Reisetagebuch #4
Eigentlich war geplant an diesem Morgen mal ein wenig auszuschlafen, aber ich hatte meine Mutter versprochen, nochmal bei ihr vorbei zu schauen. Also bin ich nach dem Weckerklingeln um 7 Uhr in der Früh schnell aufgesprungen, unter die Dusche gehüpft, zum Frühstück geeilt und schließlich habe ich meine Sachen gepackt und ausgecheckt. Auf dem Weg in die ursprüngliche Heimat bin ich erstmal an der Apotheke vorbei gefahren – dabei habe ich festgestellt, dass es selbst den alten Tierarzt noch neben der Apotheke gibt, bei dem wir mit unseren Hamstern immer waren. Danach ging es nochmal beim Supermarkt vorbei und schließlich war ich nochmal bei meiner Mutter.
Dort haben wir noch ein wenig Ordnung gemacht. Wie dankbar bin ich im Übrigen, in der Klinik aktuell nicht mit einer FFP2 – Maske herum laufen zu müssen.
Aktuell war es erstaunlich okay, in den alten Gefilden herum zu laufen. Ich fühle mich nicht mehr so verloren dort, seitdem ich einen Plan habe, wie das Leben für mich weiter gehen könnte. Klar, das ändert sich auch nicht alles von heute auf morgen, aber allein zu wissen, dass ich diese Durststrecke der letzten Jahre hinter mit habe, löst irgendwie fast mehr Frieden aus, als ich das gedacht hätte.
Meine Mama hat dann gesagt, dass sie auch mal wieder gern meine Oma sehen würde und dabei so bitterlich geweint, dass ich mir fast überlegt habe, mal zu ihr zu fahren, sie ins Auto zu packen und mit ihr zu meiner Oma zu fahren. Obwohl das im Prinzip zwei Mal quer durch Deutschland ist und das Möhrli dann innerhalb von zwei Tagen 1000 Kilometer schrubben würde.
Ich weiß es nicht. Aber irgendwie werden wir alle weicher zueinander. Ich habe das Gefühl, es tut gut nicht mehr so viel kämpfen zu müssen darum, wer oder was ich sein darf. Ich glaube, alle sind zufrieden, dass es jetzt so ist, wie es ist. Dass ich bewiesen habe, dass auch eine Mondkind nicht unter der Brücke landet. Und vielleicht traut man mir jetzt auch einfach mehr zu, für mich selbst entscheiden zu können. War so ein Eindruck, als ich da war.
Am frühen Nachmittag bin ich weiter gefahren. Keine Minute zu früh, weil ich gerade zehn bis zwanzig Minuten vor einem schweren LKW – Unfall die letzte von drei möglichen Autobahnen – die anderen beiden waren schon gesperrt – aus dem Ballungsgebiet heraus gefahren bin. Die letzten Autos unmittelbar am Beginn des Staus standen da laut Nachrichten bis Mitternacht, bevor sie von der Autobahn abgeleitet werden konnten.
Am Abend war noch Weihnachtsfeier unserer Station, der ich noch beigewohnt habe. Ich weiß nicht... - wenn ich mir überlege, dass ich da nächste Woche wieder arbeiten muss, dann habe ich noch nicht besonders viel Motivation. Ich glaube, ich muss mich einfach damit anfreunden, dass die besten Zeiten in der Neuro gerade vorbei sind. Und manchmal denke ich, die können vielleicht wieder kommen, wenn ich das mit der Psychosomatik ausreichend ausprobiert habe. Es ist ja nun nicht so, als wäre die Neuro nur blöd und ich liebe auch immer noch die Notaufnahme – auch wenn mich die Stationsarbeit aktuell einfach nervt und zu Tode langweilt – aber im Moment brenne ich so sehr darauf, endlich mal das Fachgebiet auszuprobieren, in dem ich immer sein wollte und bin da auch wirklich ungeduldig. Manchmal frage ich mich: Sollte ich in drei Jahren feststellen, dass das doch nichts für mich ist – aus welchen Gründen auch immer – vielleicht komme ich dann viel ruhiger in die Neuro zurück.
Aktuell spreche ich viel mit meiner ehemaligen Oberärztin und meinem ehemaligen Oberarzt – derjenige, den ich vor einigen Wochen mal bei uns in der ZNA aufgegabelt habe. Er hat angeboten, wir könnten uns Anfang Januar nochmal treffen und hat auch ermutigt, sich das Konzept von Verhaltenstherapie mal anzuschauen. Und immerhin – gerade die moderne Verhaltenstherapie – aus der sich ja auch ACT und Schematherapie entwickelt haben, sind schon interessant.
Ich bin selbst gespannt, wie das weiter geht, ehrlich gesagt. Aber wenn man die Ereignisse über die Jahre so betrachtet, finde ich es schon irgendwie erstaunlich, dass ich es wirklich geschafft habe, mittlerweile über Kliniken nicht im Sinn der nächsten Krisenintervention, sondern als Arbeitsort nachzudenken.
Mondkind


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