Von einem Wochenend - Telefonat
Ich habe einen Kumpel am Telefon.
„Ich weiß nicht. Irgendwann fragst Du Dich schon ein bisschen, wer Du bist. Ich meine, abgesehen davon, dass die letzten sechs Jahre und dieses permanente Versacken in der Klinik, Dir sowieso ein bisschen die Identität genommen haben. Warum kann ich nicht mal irgendwann an einem Ort bleiben? Warum kann es sich nicht mal irgendwann richtig und gut genug anfühlen? Warum renne ich permanent allem und jedem hinterher, ohne das jemals so richtig zu erreichen? Zumindest gefühlt nicht. Anfühlen tut es sich wie Verlieren. Ein wiederkehrendes Erleben. Immer verliere ich am Ende.“
„Mh... - wie war das Wochenende?“, fragt er.
„Naja, ich war im Kino. Das war ganz okay. Ich habe aber ein bisschen auf ein paar Emotionen in mir gehofft. Film, Musik und geschriebene Worte – oder Kunst im Alllgemeinen – können das normalerweise. Aber irgendwie... ich glaube ich bin zu erschöpft von allem.“
„Vielleicht ist es ganz gut, dass Du nochmal mit der Coaching - Frau redest?“
„Keine Ahnung. Sie ist die Frau von meinem Oberarzt. Und hat ihre Praxis jetzt auf deren Grundstück. Das ist sicher nicht ideal. Eigentlich wollte ich nicht bei ihm zu Hause rum hocken. So mehr oder weniger. Aber es ist die zeitnaheste Lösung, die sich anbietet und weil ich mir ja immer erst Unterstützung suche, wenn die Hütte richtig brennt...“ Und nach einer Pause. „Ich weiß nicht mal genau, was ich zuerst ansprechen soll. Wenn ich die Beziehungssituation thematisiere, kann ich Dir schon sagen, was passieren wird... das ist aber trotz aller Identitätsfragen das drängendste Problem. Ein Kollege hat schon kürzlich gesagt, dass er keine Ahnung hat, wie ich den Facharzt geschafft habe, wenn ich 24/7 die Beziehung im Kopf habe und das ist eben so...“
„Was willst Du ihr denn da erzählen?“
„Naja, das ich verwirrt bin zum Beispiel? Mit Exfreund war es zumindest so, dass er gesagt hat, was er vor hatte. Sein Konzept war am Ende „Beziehung ohne Bindung“. Hieß, wir sind offiziell getrennt, jeder kann machen was will – er war ja auch so ein Held der Unverbindlichkeit – und wenn sich unsere Wege zufällig kreuzen, ist das okay. Also ganz so zufällig auch nicht, aber wenn der Eine den Anderen abends anruft und fragt, ob er vorbei kommen will und beide Zeit haben, dann geht es. Man muss sich aber nicht mehr Zeit für den anderen nehmen; das war der Deal.
Vom Prinzip her läuft das jetzt ähnlich. Er hat gesagt, wir sollen und trennen, hat mir aber jetzt beim Gehen heute doch gesagt, dass er vielleicht eine Kaffeemühle kaufen soll, damit ich meine nicht immer hin und her schleppen muss. Auf der einen Seite sagt er also wortwörtlich: „Ich denke mit uns nicht weiter als anderthalb Wochen in die Zukunft“, auf der anderen Seite denkt er über eine Kaffeemühle nach, die er selbst niemals brauchen wird, weil er keinen Kaffee trinkt. Wie soll ich das nicht verwirrend finden?“
Mein Gegenüber seufzt.
Und ich auch. „Das ist ja auch ein Mensch, an dem viele Gefühle meinerseits hängen. Der irgendwie nicht einfach so raus und rein in und aus meinem Leben spazieren kann, wie er will.“
„Und was denkst Du, wird sie sagen?“
„Naja, sie hat das schon beim Exfreund nicht so ganz verstanden. Also... - nicht dass ich kapieren würde, was ich da tue, ich denke ich kann ihr da keinen Vorwurf machen. Aber sie hat ziemlich darauf plädiert, dass wir uns nicht mehr sehen sollen, wenn es so schwer für mich ist. Und ich meine... - letzten Endes kracht es spätestens jedes zweite Woche bei uns; auch tedenziell immer schlimmer; das geht ja schon immer deutlicher in Richtung Trennung. Und dann fängst Du wieder bei Null an diese Beziehung aufzubauen. Und bei den übergeordneten Zielen wie gemeinsamen Erlebnissen, gemeinsamer Urlaubsplanung, gelebter Intimität kommst Du gar nicht erst an, weil es vorher jedes Mal kracht. Du bist immer nur mit Haltearbeit an sich beschäfitgt, ohne jemals die Früchte dessen, was Du da jeden Tag tust zu ernten. Ich würde im Mai auch lieber nach Südtirol fahren. Aber was man dann eben auch drei Tage vorher noch schnell planen kann, ist meine Schwester zu besuchen, weil man alles andere hätte vielleicht minimal vorher planen und buchen müssen. Ich sehe schon den Punkt von der Frau des Oberarztes. Allerdings treibt sie es meist etwas sehr auf die Spitze und meint, ich wäre selbst Schuld, dass meine Beziehungen nicht laufen würden, weil ich einfach nicht genug Männer getroffen hätte. Das ist eher so Team Großmutter dann. Letzten Endes musst Du halt fragen, warum Du immer wieder in denselben Bindungsmustern landest mit Typen, die sich eben nicht binden wollen. Da hilft es Dir auch nicht, wenn Du 200 Männer triffst, wenn Du dann den einen aus irgendwelchen Gründen attraktiv findest, der ein einziger Wildfang ist und an dem Du Dich abarbeitest.“
„Naja, da gibt es bestimmt Erklärungen.“
„Ja und die brauche ich.“
„Was macht Ihr Ostern?“
„Keine Ahnung. Ist ja nur in einer Woche. Ich weiß nicht mal, ob er arbeiten muss. Er meint, er hat seinen Dienstplan nicht. Was ich mal ziemlich anzweifle, aber gut. Letzten Endes weiß ich auch nicht ob und wann meine Schwester kommt. Ich habe jetzt schon mal beim Einkaufen ein paar Sachen für Osternester besorgt, falls ich Ostern irgendwo bin. Denn sicher habe ich am Samstag nach meinem Dienst keine Lust mehr den Einkauf ausgdehnter als nötig zu gestalten. Wenn alle Stricke reißen, kann ich wahrscheinlich zu einer Freundin. Ihre Familie ist da, aber sie meinte, es würde nicht stören, wenn ich auch da wäre, obwohl mir das dann immer etwas unangenehm ist. Das hatte sie mir schon Weihnachten angeboten, aber nachdem da alles ja komplett schief gegangen ist, war ich dann zu fertig, um mich bei ihr zu melden; das hat sie auch schon kürzlich mal kritsiert. Ich glaube, die findet das wirklich nicht schlimm, wenn ich da wäre.“
Morgen beginnt die neue Woche. Ob ich bereit dafür bin? Eher nicht. Die Akkus sind leer. Bis zum Urlaub dauert es noch einen guten Monat. Und ob das irgendetwas rettet, weiß ich jetzt auch nicht.
Mondkind
Bildquelle: Pixabay

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