Rollenverwirrung und Gespräch

 „Sie haben meiner Frau eine Nadel gelegt.“ Well – damit hat er jetzt angefangen; ich hätte das einfach nicht mehr thematisiert.
„Ich habe wirklich den Dienstarzt gebeten, ob er das nicht machen kann, um nicht noch mehr Rollenverwirrung zu stiften, aber er meinte, er sei schwer beschäftigt.“
„Ja Mondkind – der ist immer schwer beschäftigt.“

Rollenkonflikte at its best. 
Er ist mein Oberarzt. 
Seine Frau ist meine Coaching – Frau.
Ich bin Patientin bei ihr und gleichzeitig Kollegin von ihm.
Und jetzt liegt sie auf unserer Station und ich werde plötzlich ihre behandelnde Ärztin. 
Er weiß, wie es mir geht. 
Sie weiß das auch. Sie weiß wahrscheinlich, dass ich, während ich ihr die Nadel lege, vermutlich immer noch darüber nachdenke, ob ich nicht lieber sterben möchte und gleichzeitig wie ein junges Reh durch ihr Zimmer hüpfe. Es ist eine Situation, in der wir glaube ich beide die Verletzlichkeit im Raum spüren und trotzdem professionell bleiben.

„Wie viele Ärzte haben Sie denn hier eigentlich?“, hatte sie mich gefragt. Die Situation war für uns beide unangenehm, denke ich. „Ich habe halt leider Spätdienst, ich kann das nicht ändern“, habe ich entgegnet. „Wir wohnen halt immer noch alle auf dem Dorf“, habe ich angefügt. 

Und wir alle sind in einem kleinen Klinikkosmos, in dem die Rollen sich ständig überlappen. Das ist wie ein sozialer Escape room.


***
Karma möchte es nochmal wissen in den letzten Tagen hier. 
Die Woche war wild. 
Nicht nur wegen Rollenverstrickungen. 

Gestern Morgen hatte ich noch einen Zahnarzttermin und wollte mich eigentlich danach noch ein wenig erholen, um dann in meinen letzten Spätdienst zu gehen. Aber leider hat Personalknappheit geherrscht und ich wurde schon am Tag zuvor gefragt, ob ich nicht eher kommen kann. „Naja – ich habe einen Arzttermin“, habe ich zum dienstplanverantwortlichen Oberarzt gesagt. „Mh... - kannst Du danach kommen?“, hat er gefragt. Ja – kann ich. Also bin ich Freitag nach dem Termin direkt in die Klinik getobt und wollte dann eigentlich ein bisschen früher nach Hause gehen. Tja – aber auch das war nichts. Das Diensttelefon hat nämlich gegen 20 Uhr vier Mal hintereinander geklingelt und leider war es nicht kaputt, sondern es gab wirklich vier Stroke Angel – Anmeldungen. Als ich nach vorne in die Notaufnahme gelaufen bin, hat mich erstmal die Pflege angeherrscht, dass ich das doch bitte eher sagen soll, wenn ein intubierter Patient kommt. Aber ich war ja nur zur Unterstützung da; eigentlich war mein Platz auf Station. Von daher wusste ich darüber tatsächlich nichts. 

Der Kollege hat sich dann mit dem intubierten Patienten beschäftigt, bei dem sich ursächlich für den plötzlichen Bewusstseinsverlust ein ACI – Verschluss beidseits heraus gestellt hat. Das muss man auch erstmal schaffen; ich glaube das habe ich in diesen sieben Jahren Neurologie noch nicht gesehen. Zumindest durfte sich dann der Kollege mit dem Intensiv – Oberarzt auseinander setzen und ich habe mich um die restlichen Patienten gekümmert. 
Das sind übrigens diese Dienste, die ich liebe. Es ist so viel los – man kann gar nicht anders, als im Team zusammen zu arbeiten und vollkommen fokussiert zu sein. Und ja – ich werde es sehr, sehr doll vermissen. 

