Letzte Arbeitswoche und Abschied
Irgendwie bleibt keine Zeit.
Wenn das jetzt noch zwei Wochen so weiter geht, starte ich definitiv nicht in irgendeiner Weise erholt in den neuen Job. Aber wahrscheinlich ist das einfach der Preis, den man eben bezahlt, wenn sich das Leben bald permanent zwischen zwei Orten abspielt – oder drei, wenn man die Wohnung vom Kardiochirurgen mitzählt. (Sidenote: Wenn ich jetzt schon eine halbe Stunde brauche, um aus einer Wohnung weg zu kommen, weil ich zehn mal gucken muss, ob alle Fenster zu sind, die Heizung abgedreht ist, der Herd aus ist, das Licht überall gelöscht ist und ob ich auch wirklich mein Zahnbürstenladekabel dabei habe... - wo genau soll das eigentlich enden...?)
Letzter Mittwoch.
Allerletzer Dienst. Von Mittwoch auf Donnerstag. Und da ich die Tage davor schon jeden Tag bis Mitternacht wach war, um mich um die Möbel zu kümmern – denn da muss man die Lieferzeiten beachten und die sollten nicht kommen, nachdem ich angefangen habe zu arbeiten, weil ich dann schlecht zu deren vorgegebenen Lieferzeiten zu Hause sein kann – hoffe ich heute Nacht auf einen ruhigen letzten Dienst. Tja... und wie lange arbeite ich jetzt schon in der Notaufnahme und hätte wissen können, dass das nicht klappt?
Es ist drei Uhr in der Nacht, als ich zum wiederholen Mal die Neurochirurgie anrufe, weil die mir ihren Patienten einen Tag nachdem sie ihn entlassen haben mit Kopfschmerzen und Fieber mehr oder weniger vor die Füße gekippt haben. „Er wurde von Euch vor weniger als einer Woche operiert – jetzt hat der Kopfschmerzen und Fieber; einen Harnwegsinfekt und eine Pneumonie sind schon ausgeschlossen. Das hat zu 99,9 % etwas mit Eurer OP zu tun. Meine Frage ist jetzt – kann ich einen Patienten mit einem großen postoperativen Defekt, Schlaganfall und Hygrom punktieren? Eigentlich ehrlich gesagt nicht – zumindest würde ich mich das als Neurologin nicht einfach so trauen. Aber was macht Ihr mit solchen Fällen – Ihr seht das doch nicht zum ersten Mal? Einfach Antibiose und abwarten, oder doch punktieren und weniger abnehmen?“ „Mondkind – was willst Du von mir? Ich komme sicher nicht nachts um drei wegen des Patienten...“, entgegnet sie störrisch. Naja... - das ist mal eine Ansage und etwas, das ich unbedingt am Morgen nochmal thematisieren muss. Am Ende kippt man bei Verdacht auf Meningitis im Zweifel sowieso erstmal Antibiotika ohne Punktion rein. Am Ende einigen sich mein Oberarzt und ich aber, dass wir ihn doch punktieren und eben so wenig wie möglich Nervenwasser abnehmen. Und das ist dann mal ein Volltreffer. Über 10.000 Zellen habe ich noch nie selbst raus gefischt.
Und auch, wenn das natürlich dramatisch für den Patienten ist, aber irgendwie denke ich mir in dem Moment, dass es auch nach sieben Jahren Neurologie und Notaufnahme immer noch Dinge gibt, die man noch nicht selbst erlebt hat. Natürlich habe ich schon Patienten auf Station mit bakteriellen Meningitiden betreut – aber noch nie selbst eine raus gefischt. Und dann eben im allerletzten Dienst.
Mein Oberarzt löst dann das Kommunikationsproblem der Nacht relativ geschickt dadurch, dass er den Patienten für die Röntgenbesprechung anmeldet und er dann auch auf dem Radar des Neurochirurgie – Chefs auftaucht, der auch ein bisschen verwundert darüber ist, dass der Patient jetzt neurologisch liegt. Ich hätte ihn auch für die Neurochirurgie punktiert – alles kein Problem. Aber mir anhören zu müssen, dass man für den eigenen Patienten nicht kommt und mich anzufahren, was ich denn jetzt überhaupt von der Neurochirurgie wolle, ist dann schon etwas, das ich mir nicht gefallen lassen muss und wo die Vorgesetzten dem Assistenten der Nacht ruhig mal auf die Füße treten können.
