Zwischen Fallen und Auffangen
Atmen.
Einatmen. Ausatmen. Weitergehen.
Dankbar sein.
Die letzten Tage waren krass.
Ich fange meistens erst am um Hilfe zu bitten, wenn die Hütte dann richtig brennt. Und wenn das dann – verständlicherweise – nicht sofort funktioniert, dann ist manchmal wirklich die Frage, wo es dann auch mal zu spät ist.
Irgendwie habe ich mich über das Wochenende gezogen.
Der Dienst hat mich immerhin auch ziemlich eingespannt; ich hatte zehn Aufnahmen und dann gab es mehr als 24 Stunden nach der DSA – Intervention noch eine akute Blutung in der Leiste auf der Station, die im Verlauf auch notfallmäßig in den OP musste. Und natürlich ist genau die Patientin aus dem Bett gefallen, bei der das in besonderem Maß nicht hätte passieren sollen.
Und da ich mit all meiner Dokumentation am Samstag nicht fertig geworden bin, war ich am Sonntag auch nochmal auf der Arbeit.
Das hat mich dann genug abgelenkt. Für Montag war ich dann mit meinem Oberarzt zum Sprechen verabredet, aber der musste dann kurzfristig etwas erledigen und dann ging es nicht.
Dienstagmorgen.
Wir sitzen in der Frühbesprechung.
Neben mir ist noch ein Platz frei, auf den sich dann mein Oberarzt setzt. Wir haben schon gestern durchdekliniert, dass er bis einschließlich Mittwoch nach der Arbeit nicht kann. Donnerstag könnte er, aber da bin ich bei seiner Frau. Und Freitag muss ich am Abend für den Freund (oder Exfreund?) eigentlich einen Kuchen backen, weil der am Samstag Geburtstag hat. Und einkaufen gehen wäre auch nicht schlecht, weil ich nicht weiß, ob ich Samstag dazu komme, aber zur Not muss es halt Samstag sein. Vielleicht will er sowieso am Geburtstag mal bei Eltern und Großeltern vorbei – hat ja bisher niemand gesagt, dass wir diesen Tag irgendwie zusammen verbringen.
„Wie sieht es Freitag aus?“, fragt er.
„Puh...“, entgegne ich. „Geht...“, sage ich dann in Anbetracht der Tatsache, dass ich eh keine Ahnung habe, wie unser Beziehungsstatus am Freitag ist. Und gleichzeitig wird mir bewusst, dass Freitag sich im aktuellen Zustand ungefähr wie eine Entfernung von der Sonne zur Erde anfühlt. Das geht nicht, bis dahin schaffe ich es nicht.
Heute ist eine Kollegin wieder da, die gestern krank war und mit der keiner wirklich gerechnet hat. Deshalb haben wir ihr auch keine Patienten zugeteilt und beschließen, dass sie einfach die Zuarbeit macht. Gestern Nachmittag und Abend haben wir auch die halbe Station nochmal ausgetauscht – aber die meisten Fälle sind aber tatsächlich recht klar und nicht super viel Arbeit.
Auf der Visite ist meine Patientin mit einer bakteriellen Meningitis dann wider Erwarten nochmal recht durcheinander, was noch ein bisschen Notfalldiagnostik nach sich zieht, aber ansonsten sind wir gut im Rennen.
Es ist 14 Uhr, als ich noch auf ein Kontroll – CT warte und die restliche Arbeit eigentlich erstmal schieben könnte. „Kannst Du nur kurz auf das CT schauen, wenn es gelaufen ist?“, frage ich die Kollegin. „Ansonsten erstmal keine Aufgaben...“
Die Kollegin nickt und ich rufe meinen Oberarzt an. „Ich hab eine Lücke im Tag. Haben Sie auch eine?“ „Wollen Sie jetzt kurz rüber kommen?“, fragt er. „Wenn es geht... - ich schaffe es nicht bis Freitag.“
Um Hilfe bitten ist super anstrengend. Die Tage hatte ich geschrieben, dass es wirklich dringend ist und dass ich Unterstützung brauche, aber mehr kann ich ja nicht machen. Allerdings ist meine Definition von „dringend“ – eben weil ich mich immer erst bewege, wenn alles schon fast zu spät ist – etwas akuter als die, der meisten anderen.
