Reisetagebuch #2 und #3

So viel zum Thema Bloggen... 
Eigentlich dachte ich, ich würde an den Abenden etwas Zeit zum Schreiben haben – aber das hat leider nicht geklappt. Deshalb gibt es jetzt doch ein wenig die Kurzversion der letzten Tage.

Dienstag
Eigentlich hatte ich ein bisschen ausschlafen wollen. Nachdem ich allerdings mit dem besten Kumpel am Vorabend besprochen hatte, dass ich heute eine Freundin besuchen möchte, die in einer Stadt etwa 60 Kilometer entfernt wohnt und er meinte, dass ich zwei Stunden Fahrtzeit einplanen sollte, war es dann mit dem Ausschlafen doch nicht weit her. 
Nach dem Frühstück bin ich erstmal in die Stadt gefahren. Mission des heutigen Morgens war der Kauf einer neuen Übergangsjacke. Ich glaube nicht, dass ich die Alte weg schmeißen werde und ich habe sie getragen, bis sie mittlerweile völlig auseinander fällt. Löcher überall und zuletzt hat der Reißverschluss aufgegeben. Aber der verstorbene Freund kannte die auch noch. Und deshalb muss sie bleiben. 
Da es in der Studienstadt allerdings in der Innenstadt ein Klamottenladen am anderen gibt, hat sich das wirklich angeboten. Und obwohl ich wirklich nur auf ein Kleidungsstück fokussiert war und auch nichts anderes kaufen wollte, hat es über vier Stunden gedauert. Aber – ich hatte am Ende eine Jacke. Dazwischen habe ich noch einige Freunde behelligt mit der Frage, welche ich denn nun auswählen soll. Am Ende ist es eine Multifunktionsjacke geworden, die aber trotzdem ein bisschen hübsch und elegant aussieht. Eigentlich wollte ich ein Mantel, aber manchmal glaube ich, ich werde doch langsam älter und da zählt Praktikabilität bisweilen mehr. Wie oft fahre ich im Herbst und Frühling im Regen zur Arbeit und da ist es einfach besser eine wasser- und windabweisende Jacke zu haben, als einen hellen Stoffmantel, den man danach erstmal putzen kann. 

Auf dem Weg zurück zum Auto war ich dann schon etwas entspannter  und kam mal ein wenig zum Nachdenken. „Ich sag Dir wofür ich dankbar bin in diesen Zeiten“, kam mir eine Zeile von einem Song von Florian Künstler in den Sinn. Aus einem noch unveröffentlichten Song. 
Ich glaube, das letzte Mal war ich viel zu früh nach dem Facharzt in der Studienstadt, als dass ich hätte realiseren können, was das bedeutet. Ich stehe vorne am Wasser, schaue auf den Fernsehtum und die Schiffe und denke mir: Jetzt steht mir zum ersten Mal die Welt offen.  Und natürlich stand sie das – rein objektiv betrachtet – schon früher, aber jetzt fühlt es sich um ersten Mal so an. Und wer hätte damals gedacht, dass ich hier eines Tages stehen werde mit einem abgeschlossenen Studium, einem fertigen Facharzt, selbstständig, finanziell unabhängig. Nichts davon war selbstverständlich. Und jetzt muss ich aber auch die neuen Chancen nutzen. Ich denke mir, ich kann noch so Jemand werden wie mein Kliniktherapeut. Jemand, der in seinem Job aufgeht, der versucht so viel wie möglich zu geben, das Leben von Menschen zu verbessern, ohne sich dabei selbst zu vergessen. Vielleicht werde ich meinen Job bald doch mal lieben, wieder gerne über die Gänge hüpfen. Und vielleicht kann ich für Menschen der Anstoß für Veränderungen werden. 


Der Weg zur Freundin gestaltet sich doch sehr staureich. Keine Ahnung, ob das in diesen Tagen besonders schlimm ist, aber die letzten Male stand ich nicht so viele Stunden auf der Autobahn. Dennoch bin ich auch hier so dankbar, dass ich einfach mit dem Möhrli von A nach B fahren kann und auch wieder Auto fahren zu können, war vor einigen Jahren eine hart erkämpfte Freiheit – an alle die, die sich erinnern. 
Die Freundin und ich gehen erstmal etwas essen und kommen dabei ins quatschen. Irgendwann landen wir bei meinen Zukunftsplänen. Ich weiß nicht, ob ich im Ort in der Ferne bleibe, erkläre ich ihr. Er hat mich zum Facharzt gemacht, er wird immer eine Bedeutung für mich behalten, aber gerade geht es hier weder privat noch beruflich so richtig weiter. Wo ich denn hin wolle, fragt sie. „Vielleicht etwas weiter in den Süden“, sage ich und nenne einen Ort, den ich mir mal überlegt hatte. „Und Du hast da noch nicht nach Stellenanzeigen geschaut?“, fragt sie mich entgeistert. „Das holen wir jetzt nach.“ Und dann finden wir tatsächlich relativ schnell eine, die sich wirklich gut anhört. Das einzige Manko ist, dass die eher Verhaltenstherapie, als Tiefenpsychologie machen und ich hätte gern lieber Tiefenpsychologie. Und ich bin dann 700 Kilometer weit weg von der Studienstadt. 
Irgendwie geben mir diese neuen Ideen aber ein wenig Aufwind. Es gibt Optionen. Zumindest das. 



