Wochenverlauf

Mittwochmorgen. 
Wahrscheinlich muss ich schon völlig erledigt aussehen, als ich auf meinem Stuhl im Arztzimmer sitze. 
Es ist mehr als grenzwertig. Ich habe so sehr Magenschmerzen, dass ich es kaum auf die Arbeit geschafft habe. Und ich habe vergessen, wie sedierend einige Antidepressiva sein können. 
Obwohl das für meinen Magen sicher nicht die beste Idee ist, muss ich mir auf der Station als erstes Mal einen Kaffee besorgen. Schon den zweiten heute Morgen. In der Hoffnung, dass das irgendetwas besser macht. 
Die Kollegen versorgen mich mit Pantoprazol und Kamillentee.

Nachdem wir gestern mal gut besetzt waren, sind wir heute nur noch 50 % der Besetzung von gestern und rocken die Station zu Zweit. Und obwohl genug Zeit war, hat mein Kollege es nicht mal geschafft, seine EEGs auszuwerten. 
In der Visite darf ich mich in jedem Zimmer setzen und muss auch nur die Hälfte der Patienten mitlaufen. Einen Patienten muss ich noch vor dem Mittag punktieren. 

Mittag. Ich rufe meinen Oberarzt an. „Wir sind ein bisschen knapp heute und es ist auch noch Fortbildung – ich komme kurz, okay?“, frage ich. „Ja, aber kommen Sie auf jeden Fall.“
„Ich habe schon angeboten, dass ich Euch einen von der Intensiv zum Helfen schicke, aber die Stroke Unit wollte das nicht“, berichtet er im Gehen, als er mich an der Intensiv abholt. „Das müssen die Oberärzte unter sich klären – ich habe keine Berechtigung, Personal hin und her zu schieben“, entgegne ich. 

Ich setze mich und sitze wahrscheinlich immer noch wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf meinem Stuhl.
„Haben Sie Schmerzen?“, fragt er. 
„Magenschmerzen“, entgegne ich. 
„Aber Sie wissen schon, dass Sie das nicht aushalten müssen“, ermahnt er.
„Ich hab schon Pantoprazol genommen“, entgegne ich. „Hat nix gebracht. Allerdings habe ich auch zwei Kaffee getrunken, weil ich einfach so müde bin. Das war sicher auch nicht schlau.“
„Warten Sie mal – wir haben da noch etwas auf der Intensiv für den Magen“, sagt er und steht schon auf.

„Haben Sie das gemacht, was wir gestern vereinbart haben?“, fragt er, als er wieder da ist.
Ich nicke. „Mir ist aber eingefallen, warum wir das Medikament ganz schnell wieder gestrichen haben. Das war in der Examenszeit und ich war so erledigt davon, dass ich einfach nicht lernen konnte. Ich fühle mich wirklich wie überfahren heute. Ich meine – natürlich ist es dadurch im Kopf ein bisschen ruhiger; der ganze Mensch ist ja irgendwie... - wie eine Leiche auf Beinen.“
„Ja – aber das ist doch das was wir wollen. Die sedierende Komponente bringt ein bisschen Ruhe ins System.“
„Mir würden die Gedanken reichen.“
„Keine Diskussion – weiter nehmen“, sagt er. Wir haben irgendwann mal vereinbart, dass ihn miteinzubeziehen wenn es sehr schlimm wird auch bedeutet, sich an sein Konzept zu halten. Und tatsächlich ist das auch irgendwie okay für mich. Schlauere Ideen habe ich aktuell auch nicht.

