Reisetagebuch #1 Ankunft in der Studienstadt und Therapie

Wir wollen nicht über den Abend vorher reden. 
Zumindest nicht viel. 
Eigentlich war es gar nicht schlecht. Wir haben sogar mal ein paar Plätzchen gebacken. Nur die Weihnachtsstimmung – die fehlt noch ziemlich. Ich bin mir auch nicht so sicher, dass die noch kommt bei dem, was hier alles los ist. Zwischenzeitlich ist mir aufgefallen, dass ich am Dritten des Monats zum zweiten Mal den Brief an den verstorbenen Freund vergessen habe und dann habe ich mich ein bisschen geschämt. Ja – die Woche war mal wieder absolut ohne Karten und wäre es nicht die Letzte vor dem Urlaub gewesen; vielleicht wäre der mental breakdown doch etwas größer geworden. Aber das darf trotzdem nicht passieren. 
Jedenfalls saßen wir dann am Adventssonntag gerade zusammen in der Küche – der Kardiochirurg und ich – als er postuliert hat, dass wir doch nochmal über die Beziehung reden wollten. Wenn er zu der Idee kommt, muss man die Öhrchen spitzen – das letzte Mal, als das von ihm aus kam, waren wir wenige Stunden später getrennt. Und das hätte ich gern gewusst, bevor ich am Montag bei Frau Therapeutin einen Termin habe. 
Aber es kommt dann zwei Stunden lang… - nichts von ihm. 
Also fahre ich doch irgendwann nach Hause, packe meinen Koffer für Montag und gehe dann erstmal schlafen.

Montag. 
Der Wecker klingelt schon vor sechs Uhr und wie immer, bin ich morgens doch etwas zu langsam – aber schon eingeplant – und halb acht Uhr stehe ich dann auf der Straße. Die Landstraße ist für den Berufsverkehr sogar ganz gut zu fahren – nur das Wetter ist super anstrengend. Nieselregen und nasse Straßen. Stau gibt es erst im Ruhrgebiet – was ein glücklicher Umstand ist, wenn man bedenkt, dass die Staumeldungen echt umfangreich sind und gegen halb 1 Uhr rolle ich auf das Universitätsgelände. Das Möhrli präsentiert sich hier nicht mehr von seiner besten Seite – es sieht aus, als sei es in den Dreckstopf gefallen. Aber nachdem ich das Gelände ein Mal durchfahren habe, bekomme ich sogar einen Parkplatz auf unserem „Stammparkplatz“. Dort, wo wir immer geparkt haben, um zur Uni zu gehen. 
Weil ich noch mehr als eine Stunde Zeit habe, beschließe ich mein Tablet (also eigentlich mehr das von der Arbeit, aber das eignet sich eben gut dafür und immerhin arbeite ich)mitzunehmen und in der Medizinerbibliothek ein paar CME – Punkte zu sammeln. Und während ich dort auf dem hellgrünen Sofa sitze, kommt mir die Frage in den Sinn, was die Mondkind von vor 10 Jahren gesagt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass ich hier sitzen werde, den Facharzt haben werde und – wenn das 10 Jahre später noch möglich ist an diesem Ort zu sein – die Verbindung zur Studienstadt nicht verloren habe. Ich glaube, die Mondkind von damals würde weinen vor Glücksgefühlen, dass die Hoffnung, dieses emsige Arbeiten für das Ziel, sich doch auszahlen wird. Und ich glaube neben allem, was gerade schwer ist, muss man sich auch immer wieder bewusst machen, was eben gerade geht. 
Es weihnachtet an der Uni... 

Eine Stunde später packe ich zusammen und düse ein Mal quer über das Gelände zur Tagesklinik. Die haben heute massive Probleme mit ihrer EDV, deshalb dauert alles ein bisschen länger. „Die Patienten sind schon genervt“, sagt die Dame an der Anmeldung zu ihrer Kollegin und mir wird bewusst, dass ich hier gerade Patientin bin. Komisches Gefühl. (Obwohl ich nicht diejenige war, die etwas gesagt hat – auch wenn ich pünktlich an der Anmeldung war und jetzt doch ein paar Minuten zu spät bin…). 

