Von einem Wochenend - Treff

 Wir sitzen auf den Treppen am Fluss und lassen die Füße ins Wasser hängen. 
„Wir können uns eigentlich auch mal auf einer Luftmatratze den Fluss runter treiben lassen“, sagt sie. 
Ich schaue sie schief von der Seite an. „Auf einer Luftmatratze?“, hake ich skeptisch nach und schaue auf das in der Sonne glitzernde Wasser vor uns. 
„Ja klar, das habe ich schon öfter gemacht“, entgegnet sie. „Das ist eigentlich auch praktisch, wenn man zwei Autos hat. Dann kann man eines hier parken und eins am Ausstiegsort. Da kann man so eine bis anderthalb Stunden auf dem Fluss verbringen. Vielleicht schaffen wir das ja noch, solange wie Du noch hier bist.“
„Okay, ich bin gespannt. Zwei Autos haben wir ja dann, das ist ja kein Problem.“
„Und ich habe genügend Luftmatratzen.“

***
Heute hat die Verabredung mit meiner ehemaligen Psychosomatik – Oberärztin endlich mal geklappt. Wir verquatschen uns jedes Mal und ich fahre jedes Mal am Ende des Tages viel zu spät nach Hause und denke mir, dass es doch im Grund gerade schon alles ganz okay ist. 

Während wir einen Kaffee trinken – ich muss ein bisschen meine müden Lebensgeister wecken nach einer anstrengend Arbeitswoche und Parkinsonymposium am Morgen – fachsimpeln wir ein wenig. Ich erzähle, dass ich gerade ein Buch über Schematherapie lese und sie berichtet, dass sie sich damit auch unbedingt nochmal näher beschäftigen möchte. „Es ist ja praktisch die Umsetzung von dem, das wir theoretisch alle wissen: Man kann die Therapieschulen nicht trennen. Und genau das versucht Schematherapie.“ „Wie steht in meinem Buch: Das Beste aus der Tiefenpsychologie, mit dem Besten aus Verhaltenstherapie und Gestalttherapie“, füge ich an. „Und natürlich spielt die Therapeut – Patient – Beziehung da eine echt tragende und sehr interessante Rolle.“ 

Es ist ein guter Moment, um auch mal über aktuelle Realitäten in der Psychotherapie zu sprechen und was Menschen in der ambulanten Versorgung zu Honorarkürzung und Fallpauschalen in der Psychotherapie sagen. „Ehrlich gesagt finde ich das mit dem Neurologie – Facharzt in der Hinterhand derzeit gar nicht so blöd“, gebe ich zu. Und wir einigen uns darauf, dass wir schon gut leben können müssen, von dem was wir da tun. Meinem Gegenüber geht es auch viel um die fehlende Wertschätzung. Wir studieren irre lang, wir investieren viel Freizeit und Geld in eine Ausbildung, um einen Facharzt in der ohnehin schon am schlechtesten bezahlte Facharztgruppe zu machen. Dieser Job ist keine Entscheidung, die man aus der Motivation des Geldverdienens trifft – dann findet man sicher einen anderen Facharzt. Aber das man dann noch rechnen muss, ob sich ein Kassensitz, den man auch erstmal erwerben muss, mit allen Fixkosten noch lohnt, ist schon irgendwie traurig. Eine Idee wäre es schon noch, in der Klinik zu bleiben bzw. dort wieder einzusteigen, aber es ist schon irgendwie davon auszugehen, dass auch da die Gehälter sinken werden. 
„Ich habe manchmal ein bisschen Sorge, dass ich so viele Jahre dafür gekämpft habe endlich das tun zu können, was ich gerne möchte und es dann nicht so richtig tun kann.“ Wir einigen uns darauf, dass wir sicher nicht am Hungertuch nagen werden, aber sicher mit dieser Entscheidung für unseren Berufswunsch in diesem fachärztlichen Bereich auch auf viel verzichten, das wir woanders haben könnten. Es bleibt für mich okay, wenn ich davon leben kann. 

