Änderungen auf dem Spielbrett

 „Hey Mandy– hast Du es eilig?“, fragt der Freund meiner Schwester, als ich ihr die Schlüssel gebe.
„Nein eigentlich nicht – ich wollte zum Einkaufen, aber das hat noch Zeit. Aber müsst Ihr nicht los?“
„Wir fahren erst später. Willst Du noch kurz auf einen Kaffee hier bleiben?“
„Klar – wieso nicht?“
Wenig später hocken meine Schwester und ich auf dem Balkon unter dem Schirm, schlürfen Kaffee und quatschen noch ein bisschen. Eigentlich hatte ich gedacht, wir sehen uns gar nicht mehr. Und ich glaube, manchmal fühle ich mich so invalidiert, weil ich den Eindruck habe, viele Menschen denken, ich suche etwas total Alltagsfernes oder meine Idee von zwischenmenschlichen Beziehungen sei zu sehr idealisiert. Aber das sind diese Momente, die mir so sehr fehlen.


***
„Ich bewerbe mich dann mal an Krankenhäusern hier in der Nähe, denn ich möchte zu meinem Freund ziehen.“ Von meiner Schwester. Die Tage irgendwann. 
„Also ich kann mir keine Fernbeziehung vorstellen; ich weiß noch nicht, wie das dann wird, wenn Du weg bist.“ Von meinem Freund.

Meine Psyche hat sich in den letzten Tagen ein bisschen so angefühlt, als müsste sie gleich in Ohnmacht fallen.
Denn das verändert das komplette Szenario auf meinem Spielbrett. 
Und ich weiß schon – im Januar hatte ich diese Informationen nicht. Als ich mich entschieden habe zu gehen, war die Situation einfach eine andere. Das war das, was auch damals gesagt wurde: „Du kannst ja nur mit den Informationen entscheiden, die Du jetzt hast und auch wenn sich die irgendwann ändern, war die Entscheidung trotzdem für diesen Moment richtig.“

Und es gibt so kleine Momente im Leben, von denen ich gehofft habe, dass die irgendwann mal groß werden. 
Aktuell ist meine Schwester hier in in der Stadt, weil sie den Urlaub bei ihrem Freund hier verbringt. Die Tage haben wir uns schon mal alle vor meinem Spätdienst zum Frühstück getroffen, was richtig schön war. Einfach mal kurz rum kommen zu können ist etwas, das es nur wenige Tage im Jahr gibt.

Und während ich dann wirklich auf dem Weg zum Einkaufen bin, wird mir klar, dass ich so viel versucht habe für solche Momente zu kämpfen und das eben doch nie funktioniert hat. Meine Schwester hat mir auch kürzlich erzählt, dass sie mittlerweile auch einfach ohne Ameldung bei meinem Papa im Garten stehen darf und die beiden – oder die drei, wenn die Freundin von ihm auch dabei ist – eben spontan einen Kaffee trinken. 

Jetzt muss man natürlich sagen, dass das irgendwie nicht besonders intuitiv ist, immer diejenige zu sein, die eben weg zieht. 
Und ich glaube gleichzeitig hat mich immer die Ambivalenz der Beziehungen dann weg getrieben. Es war selten so, dass die Menschen aktiv gesagt haben „wir wollen Dich hier nicht mehr sehen.“ Es war meistens so, dass man das auf allen Ebenen signalisiert hat, bis ich eben nachgegeben habe. 

***

Sonntag. Während ich auf einer kleinen Wanderung bin, denke ich ein bisschen nach. Die Das Umland war selten so schön wie heute. Bunte Sommerwiesen mit so vielen Schmetterlingen, wie ich sie selten gesehen habe. Nach den Tieren muss man heute nicht mal aktiv suchen, sondern einfach nur die Augen offen halten. 
Ich denk an einen Moment in der Psychiatrie, der mir irgendwie in Erinnerung geblieben ist. Weil er irgendwie so ehrlich war. Nach Wochen, in denen irgendwie jeder meinte, er wüsste wie es mir geht oder er wüsste, wovor ich Angst habe. 
Der Herr Kliniktherapeut und ich in seinem Büro. An dem kleinen Tisch in der Ecke. 
„Ich weiß schon, dass ich das alles könnte. Ich will nur einfach nicht. Ich bin einfach zu müde.“
„Das erklärt, wo wir sind. Und warum wir da sind.“
Vielleicht war das einer der ehrlichsten Sätze in diesem ganzen Aufenthalt. 




