Von einem Besuch in der Studienstadt
Es ist irgendwann morgens.
Kaum verlassen wir das Bundesland, gleiten wir in einen geschäftigen Alltag. Dorthin, wo alles normal ist. Nicht so still wie bei uns.
Es kommt selten vor, dass hier bei uns weniger Schnee liegt, als an jedem Ort zwischen der Studienstadt und hier. Deshalb hatte ich mich auch wenig damit auseinander gesetzt. Ich wusste, in der Studienstadt hat es auch geschneit. Aber wie die Straßen dazwischen aussehen – darüber hatte ich mir wenig Gedanken gemacht.
Sagen wir es so: Der Schneepflug ist mehrfach auf der linken Spur gefahren und mein Scheibenwischwasser war am Ende auch fast leer.
Studienstadt. Wir stellen das Auto auf P5 ab. P5 im Schnee. Seltener Anblick.
Ich wünschte, ich hätte den Freund unter anderen Umständen her gebracht.
Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit, denn das Herzstück der Stadt ist nicht die Uni, sondern der Fluss.
Und dennoch hat sich hier gefühlt alles abgespielt, was in meinem Leben der letzten zehn Jahre wichtig war.
Der Herr möchte eine Uniführung – also bekommt er eine. Und ein bisschen schäme ich mich, dass ich teilweise selbst überlegen muss, wo nochmal was war – insbesondere von den Vorklinik – Gebäuden.
Vorbei geht es am alten Anatomiegebäude, in dem der Präpsaal war. Diese Zeit war der Ausdruck von Trostlosigkeit. Die Uni ist eine Pendleruni und meine Schwester und ich waren zwei dieser Pendler. Und haben unsere Zeit insbesondere nachmittags eher auf der Autobahn, als irgendwo anders verbracht. Hier bin ich nach wenigen Wochen Studium so knapp durchs Anatomietestat gekommen, dass mir klar war, dass dieser Studiengang viel härter wird, als ich mir das so gedacht hatte.
Gegenüber ist ein neues Hörsaalgebäude für Mediziner. Das wurde erst fertig, als ich schon im PJ war. Hier hatten wir dann unsere Abschlussfeier. Damals war ich gerade mal wieder in der Psychiatrie und wurde extra dafür beurlaubt. Nachdem schon die Abifeier mit beiden Eltern zusammen so ein Theater war, habe ich mir eigentlich gedacht, dass ich die nie wieder zusammen irgendwohin einlade. Aber vielleicht war das einer der bedeutensten Tage meines bisherigen Lebens – also waren sie doch beide da und irgendwie war es viel Vermittlung. Und ich so tief drin in der Depression, so voller Scham und so bemüht, dass keiner wusste, wo ich eigentlich gerade war. Zugeben muss man allerdings, dass all meine Mitpatienten sich damals um mein Outfit bemüht haben und das am Ende gar nicht so schlecht aussah und auch vielfach darauf angesprochen wurde.
Vorbei ging es an der Mensa mit dem Café davor, in dem ich am Ende gar nicht mal so selten war. Als ich noch gependelt bin, war dafür wenig Zeit und meine Schwester und ich waren oft nach einer bestandenen Klausur dort, ehe wir heim gefahren sind und haben Kakao getrunken – damals habe ich noch nicht mal Kaffee getrunken. Das war so ein Ritual. Später war ich oft mit Freunden dort.
Hinter dem Verwaltungsgebäude – und das habe ich vergessen ihm zu zeigen – ist die „Bierzeltgarnitur“. Der Behelfshörsaal, der uns praktisch dauerhaft durch die Vorklinik begleitet hat. Hier war es im tiefsten Winter oft zu kalt und im Sommer war es immer zu heiß.
Danach ging es weiter in Richtung MNR – Klinik. In den Hörsäälen davor hat sich viel von unserer Klinik – Zeit abgespielt. Und hier auf einer Bank in der Ecke hat mich der verstorbene Freund angesprochen. Gasthörer war er damals. Weil ihn ständig alles interessiert hat. Auch Vorlesungen aus der Klinik, von denen er nicht mal die Hälfte verstanden hat. Ich denk an an dieses „wenn Fußspuren nochmal leuchten könnten“ - Ding. Wo wären die genau? Wie sähen die aus? Würden wir genau jetzt drüber laufen? Und was hätte ich gedacht, hätte ich damals gesehen, dass die Spuren des Menschen der mich begleitet, nicht mehr dieselben sind?
Und in der Klinik dahinter habe ich mein M3 bestanden. Hier bin ich als Studentin rein gegangen und als Ärztin raus gekommen.