Später spazieren wir noch ein Mal über den Weihnachtsmarkt und dann ist der Abend auch schon wieder vorbei. Ich bin erst nach 23 Uhr zu Hause und suche dann noch ein wenig nach Stellenanzeigen und korreliere die mit den Weiterbildungsermächtigungen. Genaue Vorstellungen zu haben, ist immer ein bisschen schwierig. So viele Psychosomatiken, die keine Unikliniken sind und dennoch überregional bekannt sind, eine gewisse Größe haben, damit man auch einiges sieht und die Tiefenpsychologie machen und eine volle Weiterbildungsermächtigung haben, gibt es nämlich nicht. Einige in NRW habe ich gefunden, aber eigentlich möchte ich nicht unbedingt dahin. 

Mittwoch

Eigentlich war heute Morgen ein Besuch bei meiner Mama in einer Nachbarstadt geplant. Die ist aufgrund einer chronischen Erkrankung nämlich gerade im Krankenhaus. Allerdings kommt dann bereits in den frühen Morgenstunden Chaos in den Planung. „Ich habe Fieber“, schreibt sie schon um kurz nach sechs und ich denke mir erstmal nicht viel dabei. Später möchte ich wissen, wie es ihr geht, ob ich trotzdem kommen soll und ob sie noch etwas braucht, das ich mitbringen soll. „Ja, Du holst mich ab und bringst mich nach Hause“, erklärt sie mir. Puh... - schon die ganzen letzten Tage habe ich gehört, dass sie nach Hause möchte und es doch eigentlich praktisch wäre, wenn ich da wäre und helfen könnte. Jetzt hat sie sich auch noch Influenza eingefangen und die Kliniken sind schon auch eher froh, wenn sie potentiell infektiöse Patienten schnell los werden – zumindest, wenn es einigermaßen vertretbar ist, die in die Häuslichkeit zu entlassen. Statt eines entspannten Besuchs bin ich dann in voller Montur eingekleidet, um mich nach Möglichkeit nicht anzustecken. Der Fahrdienst kann nicht all ihr Gepäck mitnehmen, deshalb spielt das Möhrli Kleintransporter. Und schließlich kommt der Fahrdienst 40 Minuten zu spät, was meine Planungen für den Abend dezent in Verzug bringt. Gefragt habe ich allerdings auch nicht, weil ich weiß, dass im Krankenhaus immer alle gestresst sind und es meistens nichts bringt außer Ärger, wenn man versucht die Dinge zu beschleunigen. Kenne ich von mir selbst... Da muss man als Angehöriger Geduld haben.
Da die Entlassung nicht vorbereitet ist und ihr Partner nicht einkaufen gehen kann und heute auch generell eher nicht verfügbar ist, fahre ich auf dem Heimweg noch beim Supermarkt vorbei und bringe das Nötigste mit. Ich verspreche morgen früh wieder zu kommen und dann muss ich auch schon ganz fix wieder los fahren in die Studienstadt. 

Am Abend treffe ich mich mit einer weiteren Freundin – dann habe ich aber auch wirklich alle gesehen in diesem Aufenthalt, was sehr schön ist. Wir gehen nochmal mexikanisch essen heute und trinken im Anschluss noch einen Kinderpunsch auf dem Weihnachtsmarkt. 
Im Anschluss begleite ich sie noch um Bus und wir kommen ein bisschen auf die ersten Jahre, in denen wir uns kannten zu sprechen und wie schwer das manchmal für mich war. „Ich konnte immer nicht so richtig nachvollziehen wie es Dir geht, bis es mir in diesem Jahr selbst so schlecht ging und ich so schlimme Gedanken hatte“, sagt sie. Mittlerweile teilen wir die Erfahrung in einer psychiatrischen Notaufnahme herum zu sitzen, obwohl sie einer der Letzten gewesen wäre, von denen ich geglaubt hätte, dass es sie trifft.  „Aber seit diesem Jahr kann ich Dich besser verstehen“, fügt sie hinzu. Ich denke ein bisschen nach. „Naja, wenn ich so überlege, dass es manchmal monatelang am Stück in der Ambulanz nur darum ging, wie ich das überlebe, kann ich mir das selbst irgendwie nicht mehr richtig vorstellen“, sage ich. Das habe ich letztens auch bei Frau Therapeutin gesagt. Ich schaue über die belebten Straßen. Stehen an Bus- oder Bahnhaltestellen – das habe ich auch viel getan vor Jahren. „Ich glaube aber“, setze ich noch mal an, „mittlerweile habe ich viel zu viel erreicht, um das einfach wegzuschmeißen.“ Sie schaut mich an. „Das finde ich schön, dass Du das sagst". Und in dem Moment wird mir erst bewusst, was ich da gesagt habe. Es gibt immer noch schwierige Momente und schwierige Phasen. Aber – und da sind wir wieder am Anfang – heute glaube ich, dass ich die Dinge verändern kann. Dass ich so hart gearbeitet habe, um mir eine Grundlage zu schaffen, die das immer wieder erlauben wird. Heute bin ich nicht mehr so in die Ecke gedrängt, wie damals. Heute ist der Wunsch eher Psychotherapeutin zu werden, realisierbarer als noch vor Jahren. Und ich möchte auch glauben, dass ich irgendwann noch mal einen Typen finde, der mich wirklich liebt und den ich wirklich liebe und mit dem es dann irgendwann mal Mini – Mondkinds gibt. Und mehr brauche ich nicht von meinem Leben. Dabei bleibe ich immer noch. Freunde, Familie, einen Job, der Spaß macht.


Promenade bei Nacht... 



Mondkind



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