Sechs Jahre

Hey mein lieber Freund, 
kaum zu glauben, dass es heute schon sechs Jahre sind. 
Vor sechs Jahren saß ich morgens um kurz nach sechs auf dem Sofa. Natürlich war mein Kopf voll von Sorgen und ich wollte mehr als alles andere wissen, wo Du bist. Und ich mit meinem Katastrophen – Denken hatte mir natürlich schon längst das Schlimmste ausgemalt. 
Aber – Du bist niemals auf so einen Moment vorbereitet. Selbst wenn Du denkst, Du bist es.
Kaum zu glauben, dass damals die letzten Minuten des Lebens im Davor waren, ohne dass ich davon wusste. Ohne dass ich wusste, dass sich jetzt gleich für immer alles ändert. Und das klingt sehr dramatisch und das war es zu Beginn sicher auch – aber ehrlich gesagt ist dieses Ereignis bis heute tief im Alltag verwoben und immer da, auch wenn es nicht immer gleich präsent ist. 
 
Ich weiß nicht, ob ich jemals werde adäquat beschreiben können, wie sich das angefühlt hat, als Du gestorben bist. Es war, als würde der Körper zu Staub zerfallen, als wäre da eine Explosion in mir. Es war wie ein menschlicher Verkehrsunfall im Innen, als wäre die Seele mit Vollgas vor die Wand gefahren, in tausende Einzelteile zersplittert und ein paar Minuten später reanimiert worden, sodass sich zumindest ein winziger Teil retten und an die Seite stellen konnte. Und dieser Teil hat mich dann durch die nächsten Wochen getragen. Mit vielen Erinnerungslücken. 
 
Ich frag mich oft, was Du jetzt über die Welt denken würdest. Corona hat Dir so viel Angst gemacht, aber das Virus beherrscht längst nicht mehr die Welt. Dafür werden die Sommer im wärmer und ich mag die Hitze eigentlich doch ganz gern, aber Dir waren 25 Grad und alles aufwärts schon zu viel. Ich stelle mir manchmal unsere Diskussionen darüber vor, aber ich weiß auch, dass der Klimawandel Dir Angst gemacht hätte. 
 
Ich fahre mehr Fahrrad jetzt und als ich kürzlich auf einer langen Radtour war, habe ich mir nochmal Gedanken gemacht, was ich Dir schreiben könnte. Mir ist dabei ein Satz in den Sinn gekommen, den mein Oberarzt mal zu mir gesagt hat: „Ich verstehe das schon. Sie haben das Gefühl, als Partnerin, als Mensch und als Ärztin komplett versagt zu haben.“ Dieser Satz ist Anfang 2023 gefallen, aber er ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Ich habe mich selten so gesehen gefühlt in diesem Verlust von Dir, wie in diesem Moment und als ich nochmal eine Weile darüber nachgedacht habe, ist mir auch aufgefallen warum. Letzten Endes spiegelt ein diese Aussage die komplette Dramatik hinter dem was passiert ist, in einem Satz. Denn es bist eben nicht nur Du gestorben - Dein Tod hat auch alles erschüttert, was ich glaubte zu sein oder zumindest sein wollte. Natürlich wollte ich eine liebevolle Partnerin sein, die auf ihren Partner achtet und nicht mit einer Beziehung so viel Ausweglosigkeit schafft oder zumindest Deine erlebte Ausweglosigkeit nicht insoweit mithalten kann, dass es in dieser Dramatik endet. Ich war damals erst ein halbes Jahr im Job, ich wollte eine gute Ärztin sein und werden und man erwartet natürlich auch auf der Neurologie, dass man akut suizidgefährdete Patienten raus fischen kann. Und natürlich wollte ich auch einfach ein guter Mensch sein. 
Und Dein Tod hat das mit einem Mal alles in Frage gestellt. 
Ich habe schon wieder ein Mitglied der AGUS – Gruppe im Ohr, zu dem mal ein Psychologe gesagt hat: „Naja – Ihre Tochter hat nicht gesendet, also konnten Sie nicht empfangen“, was schon irgendwie Sinn macht. Und gleichzeitig glaube ich nicht, dass ich – wie auch die meisten anderen – jemals zu dem Punkt kommen werde, mich da frei von einer Mitschuld zu sprechen. 
 
