Wenn die Welten wieder fallen
„Wir müssen etwas ökonomischer arbeiten“, sagt der Chef, nachdem er an mein Büro geklopft und schon in dem Moment die Tür geöffnet hat. Das fällt ihm aber früh ein.
„Ich denke auch, ja“, entegene ich. Am Abend davor hat er mich noch ermahnt die Medikamentenlisten in den Verlängerungsanträgen zu formatieren und am Mittag hatte er auch noch drei Sonderaufgaben für mich, aber danach hat er wahrscheinlich gesehen, um welche Uhrzeit ich gestern meine Kurvenvisiten geschrieben habe. Ich hätte den Zeitstempel ändern können – habe ich aber nicht.
„Wir müssen doch nicht alles doppelt machen – ich würde vorschlagen Sie bereiten die Kurvenvisite vor und ich mache die Chefarztvisite. Sie dürfen sich da auch ruhig auf mich verlassen. Sie sollen heute nicht so lange hier sitzen“, sagt er.
„Okay, Danke“, entgegne ich. „Das kommt mir gelegen, weil ich heute noch in den Süden fahren muss.“
„Und ich muss heute noch in den Norden“, sagt er.
Irgendwie ist das ein sehr merkwürdiger Moment von Verbundenheit in diesem Büro. Ein bisschen Menschlichkeit und Nähe von einem Menschen, den ich bisher fast ausschließlich fordernd erlebt habe. Und ich frage mich, ob das viele in der Klinik so machen. Unter der Woche hier und am Wochenende irgendwo in der Heimat. Unser aller Wege kreuzen sich nur unter der Woche aufgrund der Arbeit.
Später schickt er mir ein Dokument mit der Visitenvorbereitung. „Gute Reise“, schreibt er dazu. Und dann rutscht mir doch ein Lächeln über die Lippen
***
Ich hatte die ganze Woche eigentlich all mein Tun darauf ausgerichtet, am Freitag irgendwie zu einer halbwegs christlichen Zeit von der Arbeit zu kommen, damit es nicht zu spät wird, bis ich dann endlich zu Hause und beim Freund bin. Sei das, dass ich versucht habe für heute möglichst schon viel vorzuarbeiten, schon geputzt, oder schon eingekauft zu haben.
Als ich im Regen nach Hause laufe, hole ich mein Handy raus und finde eine ganze Reihe von Nachrichten. Meine Mum, die eigentlich möchte, dass ich am Wochenende zu ihr komme und mich um sie kümmere und die ich vertröstet hatte, vielleicht nächstes Wochenende; da muss der Kardiochirurg sowieso arbeiten – vielleicht kann ich es bis dahin strecken. Und vom Freund, der dann erstmal vermeldet, dass er sich für morgen früh erstmal eine OP eingeplant hat.
Und das ist der Moment, in dem die Welten wieder fallen.
Es sollte vorerst unser letztes freies Wochenende werden. „Denk Dir mal was aus, was wir machen können“, hatte er gesagt. Und irgendwo zwischen Gesprächen, Einkaufen, nach Hause eilen und duschen hatte ich mir überlegt, wir könnten vielleicht doch nochmal in die Therme, weil es kalt werden soll und weil ich nach diesen Wochen wirklich ein bisschen Entspannung brauche. Oder erst ins Schwimmbad, um auch ein bisschen Sport zu machen und am Abend vielleicht ins Kino, wenn wir einen Film finden. Irgendwie so etwas. Und ich meine, wir hatten sehr oft und sehr lange Diskussionen darüber, dass es nicht in Ordnung ist, fest eingeplant Paarzeit ohne Rücksprache einfach mit etwas anderem zu verplanen.
„Die Freunde haben schon nachgefragt,
ich hab für heute abgesagt
Ich frage mich, ob uns das mal entzweit“,
kommt mir ein Song von Revolverheld in den Sinn. „Liebe auf Distanz“. Das war nie „unser“ Song, aber er trifft es doch immer wieder so gut. Und ich kann mich erinnern, dass ich Mitte der Woche eine Verabredung für Samstagfrüh abgesagt hatte. „Vielleicht nächstes Wochenende“, hatte ich dazu gesagt, denn da würde der Kardiochirurg arbeiten und da habe ich mehr Zeit. Meistens liefere ich keine Begründung mit, ich sage einfach nur ab, weil ich nicht möchte, dass der Eindruck entsteht, ich würde den Freund immer vorziehen.