Wir treffen uns an der Intensivstation und gehen in sein Büro.
„So – jetzt sind die Verträge alle unterschrieben, es ist erstmal alles erledigt. Klar – da stehen große Änderungen an“, leitet mein Oberarzt ein. Wir reden erst kurz darüber und ich merke, dass ich jetzt echt erzählen muss worum es geht, sonst wird es nichts.
„Ehrlich gesagt, es geht um etwas anderes“, unterbreche ich ihn.
„Um was?“, fragt er.
Ich bin eine Weile still und versuche Worte zu finden.
„Es geht mir einfach wirklich nicht gut und wir haben da vor längerer Zeit schon mal drüber gesprochen. Und ich weiß, man kann es extrem verurteilen und ich schäme mich auch echt dafür aber... - die Suizidalität ist sehr präsent und ich kann das nicht mehr aushalten. Das geht seit einer Woche jetzt und das wird eher schlimmer als besser. Ich habe einfach das Gefühl, ich muss da jetzt drüber reden und man muss da jetzt echt mal einen Fuß in die Tür kriegen. Ich sag`s Ihnen ehrlich, ich hätte das jetzt so nicht mehr geschafft bis Freitag, deshalb habe ich auch nochmal nachgefragt bei Ihnen, obwohl es mir so schwer fällt aktuell mit Menschen zu kommunizieren.“
Er seufzt. „Erstmal gut, dass Sie es sagen. Aber warum? Gab es da jetzt irgendwelche Auslöser?“
„Ja – warum? Das frage ich mich auch. Ich meine klar – am Ende ist so etwas immer Überforderungserleben. Aber irgendwie habe ich mir auch gedacht, dass doch jetzt mal alles geklärt sein sollte. Die Beziehung klärt sich langsam, ich melde mich halt einfach weniger und er sich sowieso nicht, die Jobsituation klärt sich langsam und das ist auch nicht mehr, wie noch vor der ersten Arbeitsstelle, dass ich denke, dass ich den neuen Job nicht schaffe, oder so. Ich gucke mir an, ob mir das zusagt, was die da machen und wenn nicht, dann habe ich genug andere Optionen – inklusive doch hier zurück in die Psychosomatik zu gehen. Ich habe da auch drüber nachgedacht und irgendwie ist das so ein Gefühl davon, dass dieser Weg zu einem Leben, das sich mehr nach mir anfühlt noch so weit ist, dass es sich manchmal nicht mehr machbar anfühlt.“
„Aber das ist doch Unsinn – so lange dauert das auch nicht mehr.“
„Ja ich weiß – da ist glaube ich auch keine Rationalität mehr dahinter. Es fühlt sich so weit, so hoffnungslos an, so leer.“
Wir sind kurz still. „Und das Problem ist auch, dass keiner mehr eine Ahnung hat, wo ich bin. Wenn ich mit meinen Freunden rede, dann beglückwünschen die mich zu meinen jüngsten Entscheidungen und ich kann das sogar verstehen, aber ich bin da nicht. Und mit Ihrer Frau habe ich letzte Woche darüber geredet, wie ich meinen Nachmittag gestalten kann und ich denke mir so: Ich bin nicht bei Nachmittag gestalten. Ich bin dabei mich zu fragen, wie ich die Tage überleben kann. Und das ist ja nicht so, dass man über das Thema nachdenken kann, wenn man Lust hat. Das drängt sich ja doch eher auf, das kommt teilweise echt impulsiv daher und es fühlt sich so schrecklich und unaushaltbar an. Und klar sind da viele Schuldgefühle und ich schäme mich auch sehr dafür. Ich dürfte das doch gar nicht haben. Ich habe das doch beim Freund miterlebt, was das mit dem Umfeld macht. Und trotzdem ist das manchmal so ein immenser Schmerz, dass ich nicht noch über mein Umfeld nachdenken kann.“