In den Wochen danach gab es kaum Platz über Dich und das zu sprechen, was passiert war. Zwar war ich sogar in der Psychiatrie, aber das hat nicht viel geholfen. Suizidalität ist und bleibt ein rotes Tuch, egal ob man da über sich selbst oder andere redet. Das löst erstmal viel Abgrenzung, viel Aggression auch des Gegenüber aus, was bis zu einem gewissen Grad natürlich verständlich ist. Niemand will in irgendeiner Form in so etwas drin hängen – obwohl es bei 10.000 Suiziden im Jahr trotzdem mehr als genug Menschen tun. 
Weißt Du, was ich mich nur frage: Wenn ich heute darüber nachdenke, was damals gelaufen ist, kommt es mir so absurd vor. Die Menschen haben so übergriffige Fragen gestellt und ich habe mich so in die Ecke gedrängt gefühlt. Ich war nicht stark genug zu sagen, dass es mir vollkommen egal ist, was die Menschen meinen, was wir für eine Beziehung hatten, oder eben auch nicht – Fakt ist, dass Du damals der wichtigste Mensch in meinem Leben warst auf einer emotionalen Ebene. 
Man hat gefragt, ob wir verheiratet sind, ob wir Kinder haben, ob wir miteinander schlafen, um daraus abzuleiten, ob ich trauern darf. 
Dabei hat das Eine mit dem anderen doch irgendwie wenig zu tun. Und wenn heute der aktuelle Freund sterben würde, den ja auch einige als Kollegen hier kennen, würde das sicherlich vollkommen anders laufen, obwohl wir emotional so entfernt sind. Aber er scheint wohl in dem Zusammenhang viel eine Frage von Labelling zu sein. Oder auch vom verzweifelten Versuch einer Abgrenzung des Gegenübers.




Ansonsten lese ich gerade eines der Standardwerke über Schematherapie. Der Lieblingspsychologe von Haus 10 hat es empfohlen – Du kannst Dich sicher an ihn erinnern. Sidenote: Als ich zuletzt in Düsseldorf war, habe ich Deinen Lieblingspsychiater in der Tagesklinik gesehen. Er ist Oberarzt mittlerweile und irgendwie bist Du unsere Verbindung zueinander. Es war einfaches Zunicken mit einem „Hallo“ in dem so viel mehr gesteckt hat, als eine einfache Begrüßung. Das war auch ein „Wir wissen, was wir tragen.“ 
Jedenfalls wird in diesem Buch in jedem dritten Satz Klaus Grawe zitiert und ehrlich gesagt kommen mir seine Ansichten wirklich vernünftig vor. Ich glaube, ich muss doch mal ein bisschen was von ihm lesen und mittlerweile wünsche ich mir oft, ich hätte Dir aufmerksamer zugehört, wenn Du erzählt hast, was Du von ihm gelesen hast. „Mondkind, Klaus Grawe hat gesagt...“ Mit erhobenen Finger. Ich kann mich noch genau an Deinen Tonfall dabei erinnern, weil es so oft vorkam und das werde ich auch nie vergessen.
Und irgendwie wird es langsam rund. Diese Psychosomatik – Geschichte. Die Verhaltenstherapie und auch die Schematherapie bringen mich viel in Kontakt mit meinen alten Ideen und Plänen und irgendwie glaube ich, habe ich die in Bad Neustadt auch sehr verloren. Klar – da stand der Neuro – Facharzt im Vordergrund, aber eigentlich fühle ich mich wirklich so viel heimischer in Theorien über Entwicklung und Psychologie.
 
