Vom Reanimationsalarm und dem Danach
Freitagmorgen
Vier Dienste in anderhalb Wochen waren doch ein bisschen viel stelle ich fest, als der Wecker klingelt. Ich fühle mich vollkommen erschossen, während der Kopf schon zu Hochtouren aufläuft.
Es ist schwer heute Morgen, als ich im Regen den Berg zur Klinik hoch laufe. Da ist ein immenser Schmerz überall im Körper, obwohl ich doch gestern Abend das Gefühl hatte gehört und verstanden worden zu sein und gehofft hatte, dass das erstmal reicht. Ich überlege mir, ob ich das bringen kann den Oberarzt heute nochmal um ein Ohr zu bitten, aber ich war gestern bei seiner Frau. Irgendwann reicht es halt auch mal. Und am Wochenende ist ja das letzte Open – Air – Konzert – Wochenende für dieses Jahr. Das lenkt mich doch sicher ab.
In der Frühbesprechung werden wieder die Fälle der Woche zum Besten gegeben und wir können ein bisschen damit angeben, dass wir zwei Basilaris – Thrombosen mit kaum Ausfällen nach der Behandlung diese Woche durch die Neuro gezogen haben.
Der Morgen bleibt schwer. Schon auf der Visite fühle ich ein inneres Flattern, das sich kaum noch regulieren lässt. Gegen Mittag kommt eine Patientin von der DSA nach Coiling zurück und praktisch mit der Ankunft bei uns auf der Station wird sie reanimationspflichtig. Und noch während der Rea – Alarm ausgelöst wird, habe ich eine böse Vorahnung, wer hier gleich stehen wird. Der Kardiochirurg, der es gestern – nachdem wir eigentlich verabredet waren – wieder vorgezogen hat bis nach 21 Uhr in der Klinik zu bleiben – hat Dienst. Und das bedeutet, dass er vor wenigen Minuten das Libero – Telefon übernommen hat und diese Menschen rennen zu den hausinternen Notfällen.
Und dann kommt er auch schon ganz lässig ums Eck gefegt, übernimmt das komplette Management und 20 Minuten später ziehen er und die Anästhesistin mit der intubierten Patientin von dannen in Richtung Intensivstation. Der Fall hat wohl Wellen geschlagen – wenig später steht nämlich auch der Chefarzt der Anästhesie im Zimmer. „Wir stabilisieren sie da oben erstmal auf der Intensiv und dann fahren wir ins CT und dann gucken wir mal. Wenn es etwas kardiochirurgisches ist, ist hier Feierabend. Sie ist ja immens vorerkrankt. Und wenn sie intrakraniell geblutet hat, wahrscheinlich auch. Ich denke, allzu eilig haben wir es nicht mit dem CT?“, fragt er und schaut mich an. „Naja – rein theoretisch kann auch der Coil vom Aneurysma ein Stück runter gerutscht sein und im Basilariskopf hängen – also dann hätten wir es schon ein bisschen eilig.“ Er guckt mich mit einem Blick an der aussagt, dass er das jetzt eigentlich nicht hören wollte, sagt aber zu, dass sie auf die Tube drücken.
Allerdings hat sie wenig später in der BGA ein Hb von 3,3 mg/dl und damit hat sich die Idee eines intrakraniellen Problems dann ziemlich erledigt.
Leider hat nur dieser kleine Zwischenfall zu einer massiven Verschlechterung meiner ohnehin instabilen Verfassung geführt. Es ist aber 3 Uhr nachmittags. Langsam wird es zu spät um ein Ohr zu bitten, zumal die Intensivstation demnächst Nachmittagsvisite hat. Ich schreibe eine Mail und frage den Oberarzt, ob er noch fünf Minuten Zeit für ein Telefonat hat. Wenn nicht, wird er das auch nicht lesen. Keine Minute später kommt die Antwort. „Auf jeden Fall. Wo sind Sie denn? Sie können auch kurz rüber kommen.“
Ich entscheide mich, ihn anzurufen.
„Ich habe Zeit heute Nachmittag – Sie können rüber kommen", wiederholt er sein Angebot.
„Naja – wir hatten noch eine Reanimation. Dadurch haben sich die Entlassungsvorbereitungen jetzt echt verzögert; ich habe leider nicht so viel Zeit, weil der Oberarzt die Briefe braucht.“
„Wen habt Ihr reanimiert?“, fragt er.
