Arztzimmergespräche
Wir sitzen nebeneinander. Die Kollegin und ich.
Ihr Handy klingelt. Sie fragt, ob es dem Kind gut geht. Ehe die Planung offensichtlich in Richtung Feierabend geht. „Lass uns doch irgendwo etwas essen gehen“, sagt sie. Auf ein Lokal einigen können die beiden sich scheinbar nicht, denn wenig später entscheiden sie, dass er nochmal einkaufen geht und etwas kocht.
„Mondkind – ist das hier was im EEG?“, fragt sie eine halbe Stunde später.
Als wäre ich der EEG – Guru...
„Ich denke das sind Pulswellenartefakte“, entgegne ich, als ich mich ein bisschen durch das EEG klicke. „Guck mal, das kommt immer korrelierend mit der EKG – Zacke.“
Ihr Handy klingelt schon wieder und ich rücke mit meinem Stuhl wieder vor meinen eigenen PC.
Jetzt ist er beim Einkaufen und findet irgendetwas nicht. „Geh mal ganz nach hinten und schau dann rechts in den Regalen, okay? Und sonst bring einfach etwas anderes mit“, sagt sie.
Ich schmunzle vor mich hin.
Irgendwann legt sie wieder auf.
„Mondkind, es tut mir wirklich leid“, sagt sie entschuldigend.
„Nein alles okay“, entgegne ich. „Ich sollte gar nicht zuhören, aber ich finde es irgendwie niedlich.“
Wobei niedlich eigentlich das falsche Wort ist. Ich denke nur gerade daran, dass selbst solche simplen Absprachen bei uns ja nie vorkommen und bewundere wie ungezwungen das bei den beiden ist. Und manchmal bessert es sogar meine Laune, einfach nur zuzuhören. Bei Situationen dabei zu sein, die so simpel sie auch sein mögen, sich mehr nach Vertrautheit anfühlen, als wir je hatten. Und ich wünschte, wir würden auch solche Telefonate führen.
Wir arbeiten noch ein bisschen weiter.
„Mondkind, kann ich Dich nochmal ansprechen?“, fragt sie.
„Ja klar“, entgegne ich.
„Wegen Diensten im März?“, fragt sie vorsichtig weiter nach.
„Naja, ich habe noch keinen Dienstplan vom Freund gesehen und ich bezweifle, dass ich einen kriege – also bis jetzt kann ich alles tauschen.“
„Es geht um ein Wochenende. Ich habe da wirklich keine Betreuung für mein Kind. Ich habe es einfach vergessen im Wunschdienstplan als frei einzutragen und jetzt hat der Oberarzt mir da einen Dienst eingetragen.“
Sie nennt mir ein Wochenende, das sie gern mit mir tauschen würde. „Aber nee, Du hast da Freitag schon Dienst – dann kannst Du nicht Sonntag machen“, sagt sie. „Nein Stopp“, entgegne ich. „Den wollte schon eine andere Kollegin mit mir tauschen. Sie kann wohl Dienstag nicht und wollte mir den geben und dafür Freitag machen. Dann könnte ich Sonntag schon. Aber Du musst sie nochmal anrufen – sie hat es noch nicht eingetragen, obwohl ich ihr schon gesagt habe, dass es okay ist.“
Genau in dem Moment kommt unser Oberarzt rein.
„Was macht Ihr schon wieder?“, fragt er. „Ich weiß gar nicht, warum ich Dienstpläne schreibe, wenn Ihr sowieso immer alles tauscht. Mondkind, Du rückst langsam auf Platz 1 beim Dienste tauschen.“ Er lacht dabei und das signalisiert, dass er es eher amüsant findet.
„Nein, daran sind [die Kollegin] und ich Schuld“, beeilt sich die Kollegin neben mir zu sagen.
„Beschwert Euch am Ende halt nicht, wenn Ihr Euch dann selbst zu wenig Zeit zum Erholen dazwischen gelegt habt oder jedes Wochenende arbeitet“, sagt er.
Wir arbeiten weiter.
Fachärztin, Familie, Kind. Ich weiß, dass das wahrscheinlich stressiger ist, als ich mir das vorstellen kann. Ich habe dieser Kollegin neben mir nie gesagt, dass ich sie echt bewundere, dass sie das alles so hinbekommen hat und nur ein paar Jahre älter ist als ich. Dazu gehört wahrscheinlich eine Menge Disziplin und ein bisschen Glück irgendwann mal den richtigen Typen gefunden zu haben.
Ich werde meine Neuro – Familie vermissen. Das weiß ich schon jetzt.
