Gespräche im Dienst
Sonntag.
Dienst.
Nicht nur meine psychische, sondern auch meine körperliche Verfassung ist langsam ziemlich am Ende.
Ich rattere meinem Oberarzt ein paar Aufnahmen herunter. Es ist viel zu tun an diesem Sonntag. Zum Glück ist es nacheinander gut abzuarbeiten, aber ich komme auch nicht dazu, mich mal eine Minute irgendwo hinzusetzen.
„Ey aber Mondkind, Deine Nase läuft ohne Ende“, unterbricht er mich zwischendurch. (Und auch wenn ich dann irgendwann weg bin, werde ich diesen typischen Tonfall nie vergessen).
„Ja, ich bin etwas erkältet“, bestätige ich.
„Hast Du irgendetwas genommen? Soll ich Dir etwas bringen? Brauchst Du Medikamente?“
„Alles gut, maximal eine Ibu, aber die habe ich auch hier in der ZNA“, entgegne ich.
Und wieder sind es die Außen – Menschen, die sich kümmern. Nachfragen, ob ich etwas brauche. Und manchmal sind es solche simplen Konversationen, die irgendwie das Herz berühren.
Am Abend davor hatte der Freund nochmal auf der Türschwelle gestanden.
Und obwohl er gesehen haben muss, dass ich vorher stundenlang geweint habe, hat er nicht mal die Schuhe ausgezogen und ist rein gekommen.
Wir standen so lange in der Tür, bis ein Nachbar heraus kam und die Situation irgendwie schlagartig unangenehm wurde.
Zwischen zwei Stroke Alarmen klingelt mein Telefon mit einer externen Nummer.
Der Intensiv – Oberarzt. Eigentlich wollten wir uns Samstag sehen, aber nachdem die Nacht sehr unruhig war, hatte er lieber heim fahren wollen.
„Wo sind Sie? Soll ich kurz rüber kommen?“
„Naja, ich stehe mit einem Notfall im CT. Günstig ist es nicht; ich weiß nicht, ob ich kurz kann. Allerdings ist der Patient bekannter Alkoholiker und ziemlich verwahrlost, dass er jetzt nicht reagiert, ist am ehesten nicht neurologisch“, sinniere ich gerade vor mich hin, als die Schwester mit dem BGA – Ergebnis rein kommt.
„Mondkind, er hat einen nicht messbaren Zucker und ein Kalium von 12“, sagt sie.
„Mh... - ketoazidotisches Koma?“, frage ich. „Ich glaube wir nehmen den jetzt ganz schnell vom CT – Tisch und stabilsieren ihn erstmal. Wahrscheinlich brauchen wir das CT dann auch nicht mehr“, sage ich während der Hintergrund der ZNA gerade herein rast, an dessen Ohren der Fall wohl auch schon gedrungen ist. „Brauchen wir jetzt unbedingt das CT?“, fragt er mich. „Nein“, entgegne ich. „Der Patient ist vital bedroht, dann lege ich ihm jetzt erstmal einen ZVK und eine Arterie und wir warten mal aufs restliche Labor und kümmern uns um den Zucker“, sagt der Hintergrund.
„Okay, kleines Zeitfenster“, sage ich zu meinem Intensivoberarzt, der immer noch in der Leitung ist.
Wenig später sammelt er mich in der Notaufnahme ein, als ich gerade mit den Unfallchirurgen über einen Patienten nach Treppensturz spreche.
„Er hat einen Zungenbiss Mondkind, vielleicht hat er gekrampft und ist dann die Treppe herunter gefallen“, stellt der Unfallchirurg mir seine Theorie vor..
„Mh...“, entgegne ich, öffne die Vorbriefe und finde einige unfallchirurgische Vorstellungen unter Alkoholeinfluss. „Ich bestimme mal den Alkoholspiegel. Wenn der positiv ist, dann ist es am ehestens metabolisch und wahrscheinlich kein Krampfanfall durch Epilepsie.“
„Ohne die Alkoholiker wären wir arbeitslos“, kommentiert mein Oberarzt.
Ich seufze. „Tragisch ist es trotzdem.“
Wir setzen uns in den Neuro – Pausenraum.
„Ich hatte das Gefühl, es ist dringend“, sagt er.
Ich nicke.
„Das Problem ist langsam nicht mehr der neue Job. Da habe ich mich jetzt, denke ich, entschieden. Spätestens nachdem ich durch den Buschfunk gehört habe, dass die mich erstmal in die Reha stecken wollen. Ich weiß, ich habe da Vorurteile, aber ich würde lieber Akut – Psychosomatik machen. Und in der Gesamtkonstellation, dieser ohnehin für die neue Klinik sprechenden Aspekte...“
„Ich bin nach wie vor der Meinung, die haben sich auch nicht richtig Mühe für Sie gegeben bis jetzt...“, bringt mein Oberarzt ein.
