Von Unterstützung bei der Entscheidungsfindung
Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass ich genau in diesen Tagen noch einmal meine ehemalige psychosomatische Oberärztin treffe. Wir haben uns nach der Facharztprüfung noch einmal gesehen und wollten uns eigentlich auch regelmäßiger treffen, aber dann hatte erst sie viel Stress, dann hatte ich im Januar praktisch jedes Wochenende Dienst – und dann ist es eben jetzt geworden. Jetzt. Kurz nach der Hospitation. In diesen wenigen Tagen, in denen so wichtige Entscheidungen anstehen.
Sie wartet schon auf dem Parkplatz, auf dem wir uns treffen wollten. Endlich lernt sie auch mal das Möhrli mit dem Florian-Künstler-Aufkleber hinten drauf kennen. Nachdem wir uns begrüßt haben, steige ich zu ihr ins Auto, denn sie wollte mir ja schon lange ihre Praxis zeigen. „Es tut mir leid – es riecht hier ein wenig nach Pferd“, entschuldigt sie sich. „Es ist doch schön, mal wieder Pferd in der Nase zu haben“, postuliere ich. „Meine Kinder beschweren sich immer“, entgegnet sie.
Der Weg ist nicht weit, und schon im Auto fängt sie an zu erzählen, wie ihr Tagesablauf jetzt ist, welche Vorteile und Nachteile es gibt und wo vielleicht auch Fallstricke lauern. Wie hoch die Kosten sind, welcher tatsächliche Zeitaufwand hinter so einem Kassensitz steckt, dass es so viele Dinge gibt, die man beachten muss und von denen man vorher gar nichts weiß. Ich weiß auf jeden Fall, wen ich irgendwann einmal fragen werde, wenn es soweit ist.
Die Praxis ist wirklich hübsch. Die Frau hat schon Stil – das muss man sagen. Und wie schön wäre es bitte, wenn ich später auch einmal so arbeiten könnte. Ein Kassensitz ist auch nicht immer einfach, und KV-Dienste als Psychosomatikerin – na ja; aber andere kriegen das ja auch hin. Außerdem habe ich ja trotzdem ein paar Jahre in der Neuro gearbeitet. ;)
Ich darf alle Stühle einmal Probesitzen, und während wir da so in der Zimmerecke mit einem kleinen Tisch sitzen, der mit einer Pflanze und natürlich der obligatorischen Taschentuchpackung dekoriert ist, kommen wir auf meine derzeitige Lage zu sprechen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich bei ihr ein bisschen geziert habe zu erzählen, dass ich mich jetzt an einer Klinik beworben habe, die Verhaltenstherapie anbietet, weil ich eigentlich dachte, dass sie dazu eine recht klare Meinung hat. Aber sie war super offen gegenüber der Verhaltenstherapie. Am Ende sei es wichtig, dass man seinen Patientinnen und Patienten das anbieten kann, was sie brauchen, um sich zu verstehen und um Lösungen zu finden. Dass diese strikte Schulentrennung ziemlich überholt ist, wissen wir alle, und eine Therapieform an der Hand zu haben, die eher strukturierte Konzepte verfolgt, hält sie für den Anfang nicht für schlecht. Sie stimmt eigentlich meinem anderen Oberarzt zu, der ja schon gesagt hatte, dass man später noch Zusatzweiterbildungen machen kann. Sie selbst hat davon auch eine Menge gemacht, für die sie nicht alle Zertifikate hat, weil man am Ende für jede Zusatzweiterbildung noch Supervision und Prüfungen gebraucht hätte – aber anwenden kann man es in der Therapie trotzdem, und darum geht es ja schließlich.
Auf meine Anmerkung hin, dass ich es hier in der Klinik teilweise sehr schwierig fand, mit einem so offenen Konzept zu arbeiten, wenn ich die Therapieform selbst noch nicht beherrsche, meinte sie auch, dass sie es problematisch findet, mit eher strukturschwachen Patienten (sonst wären sie ja nicht in der Klinik) psychodynamisch arbeiten zu sollen, ohne eine vernünftige Einarbeitung. Da wir die Gruppen ja auch immer alleine geleitet haben, gab es wenig Möglichkeiten, sich Dinge abzuschauen, und abgesehen von den Supervisoren saß eben nie jemand in der Gruppe und hat geschaut, ob das überhaupt so passt, wie wir es machen. Sie selbst sagt, sie hätte das bei ihren Assistenten im Verlauf schon gemacht – und sie war auch die einzige Oberärztin, mit der wir wirklich Psychodynamiken und darauf basierende Behandlungskonzepte durchsprechen konnten.