„Ich kenne das alles“, sage ich irgendwann. „Ich hab das Tausend mal durch. Immer zu spät Hilfe geholt, immer noch irgendwie Wochen und Monate weiter gemacht und irgendwann haben Körper und Psyche einfach aufgegeben und man fühlt sich wie so ein Gefangener in seinem eigenen Leben.“

„Der Freund war gestern da“, wechsle ich das Thema und bin schon gefasst auf ein Donnerwetter. 
Aber er seufzt nur. „Das Einzige, das er in der aktuellen Situation machen sollte, wäre es Sie zu unterstützen, wo er nur kann. Und ich glaube nicht, dass Sie viel brauchen. Ich denke, es würde einfach reichen, wenn er sie in den Arm nehmen würde.  Was haben Sie gemacht?“ 
„Diskutiert. Aber ich lag dabei zumindest an ihn dran gekuschelt. Allerdings werde ich aus diesen Diskussionen auch nie schlauer. Keine Ahnung, ob er sich jetzt trennen will, oder nicht. Gestern hatte ich schon so den Eindruck, aber den hatte ich ja auch schon mehrfach und wir sind immer noch zusammen, soweit ich informiert bin.“

Es geht noch ein bisschen ums Warum an diesem frühen Nachmittag. Ich postuliere, dass ich diesmal doch ziemlich genau wusste, was ich da entscheide. Es ist doch nicht mehr früher – ich habe doch gar keine Angst, dass mein ganzes Leben auseinander fällt. Ich habe doch etwas erreicht, ich bin doch jetzt Fachärztin, mir kann doch erstmal gar nichts passieren. 
Vielleicht wollte ich das ein bisschen zu sehr glauben. Denn der Herr Oberarzt denkt, dass es ziemlich viel um Identitätskrise geht. Was bleibt eigentlich von mir, wenn wirklich alles gleichzeitig weg fällt? Die Beziehung und der Job, über den ich mich definiert habe. „Sie waren immer Diejenige, die jeden Dienst übernommen hat, wenn es sein musste, eingesprungen ist, die Arbeit für die anderen erledigt hat. Man kann sich auf niemanden hier so verlassen, wie auf Sie. In der Frühbesprechung der Oberärzte hat man sich schon gefragt, wie das ohne Sie gehen soll...“ „Ach Quatsch, es gibt doch auch gute Kollegen. Ausnahmslos jeder ist einigermaßen ersatzbar“, postuliere ich. „Ich sitze doch da drin, Frau Mondkind.“ 
„Wo Sie allerdings Recht haben ist natürlich, dass niemand so etwas nur aus Nächstenliebe tut. Natürlich habe ich etwas davon, so zu sein“, sage ich. „Ja – Sie bekommen Anerkennung“, meint mein Oberarzt. „... die ich sonst nirgendwo bekomme“, vervollständige ich den Satz. 

„Und klar – dann stellt sich schon die Frage, was noch übrig bleibt, wenn ich keinen Partner mehr haben sollte, die Familien- und Kindergeschichte in weiter Ferne ist, ich mein „Ersatz – zu – Hause“ mit der Arbeit verliere und nicht mehr der Mensch sein kann, als der ich mir gewünscht habe gesehen zu werden. Bis ich mir in meinem neuen Job einen Stand erarbeitet habe – das wird ja dauern.“
„Und das kann mal existentielle Krisen auslösen“, meint er. „Das kann doch sensiblen Menschen wie Ihnen passieren – das ist doch Nichts pathologisch dran.“

Und dann fragt er nochmal die Suizidalität ab. Und ehrlich gesagt bin ich froh, dass er es einfach tut. 
„Ich glaube, es ist wirklich alles ein bisschen gedämpft aktuell“, sage ich. „Und trotzdem bleiben das so impulsive Durchbrüche. Ich habe noch Pläne für die Zukunft und ich würde gerne wissen, ob ich mal irgendwann glücklich in meinem Job werde und vielleicht eine kleine Familie haben kann. Aber Pläne waren nie das Problem – die hatte ich eigentlich immer. Und wenn die Gegenwart sich aber zu schmerzhaft, hoffnungslos und unaushaltbar anfühlt, dann kommt das durch. 
Und ich glaube, es ist nicht immer gut, viel über die Thematik zu wissen. Denn ehrlich gesagt bin ich ziemlich verzweifelt damit, dass ich wirklich alles weiß und das meinem nur über zwei Ecken denkenden Gehirn trotzdem egal ist und es manchmal einfach nicht durchhalten will. Wie so ein bockiges Kind.“

Wir einigen uns auf Meldestrukturen bis Freitag – naja, immerhin chille ich morgen Nachmittag bei ihm zu Hause so mehr oder weniger – und dann schauen wir mal vor dem Wochenende, wie die Lage so ist. 