„Die Dame, die den Coil bekommen sollte. Darüber wurde heute auch in der Frühbesprechung gesprochen.“
„Oh – und warum ist die stehen geblieben?“
„Das wissen wir noch nicht. Die sind erstmal hoch mit ihr auf die Intensiv zum Stabilisieren. Bis ins CT hat sie es noch nicht geschafft. Aber in der BGA, die sie gemacht haben, ist der Hb bei 3,3.“
„Na dann hat es sicher ins Retroperitoneum geblutet. Relevante Hb – Abfälle bei Blutungen im Kopf gibt es nur bei Babys“
„Ja – das denke ich auch."
„Was ist los jetzt?“, fragt er.
„Ich kann diesen Kopf nicht mehr aushalten“, entgegne ich.
„Das dachte ich mir.“
„Es läuft den ganzen Tag mit. Dauerhaft. Keine Minute Ruhe mehr. Und ich finde schon immer noch Punkte – am Wochenende bin ich erstmal auf Konzert, ich hoffe, das lenkt mich etwas ab.“
„Auf welchem Konzert sind sie?“
„Florian Künstler. Mal wieder.“
„Na vielleicht hilft das ein bisschen.“
„Ich hoffe.“
„Der Kardiochirurg war eben hier.“
„Beim Notfall, oder wie?“
„Ja – er hat Dienst.“ Ich bin eine Weile still. „Das ist immer besonders schwer, wenn am Abend davor mal wieder nichts gelaufen ist, wie geplant.“
„Was war los?“
„Naja – wir waren verabredet. Und ehrlich gesagt, ich habe in der Nacht in diesem Dienst zwei Stunden geschlafen und dann nochmal zwei Stunden zu Hause und dann war ich bei Ihrer Frau. Und dann kam er nach 21 Uhr abends nach Hause und war ernsthaft der Meinung, dass ich jetzt noch zu ihm fahren soll. Und dann habe ich gesagt, dass ich das jetzt sicher nicht mache, weil ich viel zu wenig geschlafen habe, er immerhin derjenige ist, der meinte, dass er wieder fünf Überstunden machen muss, ohne sich mal zu mucksen und dass er jetzt dann auch bitte zu mir kommen kann. Und dann meinte er, dass er das auch nicht macht. Das ganze Wochenende sehen wir uns auch nicht, obwohl er dieses Jahr noch nicht ein Mal mit zum Konzert war und natürlich hat er zu seiner Verteidigung wieder einen Dienst ausgepackt. Obwohl man das ehrlich gesagt schon schaffen könnte, weil das Konzert Samstagabend ist und man so zweieinhalb Stunden zurück fährt. Außerdem kann ich nichts für seine beschissene Dienstplanung.“
Und nach einer Pause.
„Und wir kennen den Herrn mittlerweile und wissen, dass wir nichts anders zu erwarten brauchen, aber jedes Mal in diesen Settings erinnre ich mich daran, wieso ich mich in ihn verliebt habe. Und wenn er mich als seine Freundin ein Mal mit so viel Respekt, Enthusiasmus und Sicherheit behandeln würde, wie seine Patienten und sein Team, dann wären wir so viel weiter. Ich kann nicht verstehen, wie aus diesem Menschen, der auf der Arbeit der kompatibelste und verantwortungsbewussteste Mensch auf diesem Planeten ist, der einfach in die Situationen rein geht und dabei die Ruhe weg hat, eine Version werden kann, die sich im Privaten überhaupt nicht für seine Freundin interessiert. („Ich glaube das gibt es häufiger als Sie denken“, wirft der Oberarzt ein, während ich schon weiter rede).
Und ich glaube, das ist das, was ich lernen muss. Ich habe damals die Arbeitsseite von ihm kennen gelernt. Und wenn er ein Mal so aufmerksam mit mir wäre und nicht meinen Geburtstag vergessen würde, jeden Urlaub torpedieren würde, wenn er wahrnehmen würde wie wichtig es mir wäre ihn auf Konzerten dabei zu haben, ohne dass ich es wie eine Schallplatte wiederholen muss, oder ihn halt mal irgendwann mehr oder weniger am Kragen dorthin schleifen muss, wenn er ein Mal verstehen würde wie wichtig es mir wäre abends Arm in Arm einzuschlafen, die Sicherheit zu haben, dass wir beide irgendwann abends mal in einer Wohnung nach Hause kommen, dann wäre so viel gewonnen.
