64 Monate

Mein lieber Freund, 
sag, wie geht es Dir? 
Hier ist mittlerweile fast Winter geworden. Irgendwie hat die Uhrenumstellzeit augenblicklich für dieses Winterfeeling gesorgt. Seitdem ist die Sonne quasi nicht mehr sichtbar – selbst wenn die scheinen würde. Man kommt im Dunklen und man geht im Dunklen. Irgendwie hatte es aber neben der Schwere des Winters dieses Jahr auch irgendetwas Erleichterndes. Dieser Sommer, der mich dieses Jahr bis August fast erdrückt hat, hat etwas Neuem Platz gemacht und vielleicht kann ich Gefallen finden an meiner Sofaecke mit einem Kakao und einem Buch im Winter. Sie ist mein liebster Platz geworden in meiner Wohnung. 

Mein letzter Monat war ganz gut – zumindest von außen betrachtet. Wir waren im Urlaub. Ich habe ein Buch unter Palmen gelesen, das Meer gefühlt und bin mit der Kamera den Sonnenuntergängen hinterher gerannt, wir haben Schildkröten im Wasser gesehen, ziemlich tolles Eis gegessen und wir hatten uns mal eine Woche so ganz. Nach all dem Stress habe ich zwar irgendwie bis zur Abfahrt gebraucht, um das zu begreifen, aber es war so. Und dann ist es vielleicht sogar fast egal, wo wir sind. Hauptsache wir schlafen nebeneinander ein und wachen nebeneinander wieder auf. Ansonsten war noch Florian Künstler – Konzert, auf dem unsere kleine Gang war und manchmal laden diese gemeinsamen Unternehmungen ein bisschen um Träumen ein.

Ansonsten ist aber im Moment alles mental ein bisschen schwierig, was hauptsächlich damit zusammen hängt, dass ich nicht weiß, was ich machen soll.
Weißt Du, ich bin im Moment so wütend in einem System gelandet zu sein, in dem alles wichtiger ist, als man selbst und die Menschen um einen herum. Und in einer Bubble, in der alle das irgendwie kollektiv gemeinsam so sehen und so leben, sodass ich zwar wütend bin, aber irgendwie immer wieder „auf Kurs gezogen“ werde, weil das ja so ist und jede andere Sichtweise irgendwie inakzeptabel, ist das manchmal kaum auszuhalten. 
Meine Schwester hat das ganze Wochenende Vordergrund und Hintergrund zusammen gemacht und sie findet das irgendwie normal und immerhin hätte man das ja so von ihr erwartet. Das Problem ist nur, wenn Du in einem System arbeitest, in dem es so viel Personalknappheit gibt wie aktuell, kannst Du nie genug sein. Und ich mache auch viel, übernehme Dienste, bleibe mal länger. Aber immer mit einem Blick darauf, was die Menschen um mich herum machen und das kommuniziere ich auch so. 

Ich würde viel darum geben, das mit Dir zu sehen


Gestern hat es wieder den Dienstplan vom Kardiochirurgen gegeben und es gibt jeden Monat diesen Moment, in dem Du diesen Plan siehst und es sich in Dir ein kleines bisschen wie Sterben anfühlt. Weil Du nach drei Sekunden feststellst: Es gibt wieder keine Möglichkeit, gemeinsam auszuschlafen, mal einen Tag etwas zusammen zu machen. Wir haben grundsätzlich versetzt Dienst. Und dann ist es auch immer scheiße, wenn Sonntagabend irgendein Dienst aus dem Off für Montag kommt, von dem er zwar wusste, aber Du eben nicht, weil Du den Plan nicht kanntest und Du gedacht hast, nachdem wir uns ein ganzes Wochenende nicht sehen konnten und nicht mal drei Sätze wechseln konnten, dass wir uns zumindest Montagabend sehen werden. 
Und dann kommen wieder diese Überlegungen, die ja mittlerweile fast alltäglich sind, aber für die ich immer noch keine Antwort habe: Kann ich in einer Beziehung bleiben, die so ist? Und selbst, wenn niemand etwas dafür könnte, dass es so ist, wenn es einfach daran liegt, dass wir in einem System arbeiten, das Menschen nun mal systematisch ausbeutet, in dem die Patienten immer wichtiger sind, als das Privatleben – selbst dann ist die Frage, ob ich das will. 
Weißt Du, manchmal denke ich, ich habe immer noch viel nachzuholen, weil ich schon als Kind viele Dinge nicht machen konnte. Da war ich immer an den Schreibtisch gefesselt, immer musste gelernt werden, egal was so los war und selbst unter dem Weihnachtsbaum saß man mit seinen Karteikarten. Ich habe mir geschworen, dass ich mir solche Tage heilig halte, wenn ich mal groß bin, aber es wird das dritte Weihnachten hintereinander sein, in dem ich im ungünstigsten Fall weinend in meinem Wohnung sitze, weil es so beschissen anfühlt immer an diesen markanten Tagen alleine zu sein, oder im besten Fall zumindest Dienst mache. Denn es ist nie schlimm für die Diensthabenden, die sind ja wenigstens in einem Kollektiv von Menschen, die zumindest vorgeben zu leiden, sondern für diejenigen, die eben wirklich alleine sind. 
Und die meisten Dinge gehen eben nicht. Ich sage seit Wochen, dass ich gern ins Kino gehen würde, um einen Film anzuschauen, aber es gibt keinen gemeinsamen freien Abend, um gemeinsam ins Kino zu gehen und so ziehen die Wochen ins Land, Du wartest eigentlich nur – stellst aber mit dem nächsten Dienstplan fest, dass es nicht besser wird, obwohl Du das jedes Mal hoffst. Und irgendwann läuft der Film auch nicht mehr, den Du so dringend mit ihm sehen wolltest.
Und weißt Du – ich weiß einfach nicht, ob ich so jemals glücklich werden kann. Wenn immer etwas fehlt. Wenn gemeinsames nach Hause kommen ein oder zwei Mal im Monat passiert. Und gleichzeitig ist die Frage, wenn ich mich trennen würde, ob nicht immer ein Sück von mir bei ihm bleiben würde. Ob er nicht immer fehlen würde. Und gleichzeitig fehlt er seit zweieinhalb Jahren. Seit zweieinhalb Jahren sehen wir uns oft mehr im Krankenhaus als irgendwo anders und wenn ich da kündigen würde, würden wir uns noch weniger sehen. 

