Vom Leben in einer neuen Welt
„Ist das Ihre erste Stelle?“, fragt mich der Oberarzt, bei dem ich gerade ein Termin zur Einarbeitung habe. (Sehe ich aus wie frisch von der Uni? Ist das ein Kompliment?)
„Nein – ich habe vorher schon sieben Jahre in der Neurologie gearbeitet“, entgegne ich.
„Ach so... - dann haben Sie einen Facharzt...“ Ich weiß nicht, ob das eine Frage, oder eine Aussage sein soll.
„Ja, habe ich“, bestätige ich.
„Und jetzt... - wollen Sie einen zweiten Facharzt?“, hakt er nach.
„Genau“, antworte ich.
„Naja Sie wissen ja – Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Und jetzt fangen Sie nochmal von vorne an.“
„Jep, kann man so sehen“
***
Die ein oder anderen Leser erwarten vielleicht schon ein kleines Update von mir.
Zum Einen habe ich mir eine Integration in eine neue Klinik aber wirklich einfacher vorgestellt und zum Anderen läuft es weiterhin nicht, wie ich es gern hätte.
Es ist schon ein komisches Gefühl, als Fachärztin seine Facharzturkunde mal kurzfristig komplett zu vergessen und sich an den Rockzipfel einer Assistentin zu hängen, die selbst erst drei Monate da ist, aber einen nun einarbeiten soll. Und ich muss ja nicht nur ein komplett neues Dokumentationssystem kennen lernen (was für meinen Geschmack mehr als umständlich ist), sondern auch alle Gepflogenheiten in der Klinik und ganz viele Menschen und deren Eigenheiten. Es geht ja nicht nur um die Frage, was ich kann, sondern auch was ich darf oder was sogar erwartet wird.
Darf ich selbst etwas an den Psychopharmaka ändern, wenn ich das für notwendig halte, oder muss ich immer Rücksprache mit einem Oberarzt halten? Dürfen sich Patienten einfach von Therapien abmelden und nehme ich das so hin und verweise auf die Bezugstherapeuten, um das zu besprechen, damit am Ende die Therapie eben in einer Hand bleibt, oder darf ich das vielleicht auch selbst mal kritisch hinterfragen? Was genau wird eigentlich während der Oberarztvisiten besprochen? Da es hier keine Tablets gibt, in denen man schnell etwas nachschauen kann, muss man sich vorher Notizen machen, sonst steht man schnell da, wie der Depp – aber man kann auch nicht die ganze Akte abschreiben. Wie werden hier Entlassbriefe geschrieben? Wer schreibt wann, welchen Teil? Was sind Pendlerlisten und wer schreibt die?
Da meine Kollegin ab nächster Woche im Urlaub ist, kommt nicht nur eine immense Anzahl von Patienten auf mich zu, sondern eben vor allen Dingen auch ein Dschungel an Orga – Kram, durch den ich noch nicht durchsteige. Auch Dinge wie Kodieren, für das ich bisher mein ganzes Arztleben lang eine Arzthelferin hatte, machen wir hier selbst. Und ich habe auch oft den Eindruck, dass die Anforderungen an mich höher sind, als vielleicht an andere Menschen, denn „Du hast ja schon einen Facharzt und dann muss ich nicht so viel korrigieren, wenn Du das machst.“ Wahrscheinlich aber doch. Ich habe noch nie kodiert – ich werde mit Sicherheit einiges an Bullshit zusammen kodieren. Und das ist nur ein Beispiel.
Ich glaube, in meiner Notaufnahme – Zeit und auch auf der Intensivstation habe ich ziemlich gut gelernt, die Angst von meinem Erleben zu entkoppeln. Und klar habe ich jetzt keine Angst Patienten umzubringen, sondern einfach, dass ich den Anforderungen hier nicht gerecht werden kann. Mental spüre ich wenig davon. Aber mein Körper zeigt es mir deutlich. Ich hatte lange nicht mehr so viele Tage am Stück Kopfschmerzen.
