Desillusionierung zum Wochenstart

„Mondkind, wieso hast Du so schlechte Laune heute? Kannst Du nicht mal lachen?“
„Ich geb mir Mühe...“

Die Pflege hat mich auf dem Flur angehalten. Und während ich versuche meine To Do's ohne spitze Kommentare oder Nervenzusammenbrüche abzuarbeiten denke ich mir, dass die letzten Tage doch wieder zu schön waren und eben doch nicht die Realität sind. 

Montag hatte ich Spätdienst. 
Angeblich konnte diesen Dienst Niemand der Kollegen machen, sodass er am Ende mir zugeschoben wurde. Ramadan (ist der überhaupt schon), Kinderbetreuung, Facharztvorbereitung – irgendeine Ausrede hatte jeder. Man kann es ja nochmal versuchen, dachte ich mir. Kann ja auch mal gut gehen. Arbeitsschluss ist je nach Arbeitsaufkommen immerhin zwischen 21 Uhr und 23:30 Uhr. 
Es ging aber nicht gut. Um 23 Uhr waren immer noch sechs Patienten in der Notaufnahme, drei davon ungesehen und ich würde ja am nächsten Morgen wieder um 07:30 Uhr auf der Arbeit sein müssen. Gegen Mitternacht konnte ich mich abseilen, aber mit nach Hause fahren, noch eine Kleinigkeit essen und etwas zur Ruhe kommen, war es mit Schlafen nicht mehr weit her in dieser Nacht. 
Wir halten fest: Ich mache nur noch Spätdienstwochen am Stück. Keine halben Wochen oder einzelnen Tage mehr. Das geht nicht. Ja – alles kann mal schief gehen im Krankenhaus. So ist das, wenn man mit Menschen arbeitet. Aber dieses Problem ist eher hausgemacht. Und das ist auch das, was mich daran so immens stört. Wir müssen uns das Leben doch alle nicht komplizierter machen, als es ist.


Aber Montagmorgen habe ich auch nochmal eine Nachricht an den Kardiochirurgen geschrieben. Es sind unruhige Zeiten und eigentlich müssen wir viel entscheiden und noch mehr reden. Und ja ich weiß, ich kann das auch allein entscheiden und wahrscheinlich muss ich das auch bald, aber am Ende des Tages sind wir eben immer noch ein Paar und wenn Einer von Beiden erwägt 200 Kilometer weit weg zu ziehen, dann gehört das schon besprochen. 
Ich wollte noch ein paar Gedanken dazu teilen und habe ihm eine Nachricht geschrieben. Eine Kurze. Die man in einer Minute lesen kann. Ja, er war auch auf der Arbeit und ja, er hatte auch viel zu tun. „Lies bitte noch Deine Nachrichten später“, habe ich gesagt, als wir uns kurz gehört haben. 
Natürlich ist das nicht passiert. Das Übliche „Mondkind schreibt mal etwas, aber wir lesen es frühestens 24 Stunden später und werden wahrscheinlich nie etwas dazu sagen können.“ Und irgendwie ist es doch immer noch so, dass da so viel Hoffnung ist, wenn es mal ein paar Tage gut geht. Als würde er Kommunikation dann mal ein bisschen verstanden haben. Es ist ja auch okay, wenn er keine Zeit hat, aber kann man dann nicht wengistens schreiben: „Hey Mondkind, ich habe es gelesen, aber ich hatte einen echt vollen Tag und kam nicht dazu, mich damit zu beschäfitgen. Aber sei Dir sicher, ich melde mich morgen. Gute Nacht nach Deinem Dienst.“ Beziehung läuft bei uns immer nur, wenn er Lust und Zeit dazu hat. Allerdings dauert eine Nachricht zu lesen und einen Satz zu schreiben, zwei Minuten. Und genau diese zwei Minuten ist ihm die Beziehung an vielen Tagen einfach nicht wert. Ich als Freundin bin ihm das nicht wert. 
Das hat mich wieder mal so wütend gemacht, dass ich – nachdem ich dann endlich mal zu Hause war – die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Mal wieder. 
Und manchmal denke ich, ich brauche doch mal einen Mann, der wenigstens ein bisschen emotional intelligent ist. Man kann sich doch nicht immer verhalten, wie ein Elefant im Porzellanladen und hinterher so tun, als sei einem das alles nicht bewusst. Der Typ hat studiert und ist Arzt – also soweit sollte die Menschenkenntnis doch reichen. 

Ich habe manchmal ein bisschen Sorge, dass die Entscheidung jetzt an diesen Ort 200 Kilometer weit weg zu ziehen zu wenig an fachlichen Überlegungen und zu viel an diesem ganzen zwischenmenschlichen Chaos hängt. Manchmal denke ich, ich kann hier einfach nicht mehr. Es bewegt sich nichts, es geht mir an so vielen Tagen einfach nicht gut, ich komme aktuell weder mit noch ohne den Freund zurecht und diese Wahl zu haben; das ist das Problem. Wenn ich weg bin, dann habe ich die nicht mehr. 
Und gleichzeitig sollte die Entscheidung eben doch eher fan fachlichen Überlegungen hängen. Manchmal verfluche ich mich wirklich, dass ich so schlecht im Loslassen bin, im Grenzen setzen und darin, die auch einzuhalten. 

Morgen habe ich Dienst, Donnerstag telefoniere ich nochmal mit meiner Therapeutin. Ich hoffe, dass auch das Gespräch mir ein bisschen helfen kann, zu einer inneren Klarheit zu kommen, Argumente richtig zu gewichten, die Optionen vielleicht mit etwas emotionalen Abstand zu betrachten. 

Mondkind 

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