Die Tage vor dem Urlaub

Mittwoch
Heute ist der letzte Tag, an dem meine Psychosomatik – Oberärztin und ich an derselben Klinik arbeiten. Sie hat am 10. Dezember ihren letzten Arbeitstag, aber ich werde nächste Woche in der Studienstadt sein. Wir hatten uns noch treffen wollen vorher, aber irgendwie war so viel los, dass wir es einfach nicht mehr geschafft haben. 
Ich habe ihr die Tage noch eine Mail geschrieben und mich bedankt. Für ihre Zeit, ihr Ohr, dass die Geschichte um den verstorbenen Freund bei ihr nochmal Platz haben durfte und ich habe auch gesagt, dass ich unsere gemeinsamen Nachmittage wenn sie Dienst hatte, hier wirklich genossen habe. Spazieren gehen, quatschen und anschließend Kaffee trinken – schöner wird es für eine Mondkind nicht mehr. 
Sie schreibt zurück. Schreibt, dass sie unsere Nachmittage auch sehr genossen hat. Und irgendwie berührt mich das. Ich habe manchmal den Eindruck gehabt, dass ich sie sicher nur nerve, aber vielleicht war das ja gar nicht so. Und dann sagt sie, dass sie sich freuen würde, wenn wir noch ein bisschen in Kontakt bleiben und wenn ich mag, dann könnte sie mir nächstes Jahr mal ihre Praxis zeigen. Ehrlich gesagt habe ich mir schon länger gedacht, dass ich die mal gern sehen würde, nachdem sie so viel darüber erzählt hat, aber ich habe mich bisher nicht getraut zu fragen. Die Einladung werde ich aber bestimmt doch gerne annehmen. Es sieht bestimmt hübsch dort aus – die Frau hat schon Stil. 
„Sie können sich jederzeit gerne bei mir melden. Meine Nummer haben Sie ja“, hat sie am Ende geschrieben. 
Es hätte nicht schöner sein können. 

Donnerstagfrüh. 
Mein Telefon klingelt nach einem Dienst, in dem ich 24 Stunden durchgehend unterwegs war. 15 Patienten habe ich auf die Stationen verteilt, einen Patienten haben wir thrombektomiert – dem ging es schon nach der Intervention nicht besonders gut.
„Mondkind, kommst Du bitte auf die Intensiv. Dein Patient stirbt gerade.“
Ich renne hoch. 
Der Oberarzt sitzt schon in der Zentrale und scrollt die Bilder vom Kopf durch. Es hat über Nacht massiv nachgeblutet, weil bei der Intervention leider ein Gefäß im Gehirn kaputt gegangen ist. Das kann passieren, darüber muss man aufklären. Und doch hofft man jedes einzelne Mal, dass es nicht passiert. „Der klemmt schon beginnend ein Mondkind – das wird nichts mehr. Noch dazu mit den frischen Stents im Herzen und der ACI – wir können auch die Blutverdünnung nicht absetzen, das würde ihn auch umbringen.“

Ich weiß nicht, was in letzter Zeit los ist. In jedem zweiten Dienst stirbt jemand bei mir. Da zweifelt man schon an sich. 
„Mondkind – es war die richtige Entscheidung. Der hätte einen riesigen Mediainfarkt bekommen, wenn wir nichts gemacht hätten. Wir sind Ärzte. Wir können nicht einfach zugucken. Wir müssen etwas machen, wenn es indiziert ist und das war indiziert. Und leider geht das eben manchmal schief“, erklärt mein Oberarzt. 
„Ruf mal die Frau an. Sag ihr es ist sehr ernst und bestell sie zum Gespräch. Ich rede mit ihr. Du gehst heim jetzt.“
Ich bin ihm dankbar, dass er den Hauptteil der Kommunikation übernimmt. Nach 24 Stunden in dieser Klinik ohne eine Minute Pause hätte ich das jetzt nicht mehr geschafft. 


