74 Monate
Mein lieber Freund,
schon wieder der Dritte des Monats. Die Zeit rennt. Und nächsten Monat um diese Zeit sitze ich schon 200 Kilometer entfernt von hier und mache meine ersten Schritte im neuen Job.
Mit der Wohnung – das nimmt langsam Gestalt an. Ich habe alle Liefertermine im Blick und werde die nächsten Tage mal mit Bestellen anfangen. Mit dem Internet – das wird ein größeres Problem. Ich habe einen kleinen Aufruf in meiner whatsApp – Story gestartet, ob irgendwer eine Idee hat und sogar Deine Mum hat versucht, hilfreich zu sein. Aber klar – Eure Familie hat Umzüge auch bis zum Abwinken durch.
Nächste Woche ist erstmal das letzte Mal AGUS – Gruppe. Ich weiß noch nicht, ob ich mir eine Neue suchen möchte. Irgendwie weiß ich noch nicht, ob sich das richtig anfühlt, mehr als sechs Jahre danach.
Ansonsten ist hier gerade große Krise angesagt. Und Du und ich wir wissen beide, dass man den Wecker hätte danach stellen können. Schon als ich diesen Vertrag für den neuen Job unterschrieben habe, habe ich geahnt was kommt. Und Du denkst immer: Ich werde ja älter, ich habe mehr Lebenserfahrung, ich mache einen ganz langsamen Übergang, indem ich die alte Wohnung erstmal noch behalte – das kann ich mir finanziell leisten für ein paar Monate – und dann wird das schon.
Aber natürlich ist das komplette Nervensystem mittlerweile auch darauf getrimmt, dass alles was auch nur zehn Meter gegen den Wind nach Verlust riecht, erstmal komplett boykottiert wird.
Ich würde Dich manchmal gern fragen, was Du so jetzt, mehr als sechs Jahre nach Deinem Tod über diesen Schritt denkst. Würdest Du das so nochmal machen? Hast Du Frieden gefunden?
Ich versuche weiter in diesem Leben zu bleiben. Und irgendwie ist das sehr seltsam. Auf der einen Seite will ich ja wirklich noch voran kommen. Ich hätte mir keinen neuen Job gesucht, wenn ich keinen zweiten Facharzt wollen würde und ich hätte den auch nicht so weit weg ausgewählt, wenn ich nicht gehofft hätte, dass das die Beziehung zwischen dem Freund und mir zumindest mal in irgendeine Richtung bewegt. Alles ist besser, als dieser Stillstand hier. Entweder er vermisst mich dann halt vielleicht auch mal ein bisschen und wir bewegen uns wieder aufeinander zu, oder wir stellen fest, dass wir uns doch gar nicht so sehr fehlen.
Aber irgendwie nimmt man damit eben auch immer wieder krisenhafte Verläufe in Kauf, von denen man hofft, dass man die irgendwie – vielleicht auch mit viel Hilfe – lösen kann.
Ich weiß nicht... - als Du gestorben bist, schien der Ort hier erstmal die Lösung zu sein und ich habe viel dafür getan und in Kauf genommen, um hierher kommen zu dürfen und das Ganze war mehrere Jahre vorbereitet und durch Praktika hier immer wieder gefestigt. Ich finde es immer noch verrückt, dass ich sieben Jahre später einfach weiter ziehe. An einen Ort, den ich bis vor ein paar Monaten noch nie gesehen habe und von dem ich mich aktuell freue, wenn ich ohne Navi den Supermarkt finde.
Ich hätte niemals gedacht, dass ich eines Tages hier mal so die Koffer packen werde.
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| Wieder unterwegs zwischen den Welten, in denen man nie angekommen ist. |
Ansonsten bin ich sehr gespannt, was ich Dir nächsten Monat schreibe. Wie alles gelaufen ist. Wo ich dann bin. Ob das alles ohne Psychiatrie gelaufen ist. Der Intensiv – Oberarzt muss sich jetzt erstmal um seine eigene Familie kümmern, glaube ich; da hat es einen kleinen Zwischenfall gegeben, habe ich gestern so beiläufig erfahren.
Pass auf Dich auf, okay?
Ich versuch das auch
Mondkind

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