Ich konnte dann erst 22:30 Uhr gehen. Es war geplant, dass ich nach der Arbeit zum Kardiochirurgen komme. Aber man musste mal wieder keine Minute in dieser Wohnung sein um mitzubekommen, dass die Stimmung aus irgendwelchen Gründen sehr schlecht ist. „Was ist denn los bei Dir? Wovon bist Du gestresst?“, habe ich gefragt. „Am meisten genervt bin ich von der Frage“, kam zurück. Jedes Mal wenn ich aufgestanden bin, wurde ich wieder auf meinen Platz verwiesen und eigentlich wäre ich an diesem Punkt ziemlich gern nach Hause gefahren. Wir haben dann ziemlich still gegessen; danach sollte ich mich schon mal bettfertig machen, während er noch sein Dienstessen für heute vorbereitet hat. Und nachdem er dann auch fertig war und noch eine Runde durch die Wohnung gedreht hat, habe ich ein „Man könnte sich ja auch mal beteiligen“, gehört, das sicher nicht unabsichtlich so laut war, dass ich es im Schlafzimmer auch noch gehört habe.
Ja aber woran soll ich mich denn beteiligen, wenn ich die ganze Zeit sitzen soll? Was hätte ich denn machen können? Und dass ich die Küche am nächsten Morgen aufräume, ist doch sowieso klar. Das ist irgendwie immer meine Aufgabe, bevor ich morgens gehe, wenn ich später als er los muss. Und immerhin habe ich ja auch mitgegessen, dann kann ich ja auch aufräumen. Aber er stellt es gern so dar, als würde ich einfach gar nichts machen – dabei sind eben mindestens 80 % des Drecks in dieser Küche nicht von mir.

***

Samstag. 
Ich habe mich kaum getraut, den Intensiv – Oberarzt zu fragen, ob wir am Wochenende nochmal sprechen können, weil ich weiß, dass er jetzt wahrscheinlich auch recht eingespannt mit der Situation ist, aber er war da jetzt gar nicht unentspannt. 

Zum Einstieg ins Gespräch führt er gleich mal das Erlebnis mit seiner Frau an und ich wäre wirklich gern Mäuschen gewesen bei diesem Gespräch über mich. 

Eigentlich wollten wir nochmal über die aktuelle Situation reden. 
Er spricht an, dass er die Bilder und Videos von mir vom Konzert gesehen hat und dass er froh ist, dass ich hingegangen bin. 
Und dann geht es ein bisschen um Orga – Kram in der Wohnung. Ich spreche nochmal das Internetproblem an – am Ende kommen wir darauf, dass es wahrscheinlich erstmal eine Lösung über das mobile Daten – Netz tun muss. Dann geht es ein bisschen um Möbel – Ideen, die ich morgen auch mal in die Tat umsetzen muss. 

Und dann reden wir ein bisschen über die Anfänge im neuen Ort. 
„Auf einer technisch – organisatorischen Ebene wird das kein großes Problem werden. Und selbst wenn irgendwelche Möbel fehlen sollten; ich habe unter schlimmeren Bedingungen gelebt, das kriegt man hin.“
„Ich verstehe schon – das Problem ist eher Ihre Haltlosigkeit und eine ganz tiefe Traurigkeit, die sie in sich haben. Daher kommen auch die Suizidgedanken.“

Ich bin ihm so dankbar, dass es das fast von selbst anspricht. Ich traue mich schon kaum noch das in irgendeiner Weise ins Feld zu führen, weil ich so Angst habe, dass die Menschen mich dafür verurteilen, oder vielleicht auf die Idee kommen, dass es das einzige Bindungsangebot ist, das ich gerade herstellen kann, oder was weiß ich. Aber die Gedanken sind immer noch da, ziemlich penetrant.