Ich denke an uns. An den Freund und mich.
Ursprünglich hatte ich gedacht, ich könnte vielleicht heute bei ihm übernachten, weil es auch eigentlich nur noch den Freitag als Möglichkeit diese Woche gäbe – morgen muss ich ja auch erst um 10 auf der Arbeit sein. Dann könnte ich nochmal schnell nach Hause fahren, alles einpacken und dann wieder zur Klinik düsen.
Aber man weiß ja nie, wann der Herr beschließt nicht mehr mit mir sprechen zu wollen und wenn's dann halt so ist, dann werden diese Pläne natürlich nichts. Und das fühlt sich hart an, wenn es vorher so viel Nähe gibt. Das packt meine Psyche nicht so gut. Diese Wechsel zwischen Nähe und absoluter Ignoranz.
Wir hätten so viel zu besprechen und ich würde gerne eine Entscheidung gemeinsam treffen. Ich befürchte nur, das wird nicht gehen.
„Was kochst Du heute Abend?“, fragt sie bevor wir nach Hause gehen und greift die Diskussion vom Nachmittag nochmal auf.
Ich würde gern sagen, dass das davon abhängt, ob der Freund und ich sich heute Abend sehen, was bis 17 Uhr natürlich noch nicht besprochen ist. Aber da nicht jeder informiert über mein nicht laufendes Privatleben sein muss, entgegne ich, dass ich mir noch etwas überlegen muss, dass sich auch als Dienstessen eignet. „Vielleicht ein paar Udon – Nudeln“, sage ich, um etwas zu sagen. „Das ist eine gute Idee Mondkind, die mag ich auch gerne.“ Und damit motiviert sie mich tatsächlich.
Später am Abend treffe ich die ehemalige potenzielle Bezugsperson auf dem Gang, als ich gerade heim gehe.
„Wie lange bleibst Du noch?“ fragt er. Dieser Mensch, der mich durch das PJ und das erste halbe Arbeitsjahr getragen hat. Bis der ehemalige Freund gestorben ist. Eine der Beziehungen, die das nicht überlebt hat.
„Ich weiß es nicht. Mit der Psychosomatik hier ist es schwer – da habe ich mal die Fühler woanders ausgestreckt“, entgegne ich. „Ist gerade alles in der Schwebe. Das wird sich in den nächsten Wochen entscheiden.“ Ich weiß nicht, ob ich gerade zu viel sage, aber dieser Mensch kannte mich mal in und auswendig. Da finde ich, sollte das doch ganz okay aufgehoben sein. Außerdem gibt es verdammt viel Redebdarf über dieses Thema, der gerade nirgendwo unter zu bringen ist. Vielleicht ist es okay, wenn er gerade ein Zipfelchen mitwissen kann.
„Eigentlich dachte ich, ich könnte mal irgendwo bleiben – es war jetzt nicht unbedingt der erste Plan, zu gehen“, sage ich nach einer kurzen Pause in die Stille. „Aber ja... ich komme hier gerade auf so vielen Ebenen nicht mehr weiter.“
„Naja Mondkind – Du hast es doch schon mal geschafft. Nach dem Studium bist Du doch auch hunderte Kilometer weit weg gezogen. Das schaffst Du nochmal, wenn Du es willst.“
Mir liegt auf der Zunge zu argumentieren, dass ich aber nicht mehr Mitte Zwanzig bin. Dass ich langsam mal das Ziel habe anzukommen, einen Mann zu finden, eine Familie zu gründen, zu heiraten. Aber das sage ich nicht. Vielleicht möchte ich doch nicht so viel mit ihm diskutieren.
Wir verabschieden uns.
Und als ich weiter gehe, denke ich, dass er irgendwie Recht hat. Auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte, aber ich habe es schon mal geschafft. Ich kann das auch nochmal.
Und dann denke ich, dieser Mensch war mal einer der Wichtigsten meines Lebens. Heute ist er eine Begegnung auf dem Flur. Fast bin ich ein bisschen vorsichtig mit ihm geworden. Das war am Ende schwer zwischen uns, da gab es viel Verletzung. Und dann denke ich mir, so unvorstellbar wie das auch in Zeiten zu sein scheint, in denen man sich so sehr emotionale Verbindung zu einem anderen Menschen wünscht, kann das Hirn auch irgendwann lernen, dass es jetzt nicht mehr so ist. Und okay damit sein. Vielleicht kann das Mut machen. Es bleibt nicht immer so schwer. Bindungen können wieder neutraler werden. Eine Begegnung werden. Eine Erinnerung bleiben an etwas, das auch mal gut war.
Mondkind

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