Vom Prinzip her war auch von ihr ein bisschen das Signal: TP oder VT ist erst einmal nicht dermaßen wichtig; VT könnte für den Einstieg einfacher sein, TP ist als Ergänzung im Verlauf dann sicher nicht schlecht.
Und danach ging es ganz viel um die Frage, was ein Umzug denn bedeuten würde. Und letzten Endes ist es unglaublich schön, wenn sich jemand die Zeit nimmt und das alles einmal auseinanderdröselt. Den Absolutismus aus all diesen Entscheidungen herausnimmt. Ein bisschen Ruhe hineinbringen kann.
Ich habe davon erzählt, wie schwierig sich gerade die Gespräche darüber gestalten, wie anstrengend und frustrierend all die letzten Monate waren. Auf der Arbeit und im Privaten. Weil da ein Gefühl von Stillstand ist. Es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts. Weder auf der Arbeit noch im Privaten. Auf der Arbeit wird man auch als Fachärztin noch behandelt wie eine Assistentin im ersten Jahr, und diejenigen, die sich um die Versetzung kümmern sollten, schieben sich die Verantwortlichkeiten hin und her. Im Privaten ist es nicht gelungen, einen Alltag als Paar zu etablieren. „Ich habe den Eindruck, dass Sie ein bisschen Veränderungen brauchen und auch wollen. Da ist gerade viel Stillstand.“
Und dann geht es um all diese Konflikte. Dass ich eigentlich mal irgendwo ankommen möchte, dass ich eigentlich gedacht hatte, ich könnte jetzt mal das Privatleben und die Beziehung priorisieren, dass da langsam ein erheblicher Kinderwunsch ist – und ein Realitätsabgleich aber deutlich macht, dass all das, was ich mir da wünsche, aktuell überhaupt nicht realisierbar ist. „Im Prinzip führen Sie ja schon jetzt eine Fernbeziehung, so wie sich das anhört“, kommentiert sie irgendwann. „Genau das Gleiche denke ich auch oft“, entgegne ich. Unter der Woche ist das für mich eigentlich nur Stress, weil wir jeden Abend von vorne planen, weil ich nie mal mit einem Buch entspannt in der Ecke sitzen kann, weil ich nie sicher weiß, ob wir uns sehen oder nicht.
Sie differenziert ein bisschen. Eine Entscheidung, in der anderen Klinik anzufangen, ist nicht gleichzeitig eine Entscheidung gegen die Beziehung. Es wird Dinge ändern – klar. Aber ist das nicht sowieso an der Zeit, wenn es so, wie es ist, gerade nicht mehr geht? „Vielleicht ist Distanz in Ihrer Situation auch gar nicht so schlecht. Denn dann muss man mal planen. Dann gibt es weniger Zeit. Und dann ist die Frage, ob Sie beide die Zeit, die Sie dann haben, gut nutzen können. Ich sage nicht, dass es so sein muss, aber vielleicht bringt das auf beiden Seiten noch einmal Raum zum Reflektieren und Hinterfragen. Fehlt mir der andere denn wirklich, wenn er nicht da ist? Freue ich mich dann aufs Wochenende? Überlege ich dann, was ich mit meinem Partner oder meiner Partnerin unternehmen kann? Paradoxerweise kann so ein Schritt auch mehr Struktur in eine Beziehung bringen. Und es ist ja keine Entscheidung für immer.“
Familienplanung. Auch so ein Thema. Und manchmal ist es wirklich so bereichernd, mit Menschen zu sitzen, die schon eine ganze Ecke mehr Lebenserfahrung haben. Ihre Fehler gemacht haben. Aus denen gelernt haben. „Irgendwie glaube ich, dass man das mit der Familie gut planen muss. Und zwar auch, wie die Care-Arbeit aufgeteilt werden soll. Wer wird sich um was kümmern? Und vielleicht klingt das total kleinkariert, aber gerade in unseren Berufen kann man da nicht so blauäugig sein und denken, dass die Dinge sich finden werden.“ Das habe sie etwas zu spät erkannt, sagt sie. Und meint, dass sie mir das auch empfehlen würde. Und wir hinterfragen wieder, ob die aktuelle Situation geeignet für eine Familie wäre und überlegen, was sich ändern müsste, damit sie es werden könnte.