Und vielleicht war das gerade ein sehr schmerzhafter und sehr lehrreicher Augenblick.“
„Er verwechselt ja bisweilen die Arbeit auch mit seinem Wohnzimmer.", füge ich an. "Er wird ja wieder der Meinung sein, wir hätten uns doch jetzt gesehen; das reicht ja. Aber er versteht nicht, dass es einen Unterschied macht, ob man sich bei einer Reanimation trifft, oder aneinander gekuschelt auf dem Sofa sitzt.“ „Da haben Sie Recht – eine Reanimation hat mit Romantik nicht viel zu tun. Aber Frau Mondkind glauben Sie mir – er ist auch nicht der erste Mann, der das so sieht.“
„Und irgendwie ist dieser Verlauf der Beziehung auch so viel Sinnbild für diesen Ort hier. Das Ziel war damals, sich einen eigenen, kleinen sicheren Ort zu schaffen mit Bindungen, die aus sich heraus tragen. Und mit meinem Gehen muss ich einsehen, dass das überhaupt nicht funktioniert hat. Es fühlt sich an, als würde die Seele permanent schreien vor Schmerz; ich kann das gar nicht beschreiben. P.S: Wegen so etwas würde sich der Kardiochirurg halt im Leben nicht hierher bewegen.“
„Naja – aber Sie fangen neu an, Sie bekommen eine neue Chance.“
„Ja – aber wissen Sie, wie lange das dauert, bis überhaupt die Chance besteht, dass die Dinge sich einpendeln? Erstmal verliere ich ganz viel. Und dann irgendwann, dann kann ich auch Dinge gewinnen, ich sehe das schon. Aber die Gegenwart ist das Problem.“
„Vielleicht müssen Sie in kleineren Schritten denken. Nur die nächsten Tage.“
„Erscheinen auch schon zu viel.“
„Ich weiß, wie sinnlos das ist. Wissen Sie, auf der einen Seite denke ich, ich würde gerne noch eine glückliche Version einer Mondkind kennen lernen. Eine Mondkind, die vielleicht endlich mal dauerhaft den Job macht, den sie liebt. Die vielleicht irgendwann mal heiratet. Eine Familie gründet. Die vielleicht irgendwann diesen kleinen Mikrokosmos hat, den sie sich so sehr wünscht. Und ich weiß auch, dass das Quatsch ist, dass ich überhaupt keine Bedeutung im Leben von anderen Menschen habe. Ich würde sicher einigen fehlen, das ist mir schon klar. Und trotzdem tut das gerade so weh, dass ich das nicht mehr aushalten kann und man kann diesen Schmerz auch irgendwie nicht lindern. Da läuft ja vieles auch gerade in die gegenteilige Richtung dessen, was ich eigentlich bräuchte.“
„Wenn das überhaupt nicht geht, dann müssen wir doch psychiatrische Hilfe organisieren.“
„Aber ich glaube nicht, dass ich klassich depressiv bin.“
„Sie sind suizidal – der Rest ist mir eigentlich egal.“
„Ich kann jetzt unmöglich in die Psychiatrie gehen. Wie soll das gehen – ich habe so viel zu regeln die nächsten Wochen mit dem Umzug; das wäre ja noch viel mehr Chaos, wenn ich das alles nicht machen könnte. Was glauben Sie, wie mein Leben dann hinterher aussehen würde. Nächste Woche habe ich auch einen wichtigen Arzttermin; den kann ich auch nicht einfach so nachholen, wenn ich nicht mal mehr hier bin. Auf lange Sicht würde das alles noch viel chaotischer und stressiger machen.“
„Alles wäre besser als zu sterben.“
„Das sieht mein Kopf aber anders. Der sieht da nur noch mehr Chaos.“
„Ich kann Ihnen zuhören und für Sie da sein, wenn Ihnen das hilft. Aber ich weiß nicht, ob wir so hinkommen werden.“
„Zuhören und Dasein hilft auf jeden Fall. Meistens im Moment nur kurz, aber...“
„Immerhin kurz. Dann kommen Sie mal zum Atmen wenigstens. Wir machen das so: Sie gehen jetzt erstmal zum Konzert. Und dann können wir das am Montag schon schaffen, dass wir uns irgendwie sehen, vielleicht können Sie doch eine Mittagspause machen. Ich habe dann auch am Wochenende Dienst; wir finden schon was. Klingt das nach einer Idee?“
„Ja – schon...“
Und dann verabschieden wir uns ins Wochenende.
Mittagspausen an einem Montag sind so eine Sache. Aber ich hoffe wirklich, dass das machbar sein wird für uns beide.
Und ich hoffe, dass wir das irgendwie hinkriegen.
Es war im April schon so, dass Suizidalität jetzt irgendwie anders ist, als früher. Ich verstehe das alles. Ich sehe auch selbst, dass ich sicher nicht sterben will. Und trotzdem sehe ich keinen Weg diesen immensen Dauerschmerz in der Seele noch sehr lange auszuhalten.
Mondkind

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