Davon ausgehend bewegen wir uns thematisch zur Wohnsituation und es beruhigt mich immer, wenn die Menschen um mich herum meine Pläne nicht für völlig bescheuert halten. Ich zeige ihr ein paar Bilder von der Wohnung und sie meint, dass man sicher etwas daraus machen kann und dass der große Pluspunkt der Wohnung eben wirklich die unmittelbare Nähe zur Klinik und zur Innenstadt ist, wenn man die so nennen will. Klar – Fallstricke gibt es schon. Der Handtuchhalter im Bad hängt auf einer dünnen Schraube und kam mir schon entgegen – genau wie der Spiegelschrank, der uralt ist und auf zwei dünnen Schrauben hängt. Die Schrankwände sind nicht super hübsch, aber vielleicht kann man selbst die irgendwie aufwerten. Und mit der Küche muss man halt gucken. Ich hätte halt gern eine Mikrowelle, aber zur Not muss die halt ins Wohnzimmer. 

Auch auf die aktuelle Situation mit dem Freund kommen wir zu sprechen. 
Ich berichte etwas, das hier eigentlich noch niemand von mir gehört hat: Es war jetzt mal ein paar Tage besser. Seitdem ich aus dem Urlaub wieder kam war es, als hätte sich da irgendetwas getan in meiner Abwesenheit. Wir haben uns häufiger gesehen. Wenn ich ihn gefragt habe, ob er mit Rad fahren möchte, kam auch mal ein Ja. Er hat sogar sein Fallschirmspringen letztes Wochenende ausfallen lassen, damit wir an den See fahren können, was glaube ich noch nie vorgekommen ist. Er kam von selbst auf die Idee, dass ich bei ihm übernachten könnte und er hat sich sehr um die neue Wohnung bemüht und meinte sogar, dass er ja mal mitfahren kann und bei der Einrichtung helfen kann. „Er hat dann sogar maßstabsgetreu die Wohnung aufgezeichnet und dann ebenfalls maßstabsgetreu kleine Schnipsel von Möbeln gemacht, die ich dann mal hin und her schieben konnte“, berichte ich. 
Nachdem wir eine Weile am Fluss saßen und auf das Wasser geschaut haben, denke ich ein bisschen weiter. „Das Ding ist ja, dass die Beziehung zu 80 oder 85 % der Zeit echt beschissen läuft. Aber manchmal – dann gibt es da so Momente, in denen all das was sonst nicht geht und ich immer kritsiere, auf wundersame Art doch funktioniert. Und das sind dann immer die Momente, in denen ich denke „da geht doch was“. Und das macht es so schwer. Auf der einen Seite sagt er mir sechs Tage vor dem Urlaub „ja ich kann nicht mitfahren, weil ich ja nicht weiß, ob wir bis dahin noch zusammen sind,“ und auf der anderen Seite überlegt er sich irgendeine Kaffeemühle für seine Wohnung zu kaufen, damit ich bei ihm Kaffee trinken kann ohne ständig mein Equipment hin und her zu schleppen. Und das ist super anstrengend.“
Sie versteht es und weil ich eben doch noch Gefühle für ihn habe auch mein Bleiben bei ihm. Und andererseits ist es eben natürlich super schwierig. Auch Familie und Kinderplanung  bleibe in so einer Situation natürlich erstmal unmöglich.