Später berichte ich ihr ein bisschen über die Wohnungsproblematik. „Sie haben sich aber schon echt Gedanken gemacht, wenn Sie sich schon den Wohnungsmarkt angeschaut haben“, merkt sie an. Und sie ermahnt, auch hier wieder den Druck herauszunehmen, jetzt entscheiden zu müssen. Wenn es finanziell machbar sei, für einen begrenzten Zeitraum eine Pendlerwohnung und eine Hauptwohnung zu unterhalten, sei das sicher nicht schlecht. Wenn sich die Beziehungssituation bis dahin aber geändert haben sollte, wirft das möglicherweise wieder neue Aspekte auf den Tisch. „Entscheidungen formieren sich, wenn es dran ist“, meint sie. Man werde merken, was passt und was nicht, und es gibt immer die Möglichkeit, Dinge zu ändern. Natürlich könne ich für die Probezeit noch die Wohnung behalten. Das sei ja Probezeit für beide Seiten. „Und ich garantiere Ihnen, dass die Psychosomatik hier Sie auch wieder zurücknehmen wird. Wenn Ihnen das Sicherheit gibt – warum denn nicht?“ (Den Aspekt, dass die neue Klinik deutlich besser bezahlen würde und sämtliche Ausbildungskosten übernehmen würde, hält sie in dem Zusammenhang im Rahmen einer psychosomatischen Weiterbildung für gar nicht irrelevant – auch wenn es etwas eitel klingt.)
Im Verlauf landen wir dann bei der Biografie. Und beim Thema Mut. Ich erzähle ihr Dinge, die ich selten irgendwo erzählt habe. Ich berichte, dass es mit den Eltern super schwierig ist, aber dass ich immer irgendwelche „Ersatz‑Bezugspersonen“ hatte. Das sei doch vollkommen logisch, sagt sie. Und ich finde es ziemlich beeindruckend, dass sie so viele Dinge, für die ich mich schäme, weil sie sich so ergeben haben – eher aus einer Notsituation heraus –, so normal, nachvollziehbar und überhaupt nicht schlimm findet. Wenn die Eltern das – warum auch immer – nicht gut konnten, ist es doch vollkommen okay, sich Menschen zu suchen, die eine Ersatzfunktion übernommen haben. Und man darf traurig sein, dass diese Menschen immer nur temporär da waren, und trotzdem unglaublich dankbar sein, dass es sie gab und gibt. Sie meint immer, ich hätte schon so viel geschafft und mich keinesfalls „irgendwie durchmanövriert“, wie ich das immer nenne.
Sie wartet schon auf dem Parkplatz, auf dem wir uns treffen wollten. Endlich lernt sie auch mal das Möhrli mit dem Florian-Künstler-Aufkleber hinten drauf kennen. Nachdem wir uns begrüßt haben, steige ich zu ihr ins Auto, denn sie wollte mir ja schon lange ihre Praxis zeigen. „Es tut mir leid – es riecht hier ein wenig nach Pferd“, entschuldigt sie sich. „Es ist doch schön, mal wieder Pferd in der Nase zu haben“, postuliere ich. „Meine Kinder beschweren sich immer“, entgegnet sie.
Der Weg ist nicht weit, und schon im Auto fängt sie an zu erzählen, wie ihr Tagesablauf jetzt ist, welche Vorteile und Nachteile es gibt und wo vielleicht auch Fallstricke lauern. Wie hoch die Kosten sind, welcher tatsächliche Zeitaufwand hinter so einem Kassensitz steckt, dass es so viele Dinge gibt, die man beachten muss und von denen man vorher gar nichts weiß. Ich weiß auf jeden Fall, wen ich irgendwann einmal fragen werde, wenn es soweit ist.
Die Praxis ist wirklich hübsch. Die Frau hat schon Stil – das muss man sagen. Und wie schön wäre es bitte, wenn ich später auch einmal so arbeiten könnte. Ein Kassensitz ist auch nicht immer einfach, und KV-Dienste als Psychosomatikerin – na ja; aber andere kriegen das ja auch hin. Außerdem habe ich ja trotzdem ein paar Jahre in der Neuro gearbeitet. ;)
Ich darf alle Stühle einmal Probesitzen, und während wir da so in der Zimmerecke mit einem kleinen Tisch sitzen, der mit einer Pflanze und natürlich der obligatorischen Taschentuchpackung dekoriert ist, kommen wir auf meine derzeitige Lage zu sprechen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich bei ihr ein bisschen geziert habe zu erzählen, dass ich mich jetzt an einer Klinik beworben habe, die Verhaltenstherapie anbietet, weil ich eigentlich dachte, dass sie dazu eine recht klare Meinung hat. Aber sie war super offen gegenüber der Verhaltenstherapie. Am Ende sei es wichtig, dass man seinen Patientinnen und Patienten das anbieten kann, was sie brauchen, um sich zu verstehen und um Lösungen zu finden. Dass diese strikte Schulentrennung ziemlich überholt ist, wissen wir alle, und eine Therapieform an der Hand zu haben, die eher strukturierte Konzepte verfolgt, hält sie für den Anfang nicht für schlecht. Sie stimmt eigentlich meinem anderen Oberarzt zu, der ja schon gesagt hatte, dass man später noch Zusatzweiterbildungen machen kann. Sie selbst hat davon auch eine Menge gemacht, für die sie nicht alle Zertifikate hat, weil man am Ende für jede Zusatzweiterbildung noch Supervision und Prüfungen gebraucht hätte – aber anwenden kann man es in der Therapie trotzdem, und darum geht es ja schließlich.
