ich.
„Jetzt machen Sie mich neugierig, das wissen Sie?“, fragt sie.
„Ja schon... - und ich dachte mir dann auch, dass das alles ziemlich wenig Sinn hat, wenn ich die relevanten Dinge auslasse.“
Und dann erzähle ich. Davon, dass alle inklusive mir selbst dachten, dass es nach dem Treffen der Entscheidungen bestimmt besser wird. Und, dass genau das Gegenteil passiert ist. Dass ich irgendwann gespürt habe, wie ich immer weiter auf den Punkt, dass es sich nicht mehr steuerbar angefühlt hat, zugerutscht bin. „Das Problem ist – ich bin da mit Null Reserven rein gegangen. Mir ist eigentlich erst hinterher aufgefallen, dass es schon die zwei Monate vorher so war, dass ich gar nichts mehr in meiner Freizeit gemacht habe, nicht mal mehr gekocht habe, weil es mir zu viel war und ich am Ende den Geschirrspüler ganz vorsichtig mit dem Spültuch ausgeräumt habe, weil ich keinen Lärm mehr abkonnte. Der Freund hat immer gedacht, ich hätte einfach keine Lust, aber das war es nicht. Und dass die Pflege meint, dass ich mich verändert habe und mein Geduldsfaden viel kürzer ist – das ist auch schon seit Monaten so.
„Ich habe ein paar Monate vorher gesagt, dass ich zu viel erreicht habe, um nochmal so weit abzurutschen“, sage ich. „Und dennoch gab es eine Nacht, in der ich dachte, ich schaffe es nicht mehr. Das war die Nacht, bevor ich dann mit meinem Oberarzt sprechen konnte. Wir saßen dann morgens in der Frühbesprechung und ich habe gesagt, dass es dringend ist, aber dringend kann ja Vieles sein. Ich habe nicht gesagt, wie dringend es ist. Er hatte den Freitag vorgeschlagen und mir war klar, dass ich es bis dahin nicht schaffe. Und irgendwie haben wir es dann Dienstagmittag geschafft, weil ich meine Patienten kurz wem anders überstülpen konnte.“
Es geht um die Tage danach. Wie es besser wurde. Mit regelmäßigen Kontakten. Mit einem Medikament, dass mich drei Tage erstmal so sediert hat, dass ich alle Kraft gebraucht habe, um überhaupt irgendwie zu arbeiten. Und parallel konnte man auffangen und schauen, was denn überhaupt los ist.
Was das sei, will sie wissen. „Naja – irgendwie kam alles ein bisschen gleichzeitig. Mein Papa ist Anfang April umgezogen und seitdem höre ich von meiner Schwester nur noch, dass sie zum Kaffee oder Grillen eingeladen ist oder sein wird, jetzt das Haus hütet, während der Papa in Afrika ist. Und ich versuche, seitdem ich klein bin irgendwie diese Familie zu kitten, den Kontakt zu meinem Vater zu halten und es gelingt mir nicht. Ich gönne es meiner Schwester total und sie genießt das auch, aber das macht auch etwas mit mir. Denn mein Leben, ist ein Leben mit Ersatzkonzepten geblieben. Mittlerweile ist es vielleicht inadäqaut, so etwas überhaupt noch zu wollen - ich habe schon im Ohr, dass mir jetzt Leute sagen werden, dass deren Eltern ja schon tot sind, aber das sind meine eben nicht und ich kann das Problem seit über 20 Jahren nicht lösen. Daneben die Geschichte mit dem Freund – das ist auch wieder ein Mensch, den ich gern näher in meinem Leben hätte, aber der das halt nicht möchte.“
Sie versteht es schon. Der eigentliche Plan war mal, dass meine Schwester auch hier runter zieht, dass wir hier beide unsere Familien gründen, dass wir hier etwas Neues schaffen und die alten Wunden so ein bisschen heilen. Und es hat eher nichts davon funktioniert. Eher ist das Gegenteil passiert. Diejenige, die sich am Ende bewegt hat, bin wieder mal ich. Auch das passiert so nicht zum ersten Mal. Und ich kann nicht sagen, dass mir der Geduldsfaden gerissen ist – wenn sich Niemand bewegt, passiert halt auch nichts, aber dass es die Lage erstmal nicht verbessert, sich weg zu bewegen von dem Ort, an dem nichts passiert, ist auch nachvollziehbar.
Und trotdem – wir kennen diese Dynamik. Und ich habe immer Angst, dass jemand befindet, dass ich ziemlich lebensunfähig bin.
„Wissen Sie, was ein bisschen komisch ist?“, frage ich.
