Impressionen und Gedanken
„Mondkind, ich will nichts mehr von diesem Bett hören“, sagt er verärgert und es ist klar, dass er das ziemlich ernst meint.
Ich verstumme und das Telefonat ist wenige Minuten später beendet.
Und dann sitze ich erstmal fast eine Stunde auf dem Boden und schaue auf die Wand vor mir. Halb in Gedanken, obwohl heute eigentlich noch einiges zu tun wäre.
***
Dass ich in einer Psychosomatik mal wieder bis 20 Uhr abends auf der Arbeit sitze, hätte ich irgendwie auch nicht gedacht.
Gestern sind dann irgendwelche Verlängerungsanträge in meiner Arbeitsliste gelandet und da ich keine Ahnung hatte, was ich damit machen soll, habe ich die Kollegin um Hilfe gefragt: „Schau es Dir halt an und entscheide, was Du machen möchtest“, war die Rückmeldung. Ja – soweit wäre ich gerade auch noch selbst gekommen.
Im Moment habe ich eine Station alleine, die eigentlich für zwei Ärzte gedacht ist und ich bin ja weiterhin noch neu und brauche für manche Dinge einfach sehr viel länger. Noch dazu kommt, dass ich ungern – aber immer schon – Patienten von anderen Kollegen übernehme. Es ist so ein immenser Workload im Moment, dass ich unmöglich kontrollieren kann, ob sie alles gemacht und angemeldet hat. Dementsprechend flattern ab und an noch Mails vom Chef rein, in denen er fragt, warum dieses oder jenes nicht so umgesetzt ist, wie er das gern gehabt hätte. Heute ist mir dann mal ein bisschen die Hutschnur gerissen und ich habe mich genötigt gefühlt, ihm nach 19 Uhr noch zurück zu schreiben.
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| Schreibtischdeko... |
Der Knaller war heute dann, dass mir ja eigentlich die beiden Ärzte von einer anderen Abteilung helfen sollen. So steht es zumindest auf dem Papier. Zuständig fühlen die sich aber nicht. Stattdessen habe ich heute von genau dieser Station einen aufgeregten Anruf bekommen, dass ich mir unbedingt einen Patienten mit neurologischer Ausfallsymptomatik anschauen soll. Ich bin natürlich sofort hingerast und es war schon eine schöne Erfahrung mal wieder in meinem Element und auch kompetent zu sein. Am Ende haben wir natürlich einfach viel zu wenig Dianogstikmöglichkeiten und mussten die Patientin dann verlegen. Ich konnte aber gut dabei helfen und wahrscheinlich habe ich auch den neurologischen Kollegen im benachbarten Krankenhaus geholfen, die schon einen perfekten neurologischen Status mitbekommen haben.
Nur leider hat mich die ganze Aktion eine Stunde Zeit gekostet und ich bin auch noch zu spät in die Teamsitzung gekommen. Ich hoffe, das wurde mir nicht super übel genommen, ich habe mich einfach leise rein geschlichen und mich hingesetzt.
Und am Ende ist es einfach viel. Irgendwie ist es immer noch nicht einfach, jetzt in einer Einzimmerwohnung in einer Umgebung zu sitzen, in der ich gar niemanden kenne. Der letzte Urlaub war ja nun auch nicht wirklich erholsam, ich vermisse irgendwie Freunde und Bekannte. Und irgendwie – das ist mir mal so aufgefallen – transportiert die Beziehung jetzt das nach außen, das sie im Innen immer war. Unsicherheit.
Im Moment sind meine Gedanken viel bei diesem einen Winter. 2023. Als ich irgendwie dachte, ich hätte es endlich geschafft. Morgens neben dem Typen aufzuwachen, den ich für nichts in der Welt her geben würde, ein Job, ein halbwegs vernünftiges Einkommen und die Aussicht irgendwann ja doch eine eigene, kleine Familie zu haben.
„Sie leben nach dem Motto: Was gut ist, kann nicht lange bleiben““, hatte der Intensivoberarzt schon nach unseren ersten Treffen gesagt. Ja und offensichtlich ist das ziemlich richtig. Sonst würde ich ja jetzt nicht an einem neuen Ort in Duetschland in einer Einzimmerwohnung irgendwo zwischen meinem Partner und meinen Freunden sitzen, oder?