Und manchmal denke ich mir, ich brauche einen Reset. Raus aus diesem System, raus aus diesem Umfeld, das das einfach so unreflektiert mitmacht. Denn am Ende bin ich diejenige, die am Dienstag nicht zur AGUS – Gruppe gehen wird, damit wir uns wenigstens irgendwann mal sehen, obwohl ich weiß, dass es für mich wichtig ist, mich dort auszutauschen. 
Und dabei bin ich ja selbst Teil davon und manchmal frage ich mich, wie es Dir damit ging. Damals habe ich gerade erst angefangen Dienste zu machen – keine Ahnung, ob uns das Jahre später auch die Beziehung gekostet hätte. Es gab schon erste Differenzen, weil Du das ja gar nicht kanntest, dass am Wochenende gearbeitet werden muss und ich damals ständig diese Wochenend – Visite machen musste und davon sogar mehr als die anderen, weil ich unter der Woche noch keine Dienste machen konnte. Und das lief bis zu Deinem Tod ja gerade mal ein paar Monate so. 
Und wahrscheinlich kann ich eben selbst nicht mehr Teil davon sein, wenn ich nicht will, dass mein Partner Teil davon ist. 

Ich weiß es nicht. Alle tun immer so, als müsste das alles so sein. 
Aber egal, wer Schuld oder auch nichts Schuld hat – wahrscheinlich geht es darum gar nicht. Es geht darum, dass mich das kaputt macht und dass das nicht meine Vorstellung von Beziehung ist.
Weißt Du, es ist nicht immer einfach langsam zu lernen, was Du für Dich selbst willst und brauchst – insbesondere dann, wenn das eben auch immer heißt, Dinge loszulassen. 

Ansonsten hatte ich jetzt auch das ganze Wochenende Dienst und so wild war es lange nicht. Wegen einer Patientin habe ich mir heute echt Vorwürfe gemacht, dass ich etwas übersehen habe, aber mein Oberarzt meinte, dass man es gestern noch nicht wissen konnte, dass so etwas heute passiert. Und solche Situationen erinnern halt doch immer wieder daran: Du musst immer wachsam auf der Arbeit sein. Die Patienten von Kopf bis Fuß untersuchen, alles gut dokumentieren, manchmal lieber zu viel Diagnostik machen und auch nicht den zehnten Patienten anders behandeln, wie den ersten. Das habe ich nicht getan und deshalb brauche ich mir auch nichts vorzuwerfen sagte der Oberarzt – einen faden Beigeschmack haben solche Fälle trotzdem. 

Ich bin gespannt, wohin der Weg mich in den nächsten Monaten führen wird. Und es gibt viele Abende, an denen ich mir Dich neben mich wünsche, um das alles nochmal zu besprechen. In meinem Gehirn ist viel Chaos, ich frag mich von vielen Dingen, ob ich die so denken darf. Ohren sind rar im Moment und ich versuche mich in Geduld zu üben, bis ich irgendwo nochmal sprechen durfte, irgendwo nochmal die Möglichkeiten durchgehen konnte, mit irgendwem ein bisschen reflektieren konnte. Ich versuche mir zu sagen, dass gerade nichts eilig passieren muss, auch wenn ich doch gern früher als später Lösungen hätte. 

Halt Du die Ihren steif, okay? Wenn wir uns das nächste Mal hören, ist schon Dezember… crazy, wie das Jahr vergeht… und, was das für ein Jahr war. 

Ganz viel Liebe in Richtung Universum
Mondkind


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