Happy Birthday to Heaven
Mein lieber Freund,
zuerst mal: Alles Liebe zu Deinem Geburtstag. Möge es ein schöner Tag für Dich werden – wo immer Du ihn auch feierst.
Geburtstag heißt übrigens auch, dass wir gestern vor all diesen Jahren ineinenader gerannt sind. Gestern vor 11 Jahren haben wir einen Spaziergang durch die Studienstadt gemacht, der sich letztendlich über Stunden ausgedehnt hat und dann haben wir unsere Nummern ausgetauscht. Du hast mich gefragt, ob Du sie haben kannst. Und am Ende, nachdem sich unsere Wege getrennt haben, war ich ganz verwirrt. Wie kann denn ein Mensch an mir interessiert sein, wo mein Leben doch zu dem Zeitpunkt ein einziges Chaos war?
Es war ein holpriger Start mit uns – was eher an unser beider Schüchternheit lag. Fast hätten wir uns aus den Augen verloren und sind ein paar Wochen später in der Bahn nochmal aufeinander gestoßen. Ich glaube, ich hatte bis dahin selten Tränen in den Augen, wenn ich einen Menschen gesehen habe. Aber bei Dir – bei Dir war das damals in der Bahn so.
Es ist verrückt, dass schon bald wieder vier Monate das Jahres vorbei sind. Aber wie viel sich getan hat in der Zeit. Und insbesondere auch seit Deinem letzten Geburtstagsbrief. Ein paar Konzerte, ein Sommer auf meinem Balkon zwischen Tomaten und Gurken, die ich mehr oder weniger erfolgreich angepflanzt habe, eine bestandene Facharztprüfung, bei der ich die Tage davor den besten Support durch einen meiner liebsten Oberärzte hatte. Eine berufliche Neuorientierung und eine Entscheidung zum Umzug.
Und was werde ich Dir wohl in einem Jahr schreiben? Das mit der Wohnung wird schmerzhaft. Sehr schmerzhaft... irgendwie sind meine 30er nicht so ruhig, wie ich mir das gewünscht habe.
Am Wochenende bin ich auf einem Konzert. Das erste Konzertwochenende dieses Jahr. Es geht zu Johannes Oerding. Den habe ich viel gehört im PJ, am Anfang meines Jobs und auch nachdem Du gestorben bist. „Wenn Du gehst“, lief damals auf der Geschlossenen auf Dauerschleife. Und später habe ich dann „Unser Himmel ist derselbe“ und „blinde Passagiere“ am liebsten gehabt. Der Gedanke, dass wir wenigstens noch denselben Himmel sehen, wenn auch von verschiedenen Seiten, war irgendwie tröstlich. Ich kann mich an Abende auf 2A erinnern, an denen ich bei warmer Sommerluft EEGs ausgewertet habe und diesen Song gehört habe. Und ich würde mir sehr wünschen, dass er den singt. Dass ich den ein Mal live fühlen darf. Aber ich denke, dazu ist er zu alt.
Ansonsten ist die Zeit hier gerade sehr, sehr schwierig.
Ehrlich gesagt habe ich das halt nicht so kommen sehen, dass ich mein ganzes Leben schon wieder auf den Kopf stellen werde und das bringt gerade auch viele existenzielle Fragen auf den Tisch. Ich habe liebe Unterstützung auf meinem Weg, aber abnehmen kann mir das keiner. Und ich vermisse immer noch unsere Cafe – Dates oder unsere endlos langen Spaziergänge.
Ich frage mich oft, wohin sich das Leben gedreht hätte, wenn Du geblieben wärst. Und natürlich steht dahinter immer die Frage, ob es die ersehnte zwischenmenschliche Ruhe in mein Leben gebracht hätte. Und wenn man ganz ehrlich ist, dann wird man das natürlich nie wissen – auch wenn ich mir das für uns beide natürlich sehr wünsche und glauben möchte, dass es so gewesen wäre.
Halt die Ohren steif.
Wir hören uns bald und dann erzähle ich Dir vom Konzert
Mondkind

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