Das mit den Diensten wird auch eine spezielle Nummer. Minusstunden für 24 – Stunden – Dienste sind mir auch noch nicht in die Tüte gekommen. Man dachte ja schon immer in der Neuro, die veräppeln einen nach Strich und Faden, aber so schlecht waren die Dienste am Ende nicht bezahlt.
Am Ende sind die Tage einfach im Moment sehr voll – denn wenn man eben sehr viele Patienten betreuen muss und die das Arztzimmer bisweilen eher als Bahnhof betrachten, ergibt sich eben doch ein ziemlich hoher Arbeitsaufwand – ich bin quasi jeden Tag zu lange da. Aber ich gehe nicht mit dem Gefühl nach Hause, etwas Sinnvolles für Patienten getan zu haben. Tatsächlich ist das auch immer wieder interessant, wie wenig soziale Kontakte man in einer Psychosomatik mit Kollegen hat. Das war bei uns am Standort schon wenig, aber hier ist es noch weniger. Selbst Übergaben laufen einfach über das System. Außer den Menschen, die unmittelbar in der eigenen Abteilung arbeiten – und das sind eine Hand voll – muss man mit überhaupt keinem Menschen kommunizieren.
Wie sagte ein anderer Oberarzt in der Einarbeitung zu mir, als er auf einen Dienstplan geschaut hat: „Hier hat irgendeine Psychologin Dienst; ich kenne sie nicht.“ Ja – sie sitzt eine Etage über Dir, bestimmt hast Du sie schon gesehen, aber Du hast keine Ahnung, wie sie heißt. Ich kenne sie, weil sie zufällig in meiner Abteilung ist.
Und neben der derzeit bestehenden beruflichen Unzufriedenheit gibt es natürlich auch im Privaten Vieles, das schwierig ist.
Zum Einen nervt mich das Pendeln jetzt schon. Ich bin permanent zwischen drei Wohnungen unterwegs und gefühlt die Hälfte meines Wochenendes mit Packen und Kontrollieren beschäftigt, dass ich nichts vergessen habe. (Und ich vergesse trotzdem genug). Ich vermisse meine Wohnung und ich würde die niemals hergeben wollen. Gleichzeitig ist die finanzielle Lage hier ziemlich angespannt, insbesondere wenn die Dienste weit weniger abwerfen werden, als das so veranschlagt war. Die Wohnsituation ist eine permanente Frage in meinem Kopf. Die werde ich aber auch alleine nur bedingt lösen können. Wenn es möglich wäre, langfristig am Wochenende beim Freund bleiben zu können, wäre es ja nochmal eine andere Überlegung, ob ich meine Wohnung vielleicht doch irgendwann her gebe – dann hätte ich ja auch ein „sicheres zu Hause“, aber wir wissen, wie schwierig das ist.
Der Freund hält seine 180 – Grad – Wende weiterhin eisern durch. Wir hatten zuletzt wirklich ein ganz unspektakuläres Wochenende. Da ich hier noch keine Sportroutine habe – und ich war im Sommer so stolz, endlich mehr Sport zu machen – ist es mir schon wichtig, zumindest ein Mal in der Woche eine Fahrradtour zu machen. Deshalb war ich am Samstag Fahrrad fahren und Wäsche waschen, nachdem wir gemeinsam gefrühstückt hatten. Später haben wir seinen Computer repariert und so etwas wäre einfach vor ein paar Wochen nicht möglich gewesen. Er erklärt immer super gerne und ich fand es jetzt auch gar nicht so uninteressant, was er da gemacht hat und dann war das doch gut gelöst. Hauptsache wir verbringen Zeit zusammen und man kann halt nicht immer irgendetwas total Spektakuläres machen.
Sonntag haben wir meine Daten vom Handy gesichert, weil das langsam die Hufe hoch klappt, aber doch noch eine Weile durchhalten muss. Aber jetzt ist zumindest alles gesichert für den Fall, dass es doch nicht mitmacht. Und danach hat er einen „Probierkuchen“ gebacken, den ich dann mitnehmen durfte und Essen für Sonntagabend hat er mir auch noch mitgegeben.