„Nochmal, Sie sollen sich nicht schämen. Ich verstehe das schon – Sie sind jetzt langsam am Rand Ihrer Kapazitätsgrenzen angekommen.“
„Und das bringt einen halt so sehr in die Handlungsunfähigkeit“, füge ich hinzu. „Ich habe doch gar keine Energie mehr und außerdem ist das Gefühl sowieso immer beschissen.“
„Es ist halt die Frage, wie und ob Sie da raus kommen. Sie müssen ein bisschen das Gefühl bekommen, dass Sie das in der Hand haben. Im Moment kommen Sie mir so eingeengt und gefangen in Ihrer Gedankenspirale vor...“
„Mh...“, sage ich. „Wenn ich mein eigener Patient wäre – ich würde mir das so um die Ohren alles hauen. Aber was ich mir jetzt sagen soll, weiß ich auch nicht. „Mach halt einfach mal“, geht eben gerade nicht.“
„Ich weiß, Sie wollen das nicht Frau Mondkind, aber Sie müssen da jetzt echt etwas machen. Das geht so nicht weiter. Ich denke, ein bisschen medikamentöse Unterstützung wäre ganz gut – zumindest, bis sich die Lage beruhigt. Ein paar Monate wahrscheinlich. Wichtig ist, dass das Gedankenkreisen weniger wird und Sie besser schlafen.“
„Ich sollte meinen Berufswunsch überdenken...“, entgegne ich.
„Nein Frau Mondkind, sollten Sie nicht. Sie sind halt ein sehr sensibler Mensch – da wirft es Sie halt schneller mal aus der Bahn. Die Psychosomatik war doch eigentlich begeistert von Ihnen.“
„Abgesehen davon, dass Sie es versäumt haben, mich zurück zu holen.“
„Was aber bei denen kein Einzelfall ist...“, ergänzt er. „Also Medikamentenanamnese – Sie haben einiges durch, oder...?“
Er würde aktuell auf keinen Fall irgendetwas Antriebssteigerndes nehmen, sagt er. Klar, bei im Hintergrund laufender Suizidalität ist ein SSRI jetzt vielleicht nicht die beste Idee. Wir einigen uns auf etwas anderes. „Machen Sie es bitte einfach“, sagt er und lässt auch keine Diskussionen über das Nebenwirkungsspektrum zu.
Ich merke, wie sehr es mich erleichtert, dass jetzt jemand mit dabei ist, einen Plan hat, ein Auge auf die Dinge hat.
„Und dann schauen wir, dass wir Sie da raus holen und wenn das gar nicht funktioniert – ich meine, Sie haben ja jetzt sowieso gekündigt – dann müssen Sie halt ein paar Tage in die Psychiatrie.“
„Ich will das aber nicht mehr. Und außerdem ist das ja gerade der Punkt. Dann denken alle, jetzt wo ich gekündigt habe, wäre ich der Meinung, ich müsste nicht mehr arbeiten. Es würde doch niemand zu der Idee kommen zu denken, dass es mir vielleicht wirklich nicht gut geht.“
„Aber das ist doch egal Frau Mondkind.“
„Nein, mir ist es nicht egal.“
„Es würde doch niemand blöde Kommentare über Sie machen.“
„Da kennen Sie die Kollegen aber schlecht. Nachdem der Freund gestorben ist und ich ja wenigstens noch einen objektivierbaren Grund hatte, in der Psychiatrie zu sein, hat mich ein Kollege damals angerufen und hat mir wortwörtlich gesagt, dass ich mich „nicht in der Psychiatrischen Hängematte ausruhen soll.“ Das ist so stigmatisiert – das glauben Sie gar nicht.“
Irgendwie ist es merkwürdig.