Donnerstag.
Ich habe kaum geschlafen, als ich um 14 Uhr schon wieder an der Klinik sein muss. Heute ist die letzte Gelegenheit, sich nochmal mit dem Intensiv – Oberarzt zu treffen. Irgendwie zwischen Tür und Angeln. „Ich habe nur 30 Minuten maximal“, sagt er mir direkt, als ich komme, weil die noch eine Untersuchung bei einem Patienten geplant haben, bei der er dabei sein muss. Ich bin auch so müde, dass mir kaum etwas Sinnvolles einfällt.
Es geht schon alles seinen Gang... - und wie genau sich das anfühlt... ? Ich weiß es nicht.
„Meine Schwester ist gerade mit ihrem Freund im Urlaub. Die sind so in Südösterreich und teilweise in Slowenien. Die waren auch baden in der Soca – meine Schwester hat mich noch nach Tipps gefragt, weil der Freund und ich das ja vor zweieinhalb Jahren auch gemacht haben. Und irgendwie hat mich das echt wehmütig gemacht. Weil ich mir so dachte: Eigentlich hätten wir ja im Oktober unseren Jahresurlaub geplant gehabt. Ich weiß gar nicht, ob er da dann am Ende überhaupt Urlaub genommen hat, aber wir hätten ja auch nochmal zwei Wochen einfach Zeit für uns haben können, die Füße hochlegen können, uns entspannen, Abenteuer erleben können. Das dachte ich mir immer so, wenn ich die Fotos meiner Schwester gesehen habe. Und dann denke ich mir aber: Die Wahrheit ist, das wäre mit allergrößter Sicherheit nicht passiert. Wir hatten auch unsere Chancen dieses Jahr. Wir hätten am Gardasee sein können und ich wollte unbedingt nach Limone. Wir hätten auch alle zusammen in die Niederlanden fahren können im Juni ans Meer. Aber wie wir wissen, war das alles schwierig und ich glaube, ich muss mich immer wieder zurück in die Realität ziehen. Ich gehe ja nicht von hier weg, weil das alles so toll gelaufen ist, sondern weil es eben nicht gelaufen ist. Und trotzdem ist das nicht der Verlauf, den ich mir gewünscht habe. Also irgendwie kann man etwas wollen – denn ich habe mich ja schon entschieden zu gehen – und sich gleichzeitig wünschen, man hätte diese Entscheidung einfach nicht treffen müssen.“
Er versucht nochmal ein bisschen mich zu bekräftigen, dass es auf jeden Fall ein guter Versuch ist. Auch, wenn ich hier sicher fehlen werde. Und er sagt, dass es okay ist, dass ich mir etwas anderes gewünscht hätte und Alternativen gefunden habe in Anbetracht der Tatsache, dass es eben nicht mehr weiter ignorierbar war.
Und dann klingelt sein Telefon und er muss schon wieder schnell weiter. Und vielleicht ist das auch gut so, weil es mir irgendwie erspart, meine Emotionen am Ende zusammen reißen zu müssen. Er ist ein Mensch, den ich gerne noch ein bisschen an meiner Seite behalten würde, aber was dieser Ortswechsel mit dieser Verbindung macht, wissen wir auch nicht.
„Sie melden Sich“, sagt er.
„Ja – ich schreib Ihnen dann mal, wie die Lage so ist.“
„Ich habe jetzt erstmal Urlaub.“
„Ja – nach dem Urlaub dann...“
„Wenn es wirklich dringend ist, schreiben Sie einfach ein whatsApp.“
„Danke.“
Und ich glaube, allein dieses Angebot zu haben, wird vieles leichter machen.
Donnerstagabend.
Ich muss eigentlich noch Kuchen backen für die Station. Aber ich bin einfach so müde, dass ich beschließe, dass Backmischungen es sicher auch tun. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, jetzt noch lange in der Küche zu stehen.
Der Kardiochirurg ruft an. „Mondkind – Du wolltest doch noch einen Kuchen für die Station backen. Ich habe alles organisiert, was wir für den Rotweinkuchen brauchen. Ich kann Dich auch abholen zu Hause – dann musst Du nur ein paar Sachen zusammen schmeißen.“
Keine Ahnung, was in ihn gefahren ist ehrlich gesagt, aber das habe ich ja so sehr selten – (oder noch nie?) erlebt.