Und ich wünschte, daran hätte sich viel geändert, aber das hat es nicht. Die Menschen kommen dann immer wieder ums Eck mit einem „Du kannst nicht alleine sein.“ Aber das ist es nicht. Ich war so viel alleine und habe sogar gelernt, dass Du niemals wieder so sehr Dein eigener Mensch sein kannst, wie wenn Du alleine bist und keine Kompromisse eingehen musst. Aber ich will nicht mehr. Und das wollen ist hier der springende Punkt. 

Ich bin so unglaublich müde davon immer nur mit Ersatzkonzepten leben zu müssen oder in Bindungen bleiben müssen, die absolut ungeklärt sind. Über all die Jahre macht das doch etwas mit einem. Und sicher hat das auch etwas mit mir zu tun, dass es am Ende keiner mit mir aushält, aber ich finde diesen Punkt einfach nicht. 

Mit dem Freund habe ich kürzlich auch nochmal geredet und er meinte dann, er wisse einfach nicht, was Commitment und Verbindlichkeit bedeuten und deshalb könnte er dazu auch nichts sagen. Ich weiß es einfach nicht.  Wie kann man sich nie mit Verbindlichkeit und Commitment in einer Beziehung beschäftigt haben?
Als ich dann weiter ausgeführt habe, dass es einfach extrem anstrengend ist, dass die Beziehung zum derzeit wichtigsten Menschen so ungeklärt ist, meinte er einfach, dass ich ja nicht sein wichtigster Mensch sein könnte. Er sehe nicht so richtig Zukunft, aber trennen möchte er sich halt auch nicht.
Er sagt er denkt nicht, dass unsere Beziehung viel Zukunft hat, aber wenn ich ihm dann sage, dass das halt dann bedeuten würde, dass er sich trennen müsste, wenn das für ihn keinen Sinn mehr macht, redet er darüber, dass ich ja nach meinem Spätdienst noch bei ihm übernachten könnte.

Und heute bei der Coachingfrau – der Frau des Oberarztes – habe ich dann glaube ich auch mal eine sehr entscheidende Frage an mich selbst gestellt: Möchte ich denn mit einem Menschen zusammen sein, der von zwischenmenschlichen Dingen einfach überhaupt keine Ahnung hat und auch kein Interesse hat, sich damit zu beschäftigen? Werden denn – wenn das die Grundlage ist – jemals tiefe Gespräche zu Stande kommen. 
Ich soll darüber nachdenken, was ich will, haben wir festgehalten. Ich würde behaupten, dass ich das ziemlich genau weiß. Viel interessanter wäre es sich zu überlegen, wie ich denn dahin komme, meine Ideen und Wünsche umzusetzen, ohne irgendwo auf dem Weg verloren zu gehen.

Ich habe mich selten so durcheinander und verloren gefühlt in den letzten Monaten und vielleicht sogar Jahren. Das war nicht mein Plan für "nach dem Facharzt". Und viel mehr als irgendwelche lösungsorientierten Ansätze - auch wenn ich verstehe, dass das sein muss - würde es mir helfen, wenn Menschen einfach mal kurz da sind und ich mal nur einen kleinen Augenblick sein darf. Mit allem, was da ist. Mit mehr als einem bloßen Facharztdasein. 

***
"Mondkind - was mache ich ohne Dich?" Mein Oberarzt von der Stroke Unit sagt das mittlerweile jeden zweiten Tag. Er ist einer meiner Lieblingsoberärzte, er hat mich in der Notaufnahme ausgebildet und ich schätze ihn einfach als Menschen und als Arzt sehr. 
"Das frage ich mich auch manchmal", habe ich letztens entgegnet. Ich glaube nicht, dass ihm bewusst ist, wie ernst ich das meine, denn ich bin mir sicher, dass er zwar traurig ist, aber er auch weiß, dass das einfach das Leben im Krankenhaus ist. 
"Du weißt wo Du anrufen musst", hat er gesagt. 
Ich habe einfach nur genickt und musste mich bemühen, dass die Tränen bei mir bleiben. 
Irgendwie fühlt es sich an, als würde ich einen Teil meiner Familie verlieren. Es gibt wenige Leute, die seit 2019 kontinuierlich Bestandteil meines Lebens sind. Eben seitdem ich in dieser Neuro angefangen habe. 


Mondkind

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