Auf meine Anmerkung hin, dass ich es hier in der Klinik teilweise sehr schwierig fand, mit einem so offenen Konzept zu arbeiten, wenn ich die Therapieform selbst noch nicht beherrsche, meinte sie auch, dass sie es problematisch findet, mit eher strukturschwachen Patienten (sonst wären sie ja nicht in der Klinik) psychodynamisch arbeiten zu sollen, ohne eine vernünftige Einarbeitung. Da wir die Gruppen ja auch immer alleine geleitet haben, gab es wenig Möglichkeiten, sich Dinge abzuschauen, und abgesehen von den Supervisoren saß eben nie jemand in der Gruppe und hat geschaut, ob das überhaupt so passt, wie wir es machen. Sie selbst sagt, sie hätte das bei ihren Assistenten im Verlauf schon gemacht – und sie war auch die einzige Oberärztin, mit der wir wirklich Psychodynamiken und darauf basierende Behandlungskonzepte durchsprechen konnten.
Vom Prinzip her war auch von ihr ein bisschen das Signal: TP oder VT ist erst einmal nicht dermaßen wichtig; VT könnte für den Einstieg einfacher sein, TP ist als Ergänzung im Verlauf dann sicher nicht schlecht.
Und danach ging es ganz viel um die Frage, was ein Umzug denn bedeuten würde. Und letzten Endes ist es unglaublich schön, wenn sich jemand die Zeit nimmt und das alles einmal auseinanderdröselt. Den Absolutismus aus all diesen Entscheidungen herausnimmt. Ein bisschen Ruhe hineinbringen kann.
Ich habe davon erzählt, wie schwierig sich gerade die Gespräche darüber gestalten, wie anstrengend und frustrierend all die letzten Monate waren. Auf der Arbeit und im Privaten. Weil da ein Gefühl von Stillstand ist. Es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts. Weder auf der Arbeit noch im Privaten. Auf der Arbeit wird man auch als Fachärztin noch behandelt wie eine Assistentin im ersten Jahr, und diejenigen, die sich um die Versetzung kümmern sollten, schieben sich die Verantwortlichkeiten hin und her. Im Privaten ist es nicht gelungen, einen Alltag als Paar zu etablieren. „Ich habe den Eindruck, dass Sie ein bisschen Veränderungen brauchen und auch wollen. Da ist gerade viel Stillstand.“
Und dann geht es um all diese Konflikte. Dass ich eigentlich mal irgendwo ankommen möchte, dass ich eigentlich gedacht hatte, ich könnte jetzt mal das Privatleben und die Beziehung priorisieren, dass da langsam ein erheblicher Kinderwunsch ist – und ein Realitätsabgleich aber deutlich macht, dass all das, was ich mir da wünsche, aktuell überhaupt nicht realisierbar ist. „Im Prinzip führen Sie ja schon jetzt eine Fernbeziehung, so wie sich das anhört“, kommentiert sie irgendwann. „Genau das Gleiche denke ich auch oft“, entgegne ich. Unter der Woche ist das für mich eigentlich nur Stress, weil wir jeden Abend von vorne planen, weil ich nie mal mit einem Buch entspannt in der Ecke sitzen kann, weil ich nie sicher weiß, ob wir uns sehen oder nicht.
