Über einen Coaching - Termin

Es ist drei Uhr in der Nacht. 
Auf dem CT – Tisch liegt ein Patient, den ich erst kürzlich in der Notaufnahme gesehen und dann in die Neurochirurgie geturft habe. Jetzt hat er wieder gekrampft. Das letzte Mal hatte er eine Shuntdysfunktion, aber dieses Mal sehen die Ventrikel eigentlich recht okay aus. „Die Bilder sehen gut aus“, meldet der Radiologe zurück. „Na dann werde ich mich wohl auf meine letzten Tage diesmal wirklich mit ihm auseinander setzen müssen“, schlussfolgere ich. „Deine letzten Tage?“, fragt mein Gegenüber verwirrt. 
Mein Lieblingsradiologe. Er hatte jetzt wochenlang Urlaub und ich hatte mir schon ein wenig Sorgen gemacht. Mehr als eine Spätdienstwoche musste ich ohne ihn auskommen. „Ja ich gehe doch bald in die Psychosomatik“, entgegne ich. „Hier am Standort?“, fragt er. „Nein, ziemlich weit weg.“ „Ich hatte das gar nicht mitbekommen in meinem Urlaub“, sagt er. „Du warst lange weg; das ist mir schon aufgefallen“, entgegne ich. „Ich hoffe, Du konntest Dich gut erholen.“ „Ja, schon“, sagt er. „Sagst Du nochmal Bescheid, bevor Du gehst?“, fragt er. „Bestimmt“, entgegne ich. 

Und dann bringe ich den Patienten auf die Station und weine erstmal eine halbe Stunde. Ich bete inständig, dass jetzt mal 30 Minuten niemand etwas von mir will. Das sind diese Verbindungen die fehlen werden. Menschen, zu denen man nie eine super private Beziehung hatte, aber diese Nächte in denen man um drei Uhr vor dem MRT sitzt, Kaffee trinkt, quatscht und wartet bis die Bilder fertig werden – die machen etwas mit einem.
Die Neuro war nicht nur mein Job. Sie war meine ganze kleine Welt. Und trotzdem weiß ich, dass ein Job das niemals sein sollte. Und deshalb muss ich auch weiter ziehen. Weil ich Halt im Privaten hier eben nicht finden konnte. 


***
Die letzten Tage und Wochen war viel los. 
Ich bin okay mit dem letzten Wochenende. Klar wäre ich gern auf dem Ronan Keating - Konzert gewesen, aber ich wäre mehr als die Hälfte der wachen Zeit dieser beiden Tage im Auto gewesen und bei den Spritpreisen aktuell machen 1200 Kilometer Fahrt in zwei Tagen halt auch keinen Spaß. Der Herr hat angekündigt, nächstes Jahr wieder auf Tour zu gehen und vielleicht spielt er ja mal nicht am anderen Ende von Deutschland. Alternativ haben es der Kardiochirurg und ich mal in die Therme geschafft und auch wenn dieser eine Tag wahrscheinlich so gut wie nichts aufwiegen kann, was die letzten Monate war, hat es gut getan einfach mal ein paar Stunden ignorieren zu können, wie perspektivlos das mit uns ist. Ich finde weiterhin eines des größten Probleme ist es, dass wir auch nach drei Jahren keinen gemeinsamen Alltag teilen und es nie klar vereinbart ist, in welcher Wohnung wir uns abends treffen. Ich kann einfach nicht abends um 20 Uhr nochmal meine Sachen packen – weil sein Haushalt weder Dinge führt, die ich normalerweise mit zum Essen auf die Arbeit nehme, noch habe ich da Klamotten. Und es gibt für mich einfach kein Gefühl von Feierabend, wenn real halt auch keiner da ist.     
Samstagabend habe ich mich ein bisschen über die Motten in meiner Küche gewundert, weil doch die Fenster alle zu waren, während ich unterwegs war. Tja – ich habe die Viecher in den Kürbiskernen gefunden und dann war ich bis nachts um drei damit beschäftigt, die Küche auf den Kopf zu stellen. Und jetzt sieht es hier aus, als hätten die Kobolde gewütet und ein weiteres To Do auf der Liste wäre, die Vorräte wieder aufzufüllen, wobei die dann erstmal im Keller gelagert werden, bis die die Schlupfwespen in 9 Wochen fertig sind.    
Sonntag dann Dienst... es gibt so Fälle, in die wird man rein geschmissen und man weiß, das sind Patienten die landen auf der eigenen Liste der unrühmlichen Fälle, die einen noch lange verfolgen werden und eigentlich kann man nicht mal etwas dafür. „Es gab interne Kommunikationsprobleme“, hat die Kollegin später formuliert, was ein ziemlicher Euphemismus ist für den Bullshit, der da gelaufen ist und für den ich die Verantwortung übernehmen musste, obwohl ich nichts dafür kann, wenn manche Kollegen Dienstzeiten auch als Gleitzeiten interpretieren.     
Ich wollte mich ums Internet am neuen Wohnort kümmern, habe dann aber irgendwie festgestellt, dass man nicht einfach einen Vertrag abschließen kann, sondern sich erstmal informieren muss, was denn in der Wohnung überhaupt möglich ist. Der Vormieter hatte halt einfach mal kein Internet; den habe ich gefragt. Also – keine Ahnung, ob es da überhaupt irgendwelche Anschlüsse gibt und wenn ja welche; nur langsam drängt die Zeit, weil das Vorlaufzeit braucht. Dann wollte ich bei der Firma, bei der ich mein Bett bestellen möchte mal nachfragen, ob wir vielleicht frühzeitig einen Liefertermin festlegen können, wenn ich mich rechtzeitig genug melde. Da hieß es, man melde sich dann in einem Zeitraum von 3 – 7 Werktagen bei mir und wenn ich da nicht da sein könnte, müsste man einen neuen Termin finden; planen könne man das nicht. Weiß ich jetzt nicht... das ist nicht der einzige Punkt auf der Liste in den zwei Wochen vor dem Umzug. Und dann bin ich immer noch an den Versicherungen dran und wollte jetzt eine meiner beiden Rentenversicherungen kündigen (diejenige, die mir eigentlich nur aufgeschwatzt wurde), habe da ganz fristgerecht ein Schreiben hingeschickt und jetzt hat mir diese Versicherungstante einen Roman auf meinen Anrufbeantworter gelabert, warum das kompliziert und sinnlos ist. Ey – die Versicherung hat keinen garantierten Rentenfaktor – das ist sinnlos. Ich will nicht mit dieser Frau reden, ich habe mich schon informiert. Und ich möchte nicht, dass aus jedem To Do gefühlt ein neues To Do hervor geht. Und die Ärztekammer im neuen Bundesland hat mir erklärt, dass das doch gar kein Problem sei, dass die Chefin aus der Psychosomatik bei uns am Standort in Rente geht – ich könnte ja eine Unterschrift fürs neue Logbuch auch in ihrer Rente besorgen. Ja no shit Sherlock, aber wer sagt mir, dass sie nicht in drei Monaten irgendwo auf den Malediven sitzt und nicht mehr auffindbar ist?