Ich beschließe doch mit meinem eigenen Auto zu kommen, weil ich damit auch morgen früh auf die Arbeit fahren muss – ich kann unmöglich alles den Berg hoch tragen.
Am Ende sitze ich auf dem Sofa, schlafe fast ein und er backt Kuchen und macht Abendessen. Und weil wir den Kuchen noch einglasieren müssen mit Schokolade und es langsam spät wird, bietet er an, dass er morgen früh mit mir aufsteht, obwohl er eigentlich länger schlafen könnte und das macht, während ich im Bad bin.
Freitag.
Letzter Arbeitstag.
Und ehrlich gesagt bin ich so gestresst von all diesen Veränderungen und dem Orga – Kram, dass emotional ziemlich wenig bei mir ankommt. Ich dachte, es fühlt sich schwerer an, nach sieben Jahren die Neurologie los zu lassen, die ja auch ein Stück zu Hause geworden ist. Allerdings gehe ich fest davon aus, dass das noch kommt, wenn das Leben wieder ruhiger wird.
Für die Frühbesprechung habe ich eine Kaffeerunde und Kuchen organisiert – dadurch, dass der Chef allerdings heute nicht da ist, geht das alles etwas unter. Mein Oberarzt von der Stroke Unit spricht ein paar Worte und sagt, dass ich mehr als die Hälfte meiner Zeit in der Neuro bei ihm gearbeitet habe. Erst in der ZNA, als er dort noch Oberarzt war und später auf der SU. Er meinte, ich habe sicher die für mich richtige Entscheidung getroffen und es passe zu mir, eine zweite Facharztweiterbildung zu machen – auch, wenn man natürlich traurig ist, eine Kollegin in der Neurologie zu verlieren.
Ich hatte mir auch noch ein paar Worte zurecht gelegt, aber dann kommt so viel Freude und Unruhe über den Kuchen in der Frühbesprechung auf, dass ich dazu gar nicht mehr komme.
Es ist schon verrückt, was in diesen sieben Jahren passiert ist. Und auch, wenn Krankenhaus kein einfaches Pflaster ist, wenn die Zeit insbesondere zu Beginn viel von Überforderungserleben geprägt war – aber ich habe mich fachlich und menschlich immens weiter entwickelt in diesen sieben Jahren und ich bin einfach dankbar für alle, die auf einer fachlichen und menschlichen Ebene für mich da waren. Und ich glaube, das Eine geht auch nicht ohne das Andere.
Und wie das so ist bei Abschieden, gibt es auch noch Präsente für diejenigen, die gehen und so auch für mich. Und mehr als der materielle Wert bewegt mich, dass die Menschen um mich herum sich Gedanken gemacht haben und zugehört haben. Ich habe ein kleines Startguthaben für die Wohnungseinrichtung bekommen von dem Möbelhaus, in dem ich sowieso noch einkaufen wollte. Ich hatte irgendwann mal erzählt, dass ich wegen Feiertag nicht hinkonnte und daran haben die sich wahrscheinlich erinnert. Und irgendwie wird es ja auch so sein, dass ich genau weiß, was ich von diesem Geld gekauft habe und so ein kleiner Schatten der Neuro dann doch noch mitzieht. Mein altes Leben ist irgendwie mit dabei und das ist ein schöner Gedanke. Die Pflege hat mir auch eine kleine Anfinanzierung für meine nächste Konzertkarte geschenkt und auch darüber habe ich mich so gefreut, weil das halt auch etwas ist, das ich benutzen werde. Und beim nächsten Konzert kann ich dann auch nochmal an die Neuro denken. Dazu noch ein bisschen Deko, die natürlich auch in die neue Wohnung einziehen wird.
Und irgendwie war es auch so ein Gefühl von ganz viel Wärme, mit dem ich da gegangen bin. So ein Eindruck von „die haben mich wirklich gesehen.“
Samstag.
Der Kardiochirurg hatte Dienst von Freitag auf Samstag. Ich war morgens schon beim Friseur und gegen Mittag haben wir uns zum Frühstück getroffen. Ich wollte ihn danach eigentlich erstmal schlafen lassen, aber er war motiviert, etwas für die Wohnung zu tun. Also haben wir beschlossen, dass wir uns im Möbelhaus umschauen fahren und schon mal etwas „Kleinkram“ für die Wohnung einkaufen.