Da ist wieder mehr Verbindung, mehr Gemeinsamkeit in den Dingen, die wir tun und das ist sehr schön. Trotzdem wird es jetzt eine Weile dauern, bis ich auch vertrauen kann, dass das eventuell bleiben könnte.
Und natürlich ist es trotzdem so, dass er bei den größeren Fragen weiterhin unverbindlich ist. Ich habe mal das Thema Urlaub für nächstes Jahr angesprochen – einfach, weil wir den jetzt schon eintragen müssen demnächst. Und da kam von ihm wieder: „Richte Dich nicht nach mir – nächstes Jahr kommt dann ja doch mal eine Facharztprüfung bei mir.“
Und einerseits: Ja, ich verstehe das. Ich habe mich die Monate davor auch in eine Höhle verkrochen und gelernt. Und mich hat das auch höchstgradig gestresst, dass der Herr der Meinung war, wir müssten einen Monat vorher noch nach Südtirol fahren. Meine Hauptmotivation damals mitzukommen war, dass ich an den verstorbenen Freund gedacht habe und ja nach wie vor all die Dinge bereue, die wir nicht gemacht haben. Wie zum Beispiel zum Revolverheldkonzert nach Dresden zu fahren. Und da die Beziehung ja immer schon höchstgradig fragil war dachte ich, vielleicht sind da ein paar Goldmomente dabei, für die ich irgendwann dankbar sein werde. Tatsächlich denke ich gern zurück an unsere abendlichen Spaziergänge mit der Katze, die wir immer von der Scheune abgeholt haben und von dem einen Nachmittag auf der Alm, den ich mir erlauben konnte, an dem wir Kühe gestreichelt haben.
Letztlich kann ich auch nichts dafür, dass dieses Jahr jeglicher gemeinsam geplanter Urlaub abgelehnt wurde. Wenn wir nächstes Jahr auch nicht gemeinsam weg fahren, werden es am Ende zwei Jahre gewesen sein, in denen ein Urlaub mit dem Partner nicht möglich war.
Ich habe ihm das jetzt erstmal nicht direkt aufs Brot geschmiert, um auch keinen Ärger zu provozieren, weil er meinen Standpunkt da ohnehin nicht verstehen wird, aber es enttäuscht mich schon. Und ja – ich kann ihn auch irgendwie verstehen, dass er sich da nicht festlegen will, aber er war halt leider auch der Grund, warum dieses Jahr nichts funktioniert hat und er muss das jetzt meiner Meinung nach eben auch ein bisschen ausbaden. Sagt ja Keiner, dass wir jetzt sechs Wochen zusammen Urlaub verbringen müssen, aber zumindest eins, zwei Wochen einfach mal nur wir Zwei irgendwo anders, wäre schon schön.
Andererseits muss man auch sagen, dass große Sprünge finanziell jetzt sowieso nicht drin sind. Also Fernreise wird jetzt einfach nichts. Aber an die Nordsee oder ein bisschen in die Alpen könnte man schon. Man kann das ja mit dem Wellnesshotel einfach mal sein lassen.
Mit der Familie wird es leider auch nicht einfacher.
Das quasi einzige Kontaktangebot meiner Mutter ist „mir geht es schlecht“ und bei all ihren neurologischen Erkrankungen, die sie nun mal leider hat, bin ich Ansprechpartnerin Nummer 1. Nur leider agiert sie mittlerweile dermaßen mit ihrer Symptomatik, dass ich das auf der einen Seite schwer ernst nehmen kann und das schon deutlich als „jetzt bist Du doch wieder ein paar hundert Kilometer zurück in Richtung alte Heimat gezogen, jetzt schlag halt mal hier auf“ deute, auf der anderen Seite kann man die Symptome eben doch nicht von der Hand weisen. Aber egal was man ihr an Beratung anbietet – es wird alles immer nur schlechter. Es hilft exakt gar nichts und natürlich beschäftige ich mich trotzdem täglich mit ihr, aber es ist frustierend und man wartet eigentlich auf irgendeine Form von Eskalation. Ich habe ihr schon deutlich gemacht, dass ich in meinem Job jetzt auch nicht notfallmäßig Urlaub oder irgendetwas nehmen kann – ich kann von der Ferne aus tun, was mir eben möglich ist, aber ich bin selbst extrem eingespannt im Moment. Das sieht sie nur leider anders.
