68 Monate

Mein lieber Freund, 
der Frühling kommt. Endlich. 
Die Tage sind schon wieder länger und nach meinen Spätdiensten Ende Februar, war es plötzlich morgens hell auf dem Weg zur Arbeit. Die ersten Schneeglöckchen und Krokusse bahnen sich langsam ihren Weg durch die Erde ans Licht. Und so sehr ich den Schnee auch liebe, aber gerade freue ich mich sehr über die ersten wärmeren Sonnenstrahlen, die irgendwie auch das Gemüt ein bisschen wärmen. 
 
Und dennoch war März auch der Monat, in dem Du dann in die Psychiatrie gekommen bist, in der Du beinahe warst, bis Du gestorben bist. 
 
Es ist viel passiert seit dem letzten Brief. 
Und ich frage mich manchmal, was Du machen würdest. Und, ob Du stolz auf mich wärst?
 
Es war schwierig hier zuletzt. Ich bin weder privat noch beruflich so richtig weiter gekommen. Und irgendwie ist es nicht das erste Mal in meinem Leben, dass Entscheidungen sich „an mir vorbei formiert“ haben. Natürlich bin ich diejenige, die sie trifft, aber dennoch fühlt es sich manchmal so an, als hätte ich keine andere Wahl mehr gehabt. 
 
Ich glaube, da war mehr der Wunsch, als die Realität, dass die Entwicklungen nach dem Facharzt beruflich und privat in eine Richtung gehen, die gut für mich sind. Stabile Beziehung, echtes Füreinander da sein, miteinander durchs Leben gehen. Irgendwann Familienplanung. Wenn meine Schwester auch hierher gekommen wäre, hätten wir unsere Kinder gemeinsam im Garten spielen lassen können (den wir nicht mal haben bis jetzt). Und dann hätte ich die Ausbildung in der Psychosomatik am Standort gemacht und wäre beruflich und privat glücklich geworden. Soweit der Wunsch. Aber die Realität ist eben eine andere.
Und ich glaube, das ist diese große Diskrepanz zwischen dem „eigentlich wäre so ein Schritt jetzt gar nicht dran gewesen“ und einem „Aber die Bedingungen geben kaum etwas anderes her.“ 

Die ersten sonnigen und etwas wärmeren Tage... 


Der Kardiochirurg war übrigens auch mal wieder interessant: Er meinte dann, er hätte von Anfang an gewusst, dass ich mich so entscheiden werde und für ihn sei das nicht überraschend gewesen. Naja, wie gut, dass ich bis Montagmorgen selbst nicht genau wusste, was ich entscheiden werde und final schreiben werde. Und dann habe ich mich gefragt, ob ihm wohl klar ist, dass er und diese Beziehung und die Lage, in die uns das alles gebracht hat, einen sehr wesentlichen Anteil an dieser Entscheidung haben? Ich will ihn nicht in erster Linie verantwortlich machen, aber das kam nicht alles primär aus mir heraus, weil das alles so toll gelaufen ist. Ich kann nicht mehr diejenige sein, die ständig nur wartet. Vielleicht kann sich das ändern, irgendwann. Aber für den Moment war das eben seit zwei Jahren unsere Realität. 
Und zu einem großen Teil ist dieser Schritt jetzt eben auch eine Verunmöglichung dieser Strukturen, die wir jetzt haben, weil ich einfach nicht mehr dieser „sie hat immer Zeit“ - Teil sein werde. Gepaart mit meiner Meinung nach genauso guten oder besseren Ausbildungsbedingungen in einer rennomierten Psychosomatik bei besserer Bezahlung und weniger Diensten. Und vielleicht einer Therapieform, die erstmal besser zu mir passt, das werden wir noch sehen. 
Es ist rational richtig, das weiß ich. Und fühlt sich trotzdem bisweilen immens falsch an. Weil hier gerade Träume sterben, von denen man irgendwie noch gehofft hat, dass man die erreichen kann. 
 
Die Verträge sind noch nicht unterschrieben, aber in der Mache. Und als hätte irgendwer etwas spitz bekommen, habe ich heute eine Mail von der Personalabteilung bekommen, dass ein Wechsel in die Psychosomatik hier wohl doch relativ zeitnah möglich sei. 
Ich bin gespannt, was ich Dir in einem Monat schreibe.
Gerade komme ich von der AGUS - Gruppe. Und Du fehlst mir hier. Das letzte Mal, als es um die Frage ging, ob ich gehen oder bleiben soll, warst du noch dabei.
 
Halt die Öhrchen steif
Mondkind

Kommentare

  1. Herzliche Gratulation zu deiner mutigen, aber meiner Meinung nach sehr wertvollen Entscheidung!!!! <3 <3 <3 Ich empfinde es in Anbetracht v.a. deiner privaten Sackgasse als sehr reif, realistisch und es braucht schliesslich eine Veränderung, denn so kann's ja echt nicht mehr Jahre weitergehen. Ich finde, das kann auch eine Chance sein. Auf jeden Fall wird dir diese Entscheidung für die renommierte Psychosomatik KLARHEITEN bringen, privat aber auch -so denke ich- beruflich. Nochmals herzliche Gratulation!!

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