Damit waren wir dann auch bis abends gut beschäftigt und insbesondere einige Küchenutentilien stehen jetzt schon in meinem Flur, bereit mitgenommen zu werden. Auch Bettwäsche habe ich schon mitgenommen und ich freue mich darauf, damit das neue Bett beziehen zu können.
Sonntag
Heute ist Tetris – Spielen mit Möbeln angesagt. Denn langsam müssen die restlichen Möbel nicht nur angeschaut, sondern auch bestellt werden.
Also malt der Kardiochirurg eine maßstabsgetreue Zeichnung meiner Wohnung auf ein Papier und schneidet meine gewünschten Möbel aus. Es ist gar nicht einfach. Ein großer Tisch als Ess- und Arbeitstisch ist dahingehend ein bisschen blöd, dass man wahrscheinlich ständig die Arbeit vor der Nase hat und als wir ihn ausschneiden stellen wir fest, dass er auch wirklich nicht gut in den Raum passt. Am Ende wird es ein sehr kleiner Esstisch – da sitzen ja maximal zwei Personen - und ein kleiner Schreibtisch, getrennt durch ein Regal; damit Lern- Ess-, und Chillecke mit dem Sofa voneinander getrennt sind.
Das Bad ist noch ein größeres Problem. Ich brauche noch einen Unterschrank und einen Spiegelschrank. Dieser Plastikschrank, der da aktuell hängt ist so vergilbt, dass man den wirklich nicht mehr benutzen möchte.
Und irgendwie denke ich mir – wenn die Wohnung am Ende wirklich halbwegs hübsch ist – vielleicht will ich dann gar nicht mehr umziehen und lagere mein Hab und Gut von hier tatsächlich irgendwo in einem Container, wenn ich die Wohnung auflöse. Für die alte Wohnung habe ich mir nie so viel Mühe gegeben.
Montag
Irgendwie bin ich in der Nacht gar nicht zur Ruhe gekommen und dann in den frühen Morgenstunden erst eingeschlafen.
Und dann habe ich irgendwie vom verstorbenen Freund geträumt. Seitdem er tot ist, habe ich zwei Mal wirklich real von ihm geträumt und heute war ein Mal davon. Irgendwie wären wir essen gewesen; eigentlich zu Viert und ich bin mir nicht mehr sicher, wer noch alles dabei war. Wir saßen uns schräg gegenüber und irgendwie hatte ich das Gefühl „Du müsstest doch tot sein.“ Keine Ahnung, irgendwie war es klar, dass er eigentlich gar nicht leben kann oder zumindest sterben würde. Nach dem Essen haben wir uns dann an der Garderobe des Restaurantes nochmal richtig fest in den Arm genommen. Es war so friedlich und so warum und für einen Moment habe ich wirklich seine Arme auf meinem Rücken gefühlt. Als ich das erste Mal von ihm geträumt habe, war ich echt sauer, aber in diesem Traum war es wirklich eine richtig warme Umarmung. Und irgendwie wussten wir aber auch, dass es die Letzte ist.
Keine Ahnung – vielleicht bewegt von hier weg zu gehen auch dieses Thema nochmal. Denn der Plan war damals, dass wir hier glücklich und alt werden. Und irgendwie bin ich auch nachdem er gestorben ist all die Jahre hier geblieben. Am Anfang hatte ich oft ein Gefühl von „vielleicht findet er mich nicht mehr, wenn ich umziehe.“ In den Jahren danach war es dann eher Bequemlichkeit und irgendwie hatte ich mich ja auch hier eingelebt. Und trotzdem – nichts macht deutlicher, als ein neuerlicher Umzug, dass der wesentliche Plan von vor sieben Jahren nicht geklappt hat. Wir haben uns hier nicht unser kleines Leben aufgebaut. Wir sind nicht glücklich geworden. Und er sieht nicht mehr, wie die Jahreszeiten sich über die Stadt drehen. Und das wird niemals aufhören weh zu tun. Und ja – ich weiß: Kein Mensch weiß, ob wir heute überhaupt noch unser Leben teilen würden. Und dennoch habe ich keinen Menschen kennen gelernt – davor und danach nicht – zu dem ich mich verbundener gefühlt habe.
Am frühen Vormittag hat der Kardiochirurg schon mindestens zehn Nachrichten von der Arbeit aus geschrieben und ein Mal angerufen, um seine Ideen mitzuteilen.
