Gedanken am Sonntagabend

Und ich hab Heimweh
nach Deinem Herzschlag
Und ich muss einsehen, 
dass ich Dich mehr als sehr mag. 

Florian Künstler - der Grund

***

Während ich Sonntagabend im Auto sitze, ist während des Musik hörens immer ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Oder während des Telefonierens. 

Ich möchte aktuell erstmal gar nicht weiter auf die Arbeit eingehen. Ab morgen werde ich die Station alleine haben und so viele Patienten gleichzeitig betreuen, wie noch nie in meinem Leben. Medizinisch wird das sicher keine große Herausforderung, aber nach zwei Wochen Einarbeitung an wirklich alles zu denken – wir sind Ärzte, Sekretärin und Arzthelferin in einem – und bei der Masse an Patienten nicht den Überblick zu verlieren, wird die Hauptaufgabe. Grundsätzlich bin ich immer noch sehr unzufrieden mit meiner Tätigkeit und sehe keinen großen Gewinn zur Neuro. Schön ist, dass ich mich mittlerweile hochoffiziell mit Psychopharmakotherapie und Therapieformen im Rahmen der Verhaltenstherapie beschäftigen darf – das bringt mir aktuell aber auch nicht super viel. 

Wir haben jetzt eigentlich das dritte ziemlich gute Wochenende hinter uns. Die Sache wird aktuell dadurch etwas vereinfacht, dass der Kardiochirurg seit Anfang des Monats Urlaub hatte und somit auch jedes Wochenende da war, aber dennoch verhält er sich ja weiterhin deutlich anders. 
Und irgendwie ist mir in einer ruhigen Minute der Gedanke gekommen, dass die Beziehung aktuell auch das nach außen transportiert, dass sie all die Monate (und Jahre?) war, ohne dass es so sichtbar war. Dass eine Fernbeziehung durchaus kompliziert ist, leuchtet den meisten ein. Während es vorher ja immer so war, dass ich ja immerhin einen Freund habe und da  ja schon irgendwie alles laufen wird. 

Er ist weiterhin sehr aufmerksam, fürsorglich, absprachefähig und hat einfach auch ein Auge auf unser Wir. Für heute Abend hat er mir wieder etwas zu essen mitgegeben, weil er weiß, dass ich spät komme und keine Zeit mehr habe, etwas zu kochen. Und am Wochenende fragt er jetzt immer, ob er mir etwas vom Einkaufen mitbringen soll, weil er weiß, dass meine Wochenenden kurz sind mit Fahrerei und dem Waschen zu Hause und ich relevant entlastet bin, wenn ich nicht noch einkaufen muss. 
Und irgendwie – das habe ich heute Abend mal mit meiner Schwester besprochen – frage ich mich immer noch, warum es jetzt ist, wie es ist. Manchmal dachte ich ja schon, vielleicht versteht er einfach nicht, was ich von Beziehung brauche, aber offensichtlich weiß er das ja doch ziemlich genau. Und irgendwie zieht das ja jetzt alles einen immensen Rattenschwanz nach sich. Eigentlich hatte ich ja immer gedacht, dass nach dem Facharzt mal Dinge wie Hochzeit und Familienplanung dran wären. Und es selbst dann schon allerhöchste Eisenbahn wird, denn wir werden alle nicht jünger und eine Risikoschwangerschaft muss eigentlich nicht sein, aber vermutlich lässt sich das nicht mehr vermeiden. Und das ist der Punkt. Wenn ich wirklich hier bleibe, wird sich das mindestens drei Jahre ziehen. Und das ist sportlich gedacht. Denn was ein komplettes Chaos wird, ist in einem anderen Bundesland zu arbeiten als dem, in dem man sich ursprünglich für die Facharztprüfung angemeldet hat. Wenn ich also da durch falle und schon wieder zurück gezogen sein sollte, wird das ein bisschen dramatisch. Also warte ich lieber bis nach der Prüfung, aber auch dann muss ich erstmal hier kündigen und wieder einen Job in der Nähe der Heimat finden. Und auch dieser Wechsel hier hat sieben Monate gedauert. Ich glaube, hier sind die Kündigungsfristen aber tatsächlich nicht so lang. Was ich aber sagen möchte: Mit dieser Entscheidung jetzt haben wir uns einfach so viele Möglichkeiten genommen – wer weiß, ob das dann überhaupt funktioniert, wenn ich gegen Ende meiner 30er beschließe, dass ich schwanger werden möchte. 
(Und bevor sich jetzt wieder jemand fragt, ob ich glaube, dass er ein guter Familienvater werden kann: Wenn er so drauf ist wie jetzt, dann ja. Und was ich auch weiß: Es läuft jetzt gerade erstmal ein paar Wochen gut und es weiß Keiner, wie es laufen würde, wenn ich nach wie vor durchgehend vor Ort wäre und auch das sollte man mutmaßlich vor der Familienplanung nochmal testen. Gibt es tatsächlich strukturelle Probleme, wenn wir an einem Ort sind, oder war er sich vielleicht doch einfach nur ein Stück weit zu sicher, für diese Beziehung eigentlich nichts tun zu müssen).