Danach geht es vorbei am ZOM II – hier hatten wir so einige Praktika. Hier ist irgendwo – ich kenne den Weg nicht mehr genau – die Herztransplantationsstation, auf der ich einen Teil meines Chirurgie – Tertials gemacht habe. Damals wusste ich nicht, dass ich hier mal irgendwann mit einem Kardiochirurgen stehe.
Und danach geht es mit einem großen Schwenk an der Pädiatrie, der Urologie und der Pathologie vorbei in Richtung Tagesklinik.
Der Pfleger, der mich da abholt, den kenne ich seit über zehn Jahren mittlerweile. Mit dem alten Team vom psychosozialen Zentrum war es immer ziemlich familiär und vielleicht war das auch eine der Konstanten, die mich dort so beschützt hat fühlen lassen. Die kannten mich immer alle mit Namen. Und er kennt den heute noch. Kommt zielstrebig auf mich zu: „Haben Sie einen Termin hier Frau Mondkind? Dann kommen Sie mal mit.“
Und dann sitzen wir da wieder. Zusammen. Der Freund und ich. Allein den Freund mit in ein Gebäude der Psychiatrie zu nehmen, fühlt sich ein bisschen an wie eine Offenbarung. Es gab keine Orte, die mir mehr Sicherheit geben konnten, als diese Gebäude. Und es gehört gedanklich viel dazu, ihn dort mit hinein zu nehmen. Ich stelle aber auch fest, dass ich lange nicht mehr so nervös war. Es ist nicht dieses Mäntelchen von Alltagsstärke, das da heute von meinen Schultern fällt. Denn heute geht es um anderes.
Ich habe eigentlich keine Ahnung, wie dieses Gespräch jetzt laufen soll. Und irgendwie formiert es sich dann doch. Der Freund wartet erstmal draußen und ich bespreche mit Frau Therapeutin, was das hier überhaupt werden soll. Das Wichtigste für mich ist es, dass wir uns Gespräch kommen. Über welches der vielen Probleme wir reden, ist dann schon fast egal. Aber wenn wir hinterfragen, warum wir das selbst nicht können und Lösungen dafür finden, vielleicht kommen wir dann alleine weiter. Denn dass das hier eine Einmalveranstaltung ist, ist auch klar. Und vielleicht – so perspektivisch – weil ich immer nocht skeptisch bin, ob wir es alleine schaffen können, kann er vielleicht erleben, dass so ein Setting ihn nicht umbringt. Man kann mit dafür ausgebildeten Menschen über die Beziehung reden.
Ich soll mir noch ein Thema aussuchen über das wir vielleicht konkret reden wollen und ich wähle das Thema Verlässlichkeit. Ich muss mich auf meinen Partner verlassen können. Das ist wichtig.
Das Gespräch an sich läuft dann so viel besser, als gedacht. Er muss gar nicht so viel reden, aber wenn er sich einbringen soll, dann sagt er schon etwas. Frau Therapeutin validiert viel und findet es erstmal auch okay, dass man seine Prioritäten erstmal nicht sortieren kann – obwohl ich doch meine, dass das an jeder Entscheidung deutlich wird, aber nun denn. Wenn Frau Therapeutin meint. Wir sind ja schon auch irgendwie deswegen da, dass ich nicht zu allem meinen schlauen Senf gebe, der ihn wieder ärgert, sondern vielleicht auch ein bisschen akzeptiere, was sie sagt.
Am Ende sind eigentlich keine neuen Vorschläge. Wir bekommen sicher mehr Ordnung, wenn wir unsere Termine verbindlich irgendwo eintragen. Wir müssen mit unseren Bedürfnissen etwas aufeinander zu gehen. Er braucht nicht so viel Planung wie ich und ich muss damit leben, dass er nicht so viel planen wird, aber jeder versucht einfach ein bisschen mehr als das zu tolerieren, das er sich eigentlich wünscht. Und vielleicht hat es auch nochmal ein anderes Gewicht, wenn ich nicht immer diejenige bin, die ihn und diese Beziehung strukturieren muss.
Dann schickt sie ihn nochmal kurz raus und eigentlich bin ich schon darauf gefasst, dass wir jetzt gehen. Und dann driften wir doch nochmal ab. Auf die allgemeine Verfassung. Die einfach schlecht ist. Und diesen inneren Kampf, den ich führe, seitdem es wirklich der Plan ist, in der Psychosomatik zu arbeiten.