Ich setze mich währenddessen mit dem Internetanbieter auseinander und teile ihm mal mit, dass ich zwar einen DSL – Vertrag plane abzuschließen, aber noch keine TAE – Dose gefunden habe. Die verfügbare internetgeschwindigkeit am Standort ist die niedrigste, die man buchen kann; das wird noch spannend und es braucht mindestens zwei Techniker – Termine; davon sicher einen, wenn ich schon arbeite. Wie das gehen soll, weiß ich noch nicht. Am Ende muss es doch ein 5G/LTE – Router tun; der kann auch nicht sehr viel langsamer sein. Ich kann schlecht in der zweiten Arbeitswoche sagen, dass ich schon ab 12 Uhr mittags nicht mehr da bin wegen eines Termins und ich sehe auch nicht ein, dafür Urlaub zu nehmen. Irgendwann muss ich mich auch einfach mal entspannen – das wird nämlich in den zwei Wochen nicht passieren und die Hoffnung auf eine Woche Berge im Dezember wird sterben – aber erst in einer paar Wochen und sicher nicht an einem Technikertermin. Danach rufen die Lieferanten des Sofas an und wollen das direkt schon morgen liefern. Die vertröste ich dann auf Freitag – Ende der Woche hatte ich ohnehin geplant mal hoch zu fahren. Danach bestelle ich meine Stühle – die haben nämlich zwei bis drei Tage Lieferzeit und sollten dann auch Donnerstag oder Freitag kommen. Und danach schreibe ich noch der Firma vom Bett – die haben sich bisher nämlich noch gar nicht gemeldet, obwohl das nur drei bis sieben Tage dauern sollte.
Und dann bin ich für den Rest des Tages unterwegs und schaue nochmal nach Badmöbeln – so richtig überzeugt bin ich von keiner Version. Im Buget muss das auch irgendwie bleiben – als ich mir überlegt hatte, jede Woche hin und her zu fahren, waren die Benzinpreise noch nicht auf einem Rekordhoch.
Abends um kurz vor acht Uhr komme ich ziemlich entnervt beim Kardiochirurgen wieder an. Es gibt noch so viel zu tun – ich weiß überhaupt nicht, wie das in zwei Wochen machbar sein soll. Meine Wohnung hätte nach dieser Mottenaktion auch mal wieder einen Grundputz verdient (Motten gibt es zum Glück keine mehr, aber ich habe es seitdem nicht geschafft die Schränke einzusortieren und dementsprechend sieht die Küche weiterhin aus, als hätten die Kobolde gewütet), ich muss noch meine Neuro – Sachen zurück geben und „mal eben schnell“ ist das auch nicht gemacht; da muss man eine Checkliste abarbeiten. Dann ständig in die neue Wohnung, nächste Woche noch ein Termin bei der Therapeutin, übernächste Woche noch Reifenwechsel und ein bisschen Klamotten shoppen muss ich auch noch, denn der Kleiderschrank gibt da nach sieben Jahren Dienstkleidung (okay mit einem Jahr Unterbrechung) gar nicht mal so viel her.
***
Ansonsten blitzen zwischen all dem, das punktuell zu erledigen ist, immer mal ein paar Emotionen durch.
Genau dann, wenn ich „meine“ Abfahrt an der Autobahn herunter fahre und in der Ferne die Berghügel sehe und weiß, ich bin gleich daheim.
Wenn ich an den verstorbenen Freund denke und darüber nachdenke, dass wir die Uhren wieder auf Null stellen. Ein Mal von vorne.