Sogar ein bisschen unterwegs gewesen die Tage... 


***
Ansonsten habe ich im Dienst von gestern auf heute immerhin zwei Stunden geschlafen – was wirklich mehr als in den allermeisten Diensten ist. Am Morgen hatte ich noch eine richtig schnelle Thrombektomie, bei der alle gut zusammen gearbeitet haben bei Basilarisverschluss. Der Patient war nach der Intervention wach und es ging ihm besser – mal sehen, wie die nächsten Tage werden. So ein Krankheitsbild kann ja auch mal schnell tödlich enden. „Du hast ein Leben gerettet heute Morgen“, hat ein Kollege zu mir gesagt und gerade nach diesem Sonntagsfall brauchte ich das heute so sehr. 
Ich wollte pünktlich gehen, um noch ein wenig weiterzuschlafen, bevor ich dann heute Abend zur Frau des Oberarztes muss, aber mein Oberarzt von der Station hatte noch einen kleinen Spezialauftrag. Wir haben bei uns auf der Station aktuell eine Patientin, die ein bisschen an der Grenze ist. Ist sie jetzt nur psychiatrisch erkrankt, oder hat sie doch eine atypische Form einer Demenz? Immerhin hat sie mit ihren jungen Jahren doch eine deutliche Hirnatrophie – allerdings sonst nicht viel, was für eine Demenz spricht. Also war ich angehalten, mich noch mit Literatur auseinander zu setzen und mal wieder ein bisschen Detektiv zu spielen; das hat mich dann sogar fast ein bisschen erfreut. Im Moment ist die Stimmung grundsätzlich sehr schlecht und Schlafentzug wirkt halt wirklich. Dementsprechend war meine Verfassung wenigstens heute Morgen mal ganz gut und dafür war ich auch echt dankbar. 

Dem Termin heute am Abend habe ich mich schon ein wenig entgegen gesehnt – auch, wenn die Frau bisweilen etwas begriffsstutzig ist. Und natürlich ist es immer ein Tanzen um die schwierigen Themen. Man geht vorsichtig und auf Zehenspitzen noch einen Schritt nach vorne, schaut wie weit man gehen kann, ehe es dem Gegenüber zu viel wird, aber das hat heute erstaunlich gut geklappt. Wobei ich auch ein bisschen forscher als sonst war, weil ich massivsten inneren Stress habe. 