Das vermisse auch sehr - meine Fahrradrunden und dabei zu sehen, wie derselbe Weg sich im Lauf des Jahres immer wieder verändert


Letzten Endes hat da ja in den ersten Wochen und Monaten dieses Jahres aber eine immense Not dahinter gesteckt. Wenn ich überlege, wie viele Nächte ich wach und entweder wütend oder traurig oder beides gleichzeitig war, geweint habe, bis mir fast das Hirn zersprungen ist, dann weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt noch arbeiten konnte. Das Mirtazapin war schon mal eine große Erleichterung gewesen, weil es mir zumindest mal wieder ein paar Nächte garantiert hat, aber ich verstehe nicht, wieso – obwohl es der Partnerin ziemlich offensichtlich sehr schlecht ging – und ich wirklich alles versucht habe, um ihn irgendwie ins Gespräch zu bringen, einschließlich der Tatsache, dass ich ihn mit in die Studienstadt geschleppt habe zu meiner Therapeutin – nicht um große Dinge zu klären, sondern auch einfach um darauf aufmerksam zu machen, wie schwierig die Situation für mich war, nichts möglich war. 

Ich frage mich weiterhin, wie er die Situation sieht. Wie es ihm damit geht, dass ich jetzt unter der Woche so weit weg bin;  das beantwortet er mir nicht wirklich, aber gemessen an seinem Engagement könnte man schon darauf kommen, dass es für ihn auch schwer ist. Ich frage mich auch, was er über die ganze Geschichte mit Familienplanung denkt. Er möchte ja Kinder, wie er mal sagte und eigentlich müsste ihm ja auch klar sein, dass es so erstmal für die nächsten Jahre nicht möglich ist. 

Und trotzdem bleibe ich erstmal Diejenige, die um diese Situation zu ändern einen immensen Preis bezahlt. Emotional und finanziell. Und auch, wenn es von so vielen Kollegen und Freunden ein warmer Abschied war – so langsam ist das alles einen Monat her, ich habe seitdem kaum Jemanden von denen gesehen, hier habe ich noch gar keinen Anschluss, geschweige denn, dass private Gespräche möglich sind (und ich glaube, das Klima hier ist auch einfach sehr viel professioneller hier; da wird nicht einfach bei einem Kaffee im Arztzimmer mal gequatscht) und ich fühle mich sehr, sehr einsam .

Naja – mal sehen. Erstmal registriere ich, dass ich mich wie ein kleines Kind freue, wenn es Freitagabend endlich nach Hause geht, dass die Sonntagabende sehr schwierig sind und dass ich mich trotz echter Bemühungen mit dieser Wohnung hier eigentlich überhaupt nicht wohl fühle. 

Erstmal wird die nächste Woche jetzt durchaus spannend. Entweder das wird ein großes Chaos oder ein großes Learning. Oder beides.

Mondkind

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