Überraschung auf Station
Donnerstagmorgen.
Gestern Abend war Sommerfeier der Station und obwohl ich schon um 21:30 Uhr gesagt habe, dass ich jetzt wirklich leider gehen muss, weil ich sonst einfach zu müde bin, sitze ich trotzdem etwas erschlagen auf der Station. Die Erschöpfung ist und bleibt hartnäckig – obwohl diese Woche auch viel Schönes passiert. Eine Kollegin aus Tschechien, die recht selten da ist, ist aktuell hier und wir treffen uns ständig abends mit noch einer anderen Kollegin und unternehmen etwas. Und natürlich möchte auch da gern dabei sein, obwohl ich schon immer etwas die Bremse bin und mich früh zurückziehe.
Der Morgen auf der Station an diesem Donnerstag startet etwas unruhig. Einer meiner Patienten ist im Entzug. Er hatte uns gesagt, er trinkt sein Monaten kein Alkohol mehr bei der Aufnahme und erstmal muss man sich ja darauf verlassen. Man kann ja nicht alle Menschen, bei denen das Wort Alkohol in Vorbriefen steht, mal prophylaktisch mit Sedativa abschießen. Er sicherte uns zu, sich bei beginnenden Entzugssymptomatiken melden zu können und das reichte uns dann erstmal.
Allerdings hat er sich nicht gemeldet und erst nachdem er schon im massiven Entzug war zugegeben, dass er vielleicht doch eine Flasche Vodka pro Tag trinkt. Und dann läuft man der Situation in der Regel etwas hinterher. Gerade als ich dachte, dass meine schon großzügig verteilte halbe Elefantendosis vielleicht ein bisschen Ruhe in den Laden bringt, kam in der Röntgenbesprechung der Anruf: „Mondkind – es geht so nicht. Er steht im Bett. Kannst Du bitte kommen.“
Als ich wenige Minuten später ums Eck gefegt komme und einige Schwestern um das Bett herum stehen, staune ich nicht schlecht, als ich unter den Menschen die Schwester des Kardiochirurgen entdeckte.
Erstmal bin ich danach ewig damit beschäftigt, den Patienten in die Psychiatrie zu verlegen, nachdem er dann seine privaten Gegenstände zerstört hat und das weiter tun wollte, auf der Station geraucht und die Pflege angegriffen hat.
Als ich fertig bin und der Patient schließlich in Polizeibegleitung die Station verlässt, ist sie schon weg. Sie war nur einen Tag da, um sich die Station mal anzuschauen und vielleicht möchte sie demnächst bei uns arbeiten. Ich wollte eigentlich nochmal mit ihr sprechen, aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass das nicht geklappt hat. Ich will sie auch nicht zwischen die Fronten stellen. Kürzlich hatte sie in einem Nebensatz mal erwähnt, dass man durchaus schon bei Familienzusammenkünften gefragt hätte, wo denn die Freundin des Kardiochirurgen ist und er habe wohl immer eine Antwort parat gehabt. Dummerweise war es aber eben auch so, dass ich meistens hier war und mich mit anderen Dingen beschäftigt habe, bis er wieder kommt, aber dass ich grundsätzlich auch sehr bereit gewesen wäre, mitzukommen. Und das weiß er auch – ich habe es mehrmals angesprochen, aber ich kann mich da halt nicht selbst einladen.
Und irgendwann an diesem Nachmittag denke ich mir, dass Kapitel vielleicht auch einfach irgendwann zu Ende gehen. Ich glaube nicht, dass das einfach werden würde, wenn sie auf unserer Station arbeiten würde und der Kardiochirurg und ich dann getrennt wären. Und vielleicht ist es vor dem Hintergrund auch ganz gut, dass ich gehe. Vielleicht sollen manche Dinge einfach passieren. Und andere eben nicht.
Diese Woche hat der Kardiochirurg Urlaub und ich habe abgesehen von Einwortsätzen überhaupt nichts von ihm gehört. Ich habe ihn ständig abends gefragt, ob er mitkommen mag – wir waren ja viel unterwegs und die Kollegen hatten ja auch teils ihre Partner dabei. Es gibt manchmal so einen Teil in mir, der Angst hat, dass er einfach schwer depressiv in seinem Urlaub zu Hause sitzt; es ist nämlich auch nicht das erste Mal, dass er sich im Urlaub einfach so sehr in sich selbst verschließt, dass man da gar nicht an ihn ran kommt und er auch nichts mitmachen möchte. Viel wahrscheinlicher ist aber – und das muss man wahrscheinlich auch sehen – dass er irgendwo auf einem Flugplatz sitzt und einfach gar nicht an mich denkt.
Und nachdem eigentlich fest verabredet war, dass wir den Samstag gemeinsam verbringen – wir wollten eigentlich ins Möbelhaus, aber jetzt ist Feiertag, sodass es halt etwas schwieriger wäre; wir müssten halt in ein anderes Bundesland – hat er heute Abend angerufen, gesagt, dass ich heute Abend nicht kommen soll, er morgen aufs Flugplatzfest geht und gar nicht weiß, ob er überhaupt abends wieder kommt, oder einfach dort schläft und dann im Verlauf des Sonntages wieder kommt.
Es ist mein einziges freies Wochenende weit und breit. Er hatte die ganze Woche Zeit, um zu fliegen. Es war die ganze Woche klar, dass wir das Wochenende gemeinsam verbringen wollen. Aber klar, dass zum Freitagabend, als ich eigentlich schon längst hätte bei ihm sein sollen, der ganze Plan wieder über den Haufen geschmissen wird und er nicht mal fragt, ob es für mich okay ist.
Ich habe mir jetzt einen Alternativplan überlegt. Wahrscheinlich werde ich in eine andere Stadt fahren, dort mal ins Möbelhaus schauen und mal in die Innenstadt – mein Kleiderschrank braucht echt auch noch ein bisschen verbesserte Aussstattung bis zum Start in der Psychosomatik. Dann kann ich auch an der Kaffeerösterei vorbei gehen, die mir mein Oberarzt mal empfohlen hatte. Ich war bisher noch nicht dazu gekommen.
Und trotzdem frage ich mich ein bisschen, wie ich das überleben soll, wenn ich bald wahrscheinlich nicht nur mein ganzes soziales Umfeld verliere, sondern auch noch meinen Freund. Und damit alles an zwischenmenschlichen Kontakten, die ich aktuell habe. Und ich weiß, dass es möglich ist. Aber ich weiß auch, dass es ein immenser Schmerz wird und viele Tage sein werden, an denen ich mich frage, was ich hier eigentlich mache und warum. Und an diesen Tagen nicht einzuknicken, dieser Stimme im Kopf nicht nachzugeben – das ist immer die Schwierigkeit, die auch kaum jemand begleiten kann. Denn es wird ja auch einfach keiner mehr da sein. Und ich hoffe ehrlich gesagt schon, dass mich mein neues Umfeld da gut aufnimmt und ich weiß, dass ich dazu auch viel beitragen kann. An den Hospitationstagen hat das abr schon ganz gut geklappt. Die Arbeits – Mondkind kann auch dann noch freundlich und offen sein, wenn im Innen alles schreit. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich nie so weit gekommen.
Mondkind

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