Und irgendwie auch, wenn ich an den Kardiochirurgen denke. Ich weiß nicht, warum er es jetzt schafft. Warum ich jetzt spüre, dass er mit seiner Aufmerksamkeit bei mir ist, dass er sich ja doch melden kann, dass er doch helfen und zuhören kann, dass er es doch akzeptieren kann, wenn ich mich abends an ihn dran schmiege. Er zeigt so viel Engagement, wie seit unserem Kennelernen zusammen genommen nicht; wie ein komplett anderer Mensch. Bisweilen habe ich schon ein schlechtes Gewissen, dass er sich so rein hängt. Er ist auch gar nicht mehr grummelig mir gegenüber; es kommen keine unangebrachten Kommentare mehr und ich kann mich ein kleines bisschen neben ihm entspannen. Und irgendwie entsteht da ein bisschen Sorge, dass mir ganz am Ende der Geduldsfaden doch zu früh gerissen ist. Denn wäre die Beziehung zwischen uns stabil gewesen, hätte ich durchaus den Chefs der Psychosomatik mehr auf die Füße treten oder länger warten können. Ich habe immer gesagt, ich würde den Job hinter der Beziehung zurück stellen, wenn ich dazwischen wählen müsste – es schien eben nur viele Monate lang nicht mehr so zu sein, als ob es da etwas zu wählen gäbe. Zeitgleich denke ich mir: Und wenn die Oberärztin der Psychosomatik Recht gehabt hat und es nur über diese Schiene möglich sein wird, wieder ein Bewusstsein für den Wert des anderen zu erzeugen genau dann, wenn Nähe nichts mehr ist, das man jederzeit haben könnte, dann hat es sich schon gelohnt. Auch, wenn das bedeuten würde, viel Zeit, Geld und Nerven investiert zu haben in etwas, das man vielleicht auch über ehrliche Gespräche hätte lösen können. Aber vielleicht wäre das ja gerade der Punkt und vielleicht hätte nur ich den Eindruck, dass Gespräche das hätten lösen können, weil die Vorstellungskraft am Ende eben vielleicht doch nicht gereicht hat und man es erst in der Realität spüren musste. Ich habe ja schon aufgepasst, dass ich so einige Möbel behalten kann. Das neue Sofa könnte ins Arbeitszimmer und dort als Schlafgelegenheit für Besuch dienen; die neuen Stühle könnte ich getrost gegen die alten Bürostühle vom Vormieter austauschen. Meinen Esstisch, der viel zu groß ist, könnte ich verkaufen und den neuen, kleineren dorthin stellen; das würde auch in meinen Raum viel besser passen. Und den Schreibtisch vom Vormieter könnte ich nach sieben Jahren auch mal raus schmeißen. Sogar den Badunterschrank könnte ich theoretisch in meine Wohnung stellen – ich habe nämlich Keinen. Es wäre nicht so, dass finanziell alles für umsonst gewesen wäre und die Erfahrung – auch mit der neuen Stelle – hätte ich auf jeden Fall.
„Ich meine... - seid Ihr noch...?“, hat seine Schwester mich auf dem Flur kürzlich angehalten. Dass sie jetzt bei uns Stationsleitung ist, hätte mir das Leben definitiv eher schwerer als leichter gemacht.
Ich seufze
„Ich verstehe schon...“, sagt sie.
„Naja... - wenn ich jetzt erstmal durchs halbe Land ziehe, wie Du mitbekommen hast...“
„... kann es nicht so super laufen...“, beendet sie den Satz.
„Ich hoffe, dass wir über die Distanz wieder ein bisschen Nähe schaffen. Ich hänge schon arg an Deinem Bruder. Aber ich weiß es nicht...“
„Ihr werdet das schon machen...“
„Ich hoffe es.“
Ich bin gespannt, wie die nächsten Tage, Wochen und Monate werden. Manchmal bin ich vorsichtig optimistisch. Freue mich auf meine neue Wohnung, die wirklich die Einrichtung bekommt, die ich mir ausgesucht habe und die mir gefällt. Ich freue mich auf den neuen Job. Und auf die Wochenenden, wenn wir uns vielleicht nach fünf Tagen ohne Streit jeden Abend wieder im Flur in die Arme schließen können und wieder etwas wie Wärme in dieser Beziehung fühlen könnten.
Und manchmal ist mir auch klar, dass die Zukunft eine immense Projektionsfläche ist. Es kann gut werden. Aber es gibt keine Garantie dafür. Es kann auch alles völligst nach hinten los gehen. Und natürlich habe ich nicht ohne Grund meine alte Wohnung weiterhin als Backup. Weil da eben auch immer wieder die Frage anklopft: Was ist, wenn das nicht klappt? Wenn mir der Job nicht gefällt? Wenn der Kardiochirurg und ich eines abends im Winter zusammen sitzen und er mir sagt, dass wir entweder mehr räumliche Nähe brauchen oder die Beziehung das nicht überlebt. Wenn ich vielleicht einfach Heimweh habe, nach so vielen Umzügen durch so viele Bundesländer. Was dann?
Und wenn ich wählen dürfte, dann würde ich immer Oktoberurlaub und Gardasee auswählen. Immer. In jedem Leben. Wenn es das als Option gäbe.
Mondkind

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