Von meinem Papa nach wie vor nichts Neues. Da herrscht Funkstille. Ich habe am Wochenende beim Daten sortieren alte Sprachnachrichten von seiner Freundin gefunden. Es gab eine kurze Zeit, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, in der das alles etwas besser lief zwischen uns. Aber ja – es ist, wie es ist. Es wird immer ziemlich weh tun, aber umso dankbarer bin ich über ein „Na... - wie ist es in der Psychosomatik?“ von meinem Intensivoberarzt. Ich glaube, ihm ist absolut überhaupt nicht klar, wie viel er heilt für mich und selbst wenn ich wollte, könnte ich mich niemals für all diese kleinen Dinge, die aber so unendlich wertvoll sind, bedanken. Zu wissen, dass irgendwer dort ein „väterliches Auge“ auf mich hat und auch an mich denkt, ist ein sehr schönes, wärmendes Gefühl.
Es ist also weiterhin alles ein riesen großes Chaos. Wahrscheinlich mehr Chaos als vorher leider.
Eigentlich ist es gar nicht so gekommen, wie erwartet. Ich dachte eigentlich, der Job wird schon auf jeden Fall etwas für mich sein und mit dem Freund ist es dann halt einfach mal vorbei, wenn ich gehe. Klar – es war ja besprochen und es gab auch die Hoffnung, dass er vielleicht doch mal realisieren könnte, dass man an einer Beziehung auch arbeiten muss, aber dass sich das jetzt so darstellen wird – damit habe ich auch nicht gerechnet.
Ich habe mit der Frau des Oberarztes zwischendurch mal gesprochen und sie hat angeregt, das jetzt erstmal alles bis Ende des Jahres so laufen zu lassen, wie es ist und dann alles nochmal in die Waagschale zu werfen. Bis dahin bin ich immer noch in der Probezeit, komme relativ einfach aus dem Vertrag raus und hoffentlich auch relativ einfach zurück in die Neuro.
Und vielleicht haben sich doch Dinge bis dahin irgendwie ergeben. Ich lese jetzt schon immer nebenbei Therapiematerialien, habe schon perspektivisch mit einer Kollegin vereinbart, dass sie mich in ein paar Wochen mal mit in eine ihrer Gruppen nimmt – das habe sie wohl am Anfang auch so gemacht, um schon mal etwas zu lernen und mitzunehmen und sie kann mich da verstehen. Vielleicht geht es mir in drei Monaten besser im Job. Mal sehen, was mit dem Freund bis dahin ist und ob wir jetzt die Situation wirklich mal stabil halten können. Nach so vielen Monaten oder Jahren von Schwierigkeiten, ist ein bisschen Vorsicht wohl mehr als angebracht.
Und übrigens steht neben Möhrchen jetzt immer ein Auto mit dem Kennzeichen des Geburtsortes des verstorbenen Freundes und dem Ort, an dem er jetzt auch beerdigt ist. Ich passe auch immer auf, wenn ich mit Möhrchen komme, dass ich es wieder genau neben dieses Auto stelle.
Ich bin kein großer Fan von solchen Assoziationen, aber oft denke ich im Moment er weiß wirklich wo ich bin und was ich gerade mache und möchte, dass ich es mir noch ein bisschen anschaue, ein bisschen Vertrauen habe und ein bisschen glaube, dass am Ende alles okay wird.
Mondkind

Ich glaube du bist da aber auch in einer speziellen Abteilung gelandet... In meiner Klinik läuft das ziemlich anders. Tut mir Leid, dass es dich gerade hat nicht abholt
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