Wir reden ein bisschen über meine Familie und Vergangenheit. Und ich mag es, dass sie mir doch hilft, all die Geschehenisse ein wenig einzuordnen. Wir bleiben heute ein bisschen bei meinem Auszug hängen. Hals über Kopf bin ich damals mit einem Koffer bei meiner Mama raus. Ohne zu wissen, wo ich die nächsten Tage und Wochen bleiben kann. „Das war ziemlich bescheuert, aber ich habe es da einfach nicht mehr ausgehalten. Ich habe so oft versucht mit denen zu reden und mein Erleben zu erklären, aber ich habe echt gegen Wände geredet.“
Wir sprechen über die Wochen davor. Kommen bei der Anorexie raus. „Es ist halt schon davor zu viel passiert – das war dann nur noch das Tüpfelchen auf dem i. In den Wochen davor war für mich Praktikum, meine Schwester war im Labor beschäftigt. Sie war da schon viel und lange beschäftigt – das war schon so. Und gleichzeitig hatte unsere Mutter die Regel aufgestellt, dass wir alle abends zusammen essen müssen; möglicherweise, damit sie kontrollieren konnte, dass überhaupt gegessen wurde. Ich war dabei nicht so der Fokus. Zwar hatte ich auch eine Essstörung, aber meine Schwester hat immer deutlich weniger gewogen als ich. Jedenfalls weiß ich, dass meine Schwester manchmal erst fast Mitternacht heim gekommen ist, weil sie einfach noch ein oder zwei Stunden länger im Labor geblieben ist und da noch irgendetwas gearbeitet hat in der Hoffnung, diese Regel zu umgehen wenn sie heimkommt, weil der Mama der Geduldsfaden gerissen ist. Ich habe dann nachgefragt, ob ich nicht eher essen kann, weil ich am nächsten Morgen früh raus muss und es einfach nicht geht, so lange wach zu bleiben aufs Essen warten zu müssen – da bin ich zu müde am nächsten Tag. Das ging aber nicht. Und irgendwann konnte ich mir diesen erbitterten Machtkampf zwischen den beiden, von dem ich die Leidtragende war, einfach nicht mehr angucken.“
„Aber eigentlich war das doch eine sehr gesunde Reaktion. Das war doch ein Grenzen setzen. Ein „so geht das nicht mehr und wenn ich hier nicht gehört werde, dann gehe ich eben.“ Ich glaube, das war das Beste, das Du machen konntest.“
„Hat meine Mama anders gesehen. Ich habe danach täglich Mails bekommen, was für eine schlimme Tochter ich bin und auch, wenn ich eigentlich wusste, dass das nicht sein kann, macht das etwas mit einem. Es hilft mir auch gerade wirklich, dass Du das als gesunde Abgrenzung bezeichnest. Für mich war das nur ein Gefühl von „Ich muss hier raus, ich kann nicht mehr“ und ich habe mir diesen Schuld – Schuh da schon angezogen. Denn da kam natürlich erstmal viel ins Wanken, als ich weg war. Und einfach war es auch nicht. Es war ja nichts geklärt. Ich hatte keine Wohnung, meine Kontokarte war bei meiner Mutter und ich hatte keinen Zugang dazu. Formal stand ich mehr oder weniger auf der Straße, praktisch hatte ich schon Leute, die mir reihum erstmal irgendwie Unterschlupf geboten haben.“
„Naja – es kann schon sein, dass das bei Dir eher eine intutive Reaktion war und Du Dich nicht bewusst abgegrenzt hast. Aber dann hast Du eben eine gute und starke Intuition – aber das wissen wir ja schon – und das ist etwas sehr Gesundes.“

Später sprechen wir noch über Florian Künstler, die anstehenden Konzerte und auch über ihn als eines von mehreren Vorbildern. „Ich habe mal ein Interview von ihm gehört – sogar jetzt schon mehrfach dasselbe, wobei er das jetzt auch an mehreren Stellen erzählt hat – aber ich habe mich einfach so gesehen gefühlt in seiner Geschichte. Er ist auch früh von zu Hause weg, abgesehen davon, dass er in einer Pflegefamilie aufgewachsen ist. Und natürlich waren das andere Umstände und jeder hat sowieso auch seine individuelle Geschichte, aber es verändert irgendwie das Leben, wenn man das erlebt hat nicht zu wissen, wo man morgen schläft, woher man genug Geld zum Überleben bekommt und wenn man sich durchschlagen muss ohne zu wissen, dass man irgendwohin zurück kann. Ich bin immer noch so dankbar für meine Wohnung, für meinen sicheren Schlafplatz jeden Tag, für das Wissen, dass ich das auch selbst finanzieren kann und dafür, dass ich immer genug zu essen im Kühlschrank habe, mich auch spontan mal mit Freunden zum Essen oder Trinken verabreden kann.“
„Man nimmt aus solchen Krisen meistens sehr viel mit“, meint sie. Und da hat sie leider – oder zum Glück – wahrscheinlich Recht. 