Freitag
Telefon. Wieder der Oberarzt.
„Mondkind, was machst Du nächstes Jahr während der DGN?“
„Ich weiß nicht…“
„Hast Du da Zeit?“
„Naja, ich habe mir noch keine Gedanken über den Urlaubsplan gemacht, aber im Regelfall habe ich im November keinen Urlaub.“
„Wir haben vor nächstes Jahr eine Posteropräsentation zu machen und ich suche ein paar Leute, die mitmachen. Bist Du dabei?“
Ich denke kurz nach. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde, denn obwohl die Arbeit mir ziemlich auf den Keks geht aktuell, fühle ich mich trotzdem irgendwie unterfordert. Ich bin Fachärztin jetzt und verteile den halben Tag Aufklärungen und schreibe Briefe und den anderen halben Tag stehe ich wie so ein Depp neben meinen Oberärzten, die mich jetzt netterweise als „Stationsärztin“ vorstellt und nicht als Assistenzärztin – das ändert aber trotzdem nichts daran, dass meine einzige Aufgabe auf Station ist Anamnese und Untersuchungsbefunde mitzuschreiben, zu dokumentieren und Untersuchungen anzumelden. Da würde eine kleine Forschungsaufgabe doch eine richtig gute Abwechslung sein. Aber bin ich da überhaupt noch da? Was ist, wenn ich bis dahin in der Psychosomatik arbeite? Aber eigentlich wäre das ja auch nicht schlimm – ich kann mich ja trotzdem mit den anderen treffen und in meiner Freizeit daran arbeiten. Davon habe ich ja jetzt wieder welche – ich muss ja nicht mehr lernen. Außerdem hätte ich noch einen Draht in die Neuro und das ist mir ja wichtig. 
„Mondkind…?“
„Ja – ich bin dabei“, entgegne ich. 
„Okay ich trag Dich ein. Du bist online.“

Freitagabend
Urlaub. Endlich. Ich habe nach den Ereignissen der letzten Wochen so darauf hingefiebert. Zumindest ein Stressfaktor weniger. 
Mal schauen, was so wird. Samstag werde ich erstmal mit dem Intensiv – Oberarzt reden. Wir haben uns auch schon seit zwei Monaten nicht mehr gesehen. (Kürzlich haben wir nochmal festgestellt, dass er exakt so alt ist wie mein Vater – das unterstreicht den Sinn meiner Treffen halt schon… ein bisschen „Familienersatz“ und ein Mensch, von dem ich sehr sicher bin, dass er für mich denkt. Er würde es auch unterstützen, wenn ich so ganz gehe, obwohl er sagt, dass er mich als Mitarbeiterhin gern behalten würde. Aber es müsse mir gut gehen; das sei das Wichtigste). Dann wollte ich am Wochenende mal ein paar Plätzchen backen – nach Möglichkeit mit dem Kardiochirurgen. Und am Montag geht dann alleine los in Richtung der Studienstadt. Den Kardiochirurgen konnte ich leider nicht überzeugen mitzukommen, obwohl ich mir so sehr wünschen würde, dass er die Stadt endlich mal kennen lernt. Aber auf den Montag freue ich mich richtig. Da sehe ich dann mittags Frau Therapeutin und abends den liebsten Kumpel, der seine neue Freundin mitbringt. Wir wollen Burger essen gehen. Dienstag werde ich dann abends eine andere Freundin besuchen, eine Dritte hat sich noch nicht gemeldet. Sie hat gerade eine schwierige Lebenssituation, deshalb werde ich sie da auch nicht stressen. Wenn sie meint, dass das vielleicht gut ist sich zu treffen und sich abzulenken können wir das machen, ansonsten ist es aber auch völlig okay, wenn wir uns ein anderes Mal sehen. Und dann werde ich auch noch bei meiner Mum vorbei fahren, die ich dieses Mal im Krankenhaus besuchen muss. Am Mittwoch werde ich zurück fahren. Eigentlich wäre ich gern auch noch beim anderen Elternteil vorbei gefahren, aber das geht im Moment leider mal wieder nicht. 
Donnerstag ist dann Stationsweihnachtsfeier, Freitag ist Abteilungsweihnachtsfeier – ich bin also erstmal gut beschäftigt. 

Mondkind

Bildquelle: Pixabay

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