Sie differenziert ein bisschen. Eine Entscheidung, in der anderen Klinik anzufangen, ist nicht gleichzeitig eine Entscheidung gegen die Beziehung. Es wird Dinge ändern – klar. Aber ist das nicht sowieso an der Zeit, wenn es so, wie es ist, gerade nicht mehr geht? „Vielleicht ist Distanz in Ihrer Situation auch gar nicht so schlecht. Denn dann muss man mal planen. Dann gibt es weniger Zeit. Und dann ist die Frage, ob Sie beide die Zeit, die Sie dann haben, gut nutzen können. Ich sage nicht, dass es so sein muss, aber vielleicht bringt das auf beiden Seiten noch einmal Raum zum Reflektieren und Hinterfragen. Fehlt mir der andere denn wirklich, wenn er nicht da ist? Freue ich mich dann aufs Wochenende? Überlege ich dann, was ich mit meinem Partner oder meiner Partnerin unternehmen kann? Paradoxerweise kann so ein Schritt auch mehr Struktur in eine Beziehung bringen. Und es ist ja keine Entscheidung für immer.“
Familienplanung. Auch so ein Thema. Und manchmal ist es wirklich so bereichernd, mit Menschen zu sitzen, die schon eine ganze Ecke mehr Lebenserfahrung haben. Ihre Fehler gemacht haben. Aus denen gelernt haben. „Irgendwie glaube ich, dass man das mit der Familie gut planen muss. Und zwar auch, wie die Care-Arbeit aufgeteilt werden soll. Wer wird sich um was kümmern? Und vielleicht klingt das total kleinkariert, aber gerade in unseren Berufen kann man da nicht so blauäugig sein und denken, dass die Dinge sich finden werden.“ Das habe sie etwas zu spät erkannt, sagt sie. Und meint, dass sie mir das auch empfehlen würde. Und wir hinterfragen wieder, ob die aktuelle Situation geeignet für eine Familie wäre und überlegen, was sich ändern müsste, damit sie es werden könnte.
Später berichte ich ihr ein bisschen über die Wohnungsproblematik. „Sie haben sich aber schon echt Gedanken gemacht, wenn Sie sich schon den Wohnungsmarkt angeschaut haben“, merkt sie an. Und sie ermahnt, auch hier wieder den Druck herauszunehmen, jetzt entscheiden zu müssen. Wenn es finanziell machbar sei, für einen begrenzten Zeitraum eine Pendlerwohnung und eine Hauptwohnung zu unterhalten, sei das sicher nicht schlecht. Wenn sich die Beziehungssituation bis dahin aber geändert haben sollte, wirft das möglicherweise wieder neue Aspekte auf den Tisch. „Entscheidungen formieren sich, wenn es dran ist“, meint sie. Man werde merken, was passt und was nicht, und es gibt immer die Möglichkeit, Dinge zu ändern. Natürlich könne ich für die Probezeit noch die Wohnung behalten. Das sei ja Probezeit für beide Seiten. „Und ich garantiere Ihnen, dass die Psychosomatik hier Sie auch wieder zurücknehmen wird. Wenn Ihnen das Sicherheit gibt – warum denn nicht?“ (Den Aspekt, dass die neue Klinik deutlich besser bezahlen würde und sämtliche Ausbildungskosten übernehmen würde, hält sie in dem Zusammenhang im Rahmen einer psychosomatischen Weiterbildung für gar nicht irrelevant – auch wenn es etwas eitel klingt.)
Im Verlauf landen wir dann bei der Biografie. Und beim Thema Mut. Ich erzähle ihr Dinge, die ich selten irgendwo erzählt habe. Ich berichte, dass es mit den Eltern super schwierig ist, aber dass ich immer irgendwelche „Ersatz‑Bezugspersonen“ hatte. Das sei doch vollkommen logisch, sagt sie. Und ich finde es ziemlich beeindruckend, dass sie so viele Dinge, für die ich mich schäme, weil sie sich so ergeben haben – eher aus einer Notsituation heraus –, so normal, nachvollziehbar und überhaupt nicht schlimm findet. Wenn die Eltern das – warum auch immer – nicht gut konnten, ist es doch vollkommen okay, sich Menschen zu suchen, die eine Ersatzfunktion übernommen haben. Und man darf traurig sein, dass diese Menschen immer nur temporär da waren, und trotzdem unglaublich dankbar sein, dass es sie gab und gibt. Sie meint immer, ich hätte schon so viel geschafft und mich keinesfalls „irgendwie durchmanövriert“, wie ich das immer nenne.