„Ich glaube, dass mein Wegzug hier eine unübersehbare Bestätigung ist, dass wieder etwas nicht funktioniert hat“, erkläre ich und lehne mich an meinen Stuhl. „Ich glaube, ich war vielleicht 15, als ich das erste Mal in irgendeiner Beratungsstelle herum gesessen habe und auch das war Jahre, nachdem es anfing mir nicht gut zu gehen. Und wir haben relativ schnell erkannt damals, dass mir einfach Zugehörigkeit, ein sicheres zu Hause und Bindungen fehlen. Gesehen zu werden um meiner Selbst willen. Das Ganze ist jetzt also bald 20 Jahre her und karrieretechnisch hat alles super geklappt...“
„...Aber Ihnen fehlt etwas, das Ihr Herz berührt“, schließt mein Gegenüber. 
Ich nicke. 

„Und wissen Sie – so desolat bin ich nicht mal hierher gekommen. Damals gab es einen Plan. Ich wollte den Freund hierher holen und dann wollten wir uns hier unsere kleine Welt aufbauen. 
Aber ehrlich gesagt – ich habe keinen Plan für diesen neuen Ort. Es ist halt ein neuer Ort, an dem ich nochmal versuchen kann, Bindungen aufzubauen und es werden ja ziemlich zweifelsfrei auch einige Bindungen eher lose werden, bis hin zur Auflösung – wie zum Beispiel mit dem Freund. Wie soll ich einen Partner finden, wenn da quasi der Stecker noch in der Steckdose steckt, aber kein Strom mehr leitet? Und ich weiß, dafür kann dieser Neuanfang gut sein, aber ich bin so unendlich müde davon immer wieder neu anzufangen.“
„Sie haben nicht so oft neu angefangen wie ich bis jetzt.“ 
Ich wollte sagen, dass er auch über 20 Jahre älter ist als ich, aber ich verkneife mir die Aussage. „Mag schon sein“, sage ich stattdessen. 
„Ich weiß rational alles. Aber das Gefühl... - ist ein anderes.“

„Frau Mondkind – ich kenne das schon auch“, beginnt er und erzählt ein Beispiel aus seinem Leben. „Da dachte ich auch, es geht einfach nicht mehr weiter. Und es war unglaublich hart. Und dann geht es wirklich jeden Tag nur um Mini – Schritte.“

Ich nicke. 
„Es meint ja auch immer jeder nach der Sache mit dem verstorbenen Freund müsste man davon geheilt sein“, sage ich irgendwann.
„Das ist sicher Quatsch.“
„Wobei es mir natürlich schon deutlich gemacht hat, was das für das Umfeld bedeutet. Ich werde diese Geschichte bis an mein Lebensende mit mir tragen und ich wäre ungern verantwortlich dafür, dass andere Menschen das tun müssen. Und gleichzeitig das 24/7 auszuhalten... man müsste das natürlich schon auch so gestalten, dass das am Ende auch funktioniert und man das nicht noch überlebt am Ende“
„Wie eine Pflanze auf der Frühreha zu enden, ist sicher nicht schön. Da kriegen Sie nämlich auch keine zweite Chance.“
Ich nicke. 
„Und es gibt ja auch gute Momente zwischendurch. Das Konzert zum Beispiel.“
„Na sehen Sie...“
„Ja – aber wenn man die gegen die schweren Momente aufwiegt, ist das auch nicht unbedingt die Überzahl.“
„Mag sein, aber vielleicht können Sie mehr gute Momente schaffen. Dinge, die Sie zumindest kurz berühren. Wenn Sie im Supermarkt sind und eine rosa Zahnbürste sehen und die gern hätten, nehmen Sie die halt mit. Das klingt total banal, ich weiß. Aber auch solche kleinen Dinge sind Momente, die Sie nicht mehr erleben würden.“