Und irgendetwas in mir zuckt immer noch, wenn er nachts sein T – shirt auszieht und es über meinen Laptop schmeißt, um das Licht dort auszuschalten. Aber irgendwie glaube ich, dass es diese Form von Nähe einfach nicht mehr geben wird.
Und ich glaube, so gut wie diese Beziehung auch in den letzten Wochen lief und sich vielleicht ab und an mal anfühlt, aber wir können das so nicht drei Jahre durchhalten – insbesondere, wo es ja bald noch Fortbildungen und Dienste geben wird. Es wurde schon angemeldet – das übernächste Wochenende werden wir uns kaum sehen können. Und schwupps – haben wir uns halt einen halben Monat lange eine Zahl von Stunden gesehen, die man an einer Hand abzählen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Dazwischen gibt es auch immer mal so Familiendinger, die dann auch irgendwie mal kurz aus der Bahn schmeißen. Im Moment kümmere ich mich viel um meine Mama und dazwischen erzählt meine Schwester, dass sie mit meinem Papa auf dem Jahrmarkt war. Die sind ja jetzt fast Nachbarn, da kann man mal etwas zusammen machen. Manchmal ruft mich meine Schwester auch abends an, wenn sie auf dem Fahrrad sitzt und von ihm nach Hause fährt, weil sie dort zum Kaffee oder zum Abendessen war.
Jedenfalls habe ich am Wochenende ein Bild von meinem Papa und meiner Schwester im Riesenrad gefunden und auch, wenn es mittlerweile die meiste Zeit okay ist, dass wir beide uns weder sehen noch hören, gibt es so Momente, die tun schon ganz schön weh. Ich weiß, dass ich so etwas wahrscheinlich nie mehr erleben werde und ich weiß, dass meine Ersatzkonzepte mich auch tragen, auch wenn sie natürlich gewisse Erlebnisse nie generieren werden, weil da einfach die Grenzen sind, aber manchmal gibt es da doch irgendeinen kindlichen Anteil in mir, der dann noch mal ganz schön laut und traurig wird.
Aber ich finde es schön, dass ich das meiner Schwester mittlerweile echt gut gönnen kann. Irgendwie freut sich ein kleiner Teil von mir tatsächlich, wenn sie mich auf dem Rückweg von meinem Papa anruft. Weil ich weiß, dass sie sich das genau so sehr gewünscht hat, wie ich.
Naja und dann gibt es da noch diese Heimatlosigkeit. „Zwei Zahnbürsten und man wusste nie so richtig, wo ist man jetzt eigentlich zu Hause“, hat eine Freundin mir letztens von ihren Erfahrungen erzählt und mich bestätigt. Ja – ich weiß es nicht. Und ich glaube, ich werde hier auch demnächst freitags nicht mehr so pünktlich loskommen. Denn egal wie gut man Freitage vorbereitet, irgendetwas ist dann doch immer noch. Und es wird Wochenenden geben, da werde ich gar nicht nach Hause kommen. Da will ich jetzt noch nicht drüber nachdenken.
Und dann... - dann gibt es da ja noch das Bett. Eigentlich hätten die heute kommen sollen und eigentlich haben die auch in einer Mail bestätigt, dass sie das so machen und mich vorher anrufen. Ist das passiert? Nein.
Und irgendwie habe ich gemerkt: Meine mentalen Kapazitäten mich täglich mit einem Transportunternehmen auseinander zu setzen, das einfach nichts auf die Reihe bekommt, sind einfach erschöpft. Ich will das nicht mehr machen. Zur Not schlafe ich noch zwei Monate auf diesem 60 cm breiten Sofa, wenn ich dafür nicht mehr täglich Mails schreiben muss und bei Kollegen betteln und organisieren muss, dass ich zwischendurch mal kurz gehen darf. Denn das ständig neu organisieren zu müssen bei einem 12 – Stunden – Arbeitstag, wenn auch im Hintergrund noch so viel läuft, ist einfach zu viel.
Mondkind

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