Wir reden ein bisschen über Familie; darüber, dass ich irgendwie oft zum „schwarzen Schaf“ geworden bin. Ich hatte wohl schon immer supersensible Antennen (immerhin habe ich die Schieflage in dieser Familie gespürt, als nur unser Papa wissen konnte, dass da etwas läuft, das nicht laufen sollte, und meiner Schwester schon Monate vorher prognostiziert, dass die Eltern sich trennen werden – auch wenn ich das Warum nicht benennen konnte). Ich wusste eigentlich immer, was ich wollte – ich konnte es nur nicht so ausleben in dieser Familie. Ich war die kreative Nudel, aber kreativ sein war nichts, das man studieren konnte und mit dem es möglich sein sollte, Geld zu verdienen. Und wenn ich nicht kreativ war, dann habe ich Fragen gestellt über das Leben, über den Sinn, darüber, wer wir sind. Und dann kam ich auf Dinge wie Psychologie oder Philosophie, was auch eher nicht der Vorstellung entsprach. Und dann wurde es eben Medizin, dieses Haifischbecken von Notfallversorgung, unendlich vielen Diensten, Überstunden ohne Ende, ein Arbeitszeitgesetz, das mit Füßen getreten wurde – und es hat mich nicht nur fachlich, sondern auch menschlich stärker gemacht.
Und jetzt stehe ich hier. Und ich bin ja noch nicht fertig. Noch ist alles Baustelle. Eine Beziehung, in der viel Schweigen herrscht, die ungeeignet ist, wenn man nicht die Erfahrungen der eigenen Kindheit an die nächste Generation weitergeben will. Und klar – Garantien gibt es da nicht; auch eine Beziehung, die jetzt super läuft, tut es vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr. Aber wenn man unter so schwierigen Umständen startet … Und ein Job, der eben auch noch nicht so passt. „Ich habe manchmal Angst, dass ich hier versacke“, sage ich. In einer Beziehung, die besser als nichts ist, aber eben doch nicht das, was ich mir von Beziehung wünsche. Und in einem Job, den man machen kann, der aber doch nicht zufriedenstellt. „Mein 18‑jähriges Ich wäre stolz auf mich. Aber vielleicht würde es auch wollen, dass ich noch einmal mutig bin“, sage ich. Und dann meint mein Gegenüber, dass es immer eine gute Idee sei, sich vorzustellen, was später mal in der Grabrede über einen gesagt werden soll. „War brav, angepasst, hat sich um alle gekümmert, nur nicht um sich selbst und ihre Träume, hat Überstunden ohne Ende gemacht … – ich weiß ja nicht.“
Und dann erzählt sie sehr viel über ihr Leben, und ich höre ganz fasziniert zu. Und ich glaube, von manchen Menschen spürt man einfach, dass das, was sie sagen, absolut authentisch ist, weil sie selbst Dinge erlebt haben, die schwer waren. Und man spürt, dass diese Menschen nicht nur im Rahmen ihres Jobs irgendeine kognitive Umstrukturierung versuchen, sondern dass sie im Prinzip ihre Erfahrung ein bisschen „therapeutisch verpackt“ weitergeben. Und irgendwie gibt sie mir das Gefühl, dass Umwege im Leben kein Versagen sind. Dass es okay ist, dass Dinge, die man für beständig gehalten hat, sich doch ändern. Dass es okay ist, dass ich gedacht habe, ich bleibe vielleicht für immer hier und jetzt merke, die Umstände haben sich geändert oder ich konnte sie mir nicht so zurechtlegen, wie ich das erhofft hatte – und deshalb weiterziehen muss. Die wenigsten Entscheidungen sind unumkehrbar. Manchmal liegt in diesen Umwegen viel Anstrengung, aber auch wahre Schönheit und Erkenntnis. Und am Ende ist Versagen oder Gewinnen auch immer Interpretationssache. Es ist die Frage, was wir machen aus den Dingen, die wir erleben. Wenn es nicht klappt in der neuen Klinik – ist das dann eine „falsche Entscheidung“? Nein – denn wie kann eine Entscheidung falsch sein, die ich mit allen Informationen, die ich zum damaligen, also zum heutigen Zeitpunkt hatte, getroffen habe und die sich dann vielleicht doch als nicht passend entpuppt? Dann habe ich eben neue Details, dann entscheide ich mich vielleicht für etwas, das dann besser zu mir passt. Ich kann das als Versagen bewerten. Oder als ein „Ich habe ein paar neue Erfahrungen auf dem Weg mitgenommen, und es ist ja nie alles doof, wenn man mal die emotionale Bewertung rauslässt.“
Und auch wenn sie versteht, dass ich an einem Punkt bin, an dem ich mir Partnerschaft und Familie wünsche (sie fragt mich mehrmals, warum ich weiter in dieser Beziehung bleibe, wenn sie mich so viel Energie, Wut, schlaflose Nächte und Ärger kostet – worauf ich keine adäquate Antwort habe, außer der Angst vor Einsamkeit), postuliert sie, dass man auch alleine glücklich werden kann. Sie habe ihre Kinder, ihre Freunde, ihr Pferd und andere Hobbys und sei damit vollkommen ausgelastet. Und sie habe die Freiheit, immer zu entscheiden, was sie selbst gerade tun möchte. Keine Kompromisse eingehen zu müssen, sei auch eine Freiheit.
