Über das Gehen

Das Finale steht schon fest. 
Eher aus Zufall habe ich heute mal einen Blick in den Dienstplan geworfen und dabei gesehen, dass der September – Dienstplan zwar schon geschrieben, aber noch nicht offiziell veröffentlicht ist. 
Mein letzter Dienst in dieser Klinik ist mit meinem Notaufnahme – Oberarzt. Insgeheim habe ich mir das so gewünscht. Und ich bin mir sicher, dass er das nicht zufällig so eingetragen hat. Er schreibt nämlich die Dienstpläne. 
Viele haben über die Jahre immer wieder behauptet, ich sei seine Lieblingsassistentin gewesen. Ich weiß nicht, ob das das stimmt, ehrlich gesagt. Ich habe ihn nie gefragt. Wir kamen immer  gut miteinander zurecht und ich habe mehr kurzfristige Dienste für ihn möglich gemacht, als ich das für jeden anderen je getan hätte. 
Und das ist se
ine Art nicht nur zu sagen, dass ich im Team fehlen werde, sondern mir das auch zu zeigen. 


***
Die Psyche ist im Sturzflug unterwegs. 
Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, warum ich geglaubt habe, dass durch halb Deutschland zu ziehen diesmal irgendwie einfacher werden würde, als all die Male zuvor. Ich dachte, es kommt ja mehr aus mir heraus, ich stehe hinter der Entscheidung und es wird schon werden. 

Heute denke ich, dass es auch eine Menge Trotz war und ich mir gar nicht so genau überlegt habe, was das eigentlich bedeutet. Es war knapp ein halbes Jahr nach dem Facharzt und es hat eigentlich überhaupt nichts geklappt. Irgendwie habe ich gedacht, dass der Freund und ich unsere Beziehung wieder verbessern könnten, wenn ich wieder mehr Kapazitäten dafür habe. In der Realität ist aber so ziemlich das Gegenteil passiert. Im September waren wir nochmal zusammen unterwegs und danach ging es rapide bergab mit dem Teilen von gemeinsamer Zeit, Erlebnissen und Intimität. Das war vor dem Facharzt nicht so wenig gewesen. 
Auch mit dem Job – es hat mich schon irgendwie gekränkt, dass ich jetzt einen Facharzt habe, eigentlich in der Medizinerwelt etwas wert sein sollte und es einfach nicht möglich war, mir einen Job in der Psychosomatik in Aussicht zu stellen. Wem wäre jetzt genau ein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn ich noch ein paar Neuro – Dienste gemacht hätte am Wochenende und parallel meine Psychosomatik – Ausbildung hätte machen können? Der Chef hatte mir mal irgendwann gesagt, ich könnte dann auch die Schmerzkomplexpatienten betreuen, dann müsste man nicht einen externen Psychologen bezahlen. Aber weder die Chefs der Psychosomatik, noch die Personalabteilung, noch die Neuro konnten sich da in irgendeiner Weise bewegen. Es hätte ja auch nicht sofort sein gemusst. Aber nachdem ich den Facharzt ja nun doch in einer halbwegs vernünftigen Zeit hingelegt habe, wollte ich auch nicht auf unbestimmte Zeit in die Warteschleife gehängt werden. 

Mittlerweile hat sich aber auch einiges im Außen verändert. Meine Schwester kommt irgendwann in der nächsten Zeit wahrscheinlich hierher, wenn sie einen Job gefunden hat und die Beziehung hat mittlerweile wirklich ein Ablaufdatum. (Ehrlichweise ist diese Aussage ja seinerseits schon Ende 2023 gefallen, wo ich erstmal aus allen Wolken gefallen bin, weil ich dachte das mit uns sei etwas Ernstes). Ob Letzteres gut oder schlecht ist, darüber kann man sicher streiten. Ich hatte mich etwas an dieser Hoffnung festgehalten, dass es schon möglich ist, dass definiertere Räume die Beziehung vielleicht stabilisieren könnten. Ich sehe aber mittlerweile selbst, dass das wahrscheinlich eher nicht klappt. 

Ich hatte mir im Lauf der Woche überlegt, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, Frau Therapeutin in der Studienstadt um einen Telefontermin zu bitten. Weil ich einfach spüre, dass es gerade schwierig wird und ich immerhin nächste Woche Spätdienst habe und es gut einbauen könnte. Ich mag ihre Zeit nicht verschwenden und wenn ich es doch nicht brauche, könnte ich doch immer noch absagen. 
Mittlerweile könnte ich nicht dankbarer sein für diesen Termin. 