„Das größere Problem ist aktuell mal wieder der Freund“, setze ich neu an und warte kurz. „Jetzt hat er mir kürzlich – also letzte Woche – gesagt, dass er der Meinung ist, wir passen einfach nicht zusammen und wir sollen uns trennen. Er ist dann aber doch über Nacht geblieben. Ich habe dann angemerkt, dass mich das alles ziemlich verwirrt, woraufhin er meinte, dass wir uns ja nicht sofort trennen müssen. Aber wir sitzen ja vom Prinzip her auf einem Pulverfass.“ Ich mache eine kurze Pause. „Und ich glaube, ich habe auch meine Antwort, warum ich noch in einer Beziehung bleibe, die mir ziemlich offensichtlich nicht gut tut.“ Er legt den Kopf schief und schaut mich ziemlich fragend an.
In dem Moment geht der Stroke Alarm wieder los. Die Pflege ruft mich fast zeitgleich an. „Mondkind, die Leitstelle hat angerufen: In 20 Minuten kommt ein Patient mit stärksten Kopfschmerzen und Wortfindungsstörungen.“
„Okay, dann haben wir noch 10 Minuten“, erkläre ich. Jetzt gibt es keine Zeit mehr lange zu fackeln.
„Ich habe einfach wahnsinnige Angst vor diesen Tagen und Wochen danach. Also nach der Trennung dann. Und abgesehen davon, dass irgendetwas in mir ihn immer noch mag, will ich das so lange wie möglich vermiden. Wir wissen, wie das beim letzten Mal war.“
Er ist eine Weile still.
„Sie haben Angst vor der Lebensmüdigkeit.“
Ich nicke nur still und vergrabe meinen Kopf in den Händen. Ich kann ihn gar nicht mehr ansehen. „Als er das ausgesprochen hat; das war, als hätte sich ein Schalter in meinem Kopf umgelegt. Und ich weiß, dass ich alle Möglichkeiten habe, dass ich noch so viel wachsen kann, dass ich so viel erreicht habe. Ich weiß, ich brauche ihn nicht, um glücklich zu sein und trotzdem...“ „...Ist es einfach da“, vervollständigt er den Satz. „Und es ist so verdammt anstrengend, wenn da den ganzen Tag so ein Stimmchen in einem plappert. Keine echte Stimme, natürlich nicht, aber diese Frage, ob es noch einen Sommer für mich gibt. Das gab es schon lange nicht mehr und ich will das auch gar nicht. Ich wollte das nie, obwohl die Menschen mir so oft unterstellt haben, ich würde sie nur manipulieren wollen.“
„Ich weiß, dass Sie das nicht wollen. Das ist Ihr Muster in diesen Situationen und wir wissen, dass zwischenmenschliche Beziehungen, zu Hause und Verlässlichkeit existentielle Themen für Sie sind, die hier gerade auf dem Spiel stehen. Und es ist jetzt auch gerade einfach objektiv viel, das los ist bei Ihnen.“
„Das war nicht der Plan nach dem Facharzt“, sage ich.
„Aber absehbar“, entgegnet er.
„Und dann kommen wieder all diese Fragen hoch. Dann frage ich mich, wie es dem Freund gegangen sein muss, bevor er gestorben ist. Wie ist das, wenn es wirklich so schrecklich ist, dass man es nicht überlebt? Es ist ja jetzt schon super schlimm. Wie krass muss er gelitten haben. Und dann schäme ich mich so, weil ich weiß, wie schlimm es für alle ist, die da mit durch müssen.“
„Wir kriegen das hin. Sie kriegen das hin.“
„Ich muss gleich los“, sage ich mit einem Blick auf die Uhr.
„Sie melden sich. Sie rufen mich an, wenn Sie es nicht mehr händeln können“, sagt er und schaut mich an.
Ich nicke.
„Wir können uns auch sehen nächste Woche, wenn es hilft. Ich kann auch mal eine halbe Stunde länger bleiben, wenn es sein muss.“
„Danke.“
„Und jetzt kommen Sie mal her, ich glaube in so einer Situation ist eine Umarmung schon gerechtfertigt.“
Und irgendwie fühlt es sich immer gut an, wenn jemand das Außen hält, währen das Innen völlig zerbricht.
Ich rase zurück in die Notaufnahme.
Melde eine CT an für den neuen Patienten.
Schaue nach dem Alkoholspiegel. Positiv. Neurologie beendet.
Dann ruft mich schon die Pflege an. „Mondkind, dein Patient ist da.“

Kommentare
Kommentar veröffentlichen