Wochenüberblick

Greetings from the sofa.
Den einzigen Tag der Woche, an dem ich hätte mal irgendetwas tun können, lag ich so halb krank auf dem Sofa. Ich hoffe, dass es bis morgen nicht schlimmer wird – ich bin nämlich alleine auf einer vollen Station nach dem Wochenende. Dass wir dort aktuell einen Norovirus – Ausbruch haben, macht die Sache aufgrund von Zusatzarbeit nicht unbedingt besser. Aber hey – zumindest habe ich keinen Noro – Virus. Bis jetzt zumindest. Und kein Fieber. Einfach nur normal erkältet. Spaß macht das trotzdem nicht. 

Mittlerweile schon letzte Woche Freitag. 

Meiner Schwester geht es nicht gut. Eigentlich habe ich sie so noch nie erlebt. Und sie sich wahrscheinlich auch nicht. Die Idee, andere Menschen zu involvieren, klappt auch nicht. „In solchen Situationen müssen Sie die Verantwortung auf mehrere Schultern stellen“, hatte ein ehemaliger Oberarzt aus der Psychosomatik mal zu mir gesagt. Diese Schultern muss man nur erstmal finden.

Montag.
Vielleicht hat man bisher gehofft, dass das was meine Schwester erzählt ein wenig ausgestaltet ist, aber am Montag hat sie sich in ihr eigenes Krankenhaus katapultiert. Mit einem katastrophalen Labor. Man lässt sie nach Hause gehen, aber auch nur, weil sie dort arbeitet und man am nächsten Tag gleich weiter machen kann mit Laborkontrollen und Medikamenten.

Dienstag. 
AGUS – Gruppe. Ich bin irgendwie recht still heute, denn viel zur Vergangenheit beitragen, kann ich heute nicht. Ich wollte eigentlich ein bisschen über den Besuch an seinem Grab reden, aber aktuell ist alles ein bisschen von der Sorge um meine Schwester überschattet. Ob ich denn auch noch etwas sagen wolle, werde ich irgendwann gefragt. Und dann erzähle ich doch. 
„Es ist halt exakt dieselbe Situation wie damals. Dann bietet man an, dass sie hier runter kommen kann, wenn es ihr nicht gut geht und dann kommt von ihr, dass das nicht geht. Aber ich habe irgendwie jedes Wochenende Dienst – ich kann auch nicht hoch fahren. Selbst dann nicht, wenn ich Freitag Dienst habe, weil ich dann Samstag komplett erschossen bin und nicht hunderte Kilometer durchs Land fahren kann. Und selbst wenn ich hoch fahren würde – am Ende ist man doch immer zu spät. Denn natürlich geht es besser, solange wie derjenige nicht alleine ist – vielleicht kennt man das ja von sich selbst. Aber ich kann ja nicht ewig bleiben und spätestens wenn ich wieder fahre, geht das ja von vorne los.“
Und so war es damals beim verstorbenen Freund ja auch. Man wusste nicht, wann dieses eine Mal ist, wo man hätte da sein sollen. Und selbst wenn ich hoch gefahren und wieder abgereist wäre – vielleicht hätte das nichts geändert. 
Die anderen verstehen mich. Und das ist schon mal gut. 

Mittwoch
Norovirus – Ausbruch auf der Station. Und auch, wenn ich das ehrlich gesagt noch nie in meiner Karriere in dem Ausmaß miterlebt habe, dreht das Pflegepersonal richtig am Rad. Den ganzen Tag gibt es nur Streit, welcher Patient wohin gelegt wird und auch die Oberärztin ist irgendwann ein bisschen am Ende mit ihren Nerven. Ich bleibe selbst lange auf der Arbeit. Der Kardiochirurg hat Rufdienst und da die dann irgendwann auch mal fertig werden, kommt er auch noch. 
An irgendeiner Stelle merkt er an, dass ich ja nicht gekocht habe. „Ich war auch lange auf der Arbeit und musste danach noch ein bisschen was erledigen. Arbeitsschluss heißt nicht gleich sofort automatisch Freizeit“, verteidige ich mich. 
Er will dann noch zum Sport. Er könnte dann später abends kommen und sich zu mir ins Bett legen, bietet er an. Aber ich bin so erschöpft, dass ich nicht nach Mitternacht nochmal geweckt werden möchte. Meine Kapazitäten sind einfach erschöpft. Es ist eines der ersten Male, dass ich so ein Angebot – wenn es denn mal kommt – nicht annehme. Er soll nch Hause fahren. 