Therapiegespräch. 
Puh ja. Wo fängt man an?
„Es ist ja alles irgendwie geworden“, höre ich mich sagen. „Nur eben nicht gut. Und ich weiß, dass das sehr absolutistisch ist, aber wenn ich jetzt stehen bleibe, dann habe ich das Gefühl, waren all die Jahre davor ein bisschen für umsonst. Dann bin ich am Ende doch nicht in dem Job angekommen, in dem ich sein wollte und führe nicht die Beziehung, die es mir ermöglicht zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich werde das bereuen in zehn Jahren, wenn jetzt alles „irgendwie“ weiter läuft.“ Gleichzeitig fällt mir ein, dass mal ein Psychosomatik – Oberarzt zu einer Patientin sagte, dass ein Job kein „unendlicher Selbstfindungstrip“ sei. Vielleicht mögen viele ihren Job nicht so richtig. Vielleicht will ich schon wieder zu viel. 
Mir fällt auch auf, wie schwer es mir fällt zuzugeben, dass es mir gerade wirklich nicht gut geht. Seitdem ich in der Psychosomatik gearbeitet habe, ist das noch schwerer als sonst. Weil ich ja wissen muss, was ich jetzt tun kann, aber eben einfach nicht ins Tun komme. „Ich habe einfach gar keine Energie mehr. Ich komme nach Hause, nachdem ich auf der Arbeit innerlich super aggressiv war und jeden schlagen könnte – das mache ich natürlich nicht – und dann falle ich auf mein Sofa und mache gar nichts mehr. Und ich weiß, dass ich auch hier Dinge einplanen muss, die mir gut tun, aber für mehr als das „basale Leben“ reicht es gerade nicht mehr. Dazu war es zu viel Theater mit Familie, Freund und Job. Und gleichzeitig – wenn man das vergleicht mit dem Zustand von vor zehn Jahren, ist das natürlich eine Luxus – Situation. Das ist mir bewusst.“
Sie schlägt vor, nicht so hart zu urteilen. Und – es ist jetzt halt gerade „einfacher“ mit den Depressionen, die sich da eben doch langsam wieder einstellen, zu leben. Ich kann arbeiten – auch mit halbem Gehirn, ich verdiene mein Geld, ich muss nicht mehr lernen – es bricht nichts zusammen, wenn ich abends nur auf dem Sofa liege. Deshalb fällt das wahrscheinlich auch nicht so auf – abgesehen eben davon, dass die Stimmung dauerhaft schlecht ist. „Der Freund hat mir letztens vorgehalten, dass ich abends nie zu ihm fahren würde und er immer zu mir. Und irgendwie stimmt das halt auch. Ich kann es mir derzeit überhaupt nicht vorstellen, mich abends nochmal ins Auto zu setzen und irgendwo hin zu fahren.“
Und dann landen wir doch wieder bei der Beziehung und der Frage, wie Veränderung da möglich sein kann. „Was sagt er denn so über die Beziehung?“, fragt er. „Na nichts“, entgegne ich. „Das ist ja das Problem. Und da hängt halt viel dran. Nicht nur der Mensch selbst und die Vorstellung einer Zukunft, die bisher nicht gelebt wurde, sondern eben auch der Job.“ Ich seufze. „Ich meine – was ich eben nicht verstehe ist, warum er nichts mitmacht, das ich vorschlage, aber selbst keine Vorschläge hat. Ich habe hunderttausend Mal gesagt, ich denke es würde mehr Verlässlichkeit in unsere Beziehung bringen, wenn wir uns wechselseitig jeden Abend fest verabredet bei einem in der Wohnung treffen. Dann weiß ich ja, dass er irgendwann zu mir unter die Decke gekrochen kommt. Das weiß ich so halt nie, weil wir das jeden Abend gegen 20 Uhr neu ausdiskutieren. Er meint, das würde nichts ändern. Ich hingegen meine, das würde für mich eine Menge ändern. Aber es nervt mich, dass er das dann ablehnt, statt zu sagen: „Na wenn es Dir wichtig ist, dann ist es mir auch wichtig genug, um es zumindest zu versuchen.“ Und selbst hat er – wie gesagt – auch keine Vorschläge. Andererseits springen bei mir langsam sämtliche Alarmglocken an, weil ich mir einfach Sorgen mache. Das habe ich jetzt vom verstorbenen Freund gelernt. Letztens hat er zu mir gesagt: „Du bist nur ein Stressfaktor auf meiner Liste von Stressfaktoren.““ „Das hat er gesagt?“, unterbricht sie mich und starrt mich entgeistert an. „Naja, ist vielleicht etwas zu hart formuliert für eine Tatsachenbeschreibung“, entgegne ich und rede weiter. „Ich glaube ihm schon, dass er Stress hat. Letztens hat er mir mal gesagt, dass er im OP war und ich weiß, dass er nicht im OP war. Dann hat er irgendwie Stress mit der Ärztekammer. Was kann man als Assistenzarzt für Stress haben, es sei denn, man hat seine Beiträge nicht bezahlt? Auch mit der Urlaubsbuchung gab es kürzlich Probleme, weil irgendetwas nicht bezahlt war. Ich glaube nicht, dass er Geldsorgen hat. Aber ich glaube, er sieht wirklich nur seinen Job und sonst nichts um ihn herum. Und dann ist halt die Frage, was ich da für eine Rolle spiele und ob ich da überhaupt mal zum Zug kommen kann. Ich meine – ich würde ihm auch helfen, seinen Kram zu lösen, das habe ich ihm auch gesagt, aber er spricht ja nicht mal darüber. Ich habe schon Sorge, dass ihm das irgendwann vielleicht alles komplett um die Ohren fliegt.“
„Mh“, sagt sie etwas nachdenklich und notiert etwas auf ihrem Klemmbrett. „Er ist nicht hier“, meint sie und deutet auf den leeren Stuhl neben mir, „wir können ihn nicht fragen.“ Ich wünschte, wir könnten.
„Lieben Sie ihn noch?“, fragt sie. Und die Frage trifft mich mehr, als sie sollte. „Keine Ahnung“, entgegne ich. „Ich fühle ja sowieso kaum Gutes im Moment. Also ich würde es wahrscheinlich nicht mal fühlen, wenn es so wäre. Und manchmal weiß ich nicht, ob ich mich gar nicht mehr drauf einlassen will, weil die Momente von Zweisamkeit so kurz sind und so hart erkämpft, oder ob da eben wirklich nichts mehr ist.“