Langsam wird mir auch klar, dass ich mir das alles zu einfach vorgestellt habe. Am Wochenende auch noch Freunde zu sehen, ist wirklich eine Herausforderung.
Und gerade fällt auch ein bisschen mehr, als dieses eine Wochenende.
Irgendwie hat es in der letzten Zeit ja doch mal einigermaßen gut zwischen uns funktioniert. Über einen Monat am Stück eigentlich. Das ist etwas, das es sehr lange nicht mehr gegeben hat.
Und jedes Mal entsteht die Hoffnung, dass es vielleicht dieses Mal okay wird. Und ich weiß, dass das wahrscheinlich nicht realistisch ist. Und jedes Mal warnt da so ein leises Stimmchen in mir: „Mondkind, das wird hart.“
Weil immer irgendwann der Moment kommt, an dem er wieder unabgesprochen etwas anderes macht. An dem wieder Wochenenden, die irgendwie sicher geglaubt waren, verloren gehen. Und an dem mir auch wieder klar wird, dass ich da so viel Anziehung für einen Menschen empfinden, der nie in der Lage sein wird, sich verbindlich an Abmachungen zu halten.
Es sind die Abende in denen mir klar wird, dass das hier ein Fass ohne Boden ist. Und, dass das nicht aufhören wird, bis ich die Reißleine ziehe. Und manchmal bin ich so verdammt wütend auf mich selbst, dass ich da einfach keinen Schlussstrich hinkriege. Nicht mal 200 Kilometer durch Deutschland zu ziehen hat da ein endgültiges Ende gebracht, obwohl es am Anfang so klar schien.
Es ist einigermaßen anstrengend sich zwischen einer nicht funktionierenden Beziehung, einem Job in dem man noch neu ist und zwischen Kollegen, die man noch nicht kennt, zu bewegen. Gerade ist Urlaubsplanung und man lernt langsam, wer auch die Ellenbogen auspacken kann. Und eigentlich wäre es schön, sich einfach mal irgendwo ein bisschen ausruhen zu können, aber das geht im Gesamten schon lange nicht mehr.
Und obwohl ich den Ort hier noch nicht besonders mag, obwohl ich noch nicht sehr überzeugt von dem Job bin und mich diese Woche auch sehr ungesehen gefühlt habe, bis der Chef heute Nachmittag vorbei kam, denke ich manchmal es wird so ziemlich meine einzige Chance sein, hier nicht innerlich zu rebellieren, sondern zu sagen „Hey, ich hab mir das alles anders vorgestellt, aber es ist jetzt nun mal so, dass wir an einem neuen Ort mit einer neuen Facharztausbildung anfangen und vielleicht auch mit einem neuen Leben. Und klar war das nicht der Plan mit Anfang bis Mitte 30, aber besser spät als nie, oder?“
Und ich weiß, dass das heute Abend auch nicht toll wird, wenn ich komme. Der Kardiochirurg kann nicht verstehen, warum ich wütend, traurig und enttäuscht bin und ich kann nicht verstehen, warum man dann nicht wenigstens anruft, wenn man das Wochenende durchkreuzen möchte. Das macht einen riesen Unterschied, ob es abgesprochen ist, oder ob man da vor vollendete Tatsachen gestellt wird.
Ich denke nochmal an den Chef. Er ist bestimmt schon fast da und ich bin entgegen der Erwartung nicht mal los gefahren. Und manchmal frage ich mich, wie andere Menschen so ihr Leben leben. Ob es da irgendwen gibt, der auf ihn wartet, mit dem man dann vielleicht noch ein Wein auf dem Sofa trinkt und dann froh ist, den anderen fürs Wochenende wieder zu haben? Oder ob das eher so generelle Wunschvorstellungen sind, die vielleicht die wenigsten Menschen so erleben.
Ich düse dann auch mal los. In ein sehr viel chaotischeres Wochenende, als es geplant war und als ich es gebraucht hätte. Aber erst muss ich nochmal an die Klinik. Mir war schon beim Gehen aufgefallen, dass ich mein Pharmaziebuch vergessen habe. Ich dachte, ich brauche es bestimmt nicht, aber wahrscheinlich brauche ich es doch.
Mondkind
Bildquelle: Pixabay

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