Donnerstag.
Ich mache endlich einen Termin beim Chef. Das wird kein lustiges Gespräch glaube ich. Aber ein bisschen Zeit, um das vorzubereiten, habe ich noch. 

Ihr werdet noch eine Weile mit Schneebildern leben müssen, auch wenn der schon wieder taut... 


Freitag
Schon wieder Dienst. Der Tag auf der Station ist einigermaßen ruhig und als ich in die Notaufnahme komme, herrscht auch noch Ruhe. Das ändert sich aber bald darauf und mit einem Schlag habe ich vier Patienten. Eine Dame mit einem recht kleinen Schlaganfall, aber einer höchstgradigen M1 – Stenose; darüber muss man dann mal mit den Neuroradiologen diskutieren. Eine junge Dame, die wahrscheinlich eine Somatisierungsstörung hat, aber das müssen wir erstmal beweisen. Sie war schon in einem anderen Krankenhaus und dort wurde alles abgeklärt – aber jetzt haben sich die Beschwerden etwas verändert und sie ist bei uns. Solche Anamnesen können lange dauern, weil die eben absolut keiner Logik folgen. Dann habe ich noch eine ältere Dame mit Hörsturz und Tinnitus, die sei Mitte Dezember alle drei Tage in der Notaufnahe ist. Selbst die Nachbarin, die sie gebracht hat, ist schon genervt. Eigentlich hat sie eine Angstsötrung, soll auch zeitnah in die Psychiatrie und jetzt taucht sie hier jeden dritten Tag mit anderen Symptomen auf. Was sie heute erzählt, würde noch am ehesten zu einem Tinnitus und Hörsturz passen, aber ich kriege die Dame einfach nicht nach Hause. Sie ist so agitiert, fixiert und eingeengt auf ihr Thema, egal was man sie fragt, es kommt nur ein „Das wird immer schlimmer mit dem Rauschen in meinem Kopf, ich halte das nicht aus. Ich kann nicht nach Hause gehen.“ Natürlich übernimmt sie keine HNO – Klinik, für die Psychiatrie ist sie zu gut – also hilft nur aufnehmen und sich darauf gefasst machen, dass ich am Montag drei Köpfe kürzer bin. Am Ende gesteht sie mir noch, dass ihre Heizung kaputt ist. 

Samstag. 
Der Dienstarzt nach mir ist nicht sehr motiviert, also muss ich noch eine Menge nacharbeiten. Zudem versuche ich immer noch die Tinnitus – Dame heim zu schicken, aber nachdem die Oberärztin sie dann auch nicht heim schicken will, gebe ich mich irgendwann geschlagen. Dann konservieren wir hier eben eine Fehlbelegung. 
Ich bin erst um 13:30 Uhr zu Hause und den restlichen Tag verschlafe ich mehr oder weniger. 

Sonntag
Ich wache mit Halsschmerzen und Kopfschmerzen auf und auf dem Weg ins Badezimmer kollabiere ich erstmal fast. 
Also wird der Tag bis zum Nachmittag auf dem Sofa verbracht. Der Kardiochirurg kocht Tee und Zitrone und fährt dann zu seinen Eltern. Ich düse dann auch heim, mache drei Handgriffe im Haushalt und muss meine Bewerbung heute noch irgendwie abschicken. Das war schon für Ende letzter Woche geplant, aber heute muss ich das echt mal schaffen. 

Ansonsten mit dem Kardiochirurgen:
Ich weiß nicht, ob es dieses Gespräch war mit der Therapeutin, aber irgendetwas hat sich zwischen uns – so habe ich das Gefühl – verändert. Er gibt sich tatsächlich mehr Mühe, ist aufmerksamer, versucht rechtzeitiger zu kommunizieren. 
Aber ich bin im Moment ein bisschen auf Akzeptanz und Rückzug eingestellt. Vielleicht ist es, weil sonst so viel los ist, weil ich selbst so müde bin, aber ich ertappe mich dabei, es gut zu finden, wenn er Dienst hat, es dieses Fahrerei nicht gibt, ich nicht kochen muss – zumindest nichts Großes – sondern mich einfach auf mein Sofa chillen kann und den Abend nach meinen eigenen Vorstellungen verbringe. Und es ist schon irgendwie die Frage, was uns noch verbindet. 

Hoffen wir erstmal, dass ich den Tag morgen gut schaffe.
Mondkind



 

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