76 Monate - Jobeindrücke und Jobangebot
Mein lieber Freund,
der erste Monat in der neuen Arbeit ist schon vorbei und ich habe Tonnen an Eindrücken, Erfahrungen, emotionalen Erlebnissen, Verwirrung und Ideen dabei.
Zuerst mal – das Auto mit dem Kennzeichen Deines Geburts- und Begräbnisortes ist ein paar Meter die Straße hoch gerückt in den letzten Tagen. Ich habe mir gedacht, Du denkst Dir bestimmt ich bin langsam etwas besser angekommen und vielleicht kannst Du mich ein bisschen mehr allein lassen? Es war ein großer Halt in diesen ersten Tagen, dass ich irgendwie den Eindruck hatte, Du bist dabei. Als Du gestorben bist war ich so weit weg davon, mal ohne richtiges Rückfahrticket aus der Klinik im Heimatort weg zu gehen und jetzt war es gar nicht so schwer. Und weißt Du, was sich auch ein bisschen komisch anfühlt? Wie schnell Du Dich auch woanders versuchst einzufügen, wie beruhigend auch irgendwie diese Abende auf Station ganz schnell werden können. Ich denke manchmal, das liegt daran, dass im Privaten so wenig hält, dass Du Dir Deinen Halt dann eben etwas institutioneller und anonymer suchst, aber es ist dort eben auch relativ leicht machbar.
Und naja... - wir haben eindeutig zu viele Menschen bei uns in der Klinik, die Deinen Namen tragen. Manchmal muss ich mich in den Visiten richtig fokussieren, den Blick mal vom Namensschild der betroffenen Person weg zu nehmen und wieder an den Patienten zu denken. Ich weiß nicht – das ist gar nicht so einfach. Da hatte ich vielleicht Glück die letzten Jahre, dass es wenige Menschen mit Deinem Namen um mich herum gab. Auf der Intensivstation gab es einen Pfleger und der hat mich auch immer irgendwie emotional berührt, aber drei Menschen mit Deinem Namen auf meinem Flur – mit einem habe ich unmittelbar eine Menge zu tun... - das hat Dich echt präsent gemacht und manchmal muss ich noch lernen, wie ich gut damit umgehe.
Und irgendwie musst Du auch ein bisschen lernen, wie Du als Fachärztin funktionierst. Ich arbeite jetzt mit einer Kollegin zusammen, die noch recht frisch ist, noch nie Dienste gemacht hat und mir jetzt erklären möchte, wie die Station zu führen ist, nur weil sie zwei Monate länger als ich da ist. Ich glaube, es wäre zu kompliziert Dir alles zu erklären, aber ich bin mit vielen Dingen nicht einverstanden – so zum Beispiel, dass ich bei der Chefarztvisite bei meinen eigenen Patienten nicht dabei sein soll und wir uns dann eben Übergaben machen sollen. Übergaben von der wichtigsten Visite der Woche, in der das weitere Behandlungskonzept besprochen wird. Irgendwie stört mich das zum Beispiel massiv und sorgt für eine Menge Chaos, weil Du dann umgekehrt auch mal Patienten in einer Visite vorstellen musst, die Dir gar nicht gehören und dann musst Du ein Behandlungskonzept rechtfertigen, das Du ja gar nicht entworfen hast. Skurril alles, ich sag's Dir.
Ansonsten hat man schnell verstanden, dass da jemand ist, der nicht nur etwas will, sondern auch etwas kann und ich wurde direkt für Weihnachtsdienste geködert. Kannst Du Dich erinnern? Wir beide waren nie so die riesen Weihnachts – Fans und für mich ist es auch okay. Ich habe gestern nochmal den Freund gefragt, wie denn die Planungen für Weihnachten so sind von seiner Seite aus und dann meinte er, er hat keinen Plan. Und auf meine Frage hin, ob er denn entweder arbeitet, oder bei seiner Familie ist am 24.12 kam wieder nichts. Auch kein „Mondkind, ich würde schon gern Weihnachten mit Dir verbringen und es ist mir wichtig, dass Du nicht alleine bist, wenn Dir das an diesen Tagen so schwer fällt.“ Denn ehrlich gesagt war es ja bisher immer so, dass er entweder gearbeitet hat oder dann eben bei seiner Familie war. Und ich kann verstehen, dass man an Heiligabend bei seiner Familie sein möchte. Ich kann aber nicht verstehen, warum man nach über drei Jahren Beziehung die Freundin nicht mitnehmen kann.
Daneben ist etwas richtig Krasses passiert und ich wünschte so sehr, ich könnte Dir das erzählen.
Ich habe heute ein unglaubliches Jobangebot bekommen von einem Menschen, von dem ich das niemals erwartet hätte. Und ehrlich gesagt – manchmal ist es so überwältigend und bewegend, was das Leben für Wellen schlägt. Dieser Mensch hat mich erlebt in den wirklich allerschlimmsten Zuständen. Er weiß, wie lange ich ein paar Jahre immer wieder ausgefallen bin, wie schlimm die Gedanken waren, wie groß auch die Sorge war, dass ich vielleicht jobtechnisch doch nicht voran komme, weil ich das Studium nicht schaffe.
Und ausgerechnet aus dieser Ecke ein „Überlegen Sie sich das in Ruhe, schauen Sie sich mal die Klinik an und kontaktieren Sie mich gegebenenfalls“, ist einfach nicht nur wegen des Angbotes so bewegend. Sondern, weil da ein Mensch ist, der mich trotz all dieser ganzen Erfahrungen annimmt und sagt „ich habe da das Vertrauen in Dich.“
Und Du – Du kanntest diesen Menschen so gut, hast mich oft ermutigt, ihn nochmal zu kontaktieren. Und heute Abend, da fehlst Du wirklich. Niemand könnte das aktuell so gut nachvollziehen wie Du und diesen ganzen Gefühlswirbel dazu. Ich weiß nie, was ich in dieser Institution getan habe, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen, aber irgendwie denken die Menschen da auch Jahre später noch positiv an mich. Dabei war dieser Ort und alles was dort passiert ist, vom Außen so verurteilt.
Und gleichzeitig zeigt die Sitation irgendwie so sehr: Das Leben geht weiter und alles bewegt sich irgendwie. Wir werden älter, wir kommen in beruflich andere Postionen. Ich bin nicht mehr die Studentin, die nichts auf die Reihe bekommt und auch die anderen Menschen landen in Positionen, in denen solche Angebote enstehen können.
Es ist so wild in mir gerade und auch wenn das eher Plan F ist (aber hey - es gibt sogar eine Alternative zu dem hier...), oder so – aber das Ungesagte zwischen den Zeilen, das ist wieder das, das bewegt...
Ich vermisse Dich hier immer noch sehr.
Halt die Ohren steif, okay?
Ganz viel Liebe
Mondkind

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