Diese Krisen laufen anders mit den Jahren. Vielleicht machen die mich sogar ein bisschen mehr hilflos. Ich sehe schon, dass es eigentlich keinen Grund gibt, dass es gerade ist, wie es ist. Klar – schön ist das alles im Moment nicht, aber auch kein Drama. Und klar hat mich die Situation der letzten Monate wirklich geschafft und natürlich berührt das Beziehungsende viel und mal wieder den Kern aller Fragen, wo ich denn hingehöre.
Und gleichzeitig dachte ich mal, ich hätte mich fest genug fürs Leben entschieden. Und obwohl ich weiß, dass Suizidalität weder für mich, noch für die meisten anderen heißt, wirklich den Wunsch zu haben zu sterben, sondern dass es hauptsächlich darum geht, mal zur Ruhe zu kommen, ist das aktuell wirklich sehr penetrant. Und natürlich ist man mittlerweile Ärztin und weiß, was sicher funktionieren müsste. Ich glaube, ich habe irgendwie noch Glück, dass ich trotz dieses immensen Schmerzes ein bisschen neugierig auf die Zukunft bin und irgendwie ist es auch das erste Mal, dass ich da nicht nur die Sehnsucht nach Ruhe in mir habe, sondern auch die Angst, die Zukunft doch zu verpassen, weil ich vielleicht in einem Moment doch nicht stark genug bin. Und dann hängt mein Oberarzt ja jetzt auch mit drin und er gehört aktuell mit zu den Menschen in meinem Leben, die ich am meisten schätze. Ich möchte auf keinen Fall, dass er die nächsten Jahrzehnte mit sich herum trägt, dass er da mal eine Assistentin verloren hat. Natürlich ist immer die Frage, wie wichtig man im Leben eines anderen ist, aber auch wenn er mich nicht mögen würde - solche Erfahrungen bleiben. Weil wir alle Menschen sind und weil wir nicht diejenigen sein wollen, die sich ewig fragen, ob sie da etwas übersehen haben.
„Wir sehen uns morgen auf jeden Fall nochmal. Melden Sie sich bei mir, wenn Sie Luft haben“, sagt er.
„Okay...“, entgegne ich. „Und Danke. Ich weiß, ich habe Ihnen das jetzt einfach übergestülpt und es tut mir wirklich leid. Ich war mir aber bei Ihnen schon recht sicher, dass Sie da nicht total überreagieren und man vielleicht nach Lösungen suchen kann.“
„Wir kriegen das hin, okay? Und wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt, ich fahre Sie auch in die Psychiatrie. Ich bringe Sie dahin, ich warte, bis Sie da alles gemacht haben und dann gucken wir, wie die Ihnen helfen.“
„Was soll ich Ihrer Frau erzählen? Sie hatten mal irgendwann gesagt, ich lasse das lieber weg aus meinen Erzählungen.“
Er überlegt kurz. „Machen Sie das, wie Sie es für richtig halten. Ich werde es ihr nicht erzählen. Aber wenn Sie es ihr erzählen, können Sie ruhig dazu sagen, dass wir gesprochen haben.“
„Mh...“, seufze ich. „Ich habe halt immer Sorge vor Überreaktionen. Ich will mich da nicht in die Psychiatrie katapultieren.“
„Na dann lassen Sie es vielleicht besser.“
Vielleicht reicht es auch, wenn es einer weiß. Wenn einer mit dran ist und ich nicht mehr viel erklären muss, sollte es wirklich nicht mehr haltbar sein. „Sie haben meine Handynummer. Sie melden sich auch außerhalb der Arbeitszeiten, wenn etwas ist“, ermahnt er.
Natürlich bleibt die Frage, ob ich ihm nicht zu viel zumute. Das ist auch viel innerer Konflikt. Und gleichzeitig konnte ich damit nach so vielen Tagen nicht mehr alleine bleiben.
Mondkind
Bildquelle: Pixabay

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