„Was?“
„Ich hab ja erzählt, ich war auch bei der Frau von meinem Oberarzt. Mir war nicht klar, dass sie ihre Praxis jetzt auf deren Grundstück haben, sonst hätte ich vielleicht nochmal nachgedacht. Und irgendwie dachte ich mir, das ist doch echt merkwürdig, dass meine Schwester ohne diese Ersatzkonzepte lebt und ich jetzt bei zwei Menschen, von denen Einer eben für mich so „die Großen – Bezugsperson“ ist wohnt, über das Grundstück spaziere und meine Welt mit Grenzen, die da auch sein müssen und sollen – alles andere wäre nicht richtig – und vertikalen Beziehungen zurecht baue.“
Sie seufzt. „Vielleicht sollten Sie das nicht vergleichen“, sagt sie. „Kam mir nur so in den Kopf“, entgegne ich.
„Ich denke, das ist auch viel Altes“, sagt sie irgendwann. „Viele Gefühle, Sehnsucht, Traurigkeit, Wut – was auch immer da jetzt ist – rührt aus einer anderen Zeit.“
„Ich glaube auch.“ Und ich spüre das auch. Jedes Mal, wenn ich wieder ins Bundesland rein fahre. Ich habe außer der Tagebuchaufzeichnungen wenig Überblick über die Jahre hier, als ich noch jünger war. Aber ich spüre die Beklemmung in mir, sobald die Ortsnamen auftauchen. Und eine ganz tiefe Traurigkeit und Verzweiflung. „Das kann auch Trauma sein. Aber das habe ich Ihnen schon mal gesagt“, meint sie.
Wie jetzt der Stand ist, will sie wissen. Mit diesen lebensmüden Gedanken.
„Es nervt mich. Weil ich das so nicht mehr erwartet hätte, weil ich doch reflektiert genug sein müsste, weil ich weiß, dass das nicht nur für mich, sondern für all die es mitbekommen, eine immense Belastung ist.“
Das sei keine Antwort auf die Frage.
Ich habe selten so eine Dualität in mir erlebt. Ich kann mich wirklich über Dinge freuen, ich freue mich auch darüber, dass dieses Grundlevel von Depressivität besser wird. Ich war Fahrrad fahren die Tage und habe mir etwas zu essen gekocht – das war beides die letzten Monate nicht möglich Und gleichzeitig sind da die Themen, die so weh tun, dass ich sie manchmal kaum aushalte. Und der Mensch an sich funktioniert ja noch, ich kann alles machen, aber es ist schlimm. Und das ist immer noch ein starkes Pendeln zwischen den Emotionen und es ist immer noch so, dass ich mir im Gesamten nicht vorstellen kann, eine Lebensrealität schaffen zu können, in der ich glücklich werde. Ich weiß nicht, wo ich übermorgen oder in drei Wochen bin. Das kann immer noch jeden Tag wieder kippen. So fühlt es sich zumindest an.
„Es gibt da ja so eine Linie. Und darunter sind Momente, von denen ich weiß, dass die gut sind, nicht mehr gut. Die fühlen sich dann aber nicht mehr so an. Und da läuft das in einer Selbstständigkeit immer weiter abwärts, die nicht mehr steuerbar ist. Und ich merke, wenn ich da bin, aber dann kann ich immer nicht mehr viel machen. Im Moment bin ich so zwei Millimeter darüber. Und da bin ich handlungsfähig. Ich kann die Grundprobleme, die das ausgelöst haben, gerade nicht lösen, aber ich kann zusehen, dass die Tage in sich gut werden. Wenn eine Fahrradtour ein guter Moment sein kann, ein Sonnenaufgang in der Früh, ein nettes Gespräch mit Kollegen, dann bin ich froh darüber. Ich darf halt nicht drunter rutschen.“
„Zwei Millimeter drüber?“, fragt sie und zieht die Augenbraue hoch.
„Mh...“, gebe ich zurück.
„Sie wissen, dass Sie mit einem halben Fuß in der Psychiatrie stehen, oder?“, fragt sie.
„Das war der Grund, warum ich nicht wusste, wie schlau es ist, Ihnen das zu erzählen.“
„Ich weiß nicht, wie lange Sie und Ihr Umfeld das halten können. Im Zweifel heißt es Psychiatrie, es ist dann halt so.“
„Das kann im Zweifel aber berufliche Pläne durcheinander schmeißen. Das sickert durch, wenn ich dort bin. Dann sind jegliche Psychosomatiken im Umkreis des alten Wohnortes beruflich nicht mehr denkbar.“
„Ich weiß das schon, was da das Problem ist“, sagt sie.