Ich weiß es nicht. Ich habe langsam das Gefühl, dass diese Situation,dass ich immer wieder gehen muss mehr von mir selbst, als von irgendwem oder irgendetwas anderem abhängt. 
Man arbeitet immer ein paar Jahre für ein Ziel und dann stellt man meistens fest, dass man da aber nicht ankommt. Dass irgendwann nach langer Zeit fachlich Dinge erwartet werden von denen man nicht weiß, ob man die denn erfüllen kann. Dass man sich da in Dynamiken verstrickt hat, die vor Ort nicht aufzulösen sind und ehe man darin ertrinkt, geht man halt lieber.  Dann gibt es zumindest eine kleine Chance das zu überleben.

Ich kann dieses Leben so einfach nicht mehr.
Das habe ich mir oft gedacht in den letzten Tagen und Wochen. Die Kollegen haben mittlerweile auch schon wieder erkannt, dass man mich besser nicht anspricht. Und es tut mir jedes Mal so leid, wenn ich fast ausraste, wenn jemand mich etwas fragt und dabei eigentlich nett ist. Aber ich kann es gerade nicht. Das Wasser steht mir bis zum Hals; abgesehen von dem Termin bei der Therapeutin nächste Woche gibt es absolut keine Entlastungsmöglichkeiten. Die Freunde werfen mir zu Recht vor, dass ich mich immerhin seit Monaten nicht vernünftig gemeldet hätte, dem Freund muss ich sowieso nicht versuchen zu erklären, wie es mir geht. Mit dem Intensivoberarzt ist das alles irgendwie ein bisschen eingeschlafen und ich frage dann zwar, ob wir uns sehen können, aber wenn er nicht zurück schreibt, ist es halt ein „Nein.“ „Ich lese alle Mails“, hat er mal gesagt, was ich ihm auch glaube. Er ist kein Mensch, dem viel durch rutscht. Und die Psychosomatik – Oberärztin ist immer ganz gut, um über den verstorbenen Freund zu reden, aber ich habe nicht vor ihr zu sagen, dass mein Leben eigentlich ein einziges Chaos ist. 

„Ich möchte Nichts über das Thema Suizidalität hören, wenn Sie nicht hier sind“, hatte Frau Therapeutin gesagt. Und es gibt Tonfälle bei ihr, bei denen man weiß, dass das Gesagte – nachvollziehbarerweise – einfach zu respektieren ist. Und das werde ich auch. Und wahrscheinlich ist es sowieso viel sinnvoller über das zu reden, was diese Gedanken mutmaßlich auslöst. Und trotzdem würde ich manchmal gern sagen, dass es sich durchgehend so schrecklich anfühlt, dass ich nicht mehr weiß, wie ich das aushalten soll. 

Mondkind

P.S: Ich lese alle Kommentare und ich widme mich denen auch noch. Aber gerade geht es einfach nicht. 

Kommentare

  1. Liebe Mondkind, es tut mir so Leid zu lesen wie schlecht es dir geht. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Zuversicht und hoffe einfach nur dass du in naher Zukunft doch mal ankommen darfst und Menschen um dich rum hast, die dich sehen und unterstützen. Alles Liebe!

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    1. Danke Dir... - ich hoffe es auch. Aber ehrlich gesagt: Umzug in eine neue Stadt, in der man auch Niemanden kennt - das wird dauern, wenn man realistisch ist

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  2. Liebe Mondkind,
    Auch wenn meine Situation eine andere war: Dieses fiese Gefühl Anfang diesen Jahres vor einem Stellenwechsel mit Umzug - auch Medizin, auch mehrere 100km in eine Stadt, wo ich niemanden kannte - kenne ich auch. Und da wurden vorher viele Tränen geweint und die Frage gestellt: was mache ich hier eigentlich? Und es ist nicht alles sofort toll geworden, das wäre gelogen. Aber ich habe liebe Menschen kennengelernt, lebe mich immer mehr ein und weiß trotzdem nicht genau, ob das jetzt ein Abschnitt oder etwas längeres ist. Und das ist auch ok. Ich wünsche dir alles Gute <3 Und dass die Neugier auf Neues ein bisschen wiederkommt, wenn du erstmal dort bist.

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    1. Danke Dir. Vielleicht macht das ein bisschen Mut. Auch Dir auf jeden Fall weiterhin ein gutes Ankommen

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