Und am Ende geht es mir wirklich besser mit der Situation. Nicht, weil ich eine Entscheidung getroffen habe oder weil sie eine für mich getroffen hätte. Sondern weil sie den Absolutismus etwas aufweichen konnte. Weil es viele kleine Entscheidungen zu treffen gibt, die in der Gesamtheit schon ein Gewicht haben, aber nicht so schlimm sind, wie ich gedacht habe. Weil die Entscheidungen über Job, Beziehung, Wohnung und soziales Umfeld Einzelentscheidungen sind, die sich zwar berühren, aber dennoch in vielen Konstellationen existieren können. Und weil wir den Fokus weg vom Außen hin zu mir holen konnten. Es ging gar nicht so sehr darum, was genau in dieser Beziehung eigentlich läuft und was nicht – so ziemlich der einzige Kommentar war, dass hartnäckiges Schweigen auch etwas unglaublich Aggressives haben kann. Sie wollte sich da raushalten, wer in dieser Beziehung was macht oder eben nicht macht. Aber was sie wissen wollte, war, was das für mich, mein Leben, mein Denken, mein Handeln und meine Lebensqualität bedeutet, in dieser Beziehung zu sein. Und auch hinsichtlich des Jobs ging es wirklich mal darum, was ich eigentlich will.
Irgendwie ist das eine sehr wertvolle Verbindung, die ich hoffentlich noch eine Weile behalten kann. Sie hält schon ein bisschen therapeutisch die Hand drunter, während darüber ein Austausch von Erfahrungen stattfindet. Und damit macht sie neben der Autobahn in meinem Kopf ganz viele Nebenstraßen auf. Eröffnet so viele Möglichkeiten, die ich noch gar nicht gesehen habe. Bei ihr wirkt Leben immer ein bisschen leichter. Denn bis zum objektivierbaren Versagen ist es so weit, dass man irgendwann das Gefühl bekommt, dass man dort nicht ankommen wird. Und manchmal ist es eben einfach wichtig, dass die Richtung stimmt. Dass wir nicht im Stillstand bleiben. Uns weiterbewegen – auch wenn wir manchmal erst im Verlauf lernen, wohin, und unseren Weg immer wieder anpassen müssen. Wahrscheinlich sogar lebenslang.
Und jetzt stehe ich hier. Und ich bin ja noch nicht fertig. Noch ist alles Baustelle. Eine Beziehung, in der viel Schweigen herrscht, die ungeeignet ist, wenn man nicht die Erfahrungen der eigenen Kindheit an die nächste Generation weitergeben will. Und klar – Garantien gibt es da nicht; auch eine Beziehung, die jetzt super läuft, tut es vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr. Aber wenn man unter so schwierigen Umständen startet … Und ein Job, der eben auch noch nicht so passt. „Ich habe manchmal Angst, dass ich hier versacke“, sage ich. In einer Beziehung, die besser als nichts ist, aber eben doch nicht das, was ich mir von Beziehung wünsche. Und in einem Job, den man machen kann, der aber doch nicht zufriedenstellt. „Mein 18‑jähriges Ich wäre stolz auf mich. Aber vielleicht würde es auch wollen, dass ich noch einmal mutig bin“, sage ich. Und dann meint mein Gegenüber, dass es immer eine gute Idee sei, sich vorzustellen, was später mal in der Grabrede über einen gesagt werden soll. „War brav, angepasst, hat sich um alle gekümmert, nur nicht um sich selbst und ihre Träume, hat Überstunden ohne Ende gemacht … – ich weiß ja nicht.“
Und dann erzählt sie sehr viel über ihr Leben, und ich höre ganz fasziniert zu. Und ich glaube, von manchen Menschen spürt man einfach, dass das, was sie sagen, absolut authentisch ist, weil sie selbst Dinge erlebt haben, die schwer waren. Und man spürt, dass diese Menschen nicht nur im Rahmen ihres Jobs irgendeine kognitive Umstrukturierung versuchen, sondern dass sie im Prinzip ihre Erfahrung ein bisschen „therapeutisch verpackt“ weitergeben. Und irgendwie gibt sie mir das Gefühl, dass Umwege im Leben kein Versagen sind. Dass es okay ist, dass Dinge, die man für beständig gehalten hat, sich doch ändern. Dass es okay ist, dass ich