Wir machen erstmal weiter. Ist das Resultat. Etwas anderes bleibt ja auch nicht übrig. Aber jetzt gerade fühlt es sich schwer an. Ich würde gern Lösungen haben. Aber ich muss wohl damit leben, dass es die noch eine Weile nicht geben wird. „Versuchen Sie, nicht zu weit in die Zukunft zu blicken“, meinte sie. „Ja – aber es kommt. Wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich, dass es noch ordentlich krachen wird vor dem Umzug.“ Das glaubt sie auch. Danach würde es wahrscheinlich leichter werden, weil ich dann erstmal beschäftigt bin und auch wirklich neue Konzepte angehen kann. Bis dahin muss man es halt überleben. Aber das denke ich mir nur und sage es nicht mehr. Nicht, dass sie doch noch zu Ideen kommt. Aber ich habe wirklich Angst. Und das ist auch etwas Neues. Viele Jahre hat mir Suizidalität nie Angst gemacht. Heute denke ich, ich würde so viel verpassen von dem das auch noch gut werden könnte, aber dazu muss ich eben das Jetzt überleben.
Nach dem Termin strolche ich noch etwas durch die Uni und setze mich ins Uni – Cafe zum Schreiben. Zwei Freunde haben abgesagt – und das wo ich dieses Mal eines der längsten Male in Düsseldorf bin. Ich hatte extra bis Mittwoch geplant, weil eine Freundin nur Dienstagabend konnte – allerdings nur mit Vorbehalt, das hatte sie angekündigt.
Aber manchmal ist das einfach so. Ich versuche es nicht so zu interpretieren, dass ich jetzt kurz bevor ich zurück ziehe (es sind dann nur noch zwei Stunden mit dem Auto von hier), meine Freunde verliere, sondern dass die einfach nur viel Stress haben aktuell.
Dienstag
Heute fahre ich in Richtung meines Elternhauses.
Ich habe sogar unseren alten Radiosender rein gemacht und ehrlich gesagt haben die gar keinen schlechten Musikgeschmack.
Meine Mama hat keine Ahnung, wo ich bin. Natürlich weiß sie von der neuen Stelle und sie merkt auch, dass es mir nicht gut geht. Das ist schwer zu übersehen, weil ich zwischendurch so starke Magenschmerzen habe, dass ich mich hinlegen muss, weil ich in keiner Position mehr sitzen kann. Ihre Schlussfolgerung ist, dass „neue Situationen Dir schon immer Angst gemacht haben.“ Ich löse das nicht auf. Ich könnte ihr niemals verständlich machen, was hier eigentlich los ist. Natürlich weiß sie mittlerweile, dass es da viel um Familie geht. „Ich wollte immer, dass Ihr Mama und Papa habt und auch wusstet, dass Ihr da immer hinkönnt.“ Aha – und was ist mit dem halbjährigen Besuchsverbot bei Papa, das es dann eben doch erst gab und damit, dass wir eben nicht gefragt wurden, wo wir wohnen wollen. „Ich hätte es aber niemals zulassen können, dass der Papa mir auch noch Euch wegnimmt“, kommt drei Sätze später und dann weint sie. Ich beschließe jede weitere Diskussion darüber zu lassen. Das hat keinen Sinn.
Ich möchte denen heute auch keine Vorwürfe mehr machen oder darin herum stochern, wenn es scheinbar auch bei meiner Mama eine noch offene Wunde ist – ich würde mir aber schon wünschen, dass wir etwas mehr bei der Wahrheit bleiben.
Insgesamt zerlegt mich die Therapiestunde von gestern im Nachgang aber ordentlich. „Das sind alles alte Emotionen“, hatte Frau Therapeutin gesagt und genau das hatten wir doch schon mal zum Thema Wut in meiner aktuellen Paarbeziehung. Warum sind es diese alten Emotionen, die so überwältigen sind, sich nicht steuerbar anfühlen und nicht regulierbar? Und was mache ich damit?
Ich schreibe Frau Therapeutin nochmal und bitte darum, dass wir uns das vielleicht nochmal kurz anschauen können, wenn es die Kapazitäten her geben. Ich sage nicht, dass ich manchmal das Gefühl habe, nicht mehr atmen zu können – ich will sie nicht stressen, bis Mittwoch, solange wie ich noch hier bin, einen Termin finden zu müssen. Aber sie findet einen für Mittwoch früh und ich danke dem Universum.
Mittwoch
Ich saß schon lange nicht mehr mit Herzrasen in der Ambulanz der psychiatrischen Tagesklinik. Und als sie mich in ihr Büro holt, erstickt mein „Hallo“ irgendwo im Hals.
„Wie geht es?“, fragt sie, als ich mich noch setze.
„Schlecht“, entgegne ich.