Die „Wie soll es weiter gehen – Frage“ ist gar nicht so trivial. 
„Wenn ich mir selbst etwas raten müsste, dann würde ich mir raten, nur auf mich zu hören“, denke ich vor mich hin. „Schauen Sie vor wenigen Wochen dachte ich noch, ich ziehe vielleicht noch in den Norden zu meiner Familie. Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Und mit dem Freund – das kann morgen Abend schon ganz anders aussehen. Und ich würde mir wünschen, mich nicht aus Verzweiflung und Selbstschutz trennen zu müssen, sondern nachdem wir ein Mal vernünftig gesprochen haben, aber wünschen kann ich mir viel. Und wenn ich nur auf mich hören würde, dann könnte ich das verändern, das wirklich ich selbst in der Hand habe: Den Job nämlich. Klar können die mich ablehnen, andere Kliniken auch, aber das ist per se erstmal nicht von anderen abhängig.“
Sie kann verstehen, dass es für einen sicherheitsliebenden Menschen wie mich, aber auch schwer sein wird, wieder den Ort zu wechseln. „Naja – vielleicht muss man so denken, dass das Kapitel „Ort in der Ferne“ zu einem definierten Zeitpunkt richtig und gut war. Immerhin  hat dieser Ort mich zur Fachärztin gemacht und wenn man es genau betrachtet, kann ich beruflich nicht mehr weniger werden, als Fachärztin. Und ich glaube, es gibt schlechtere Ausgangspunkte.“

Und dann sagt sie noch etwas ganz Wichtiges: Keine Entscheidung wird sich nur gut anfühlen am Ende. Vielleicht ist das auch ein Punkt, den es gerade zu beachten gilt. Die Situation ist zu kompliziert um eine Lösung zu finden, die allen Punkten positiv gerecht wird. Vielleicht wird Dinge zu entscheiden auch Schmerz bedeuten. Und davon gar nicht mal so wenig. 