Ansonsten ist es mein erster Sommer nach dem Facharzt. Und der erste Sommer, in dem ich nach Jahren von Corona und Facharztlernerei mal etwas machen kann. Ob ich zufrieden bin, möchte sie wissen. Und ehrlich gesagt – ich bin schon froh, dass ich den kompletten Sommer noch hier verbringe. Klar – ich werde in den nächsten zwei Monaten die meisten Sonntage arbeiten, aber ich habe dieses Jahr schon zwei Urlaube gehabt, die ich ja doch gut verbracht habe, es stehen noch Konzerte an, ich treffe mich mal mit Freunden und gehe regelmäßig Fahrrad fahren. Ich habe das erste Mal seit Jahren gesehen, wie erst die Rapsfelder gewachsen und geblüht haben, danach das Korn kam und jetzt der Mais wächst. Mal wieder ein bisschen Verbindung zur Natur zu haben, ist auch schön. 

Viel zu spät am Abend bin ich wieder auf dem Weg heim. Eigentlich war der Plan, die  schon an der Tür stehenden Sachen anzuschnappen, noch den Proviant für den Dienst morgen mitzunehmen und beim Kardiochirurgen zu schlafen. Als ich dann allerdings am Telefon anspreche, dass wir für morgen früh mal einen Plan machen müssen, wer wann im Bad ist, weil er auch los möchte zum Fallschirmspringen, wird er schon wieder echt verbal aggressiv. Man merkt das sofort, wenn er noch einsilbiger wird als sonst. „Ich finde das gerade sinnlos“, sagt er irgendwann und da weiß ich schon, dass ich ihn wieder verloren habe. Letzendlich gibt es für ihn keine feste Zeit, wann er auf dem Flugplatz sein muss. Es ist also ganz einfach: Entweder, er lässt mir frühs die Vorfahrt, weil ich halt um 10 Uhr geduscht und mit geputzten Zähnen auf der Arbeit stehen muss, oder er lässt sich halt darauf ein, einen Plan zu machen und hält sich dann auch dran. 
Aber irgendwie wird mir in dem moment bewusst, dass ich jetzt gar keine Lust habe, mich nach einem schönen Tag wieder mit seinem fehlenden Willen oder seinem Unvermögen zu planen auseinander zu setzen und deshalb beschließe ich, einfach nach Hause zu fahren und da auch zu bleiben. Alles was ich von meinem Sonntag haben werde, ist eine Stunde in der Früh vor dem Dienst. Die möchte ich bitte ohne irgendeine Form von hausgemachten Stress verbringen. Ich bin sowieso noch müde von der letzten Woche.
Aber das ist halt immer so der Punkt. Ab morgen geht der Kardiochirurg auch wieder arbeiten und ich vermute, dann werden wir uns erstmal wieder nicht mehr sehen. Am Wochenende wollten wir eigentlich aufs Florian Künstler Konzert. Der Plan war so schön: Ich zeige ihm die Geburtsstadt, wir gehen aufs Konzert und er lernt meine Oma kennen – aber natürlich will er das auch nicht. 

Als ich zu Hause bin denke ich, es ist schon alles ganz okay eigentlich. Die ehemalige Oberärztin und ich sehen uns selten, aber jedes Mal ist bis dahin irgendetwas voran gegangen. Und so ganz glatt war ihre Biographie auch nicht - eher sehr bewegt. Und auch sie vermittelt mir immer wieder ein Gefühl von "es ist okay und man kann damit Psychosomatik machen."
"Ich glaube, es sieht kaum jemand, wie viel Arbeit, wie viel Mut und wie viel Überspringen von Grenzen das auch oft war", habe ich an irgendeiner Stelle gesagt. "Denn von außen sieht es ja erstmal so aus: Groß geworden in einem Akademikerhaushalt, dann selbstverständlich Medizin studiert und danach mal fix den Facharzt gemacht. Und es sieht nicht so aus, als hätte man sich dafür verbiegen lassen müssen und fast seine Identität verloren." "Und was sagt die Mondkind von vor 15 Jahren dazu?", hat sie gefragt. "Die hätte sich wahrscheinlich gefragt, an welcher Stelle das möglich gewesen ist, so weit zu kommen."

Ich düse mal flott in die Arbeit 
Mondkind

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