Apropos Heimat. Wie habe ich das kürzlich so schön formuliert: „Ich verdränge, dass ich in ein paar Monaten nicht mehr da bin.“ Ziemlich bewusst ehrlich gesagt. Ich mache rein formal erstmal alles, was ich tun muss. Ich habe eine Wohnung, ich habe sämtliche Nachweise, die die neue Klinik will schon organisiert und die erste Nacht auf der Durchreise nach der Schlüsselübergabe war eher so semi, weil es so sehr ins Bewusstsein geholt hat, dass ich eben bald nicht mehr ständig hier sein werde. 
Und weißt Du – es fühlt sich an, wie ein Umtopfen. Ich habe so wenige Beziehungen auf einer horizontalen Ebene, die wirklich stabil tragen (also eigentlich gar keine), dass eben die vertikalen Beziehungen das stellvertretend übernehmen. Und ein Leben das aus Ersatzkonzepten besteht, kannst Du nicht mitnehmen. Du fügst Dich ein in ein Netzwerk als Mensch, was nicht super kompliziert ist, wenn Du einen Job hast. Du bist Teil von einer „Kollegen – Familie“, aber Du nimmst Niemanden davon mit an den neuen Ort. Es gibt so viele Menschen hier, die mir Stabilität ermöglichen, die mir hier einen Platz einräumen, den ich im Privaten eben nie finden konnte. Es gibt Menschen hier, die nicht mal wissen, wie wichtig sie in meinem Leben geworden sind. Und trotzdem sind die so viel Konstante und da muss nicht mal viel passieren – morgendliches Socialising in der Frühbesprechung reicht schon, damit der Kopf realisiert „alle sind da, meine Welt ist in Ordnung“. Und genau diese Menschen, die diesen Rahmen ermöglichen, werden dann fehlen und dieses Fehlen wird mich dann doch wieder damit konfrontieren, dass ich privat eben wenig auf die Reihe bekommen habe. Das macht mir super viel Angst und ich weiß noch nicht genau, wie ich damit umgehen werde. 

Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Es gibt einen neuen Song von Florian Künstler, der heißt „Das ist alles ist passiert.“ In dem Lied geht es darum, was alles passiert ist, seitdem ein Mensch nicht mehr da ist und was man alles nicht mehr teilen konnte. Florian Künstler findet Ereignisse für die Strophen und jeder hat da natürlich seinen individuellen Text. Und weißt Du – manchmal klammere ich mich ein bisschen an den Gedanken, dass unser Himmel immer noch derselbe ist und dass Du irrgendwo sitzt und ab und an etwas mitbekommst von mir. 
Und weiß Du noch was: Irgendwie war es schwer, dass das Leben ohne Dich weiter gehen musste. Ich hatte oft das Gefühl, dass das unsere Beziehung irgendwie entwertet. Aber am Ende fragt Dich ja niemand: Entweder Du gehst mit unter, oder Du versuchst es zumindest. Und trotzdem – trotzdem würde ich es so feiern, wenn wir jetzt abends gemeinsam auf dem Sofa sitzen könnten, jeder seine Bücher durcharbeiten würde und Du ab und an den Stift heben und sagen würdest: „Mondkind, das muss ich Dir mal kurz zeigen.“ Und dann würden wir uns gegenseitig die spannenden Passagen vorlesen. Und ich würde mir wünschen, dass wir – wie das ab und an passiert ist, aber ritualisiert immer am Ende des Jahres – uns gegenüber sitzen und Du mich fragen würdest, ob wir uns auch gegenseitig durch das nächste Jahr begleiten wollen. Und dann würde ich wissen, dass es da einen Menschen gibt, der immer da ist – unabhängig davon wo ich bin. Dann würde es keine Rolle spielen, ob ich hier wäre oder 200 Kilometer von hier entfernt, weil wir uns aus dem Innen heraus halten würden und mich nicht das Außen mit seinen Ersatzkonzepten halten müsste. 
Und deshalb ist das Leben manchmal ganz schön leise geworden – obwohl es eben weiter geht. Obwohl ich all die Dinge erlebt habe, seitdem Du nicht mehr da bist. Und nur, dass Du das weißt: Du warst wichtig für das Leben anderer Menschen. Für meins, für das Deiner Familie und Deiner Freunde. Für all die Netzwerke im Innen, von denen Du ein Teil warst. 

Ich denk an Dich. Heute ganz besonders. 
Ganz viel Liebe in Richtung Universum. „Pass auf Dich auf – ich mach das auch“, wie Florian Künstler singt. 
Mondkind


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