Die Suizidalität ist in einem immensen Ausmaß Thema geworden und es gibt kaum noch Situationen, in denen das nicht im Hintergrund mitläuft. Ich versuche immer wieder Anker zu finden, Momente bei denen ich doch dabei sein möchte. Ich möchte die Arbeit doch zu einem guten Ende hier bringen, ich möchte nochmal aufs Florian Künstler – Konzert. Solche kleinen Dinge. Und dennoch täuscht das nicht darüber hinweg, dass sich bald das in Luft auflöst, das ich am meisten brauche: Meine bekannten Strukturen, sozialen Kontakte. Und das ist okay, weil es ja hier auch nicht mehr weiter ging. Das macht einfach keinen Sinn sich an einen Oberarzt anzulehnen, in dessen Leben ich nie annähernd die Bedeutung haben werde, die er für mich hat. Es macht keinen Sinn, praktisch seinen ganzen familiären Ersatz auf ein Arbeitsumfeld zu projizieren. Und es macht auch keinen Sinn in einer Beziehung zu bleiben, die sich im Gesamten keinen Millimemter bewegt. 
Ich habe das Gefühl, ich brauche einen neuen Ort, um nochmal neu anzufangen. Um es diesmal vielleicht zu schaffen,  mir ein Umfeld aufzubauen, in dem ich eben auch Teil sein darf. In dem ich nicht in nicht laufenden Beziehungen festhänge, oder in semiprofessionellen vertikalen Beziehungen. 

Und doch muss man diesen Übergang eben erstmal überleben. Und es hat mir schon geholfen, dass sie mir heute einfach mal zugehört hat, ohne mich zu unterbrechen, ohne mich gleich wieder zu fragen, wo ich denn Ressourcen finden kann. Denn natürlich kann ich Dinge aufzählen, die auch gut im Leben sind, aber für mich fühlt sich das gerade eben nicht so an. Sie hat es einfach mal kurz mit ausgehalten und auch dieses Paradoxon, was es eben ist. Ich kenne auch die andere Seite – ich habe den Freund durch Suizid verloren. Ich weiß, was das für die umstehenden Menschen bedeutet, aber das hilft halt nur wenig, wenn das Leben an sich ein Dauerschmerz ist. Und sie hat auch mit ausgehalten, dass ich morgens noch fit und tatendurstig über die Station rennen kann, noch Zusatzaufgaben für meinen Oberarzt machen kann, zwei Stunden später mit ihm die Leitlinien und Untersuchungen, die wir noch machen könnten diskutiere und nebenbei die Frage im Kopf habe, was er – mein Lieblingsoberarzt und der, unter dem ich die Notaufnahme lieben gelernt habe – wohl denken würde, wenn ich einfach irgendwann morgens nicht mehr da wäre. 

Und ich weiß, es ist irre anstrengend, aber ich habe das schon so oft überlebt. Ich hatte da halt oft die Ambulanz der Psychiatrie im Hintergrund – es gab Wochen, in denen ich fast täglich bei der Therapeutin saß. Und das ist auch das, was ich brauche und was meist schon ganz viel hilft: Dieses tägliche Evaulieren der Situation: Es ist alles blöd, aber geht es noch? Kriegen wir die nächsten 24 Stunden rum? Können wir uns morgen wieder hier sehen? Schaffen Sie die Nacht, wenn Sie wissen, dass Sie morgen kurz die Möglichkeit zum Durchatmen hier haben? Und in diesen kleinen Etappen ging es dann meistens. 
Das Problem ist nur: Es gibt keine Ambulanz mehr in der Hinterhand. Und wie das immer so ist, haben die Leute dann Urlaub, wenn man sie am meisten braucht: Der Intensiv – Oberarzt und seine Frau nämlich die letzten beiden Septemberwochen. Sie hat mich gefragt was ich brauche und ich habe gesagt, eine enge Anbindung wäre schön, bevor ich wusste, dann die beiden Urlaub haben. „Wenn es gar nicht geht, rufen Sie mich an“, hat sie gesagt. Und mir ist klar, was für ein krasses Privileg das ist, einfach deren Urlaub crashen zu dürfen. Letzten Endes können die auch wenig machen, wenn sie im Ausland sind – deshalb werde ich das auch nicht tun. Die brauchen Zeit für sich und nicht Jemanden dazwischen, der mit sich und seinem Leben nicht zurecht kommt. 

Auf jeden Fall hat es mir geholfen heute. Und ich hoffe, ich komme jetzt erstmal zurecht. Und seine Frau und ich sehen uns dann zumindest noch ein Mal.
Wenngleich dieser Elefant im Raum nie angesprochen wurde: Rein inhaltlich macht es halt überhaupt keinen Sinn, wechselseitig bei ihm und seiner Frau abzuhängen und da inhaltlich so ziemlich das Gleiche zu erzählen. Auf einer Bindungsebene ist das aber etwas ganz anderes. Ich weiß nicht, was die sich so dazu denken. Aber irgendwie waren Gespräche über Bindungen in solchen semiprofessionellen Beziehungen in der Vergangenheit schon so oft schwierig und mit einem Ton von „na wenn das so ist, dann lassen wir das“ versehen, dass ich es wahrscheinlich einfach laufen lasse, bis es zu Ende ist. 

Mondkind

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