gedacht habe, ich bleibe vielleicht für immer hier und jetzt merke, die Umstände haben sich geändert oder ich konnte sie mir nicht so zurechtlegen, wie ich das erhofft hatte – und deshalb weiterziehen muss. Die wenigsten Entscheidungen sind unumkehrbar. Manchmal liegt in diesen Umwegen viel Anstrengung, aber auch wahre Schönheit und Erkenntnis. Und am Ende ist Versagen oder Gewinnen auch immer Interpretationssache. Es ist die Frage, was wir machen aus den Dingen, die wir erleben. Wenn es nicht klappt in der neuen Klinik – ist das dann eine „falsche Entscheidung“? Nein – denn wie kann eine Entscheidung falsch sein, die ich mit allen Informationen, die ich zum damaligen, also zum heutigen Zeitpunkt hatte, getroffen habe und die sich dann vielleicht doch als nicht passend entpuppt? Dann habe ich eben neue Details, dann entscheide ich mich vielleicht für etwas, das dann besser zu mir passt. Ich kann das als Versagen bewerten. Oder als ein „Ich habe ein paar neue Erfahrungen auf dem Weg mitgenommen, und es ist ja nie alles doof, wenn man mal die emotionale Bewertung rauslässt.“
Und auch wenn sie versteht, dass ich an einem Punkt bin, an dem ich mir Partnerschaft und Familie wünsche (sie fragt mich mehrmals, warum ich weiter in dieser Beziehung bleibe, wenn sie mich so viel Energie, Wut, schlaflose Nächte und Ärger kostet – worauf ich keine adäquate Antwort habe, außer der Angst vor Einsamkeit), postuliert sie, dass man auch alleine glücklich werden kann. Sie habe ihre Kinder, ihre Freunde, ihr Pferd und andere Hobbys und sei damit vollkommen ausgelastet. Und sie habe die Freiheit, immer zu entscheiden, was sie selbst gerade tun möchte. Keine Kompromisse eingehen zu müssen, sei auch eine Freiheit.
Und am Ende geht es mir wirklich besser mit der Situation. Nicht, weil ich eine Entscheidung getroffen habe oder weil sie eine für mich getroffen hätte. Sondern weil sie den Absolutismus etwas aufweichen konnte. Weil es viele kleine Entscheidungen zu treffen gibt, die in der Gesamtheit schon ein Gewicht haben, aber nicht so schlimm sind, wie ich gedacht habe. Weil die Entscheidungen über Job, Beziehung, Wohnung und soziales Umfeld Einzelentscheidungen sind, die sich zwar berühren, aber dennoch in vielen Konstellationen existieren können. Und weil wir den Fokus weg vom Außen hin zu mir holen konnten. Es ging gar nicht so sehr darum, was genau in dieser Beziehung eigentlich läuft und was nicht – so ziemlich der einzige Kommentar war, dass hartnäckiges Schweigen auch etwas unglaublich Aggressives haben kann. Sie wollte sich da raushalten, wer in dieser Beziehung was macht oder eben nicht macht. Aber was sie wissen wollte, war, was das für mich, mein Leben, mein Denken, mein Handeln und meine Lebensqualität bedeutet, in dieser Beziehung zu sein. Und auch hinsichtlich des Jobs ging es wirklich mal darum, was ich eigentlich will.
Irgendwie ist das eine sehr wertvolle Verbindung, die ich hoffentlich noch eine Weile behalten kann. Sie hält schon ein bisschen therapeutisch die Hand drunter, während darüber ein Austausch von Erfahrungen stattfindet. Und damit macht sie neben der Autobahn in meinem Kopf ganz viele Nebenstraßen auf. Eröffnet so viele Möglichkeiten, die ich noch gar nicht gesehen habe. Bei ihr wirkt Leben immer ein bisschen leichter. Denn bis zum objektivierbaren Versagen ist es so weit, dass man irgendwann das Gefühl bekommt, dass man dort nicht ankommen wird. Und manchmal ist es eben einfach wichtig, dass die Richtung stimmt. Dass wir nicht im Stillstand bleiben. Uns weiterbewegen – auch wenn wir manchmal erst im Verlauf lernen, wohin, und unseren Weg immer wieder anpassen müssen. Wahrscheinlich sogar lebenslang.
Mondkind
Bildquelle: Pixabay

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