Am Ende klopft es kurz an der Tür. Sie wundert sich, wer das sein könnte, aber dann wird sie einen Spalt breit geöffnet und der Lieblingspsychiater vom verstorbenen Freund steckt den Kopf zur Tür herein. Er zieht sie auch – bevor ich etwas sagen kann – wieder hinter sich zu, was echt schade ist. Und Frau Therapeutin bittet ihn leider auch nicht herein. Ich weiß nicht – ich kenne ihn ja auch. Ich denke schon, dass er mich vor der Tür gehört hat. Kleiner besonderer Moment am Rand. Und dann wird mir wieder bewusst, dass Menschen in vertikalen Beziehungen mich stark gemacht haben. Mich immer weiter vorsichtig und meistens liebevoll angeschubst haben, wenn ich nicht mehr weiter wollte. Ich habe dieser Klinik und diesem Team so viel zu verdanken, dass Worte niemals dafür ausreichen. Und dafür bin ich einerseits sehr dankbar. Und andererseits macht es mich manchmal traurig, dass das private Umfeld das eben nicht konnte. 

Wir verabschieden uns und ich postuliere, dass ich ihr sicher schneller schreiben werde, als mir lieb ist. Auf dem Weg nach draußen sehe ich eine Patientin aus der Tagesklinik herauslaufen, die ich von ein paar Voraufenthalten kenne. Wir sind uns drei Mal über den Weg gelaufen oder so. 
Und dann denke ich mir: Vielleicht geht es genau darum. Es muss nicht alles gut sein, aber ich habe es mir ermöglicht, endlich aus dieser Mühle raus zu kommen, wirklich ständig in der Klinik zu sein. Ich brauche noch Hilfe und das ist okay. Ich war sicher oft auf der Arbeit und hätte es nach meinem Gemütszustand nicht sein sollen. Ich habe so oft gedacht, ich schaffe es einfach nicht mehr. Aber wenn es sich für ein was gelohnt hat, dann vielleicht dafür, nie aus diesem System raus gefallen zu sein. Irgendwie den Facharzt zu machen. Eine Sicherung in mein Netz zu bauen, die mir keiner nehmen kann. Und zum ersten Mal bin ich mir echt dankbar für diesen Facharzt. Bisher hat der eigentlich nicht so viel mit mir gemacht. 

Nachdem ich fertig bin, fahre ich erstmal zum Hotel und checke ein. Eine Freundin hat nur Mittwochabend Zeit und eigentlich wollte ich ja Mittwoch schon wieder zurück. Aber nachdem ich in der Früh schon den Friseurtermin verschoben habe frage ich, ob ich noch einen Tag dazu buchen kann. Kann ich. Sehr schön. 
Und dann muss ich auch schon wieder weiter düsen, weil ich mich mit dem besten Kumpel in der Stadt treffe. Ich liebe die Treffen mit ihm, weil er ungefähr genau so viel emotionalen Tiefgang wie ich hat und wirklich immer tolle Gespräche entstehen. Während wir Burger essen und es draußen schüttet wie verrückt, tauschen wir die neusten Entwicklungen aus. 



Und dann fahre ich sehr müde zurück zum Hotel. Studienstadt, Dunkelheit und Starkregen sind irgendwie auch so ein Autofahr – Erlebnis. Mit meinem „ausländischen Kennzeichen“ wurde mir mehr als ein Mal schnelles Spurhüpfen ermöglicht, weil ich irgendwie doch auf der Falschen herum stand. 

Jetzt schnell ins Betti – morgen wird auch ein voller Tag
Mondkind


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