„Das dachte ich mir schon.“
Und dann geht es nochmal darum, warum es insbesondere die alten Emotionen sind, die mich überschwemmen, die ich ohne Coregulation kaum in den Griff bekomme. Womit es zu tun haben könnte, dass ich kaum aktive Erinnerungen an die Vergangenheit habe, aber sich ein diffuses Gefühl von „es ist nicht gut“ einstellt, sobald ich die Grenze des Heimat – Bundeslandes überfahre.
Und ich glaube, man muss hier etwas ganz wichtiges differenzieren: Es geht heute nicht mehr darum, wer die Schuld an Dingen hat. Darum soll es eigentlich auch nie gehen. Aber es muss darum gehen, dass ich in der Vergangenheit Vieles anders wahrgenommen und reflektiert habe, als mein Umfeld. Und, dass diese Diskrepanz zu erheblichen Schwierigkeiten führt – insbesondere wenn das immer wieder damit überfahren wird, dass das was ich wahrgenommen habe falsch ist. „Sie haben doch Ihr Tagebuch. Das lügt doch nicht“, sagt Frau Therapeutin dazu. Und irgendwann: „Sie wurden materiell gut versorgt. Aber emotional hat es da wirklich gehakt.“
„Ich dachte eigentlich, ich hätte mir in der Psychosomatik ein kleines Schutzschild gebaut. Mir hilft verstehen immer und ich verstehe die Familiendynamik mittlerweile so viel besser. Da hat niemand mit Absicht die Dinge verbockt und trotzdem können Dinge total schief laufen.“
„Was meinen Sie, was eine angemessene Reaktion Ihrer Eltern gewesen wäre, als die ihr Tagebuch gefunden haben?“
„Naja. Das ist ja der Punkt. Ich kann verstehen wie man dahin kommt zu sagen, dass ich so etwas nicht schreiben soll und dass es komplett falsch ist. Das wird deren Wahrnehmung gewesen sein und natürlich war meine Sicht der Dinge dann auch eine Bedrohung.“
„Ja – aber es wäre doch viel hilfreicher gewesen zu sagen: Okay, wir haben hier offentichtlich ein Problem in der Familie. Vielleicht sollen wir uns externe Hilfe holen, wenn es dem Kind so schlecht geht und wir das selbst überhaupt nicht verstehen.“
„Naja, aber Therapeuten, Psychiater – mal ganz zu schweigen von Klinik – waren irgendwelche nicht näher definierten Schreckensorte. Das war selbst noch so, als ich die ersten Male bei Ihnen war. Meine Schwester hat das meiner Mutter erzählt. Was glauben Sie, was da los war? Und bei allen Beratungsstellen vorher habe ich das irgendwie heimlich gemacht. Selbst in der Schule habe ich schon irgendwelche Kurse vors Loch geschoben, weil ich das nicht sagen konnte.“ Ich bin eine Weile still. „Als das mit der Anorexie so schlimm war, hat unsere Mutter uns ja ein Mal mit zum Arzt genommen. Und die Ärztin hat dann gesagt, dass wir eigentlich sofort in die Klinik müssen und ich saß daneben und dachte mir, dass uns dann mal endlich irgendwer hilft, aber natürlich habe ich mich nicht getraut Zustimmung zu äußern und meine Mutter dachte, die Schule leidet dann zu sehr. Und natürlich ist das Bullshit, aber für sie war das wohl eine reale Bedrohung.“
Ich bin eine Weile still. „Manchmal kommt mir das so vor, als wären wir auf unterschiedlichen Planeten unterwegs.“
Und wahrscheinlich geht es mir aktuell so schlecht, weil ich so sehr im Gefühl drin hänge und dieser rationale Überbau sich etwas verliert. Es hilft schon, die Geschehennisse von Damals besser einordnen zu können. Meine Eltern sind keine Unmenschen, die sind nur geleitet gewesen von ihren eigenen Wertvorstellungen, Ängsten und Sorgen. Aber dann gibt es eben doch das „verletzte Kind“ in mir, das eben einfach nicht emotional versorgt wurde und das jetzt wohl ab und an mal einfordert.
Es geht viel um Krisenpläne in diesen Tagen. Denn die werde ich brauchen. Frau Therapeutin schlägt vor, ich könnte nochmal Fachbücher über Schematherapie lesen. Das könnte bei meiner Familiendynamik sehr hilfreich sein, meint sie. Ansonsten schreiben, sich mitteilen, soweit es geht. Sie ist auch noch als Ansprechpartnerin da, betont sie.
Mittwochnachmittag breche ich auf in den Norden.
Ich hoffe, die letzten Urlaubstage kommt mal etwas Ruhe in den Laden.
Mondkind



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