Und dann geht es noch ein bisschen um die Frage, was eigentlich von meiner Identität bleibt, wenn ich nicht mehr in der Neuro arbeite. Ich glaube, dieser Job hat viele Fragen, viele Schwierigkeiten einfach unter sich begraben. Man musste nicht wissen, wer man gern war, weil der Job einem einfach eine Identität gibt – egal, ob man will oder nicht. Ich war die letzten sieben Jahre „Feuerwehrfrau“, wie der Oberarzt gesagt hat, für die Klinik. Überall wo jemand gefehlt hat, konnte man sich drauf verlassen, dass ganz am Ende doch noch die Mondkind in die Lücke springt – selbst, wenn sie eigentlich keine Zeit hat. Und so etwas ist natürlich nicht vollkommen uneigennützig. Denn es verschafft einem auch Identität, Zugehörigkeit, Respekt. 
„Und im Privaten habe ich das irgendwie nie hinbekommen und manchmal frage ich mich schon, was mit mir falsch ist“, sage ich. 
„Mit Ihnen ist gar nichts falsch.“
„Naja – aber es klappt auf keiner Ebene. Mit meinem Papa habe ich seit über einem Jahr nicht geredet, für meine Mum und ihre Erkrankung bin ich auch eher Dienstleisterin und Beziehung... naja. Wenn ich da so meine Schwester angucke: Sie geht auf dem Grundstück meines Vaters ein und aus wie sie will und irgendwie haben ihr Freund und sie sich dann auch wieder zusammen gerauft und chillen jetzt im Urlaub irgendwo in Südösterrreich. Die sind da an irgendeinem See und haben einen Bungalow mit eigenem Steg zum Wasser. Und es hat ja immer wieder kleine Momente gegeben, in denen ich auch das Gefühl hatte, dass ich es langsam schaffe. Das war nur immer leider eine Aktion von wenigen Wochen.“
Er sagt nochmal, dass es das auch irgendwann für mich geben kann, aber er sieht auch ein, dass ich daran aktuell nicht mehr so ganz glaube. 

Ich denke nochmal an die ganzen Verstrickungen im Lauf der Woche. Und manchmal denke ich, die Grenzen sind hier sowieso längst verschwommen. Was ist Privat, was ist professionell? Und wäre das jetzt wirklich ein exorbitant großes Problem für alle Seiten, wenn ich, nachdem ich fertig bei seiner Frau bin mit Coaching, einfach mal zum Abendessen bleibe? Es ist etwas, was sich in all diesem Rollenchaos ziemlich nah anfühlt, aber trotzdem unerreichbar ist – natürlich niemals aktiv von mir angesprochen werden wird – und von dem ich mir aber sehr sicher bin, dass das eine sehr heilende Erfahrung für das Herz wäre. 

„Wenn Sie wollen, können wir uns auch nächste Woche nochmal sehen“, bietet er am Ende an. 
Ich überlege kurz hin und her und komme darauf, dass ich dann wahrscheinlich in meinem Dienstfrei am Donnerstag nochmal an die Klinik düsen muss – anders wird das kaum machbar sein.  Klar ist so etwas im Schlafentzug immer nicht optimal, zumal ich am Abend wahrscheinlich noch backen muss, aber es sind die letzten Tage, in denen mehr Schlaf halt einfach nicht zu haben ist – einfach, weil keine Zeit ist. 
Und es ist wahrscheinlich eine der letzten Gelegenheiten, nochmal den Finger zu heben, falls ich doch zu sehr glaube, das nicht zu schaffen. Und vermutlich - kommt mir so in den Sinn - war das jetzt eines sehr offensten Gespräche über diese Situation, die ich je hatte. Frau Therapeutin in der Studienstadt hätte mich schon drei Mal in irgendeine Klinik gesteckt. Dabei braucht es das manchmal gar nicht. Manchmal kann man allein schon Druck raus nehmen damit, dass es einfach da sein darf und mitbegleitet wird.

„Sie haben Dienst heute Nacht, oder?“, reißt er mich wieder aus den Gedanken. 
„Ja“, entegene ich. 
„Also falls was ist – rufen Sie mich an. Wir haben Betten.“

Und damit stehen wir auf, schließen die Tür seines Büros hinter uns und jeder geht erstmal nach Hause. 


Mondkind

Kommentare

  1. "danach sollte ich mich schon mal bettfertig machen" – bist du seine Tochter oder Sklavin, der er solche Anweisungen gibt?
    meine Güte, bitte trenn dich endlich von diesem Lappen

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