Donnerstag.
Heute bin ich bei der Frau des Oberarztes; der Coaching – Frau. 
Keine Ahnung, was ich so gedacht hatte, wie der Termin so werden könnte. 

Sie fragt mich, ob ich alles was wir letzte Woche besprochen haben, umgesetzt habe.
Nein, eigentlich nicht. Es wurde nicht ein Mal gekocht, ich war nicht ein Mal draußen, habe das Keyboard nicht angerührt und mein Lese – Buch auch nicht. 
Warum nicht, wollte sie wissen. 
Naja – ich war mit Überleben beschäftigt. Für mehr hat es nicht gereicht. 

Wir drehen uns noch ein paar Minuten im Kreis, bis sie anfängt mir Vorwürfe zu machen. „Wenn Sie nicht das machen, was wir besprechen, kann es auch nicht besser werden.“ 
No shit, Sherlock... Was so schwer war, will sie wissen. 
„Naja, manchmal kann ich den verstorbenen Freund schon ganz gut nachvollziehen“, antworte ich und versuche mich mal ganz langsam vorzutasten. 
„Sind Sie gefährdet?“, fragt sie mich mit strengen Unterton und irgendwie meine ich auch eine gewisse Hilflosigkeit in ihrer Tonlage zu hören. 
„Nein, so war es auch wieder nicht gemeint“, entgegne ich und nehme schon bei der ersten möglichen Annäherung die Abbiegung. Ich erzähle ihr nicht von den Treffen mit ihrem Mann, von den Themen über die wir gesprochen haben, dass ich mich gerade irgendwie mit Medikamenten über Wasser halte. Bei ihr fühlt sich das irgendwie nicht richtig an. 

Wir kommen nicht weiter in dieser Stunde – aber wie auch... ? Und vielleicht ist das grundsätzlich auch okay, wenn Einer Bescheid weiß. Das Ding ist halt nur, dass Coaching keinen Sinn macht, wenn sie keine Ahnung hat, wo ich unterwegs bin.

Freitag
Mittags bin ich nochmal bei meinem Intensiv – Oberarzt. 
Lagebesprechung vor dem Wochenende. 
Es wird langsam, Herr Oberarzt. Ich schlafe ein bisschen besser, ich fühle mich nicht mehr ganz so sediert, der Körper gewöhnt sich dran. Der Krieg in meinem Kopf ist immer noch sehr präsent, aber zumindest wird es aktuell nicht schlimmer und ich kann es halten.

Er regt an, mich ein bisschen auf die Suche nach mir zu machen. Wer war ich, bevor ich in diesem Studium und diesem Job versunken bin. Ob ich alte Tagebuchaufzeichnungen habe, will er wissen. Ja – die habe ich. Aber schon damals habe ich das Leben eher schwer wahrgenommen. Ich werde mal suchen.

Der Freund hat morgen Geburtstag. Irgendetwas läuft da schon wieder schief. 
Ich habe auf den OP – Plan geguckt und er steht nicht heute für den Rufdienst drin, sondern morgen für die Samstag – OPs... Ich sehe das nächste Drama kommen. 
Wir werden sehen, wie dieser Samstag wird. Hoffentlich geht es ohne ganz viel Ärger. 

„Sie schreiben mir nächste Woche“, sagt er, als wir schon wieder auf dem Weg zurück zur Station sind. 
„Ja“, entgegne ich. 

Ich bin dankbar. Der Intensiv – Oberarzt macht aus irgendeiner Intuition heraus Vieles richtig. Er tut das, was so oft unterschätzt wird: Zuhören und da zu sein, ohne etwas zu tun. Mitaushalten. Sichtbar sein dürfen mit dem, was oft versteckt werden musste, nicht zuletzt in sich selbst. Ich weiß nicht, was er über mich wirklich denkt. Aber er hat mich noch nie verurteilt.

Mondkind

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