Ich kann mich nicht mehr irgendwo hin setzen und sagen, dass ich nicht weiß, was ich mit den Gedanken in meinem Hirn so machen soll. Das ist irgendwie inkompetent und sinnlos. Und trotzdem bin ich so müde und erschöpft, dass alles in mir nach Ruhe schreit und sich wünscht, die Verantwortung einfach mal abgeben zu können. „Meinen Sie, regelmäßige Termine würden Ihnen helfen?“, fragt sie. „Ich denke schon“, antworte ich. „Aber ich weiß, dass dieses Setting das nicht mehr leisten kann.“ Ich kann mich melden, wenn es brennt, sagt sie. Es brennt aber schon, denke ich mir.
Das war immer meine größte Stärke und Schwäche zugleich. Solange weiter machen, bis dann gar nichts mehr ging. Bis man es auch nicht mehr retten konnte, weil die Grenzen die ich überschritten hatte so weit weg waren, dass man die nicht mal sehen konnte.
Der Freund und ich gehen danach noch zu einem Café. Nicht zum Uni – Café, wo der Kaffee 90 Cent gekostet hat, aber irgendwie auch nicht geschmeckt hat. Sondern dahin, wo er drei Mal teurer war, was ich mir aber als Studentin eher nicht leisten konnte.
Der verstorbene Freund und ich hatten immer nach den Therapieterminen unsere Café – Dates. In denen wir nochmal über den Therapietermin gesprochen hatten. Das war wichtig. So oft wie es ging. Heute bin ich da etwas mehr in mich gekehrt und muss mich erstmal sortieren. Krass, was in zehneinhalb Jahren alles passiert ist. Seitdem ich Frau Therapeutin kenne. Die Orte sind geblieben. Die Menschen nicht immer. Und ich lebe noch. Was immer wieder nicht klar war. Aber die Suizidgedanken, die leben eben auch noch. Trotz allem. Und vielleicht gerade nach allem.
***
Mittwoch. Der Tag danach.
Alltag.
Wir sind gerade mitten auf der Visite, als der Kardiochirurg anruft. Sicher nicht, um mir guten Morgen zu sagen.
Am Ende stellt sich heraus: Der Dienstplan wurde mal wieder geändert. Er hat morgen Dienst – nicht heute. Damit werden wir aber morgen nicht gemeinsam kochen – seine dienstfreien Tage sind nämlich so ziemlich die einzigen Tage, an denen er mal zu Hause ist, wenn ich fertig bin und man so etwas überhaupt machen kann – und ich werde auch morgen nicht bei ihm schlafen. Oder jedenfalls ohne ihn und dann bringt es irgendwie nichts. Und Freitag habe übrigens ich Dienst und Samstag hat er wieder Dienst und ein quasi nicht sehen nach diesem Termin von gestern ist... - ungünstig, um das mal nett auszudrücken. Ich weiß es nicht. Irgendwie meine ich immer noch, man soll die Beziehung vor allen Bedrohungen des Außen schützen können. Und ein umgeschobener Dienst, der nicht mal im Plan steht, den muss man auch nicht machen, wenn es nicht geht. In der Psychosomatik wurde uns beigebracht, dass illegal ist, Menschen einfach Dienste überzustülpen. Und das finde ich auch sinnvoll. Jeder macht was er kann – aber es sollte – und wenn es nur für das Gefühl ist – die Möglichkeit geben Nein zu solchen Sachen zu sagen. Denn andernfalls hat die Klinik das komplette Privatleben in der Hand. Sie kann ihre Finger bis in die tiefsten privaten Verbindungen ausstrecken und das ist nicht okay.
Aber grundsätzlich: Er hat alles rechtzeitig angemeldet, er war halt heute bis 20 Uhr auf der Arbeit, weil eine Freundin, deren Vater gerade bei denen ist, ihn gebraucht hat und was soll man da sagen? Die Patienten sind ja grundsätzlich immer wichtiger und gerade wenn es dann so eine Konstellation ist, dann ist es eben so. Ich kann nicht mal etwas sagen, obwohl ich halt – wie so oft – die Leidtragende der Geschichte bin.
Er war kurz hier, aber er hat nicht mal seine Jacke ausgezogen und wie soll man da zumindest ein bisschen nebeneinander zur Ruhe kommen?
Und da geht die Spirale wieder von vorne los. Kann ich das denn? Kann ich denn in einer Beziehung mit Jemandem sein, der das zwar selbst nicht klar benennen kann, aber der mit allem was er tut signalisiert, dass Beziehung eben nicht das ist, was man am meisten schützen will. Dass es nicht der Kreis ist, der sich spätestens am Abend unter der Bettdecke schließen soll. Sondern, dass es einfach irgendetwas ist, das nebenbei läuft und das man manchmal schafft und manchmal eben nicht. Und dass es auch okay sein muss, wenn der Tag nicht nebeneinander unter der Bettdecke endet.
Mondkind

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